Konferenz-Kompetenz-Gedanken

Ich war kürzlich auf einer Tagung zur Hochschullehre. Und während ist da so saß und zuhörte, habe ich mich gefragt, warum wir eigentlich nicht dieselben didaktischen Standards für Konferenzen wie für Lehrveranstaltungen haben. Konkreter gefragt: für welches Lernziel ist ein Konferenzmodell gut, wo es an einem Tag zwei Begrüßungen, vier Keynote-Vorträge und zwei Podiumsdiskussionen gibt, und wo der einzige interaktive Teil (eine Diskussion in Kleingruppen) um die Hälfte gekürzt werden muss, weil die Redner ihre Redezeiten so stark überziehen?

Eigentlich möchte ich aber lieber etwas über Kompetenzzielen in der Lehre der Internationalen Beziehungen nachdenken. Inspiriert ist das durch die sehr gute und engagierte Keynote von Christian Bode, dem ehemaligen Leiter des DAAD. Bode machte Globalisierung und Digitalisierung als zwei große Makrotrends aus, die auch für die Hochschulbildung neue Herausforderungen mit sich bringen würden. Während er zur Globalisierung die erwarteten Dinge sagte, fand ich seine Diagnose, welche Implikationen die Digitalisierung hat, sehr interessant. Sein Kernpunkt war, dass die ständige Verfügbarkeit von Daten und Informationen andere Kompetenzen erfordert als wir sie momentan trainieren. Studierende müssen Quellen viel besser und schneller bewerten und filtern als früher, wo man sie auf Schatzsuche in die Fachbibliothek schicken konnte.

Mit diesen Überlegungen rannte er bei mir offene Türen ein. Beim Zuhören habe ich mich deshalb gefragt, wie man den Umgang mit Globalisierung und Digitalisierung in Kompetenzzielen formulieren könnte. Wie könnte für das erste Stichwort eine „Globalkompetenz“ oder ein „global citizenship“ aussehen? Studierende bräuchten z.B. die Fähigkeiten,

  • in interkulturellen Kontexten zu handeln und zu kommunizieren,
  • sich empathisch in die Weltsichten anderer hineinzuversetzen,
  • sich eigenständig in neue Themen einzuarbeiten und Veränderungsprozesse zu kontextualisieren, sowie
  • ihre eigenen Positionen klar zu artikulieren und kritisch zu reflektieren.

Man kann auch darüber sprechen, inwiefern eine bestimmte Werthaltung, z.B. eine Offenheit gegenüber Andersartigkeit, Teil von Globalkompetenz sein sollte.

Zur Digitalisierung sprach Bode vom „digitalem Alphabetismus“. Konkreter könnte man hier von der klassischen Medienkompetenz und dem neuen Begriff der Informationskompetenz sprechen. Medienkompetenz soll hier die Fähigkeit zur Bewertung und kritischen Einordnung von Medien und Quellen bedeuten.

Informationskompetenz besteht aus mehreren Komponenten. Das ist erstens die so genannte „search literacy“, d.h. die Kompetenz, aus Datenbeständen schnell die passenden Ergebnisse für eine Suche zu extrahieren. Während dieser Begriff meist auf den Umgang mit Suchmaschinen bezogen wird, kann man ihn genauso auf Datensätze und analoge Bestände beziehen. Zweitens gehört die Fähigkeit dazu, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu vergleichen, in Beziehung zueinander zu setzen und zu synthetisieren.

Ich denke, dass diese Kompetenzen die bereits vorhandenen Kompetenzziele unserer Studiengänge und Lehrveranstaltungen durchaus bereichern könnten. Dabei möchte ich nicht argumentieren, dass dies die alleinigen oder auch nur die wichtigsten Ziele sein sollten. Ich erscheint mir aber sinnvoll, den Studierenden auch Fähigkeiten zu vermitteln, die über den analytischen Umgang mit disziplinärem Fachwissen hinausgehen.

Während ich bei Globalkompetenz vermuten würde, dass dies in manchen Studiengängen bereits explizit vorgesehen ist, sehe ich bei der Informationskompetenz noch mehr Luft nach oben. Ich halte das aber für einen ganz wesentlichen Bedarf, sowohl im Sinne einer Persönlichkeitsbildung (als „mündige Mediennutzer_innen“) als auch im Sinne der Employability, wo wir Sozialwissenschaftler_innen ja immer mit dem punkten konnten, was man in den 1990ern noch „soft skills“ nannte. Heute ist Informationskompetenz ein ganz entscheidender „soft skill“ geworden und wir täten gut daran, dies unseren Studierenden auch systematisch zu vermitteln.

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2 Gedanken zu „Konferenz-Kompetenz-Gedanken

  1. S.Ruschin

    Die Verwunderung über die (oftmals fehlenden) didaktischen Standards von Konferenzen und Tagungen – gerade auch von solchen, die sich mit Lehre an Hochschulen befassen – teile ich. Und es würde zweifelsohne lohnen, sich hier im Vorfeld mehr Gedanken über die Lernergebnisse zu machen.
    Die im Blog formulierten Lernergebnisse zur Globalkompetenz und insbesondere zur Informationskompetenz halte ich für sehr bedenkenswert. Sie stellen für mich ein wesentliches Merkmal wissenschaftlichen Arbeitens in Zeiten der Digitalisierung und der abnehmenden Halbwertzeit deklarativer Wissensbestände dar.

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    1. Daniel Lambach Beitragsautor

      Um dem Punkt „Informationskompetenz“ noch etwas hinzuzufügen: Gerade gestern habe ich gesehen, dass Jürgen Handke in seinem Buch „Patient Hochschullehre“ u.a. einen ganz ähnlichen Punkt macht. Ich würde ihm und Bode durchaus zustimmen, dass das eine Kompetenz ist, die unabhängig vom Studienfach relevant ist, aber ich frage mich, wie fachbezogene Informationskompetenz (in der Politikwissenschaft) letztlich aussehen könnte. Das erfordert noch einige Arbeit, ist aber vermutlich sogar leichter, weil konkreter, als allgemeine Überlegungen über den Sinn und Gehalt von Informationskompetenz.

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