Die Gedanken sind frei: Lehre ohne PowerPoint?

Dies ist ein Gastbeitrag von Constantin Wurthmann (Universität Düsseldorf)

Das Stichwort „Digitalisierung“ ist nicht erst seit dem Bundestagswahlkampf 2017 in aller Bildungspolitiker*innen Munde. Auch Bildungsexpert*innen und Hochschulleitungen springen zunehmend auf diesen Zug auf. Allzu oft wird Digitalisierung aber lediglich als Einsatz elektronischer Folien (miss-)verstanden. Schon vor 10 Jahren missfiel es einem meiner Lehrer, wenn im Fach Erdkunde/Politik das Halbjahr abschließende Präsentationen mit Plakaten präsentiert wurden – PowerPoint sei doch der neue Schrei. Man müsse mit dem digitalen Wandel gehen und diese Herausforderungen akzeptieren. An der Universität angekommen, wurde eben jenes Bild durchweg bestätigt. PowerPoint-Präsentationen hier, PowerPoint-Präsentationen dort. Referate? Eine PowerPoint-Präsentation muss her. Kolloquium? Packt die Präsentationen aus! Das Studium hatte Struktur, die regelmäßige Lektüre konnte jedoch oft vernachlässigt werden, da die wichtigsten Inhalte später auf den Folien zu finden waren, die uns zur Verfügung gestellt wurden.

Weigerte sich ein*e Dozent*in einmal entsprechende Folien zu erstellen, so war das Geschrei groß. Ein Skandal. Wie konnte uns nur mundgerechte Lehre verweigert werden?
Mit dieser Einstellung beendete ich mein Studium und startete bald in die Lehre. Die grundsätzliche Freude darüber, dass man nun selber loslegen durfte, wurde durch fehlende Lesedisziplin getrübt. Hatte ich selber zum Teil noch Lehre erlebt, die sehr an den wissenschaftlichen Texten orientiert war, so wollte ich neue Diskussionen anstoßen, mich von den Texten lösen und so die Themen von neuen Blickwinkeln beleuchten.

In einem Seminar Anfang Dezember trat nun die Situation auf, dass ein 25-Seiten-Text über die klassischen Modelle der Wahlforschung nur vier Leser*innen fand, obgleich über 20 Studierende zur Sitzung um 8 Uhr erschienen waren. Auch in der vorherigen Woche war zu beobachten, dass die Lesebereitschaft immens nachgelassen hatte. Um dieses Verhalten zu sanktionieren, fasste ich dieses Mal den Entschluss, dass ich keine Präsentation bereitstellen würde – weder in der Seminarsitzung, noch im Anschluss für Abschlussprüfungen.

Was als Sanktion gedacht war, sollte sich jedoch nicht nur für mich, sondern auch für die Studierenden als großes Geschenk erweisen. Dies möchte ich im Folgenden aus zwei Perspektiven beleuchten. Zum einen, ob und inwiefern ich eine Veränderung für die Studierenden festgestellt habe, aber auch zum anderen, inwiefern sich diese Stunde für mich gestaltete und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe.

Die Sicht auf die Studierenden          

Gute Seminare zeichnen sich durch eine gute Lehre aus. Gute Lehre geht aber nicht ohne eine Mitarbeit der Studierenden.  Lehrenden kommt die Aufgabe zu, die Mitarbeit der Studierenden zu fordern und gleichzeitig auch fördern. Frontalunterricht mag in autoritären Gesellschaften eine gute Lösung sein, nicht jedoch in Gesellschaften, die ihre Lehre auch im Sinne einer Ausbildung von aufgeschlossenen und frei denkenden jungen Menschen begreifen. Zentral sind dabei Diskussion und Debatte. Um in diesen ein tiefgreifendes Verständnis zu gewinnen, muss jedoch zunächst eine gemeinsame Basis geschaffen werden, was in diesem Fall durch die obligatorische Literatur erreicht wird.

Zweifelsohne können Präsentationen für Prüfungsvorbereitungen eine immense Bedeutung haben, doch lenken sie auch von der Debatte ab. Es liegt in der Natur der Sache, dass Studierende automatisch mehr Notizen erstellen, wenn keine PowerPoint-Präsentation gehalten wird. In dieser Zeit findet eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik statt, von der man sonst durch Smartphones oder andere elektronische Geräte abgelenkt worden wäre.

Tatsächlich war der ganze Kurs konzentrierter und – gerade wenn man bedenkt, dass das Seminar um 8 Uhr startete – wacher. Die Studierenden hinterfragten viel mehr Inhalte, zeigten aber auch erstmals mehrheitlich eine beeindruckende Transferleistung, die zuvor nur von wenigen Studierenden gezeigt wurde. Hinzukommend beteiligte sich erstmals jede*r einzelne Teilnehmer*in, woraus sich intensive Diskussionen zwischen den Studierenden entwickelten.

Die Lehre aus der Sicht des Lehrenden

Wenn wir als Dozierende PowerPoint-Präsentationen zur Verfügung stellen, verfolgen wir immer die Absicht, dass eine bestimmte Debatte entstehen könnte. Selbstverständlich in dem Bewusstsein, dass dies auch oft unwahrscheinlich ist.

Entstehen interessante Diskussionen, die wir fördern möchten, werden auch manchmal Inhalte übersprungen, die uns dann nicht mehr als so relevant erscheinen, da wir sie als „Notnagel“ für fehlende Diskussionskultur eingefügt haben. Diskussionen von Seiten der Studierenden kann man nicht erzwingen, aber fehlen diese, muss eine Alternative vorbereitet sein. Ich nenne so etwas „Füllfolien“, die auch einen Mehrwert haben, aber nicht an den eines tatsächlichen Austauschs kommen.

Manchmal sind PowerPoint-Präsentationen vor diesem Hintergrund der rettende Anker. Sie können aber auch ein Korsett sein, in welches wir uns selber pressen und uns damit jeglicher Kreativität und Spontanität berauben. Auch diese Erkenntnis musste ich für mich ziehen: ohne Präsentation musste ich zwar bestimmte Modelle händisch an die Tafel malen, war jedoch in der tatsächlichen Lehre und Vermittlung freier denn je, was das Arbeitsklima immens verbesserte.

In Zukunft werde ich in meiner Lehre PowerPoint-Präsentationen deutlich reduzieren und nur die nötigsten Inhalte auf ihnen vermitteln. Wenn überhaupt. Nicht umsonst heißt es in einem alten Studentenlied: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“ – wir als Lehrende können dies nicht. Wir sollten unsere Lehre daraufhin anpassen und im Sinne ihrer besten Traditionen modernisieren: Hin zu Dialog und Austausch – und damit das Korsett der PowerPoint-Präsentationen hinter uns lassen, um unseren Studierenden mehr eigene Gedanken zuzutrauen.

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