Die Pressekonferenz: Ideen zur (inter-)aktiven Präsentation der Ergebnisse von Politiksimulationen

Simulationen sind als didaktisches Konzept politikwissenschaftlicher Lehre kaum mehr wegzudenken. So haben etwa Model United Nations (MUN)-Veranstaltungen oder Simulationen der Sitzungen des europäischen Rates oder des Europäischen Parlamentes in vielen Universitäten inzwischen einen festen Platz. Was aber geschieht nach solchen Simulationen? Wie werden diese aufbereitet und reflektiert? Wie können die Ergebnisse gegenüber externen Adressaten, etwa im Rahmen einer Vorlesung oder Studierendentagung, anschaulich vermittelt werden? In diesem Beitrag möchte ich letztere Fragen aufgreifen und eine didaktische Form der Vermittlung von Simulationsergebnissen vorstellen, die den spielerischen Charakter der Simulation in die Präsentation „hinüberrettet“. Die simulierte Pressekonferenz hat aus meiner Sicht zwei große Vorzüge beispielsweise gegenüber einem Bericht: Sie bietet den Simulationsteilnehmer/n/innen zusätzliche Reflexionsmöglichkeiten, insbesondere mit Blick auf die Legitimationsnotwendigkeit von Politik, und sie ermöglicht externen Zuhörer/n/innen einen lebendigeren Einblick in den spielerischen Charakter der Simulation.

Eine Pressekonferenz im Anschluss an Simulationen habe ich zwei Mal im Rahmen von Lehrveranstaltungen durchgeführt. Einmal im Rahmen eines BA-Seminars zu Krisen- und Reformprozessen der Vereinten Nationen. Ein zweites Mal im Rahmen eines Workshops, der in eine Stipendiatentagung des Cusanuswerkes eingebettet war. In beiden Fällen wurden Verhandlungen über einen neuen UN-Weltraumvertrag simuliert. Im Fall des Stipendiatenworkshops bestand die besondere Herausforderung darin, den Prozess und die Ergebnisse der Simulation anschließend allen Tagungsteilnehmer/n/innen in einer Abschlussveranstaltung einsichtig zu machen. Die einzelnen Delegationen (USA, Russland, China, EU, Entwicklungsländer) entsandten dazu jeweils eine Vertreterin oder einen Vertreter in die Pressekonferenz. Die übrigen Simulationsteilnehmer/innen schlüpften in die Rolle von Journalisten/innen, die aus dem Plenum heraus Fragen stellen konnten. Auch externe Zuhörer/innen hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Die Pressekonferenz begann mit kurzen Eingangsstatements aller Delegationsvertreter/innen. Da die Simulation einen Konsensentwurf zustande gebracht hatte, waren die Vertreter/innen bemüht, die Vorteile des neuen Vertragstextes, das eigene Verhandlungsgeschick sowie die eigenen ethischen Maßstäbe herauszuheben. Kritik an anderen Delegationen wurde dabei allenfalls indirekt geübt. Den Journalisten/innen fiel in diesem Setting die Aufgabe zu, die Substanz der Einigung anzuzweifeln bzw. Formelkompromisse aufzudecken. Wäre die Simulation ohne gemeinsamen Vertragsentwurf geendet, wären hingegen wohl eher Züge eines „blaming-game“ erkennbar gewesen und die Journalisten/innen hätten den Dissens zwischen einzelnen Delegationen vermutlich noch akzentuiert. So aber bestand ein wichtiger Teil des Frage-und-Antwort-Spiels vor allem darin, sichtbar oder unsichtbar zu machen, was nicht im Entwurf enthalten und geregelt worden war. Die Journalisten/innen konnten zudem von der Möglichkeit Gebrauch machen, die Delegationsvertreter/innen mit Zitaten von relevanten außenstehenden politischen Akteuren (NGOs, Oppositionsvertreter/innen) zu konfrontieren.

Für die Zuhörer/innen bot die Pressekonferenz eine lebendige und unterhaltsame Form, sich mit dem Format der Simulation sowie dem Kern politischer Konflikte (die Tagungsteilnehmer/innen waren überwiegend keine Studierenden der Politikwissenschaft) auseinanderzusetzen. Für die Simulationsteilnehmer/innen, die auch abseits der vorgesehenen Veranstaltungszeiten viel Zeit in die Vorbereitung der Simulation und der Pressekonferenz investiert hatten, ermöglichte der Rollenwechsel neue Interaktions- und dadurch erweiterte Reflexionsmöglichkeiten. Leider konnten die Erfahrungen der Teilnehmer/innen im Rahmen der Tagung nicht mehr systematisch mittels Fragebogen erhoben werden. Dennoch gab es in und nach der Abschlussrunde wertvolles und ganz überwiegend positives Feedback. Um den didaktische Nutzen von simulierten Presskonferenzen verlässlich abschätzen zu können, müssten selbstverständlich deutlich mehr Erfahrungsberichte vorliegen und Wirkungsstudien gemacht werden.

Vor diesem Hintergrund möchte ich auch nur von Potentialen sprechen, die simulierte Pressekonferenzen im Anschluss an Verhandlungssimulationen aus meiner Sicht haben könnten. Abgesehen von der weiteren Erprobung und Stärkung rhetorischer Fähigkeiten und soft skills zählen dazu:

  1. eine möglicherweise intensivere Erfahrung der Legitimationsnotwendigkeit von Politik. Indem sie ihre Rechtfertigungsstrategien beinahe unvermeidlich auf anerkannte Normen beziehen müssen, statt dabei auf Partikularinteressen verweisen zu können, erleben die Teilnehmer/innen wichtige Voraussetzungen der Zustimmungsfähigkeit von Politik. Das ist zwar auch in der Verhandlungssimulation schon der Fall. In der simulierten Pressekonferenz treten jedoch mit Sicherheit neue Legitimationserfordernisse hinzu. Wenn die Delegationen zum Beispiel einen gemeinsamen Kompromiss verteidigen, finden sie sich mitunter in der Rolle einer In-Group wieder, die sich der Kritik externer Stakeholder stellen müssen. Oder aber das Verhandlungsergebnis einzelner Delegationen wird an den normativen Ansprüchen ihrer heimischen Öffentlichkeit gemessen. Der soziale Druck, Politik normativ verteidigen zu müssen, kann in der simulierten Presskonferenz durchaus größer sein als in der Verhandlungssimulation. Dass ist vor allem dann eine interessante Erfahrung, wenn Studierende intuitiv rational-choice-Ansätze präferieren und Normen kein Eigengewicht in politischen Prozessen zutrauen.
  2. Hinzu kommt eine Sensibilisierung für methodische Probleme politikwissenschaftlicher Forschung im Umgang mit Primärquellen. Während in der Verhandlungssimulation politische Zugeständnisse und Forderungen, Koalitionsbildungen und Überzeugungsstrategien ausschlaggebend sind, geht es nun um die Feinheiten diplomatischer oder auch technokratischer Sprache, um De-Politisierung oder Ex-Post-Rationalisierung. Hier produzieren die Studierenden Material, das viel eher den Primärquellen entspricht, mit dem sie in empirischen Hausarbeiten arbeiten müssen. Indem sie selber Taktiken entwickeln, um z.B. Dissens oder Misserfolge herunterzuspielen, erwerben sie auf ungewöhnliche, aber mutmaßlich effektive Weise Methodenkompetenzen, die sie später im Umgang mit Regierungserklärungen, UN-Resolutionen, TV-Interviews etc. nutzen können.
  3. Während sich die Verhandlungssimulation bestens dazu eignen mag, um anschließend über Aspekte der Deliberation und Repräsentativität von Politik nachzudenken, ermöglicht die simulierte Pressekonferenz eine Sensibilisierung für die demokratietheoretisch ebenfalls relevanten Kriterien von Transparenz und Rechenschaft (Accountability). Denn das Aufeinanderfolgen von Verhandlungssimulation und simulierter Pressekonferenz macht konkret erfahrbar und erlebbar, wie sich Politik in öffentlichen und nichtöffentlichen Arenen unterscheiden kann. Diese Differenzerfahrung hat m.E. einen eigenständigen didaktischen Nutzen und lässt sich mit vielen aktuellen Debatten (TTIP, Wikileaks etc.) verknüpfen. Wobei die Teilnehmer/innen durchaus auch die Erfahrung machen können, dass der geschützte Verhandlungsrahmen normativ wünschenswerte politische Kompromisse ermöglichen kann, die in einem unmittelbar öffentlichen Raum wohl nicht zustande gekommen wären.

Ein Wort noch zur Vorbereitung der Teilnehmer/innen: Diese muss sicherlich nicht so umfassend ausfallen wie die Erarbeitung von Positionspapieren oder Strategien im Vorfeld der Verhandlungssimulation. Dennoch muss auch dafür Zeit zur Verfügung stehen. In Frage kommt hier u.a. die Verknüpfung mit konkreten Übungen zur politischen Rhetorik, Interviewfragetechniken etc. Je nachdem, wie die Simulation in das Curriculum eingebettet ist, wäre auch eine Verknüpfung mit Lehrveranstaltung denkbar, die einen inhaltlichen bzw. methodischen Schwerpunkt auf den Gebieten Medienanalysen, Public Diplomacy, Legitimierung und Legitimität oder öffentliche Meinung haben.

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