Online Lehre mit langem Atem – 18 Jahre „Communication for Development“ an der Uni Malmö

Dies ist ein Gastbeitrag von Tobias Denskus (Universität Malmö).

Digitale Lehre ist im Zeitgeist, wie nicht zuletzt der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD beweist, der „mehr Online-Lernangebote und digitale Inhalte“ (S. 40) fordert. Aber wie organisiert man derartige Angebote, gerade wenn die Mittel dafür begrenzt sind?

Seit 2000 bietet die schwedische Universität Malmö sein online blended-learning Master-Programm in Communication for Development an. Der zweijährige Teilzeit-Master (50%) ist heute das postgraduierte Programm mit den meisten Bewerbungen an der Universität.

Ich möchte in meinem Beitrag ein paar der Erfolgsfaktoren vorstellen, die sich in der Praxis bewährt haben und die vor allem zwei Aspekte deutlich machen: Wenn ein Team von Kolleginnen zusammenkommt, das in inhaltlichen, pädagogischen und technischen Fragen zusammen arbeitet, ist ein digitales Lehrangebot mit verhältnismäßig geringen Mitteln verwirklichbar. Gleichzeitig testet ein flexibles und relativ offenes Angebot regelmäßig die Grenzen aus, was man im akademischen Bereich digital machen kann und darf.

Unsere Erfahrungen gerade mit ausländischen Kolleginnen beweisen, dass es kein „one size fits all“ Modell gibt. In unserem Glocal Classroom“ Projekt haben Partner in Südafrika, Kanada und Australien digitale Lehrformate jeweils sehr unterschiedlich umgesetzt.

Ich möchte einige unserer Erfolgsfaktoren in Malmö vorstellen. Im Kern geht um Flexibilität, ein Mindestmaß an technischer Affinität und darum, spezielle Projekte zu nutzen, um die Routine nicht überhand nehmen zu lassen.

 

Es geht am besten im Team

Ich kann mir unser Programm nicht ohne konstanten peer-support vorstellen. Gerade weil unsere 100+ Studierenden oft nicht physisch sichtbar sind, sind Teamtreffen wichtig um Strategien zu diskutieren: Was läuft technisch richtig? Wie strukturieren wir die Inhalte? Aber auch: Was sagt die Verwaltung? Gerade im laufenden Betrieb muss ein Kernteam ansprechbar sein, denn in Schweden, wo EU-Bürgerinnen umsonst studieren, wird sonst gnadenlos mit den Füßen bzw. der Maus abgestimmt. Freistehende Online-Angebote, die nicht Teil eines Master Programms sind, haben auch schon mal 80% StudienabbrecherInnen. Das Team ist ein wichtiger Rückhalt und man darf die Verantwortung nicht auf ein Teammitglied abwälzen, das dann frustriert vor dem Learning Management System (LMS) sitzt.

 

Champions in der Uni finden – aber die Verantwortung nicht abgeben

Unser Programm ist in der guten Situation, dass wir von unserer Universitätsleitung unterstützt werden. Das hilft prinzipiell immer, aber umso mehr, wenn die Verwaltung „geht nicht“ sagt. Unser Ansatzpunkt ist die Internationalisierung, die an vielen schwedischen Unis noch stärker ausgeprägt sein könnte, was auch damit zu tun hat, dass sehr, sehr viele Angebote nach wie vor auf Schwedisch sind. Ein internationales MA-Programm in englischer Sprache ist immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Und da bis 2011 sogar internationale Studierende umsonst in Schweden studieren konnten, war das in der Anfangszeit ein wichtiges Argument um Unterstützung zu finden.

Heute sind viele Aspekte deutlich stärker professionalisiert – was für digitale Lehre nicht immer von Vorteil sein muss. Globale Unternehmen wie Adobe und Cisco sind sehr daran interessiert ihre Plattformen an die Uni zu bringen – wo dann jeder Raum auf Knopfdruck live streamen kann. Das ist nicht unser Modell und die Gefahr ist, dass am Ende dabei eine „talking head“-Vorlesung herauskommt die die Powerpoint-Präsentation abfilmt. Mehr dazu später im Beitrag.

 

Loslegen – auch wenn nicht alle Parameter zu 100% definiert sind.

Der digitale Raum und seine rechtlichen und praktischen Rahmenbedingungen ändern sich ständig und schnell. Selbstverständlich kann man diskutieren, ob man die Einführungsvorlesung auch über die Facebook-Seite live streamen soll. Man kann es aber auch einfach ausprobieren – auch wenn der Uni-Jurist nicht 100% sicher ist und natürlich lieber davon abrät. Wir wollen Communication for Development dort machen, wo es passiert – und wo unsere Studierenden sind. Natürlich ist itslearning, unser LMS, die zentrale Anlaufstelle für unsere Kurse, aber ich verliere keinen Schlaf darüber, wenn wir einen Google-Kalender für unsere Vorlesungen benutzen. Uns hat jetzt auch noch keine Studierende verklagt, weil es mal eine doofe Frage in einer halb-öffentlichen Vorlesung gab. Als öffentliche Institution gleichzeitig zu versuchen die digitale Lebenswirklichkeit abzudecken ist nicht immer einfach. Aber „im Zweifelsfall erst mal machen“ ist meine Erfahrung.

 

Von Fernsehstudios, MOOCs und Plattformen

Man kennt das ja von SPIEGEL ONLINE-Berichten: Geht es um Innovationen an Hochschulen, werden idealerweise die „Traditions-Uni Oxford“ oder die „Elite-Universität Harvard“ erwähnt. Da gibt es dann einen Blick in ein Fernsehstudio („der Hörsaal der Zukunft“) oder man spricht mit dem Manager des „größten MOOC zum Thema xyz“. Wir haben natürlich nicht die Mittel – aber auch einfach einen anderen pädagogischen Ehrgeiz. Wir bieten einen berufsbegleitenden Online-Master im schwedischen System an – nicht mehr und nicht weniger. Und dann jedes Semester ein gutes Programm abzuliefern ist schon Herausforderung genug. Andererseits haben wir in Schweden ein gutes „Rückgrat“ durch SUNET. Wir bekommen unsere eigene PLAY-Plattform, ZOOM wird unsere bevorzugte Videokonferenz-Anwendung und wir hatten mit Bambuser lange Zeit einen schwedischen Partner der Livestreaming kostengünstig ermöglichte. Es gibt also lokale Möglichkeiten global digital zu lehren.

 

Projekte finden zum Austausch und Lernen

Ein Vorteil unseres flexiblen Modells ist, dass wir mobil sind. Der fachliche, pädagogische und technische Austausch ist wichtig und das geht am besten, wenn man mit Partnern ein Seminar anbietet. Es geht nicht nur um gute Inhalte für Vorlesungen, sondern auch um Vernetzung mit Studierenden und Alumni-aber auch mit der IT oder fachfremden Kolleginnen, die eine komplett andere Plattform nutzen. Es wird keine komplette Integration verschiedener Formate, Software usw. geben, aber einen virtuellen Raum herzustellen, in dem verschiedene Studierende zusammenkommen und verschiedene Inhalte mitnehmen ist schon ein guter Erfolg.

 

„Früher war alles schlechter“ – die Mischung zwischen Tradition und Innovation

Ich bin nach wie vor positiv überrascht, wie sehr Studierende an klassischen Formaten wie „der Vorlesung“ interessiert sind – und wie wenig wir auf Quiz oder andere sehr digitale Formate setzen. Virtuelle Gruppenarbeit, eine kurze Buchrezension, ein langer Essay oder ein Kurs, der primär mit einem Blog arbeitet  – Formate wechseln sich ab, aber wir erfinden hier nicht Hochschullehre neu.

Das liegt sicher auch an unseren Studierenden, die tendenziell älter sind, Beruf und/oder Familie haben und eine relativ hohe internationale Ausbildung haben und selbstorganisiert sind. Mit 19-jährigen Bachelor-Studierenden müsste man sicher anders planen. Aber gerade, wenn man den Diskurs des lebenslangen Lernens ernst nimmt, ist das ein praktikables und sinnvolles Modell. Ich persönlich halte ein mittelgroßes MA-Programm für zielführender als einen MOOC.

 

Digitale Formate in der neoliberalen Hochschule

Auch wenn in Schweden die Neoliberalisierung der Hochschulen langsamer und weniger invasiv vor sich geht, leben wir natürlich nicht in einem akademischen Paradies. Wer mit digitalen Formaten Geld sparen will oder schnell Zugang zum globalen Markt mobiler und finanzkräftiger ausländischer Studierender sucht, dürfte enttäuscht werden. Am Ende des Tages ist unser Modell relativ zeit- und personalaufwändig und selbst wenn unser Angebot eigentlich ideal für Berufstätige in der globalen Entwicklungsindustrie sein sollte, bekommen wir sehr oft Feedback, dass man doch lieber einen „richtigen“ Master machen möchte, für den die Familie in den globalen Norden ziehen kann.

 

Es gibt zu allen Punkten natürlich noch viel mehr zu sagen und schreiben – Rückfragen gerne an mich: http://aidnography.blogspot.se/p/about-connect.html.

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