Interaktive Tests zwischen Lernerfahrung und Prüfungsterror

Dies ist ein Gastbeitrag von Achim Kemmerling (Central European University)

 

Multiple Choice Tests (MCs) sind ein zweischneidiges Schwert: einerseits sind sie äußerst mechanisch, bisweilen langweilig, aber auch schonungslos; andererseits häufig unausweichlich. Gerade zur Literaturkontrolle gibt es wenige Prüfungsformen, die effizienter wären. Als Student fand ich sie jedoch vor allem phantasielos.

Daraus ergibt sich die Frage, wie man MCs in interessante Prüfungen für alle Beteiligten verwandeln kann. Interaktive Tests sind hier eine lohnenswerte Alternative, vor allem, weil man sie mittlerweile computergestützt erstellen kann. Interaktiv heisst dabei, dass der Test auf die individuellen Antworten der StudentInnen reagiert. Im einfachsten Fall kann das einfach nur unmittelbares und detailliertes Feedback sein, in komplexeren Fällen passen sich die Fragen dem Wissen der StudentInnen an (siehe Abbildung für ein Beispiel).

Abbildung: Beispiel für eine Frage mit unmittelbarer Feedback Funktion

Schon die Idee, Evaluierung und Feedback unmittelbar miteinander zu verknüpfen, ist ein wesentlicher Fortschritt. Das Problem mit MCs und vielen anderen Prüfungsformen ist ja, dass man immer erst (z.T. viel) später mit Sicherheit weiß, was gelungen, was schiefgelaufen ist. Diese zeitliche Trennung von Reaktion und Sanktion, von Antwort und Feedback, macht aus MCs reine Evaluierungsinstrumente, aber sie erlauben kaum dynamisches Lernen im Sinne von trial and error. Generell ist das Zusammenlegen von Feedback und Evaluierung eine wichtige, wenn auch manchmal delikate, Idee (in Seminararbeiten z.B. über ein Revise&Resubmit-Verfahren möglich, oder bei Präsentationen durch Feedback in der Gruppe). Tatsächlich können interaktive Tests Lernergebnisse steigern (studie, studie). Ein Student beantwortet eine Frage falsch, bekommt dies mitgeteilt, und er kann dann einen zweiten, dritten etc. Versuch unternehmen. Man kann auch Hinweise in das Feedback einstreuen und so den Evaluierungs- und Lernprozess miteinander koppeln.

Und wie gesagt, solche Interaktiven Tests können noch wesentlich mehr, sie können adaptiv auf das Antwortverhalten reagieren. Wenn etwa bei Statistiktests offensichtlich wird, dass bestimmte Fragen zu schwierig sind für den Prüfling, kann sich das Niveau oder der Inhalt darauf anpassen. Sehr intelligente Tests können sogar die Wissenslücken systematisch einkreisen und Handlungsempfehlungen geben (‚Lesen Sie bitte das Kapitel X in Lehrbuch Y nach.‘) Das kann, je nach Prüfungssystem, natürlich zu Vergleichbarkeitsproblemen zwischen StudentInnen führen, aber zumindest als Lehr- und Lerninstrument ist dies eine hervorragende Möglichkeit.

Was den Zeitaufwand anbetrifft sind interaktive MCs natürlich erst einmal zusätzliche Arbeit. Jedoch handelt es sich dabei i.d.R. um einen einmaligen Aufwand, der sich im Zeitablauf lohnen kann. Zudem spart man sich das lästige Korrigieren. Das größere Problem, dem ich in der Praxis begegnet bin, liegt jedoch in der menschlichen Psyche. Die Prüfungsangst, die sich schon bei normalen MCs einstellt, kann sich in der computergestützten Version noch verstärken. In einem Fall ging das soweit, dass der Student das Passwort für den Test mehrmals hintereinander falsch eintippte – ich stand daneben und sah ihm fasziniert zu – und felsenfest der Überzeugung war, dass es an seiner Seite oder unserem Passwort läge.

In einem provisorischen Vergleichstest Papier und Stift vs. Computer stellte sich dann heraus, dass StudentInnen zwar die Computer-Variante insgesamt bevorzugten, jedoch auch erhöhten Stress in der Testsituation spürten. Auch die Atmosphäre von Computer Labs ist für manche Studenten eine Herausforderung. Über Moodle kann man das natürlich auch mit eigenen Laptops im Kursraum durchführen, aber auch dies kann neue Stressfaktoren erzeugen.

Nebenbei bemerkt: Es gibt vermutlich Situationen, in denen diese Belastung als legitimer Teil der Evaluierung gesehen wird. Leistung ist immer auch Leistung unter gegebenen Restriktionen. Dennoch ist ein zuviel wohl kontraproduktiv. Zumindest muss die psychische Belastung eingeplant werden.

Daher entwickle ich derzeit tiefergehende Experimente, um zu sehen, ob sich diese Prüfungsangst bzw. die zugrundeliegende Stresssituation mildern lässt. Das Experiment soll mehrere Testvarianten vergleichen: unterschiedliche Designs (Wie sieht der Test aus, wie das Feedback? Die Standardeinstellung bei Moodle sind zum Beispiel keineswegs ansprechend), unterschiedliche Sequenzierung und Staffelung von Fragen, sowie unterschiedlich ‚intelligente‘ Fragen, die sich dem Niveau anpassen. Das ganze Projekt ist bislang noch in der Entwicklungsphase, und ich würde mich über Austausch, ähnlichen Erfahrungen etc. sehr freuen. Es kann sich lohnen, denn die ersten Versuche zeigen, dass man mit kleverem Design MCs sehr produktiv in die Lehre einbauen kann.

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Ein Gedanke zu „Interaktive Tests zwischen Lernerfahrung und Prüfungsterror

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