Schwierige Datenlage? Ein methodisches Lehrforschungsprojekt zum Thema Global Crime Governance

Ein Gastbeitrag von Jasmin Haunschild (TU Braunschweig).

Gerade in den Internationalen Beziehungen ist die Qualität verfügbarer Daten und ihre Vergleichbarkeit häufig sehr kritisch zu betrachten. Besonders in Fragen um Crime Governance, dem Schwerpunkt des Lehrstuhls für IB in Braunschweig, in dem Dunkelzahlen und politisierte „guesstimations“ vorherrschen und auch viele qualitative und ethnografische Designs nur bedingt umsetzbar sind, wiegen Datenherausforderungen umso gravierender. Dadurch entsteht eine enge Rückbindung an methodische Fragestellungen. Was sind die jeweiligen typischen Herausforderungen bei qualitativer und quantitativer Forschung? Wie können trotzdem wissenschaftlich fundierte Aussagen getroffen werden?

In einem Lehrforschungsprojekt innerhalb eines weiterführenden Methodenmoduls mit 6 ECTS im BA-Studiengang Integrierte Sozialwissenschaften wurden diese Herausforderungen in Gruppenarbeit zu verschiedenen wenig beforschten illegalen Märkten, wie Organhandel und Medikamentenfälschung, erfahrbar gemacht. Trotz der unterschiedlichen Foki bot sich so ein Vergleich der Märkte, ihrer Regulierung, von Problemen der Regulierung und der beteiligten Akteure an. Neben der Diskussion verschiedener qualitativer und quantitativer Methoden konnten ihre Anwendbarkeit, aber auch gruppenübergreifende Schwierigkeiten im Seminar besprochen werden. Die größten Unsicherheiten hatten Studierende bei der Abwägung von Pragmatismus und Wissenschaftlichkeit, was zu einer Ausweitung der Diskussion von Gütekriterien, Qualitätssicherung und der Politisierung von Daten führte. Die Ergebnisse der Datenrecherchen wurden anhand von Postern präsentiert und Vergleichsmöglichkeiten diskutiert. Jede Gruppe verfasste zudem eine Ausarbeitung der Ergebnisse. Weiterhin besteht die Möglichkeit, die Poster am Lehrstuhl auszustellen, sowie die Berichte auf der Homepage des Forschungsschwerpunkts über Emerging Illegal Markets zur Verfügung zu stellen und so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

In der Lehre haben sich zwei größere Konflikte herauskristallisiert. Zum Einen verunsichert die Studierenden das Aufgeben vorher geübter quantitativer Methoden, die auf Grund der Datenlage keine Anwendung finden. Das induktive, fallspezifische Vorgehen sorgt für Zweifel an der Wissenschaftlichkeit des Vorgehens – und führt zudem zu Sorgen über die Bewertung und Benotung. Einerseits scheint diese Erfahrung wichtig, um die kritische Reflektion des Ursprungs von Daten zu erlernen und zu vermeiden, dass Daten unhinterfragt verarbeitet werden und um ein tieferes Verständnis von Wissenschaftlichkeit zu entwickeln. Andererseits müssen daher Studierende weiter in diesem Prozess unterstützt werden, indem Fragen von Wissenschaftlichkeit, Transparenz und Gütekriterien ausgiebig und früh adressiert werden und Gütekriterien für das Projekt selbstständig formuliert werden. Eine weitere Strategie, um Unsicherheiten nicht zu vermeiden, aber zu begleiten, ist die Bearbeitung eines gemeinsamen Fallbeispiels innerhalb der Präsenzzeit, an dem wissenschaftliches Vorgehen geübt werden kann. So können Studierende mit mehr Selbstbewusstsein und größerer Reflexion diese Erkenntnisse auf ihren eigenen Fall übertragen und kontinuierlich vergleichen, während gleichzeitig das inhaltliche Fundament, das eine Voraussetzung für die erfolgreiche methodische Reflexion darstellt, gelegt wird.

Ein zweiter Konflikt besteht darin, dass der Fokus auf Datenerhebung dem Interesse entgegen steht, gerade in einem Bachelorseminar auch eine Breite von Methoden vorzustellen, um Studierenden ein möglichst gutes Fundament für die eigene Forschung zu bieten. Diese Art des forschenden Lernens bietet sich daher eher für Lernziele an, die auf das eigene Erfahren und das kritische Durchdringen von datenrelevanten Fragen abzielt, als auf Methodenseminare, die mehrere Methoden nahebringen wollen.

In der Gestaltung der Prüfungsform(en) kann je nach Lernziel der Fokus auf Reflexion des eigenen Forschungs- und Lernprozesses gegen die Betonung der Projektergebnisse abgewogen werden. Von Vorteil ist der Anreiz, an einem Zwischenergebnis, wie einem Poster, geäußerte Kritik im Abschlussbericht berücksichtigen zu können und so direkter aus ihr zu lernen.

Insgesamt zeigt das Projekt, dass forschendes Lernen auch in kleinerem Rahmen und ohne das Umstellen von Studienplänen möglich ist. Damit einher geht eine Einschränkung der thematischen Breite, die sich nur bei entsprechender Einbettung in den Studienplan anbietet. Dafür ermöglicht diese Form des Lernens eine deutlich intensivere kritische Auseinandersetzung mit praktischen Forschungsfragen.

Dies ist ein Beitrag aus unserer Serie zum Forschenden Lernen, die aus dem Workshop zum selben Thema hervorgegangen ist.

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