Forschendes Lernen mit Kooperationspartnern

Dies ist ein Gastbeitrag von Matthias Freise (Universität Münster).

Viele Prüfungsordnungen politikwissenschaftlicher Studiengänge schreiben forschendes Lernen als Bestandteil des Curriculums vor. Das gilt auch für die Universität Münster, wo ich seit 2009 als Akademischer Oberrat unterrichte. Problematisch ist allerdings, dass das Konzept des forschenden Lernens nirgends wirklich ausbuchstabiert wird und sich verschiedene Interpretationen seitens der Lehrenden etabliert haben. Meine folgenden Ausführungen präsentieren eigene Erfahrungen mit forschendem Lernen aus mehreren Semestern in Münster. Ich bemühe mich, Anregungen für ähnliche Kurse zu geben, erhebe aber selbstverständlich nicht den Anspruch, das einzig wahre Konzept forschender Lehre in der Politikwissenschaft entwickelt zu haben.

Leitmotiv meiner Lehre in politikwissenschaftlichen Masterstudiengängen ist die Einbeziehung außeruniversitärer Partnerinnen und Partner, die sich mit einer konkreten sozialwissenschaftlichen Fragestellung an die Studierenden wenden. Das hat aus meiner Sicht drei große Vorteile: (1) Die Motivation der Studierenden steigt ganz erheblich, da nicht für die Schublade gearbeitet wird. Im Idealfall hat das Forschungsprojekt einen Nutzwert für Auftraggeber und Studierende gleichermaßen. (2) Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass auswärtige Partnerinnen und Partner eine Disziplinierung vieler Studierender bewirken. Seitdem das Hochschulgesetz Nordrhein-Westfalen Anwesenheitspflichten an den Universitäten weitgehend verbietet, ist das Schwänzen in Münster weit verbreitet. In meinen Kursen ist es jedoch deutlich weniger stark ausgeprägt, da eine Blamagegefahr besteht: Scheitert die Forschung, muss das nicht nur gegenüber den Kommilitoninnen und Kommilitonen offengelegt werden, sondern auch gegenüber dem Auftraggeber. (3) Schließlich eröffnen sich mir als Lehrendem durch das forschende Lernen sehr nützliche Feldzugänge, die ich für meine eigene Forschung nutzbar machen kann. In drei Seminaren ist mir dies besonders gut gelungen.

Im Wintersemester 2013/14 kooperierte ich mit der Geschäftsstelle der Euregio (www.euregio.de), einem deutsch-niederländischen Kommunalverband mit Sitz in Gronau, der unter anderem für die Europäische Union die grenzüberschreitenden INTERREG-Programme verwaltet. Gemeinsam mit dem INTERREG-Referenten entwickelte ich ein Forschungsprojekt, bei dem die Studierenden der Frage auf den Grund gingen, wie nachhaltig europäische Strukturförderung eigentlich ist. Typischerweise folgen die Förderlinien von INTTERREG nämlich den Siebenjahreszeiträumen der europäischen Programmplanung. Während dieses Zeitraumes werden die Projekte durchaus evaluiert. Zeitigen die Projekte aber auch noch sieben Jahre nach Auslaufen eine Wirkung? Diese Frage untersuchten die zwölf Studierenden des Kurses, indem sie die 24 größten deutsch-niederländischen Förderprojekte aus der vorvergangenen INTERREG-Periode analysierten. Der Euregio-Referent besuchte den Kurs, erteilte den Studierenden einen offiziellen Forschungsauftrag und ermöglichte die Kontaktanbahnung mit den Interviewpartnerinnen und –partnern auf beiden Seiten der Grenze. Gemeinsam mit den Studierenden entwickelte ich das Forschungsdesign, das auf einer umfangreichen Dokumentenanalyse und einem halbstandardisierten Interview basierte. Ergebnis der Feldforschung waren 28 teiltranskribierte Interviews von beträchtlicher Länge, die ich mit den Studierenden in einem Abschlussbericht zusammenfasste, den wir zum Semesterende im Rahmen einer Pressekonferenz offiziell der Euregio-Geschäftsführerin überreichten. Erfreulicherweise stieß die Pressemitteilung auf große Resonanz in den lokalen Medien. In der abschließenden Seminarbewertung erzielte der Kurs in allen Belangen Bestnoten, wenngleich die Studierenden durchaus den vergleichsweise hohen Arbeitsaufwand monierten.

Ein anderes Seminar des forschenden Lernens führte ich zwei Jahre später im Wintersemester 2015/16 durch und bezog dabei das Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen (www.ziviz.org) ein. Das Projekt untersucht im Auftrag des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Organisationen in Deutschland und führt dazu mehrere repräsentative Surveys durch. Da ich mit der Projektleitung über meine eigene Forschung gut bekannt bin, fiel es mir leicht, eine Kooperation zu vereinbaren. Ausgangspunkt des Seminars war ein Ergebnis der ersten Erhebungsrunde, die in Deutschland einen Boom von Fördervereinsgründungen seit Anfang der 1990er Jahre belegte. Während Vereine in Deutschland vergleichsweise sehr gut erforscht sind, gibt es bislang kaum Erkenntnisse über den Sondertyp des Fördervereins. Deshalb entschied ich mich, im Seminar mit den Studierenden eine aufwändige qualitative Studie einer lokalen Fördervereinslandschaft durchzuführen und zu eruieren, welche Funktionen Fördervereine für die lokale Zivilgesellschaft eigentlich genau erfüllen. Darüber hinaus stellt mir die ZiviZ-Projektleitung eine Sonderauswertung des Surveys zur Verfügung. Mit den Studierenden wertete ich dann das Vereinsregister der Stadt Münster aus und wählte aus den rund 1.000 Vereinen, deren Namen auf einen Förderverein hinwiesen, 70 Vereine aus, deren Vorstandsmitglieder die Studierenden auf der Grundlage eines halbstandardisierten Fragebogens interviewten. Die Ergebnisse unserer Befragung führten wir in vier Postern zusammen, die die Studierenden auf dem Münsteraner Stiftungstag sehr öffentlichkeitswirksam präsentierten. Zudem konnte ich die Forschung für zwei eigene Zeitschriftenbeiträge nutzen, darunter ein Beitrag in Voluntas, einer internationalen Zeitschrift mit Peer Review Verfahren und durchaus hohem Impact-Faktor. Erneut belegte die Auswertung der studentischen Lehrveranstaltungskritik die große Freude, die der Kurs den Studierenden bereitet hat. Der mit den Studierenden verfasste Abschlussbericht kann hier heruntergeladen werden.

Ein drittes Beispiel für forschendes Lernen mit Kooperationspartnern ist meine Zusammenarbeit mit dem Stiftung Westfalen-Initiative aus Münster (www.westfalen-initiative.de/). Die Stiftung setzt sich für die Stärkung Westfalens als Region ein und hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe an Marketing-Initiativen gestartet. Aber eignet sich Westfalen eigentlich als Regional-Marke? Mit dieser Frage trat der Geschäftsführer der Stiftung im Sommersemester 2016 an mich heran. Gemeinsam mit ihm konzipierte ich ein Seminar, bei dem die Studierenden 65 Mitarbeitende kommunaler und regionaler Marketingagenturen in ganz Westfalen besuchten und nach ihrer Einschätzung der Marke Westfalen baten. Zu Beginn des Semesters besuchte uns der Stiftungsgeschäftsführer im Seminar, erteilte den Studierenden einen offiziellen Arbeitsauftrag und erläuterte, weshalb seine Stiftung an den Ergebnissen interessiert ist. Daraufhin entwickelte ich mit den Studierenden ein Forschungsdesign und schickte den Kurs anschließend ins Feld. Dabei reizten wir das Semesterticket aus, denn die Gesprächspartnerinnen und –partner verteilten sich über ganz Westfalen, vom Hochstift im Osten, über das nördliche Ruhrgebiet, das Münsterland, das Sauerland und Ostwestfalen-Lippe. Ergebnis des Seminars war ein Forschungsbericht, den wir im Rahmen einer Pressekonferenz der Stiftung übergaben. Erfreulicherweise war auch hier die Presseberichterstattung umfangreich (vgl. z.B. hier) und die Studierenden gaben dem Kurs Bestnoten.

Auch wenn das Feedback der Studierenden natürlich sehr ermutigend ist, muss aus Sicht des Lehrenden doch auch darauf hingewiesen werden, dass Kurse unter Einbeziehung von externen Partnerinnen und Partnern auch mit einer Reihe von Herausforderungen einhergehen. Zunächst ist der Mehraufwand im Vergleich zu „herkömmlichen“ Kursen deutlich höher, vor allem in der Vorbereitungsphase. Zwar entfallen später im Semester einige Seminarsitzungen, da die Studierenden dann Feldforschung betreiben, der Aufwand für die Seminarplanung wird dabei aber mitnichten wettgemacht. Erfahrungsgemäß ist er etwa doppelt so hoch wie in einem Kurs ohne Forschungsprojekt. Problematisch ist bisweilen auch, dass die Kooperationspartner naturgemäß eigene Interessen mit der Zusammenarbeit verbinden. Als Dozent mache ich daher von Anfang an klar, dass ich keine Gefälligkeitsforschung betreibe und achte darauf, nicht allzu heikle Fragen zu untersuchen. Eine Evaluationsstudie, die den Auftraggeber blamiert, sollte vermieden werden. Durchaus unangenehme Ergebnisse ‒ wie sie beispielsweise in der Studie für die Stiftung Westfalen-Initiative zutage gefördert wurden ‒ sollten aber möglich sein und auch veröffentlicht werden. Schließlich ist die Benotung des forschenden Lernens nicht immer einfach, insbesondere dann, wenn Studierende Gruppenaufgaben bearbeiten. Ich muss hier selbstkritisch einräumen, dass ich bis heute keine abschließende Lösung dafür gefunden habe. Während ich in meinen Kursen für Bachelorstudierende zu den strengsten Lehrenden in Münster zähle, sind meine Noten in den Kursen des forschenden Lernens eher überdurchschnittlich gut.

Im Ergebnis kann Auftragsforschung für externe Kooperationspartner das politikwissenschaftliche Curriculum sehr bereichern. Für den Lehrenden geht damit jedoch sehr viel Arbeit einher. Richtig geplant, kann man jedoch auch sehr davon profitieren: Netzwerke können geknüpft, spannende Praktika und Abschlussarbeiten vermittelt werden. Nicht zuletzt habe ich aus meinen Kursen des forschenden Lernens auch Daten für eigene Veröffentlichungen gewinnen können: Zwei Aufsätze im Kumulus meiner kürzlich eingereichten Habilitationsschrift basieren maßgeblich auf den Vorarbeiten der Studierenden.

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Ein Gedanke zu „Forschendes Lernen mit Kooperationspartnern

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