Was bedeutet Studierendenzentrierung?

Ich bin morgen beim Tag der Lehre der Leuphana Universität zu Gast und werde bei einem Workshop einen Input zu Studierendenzentrierter Lehre im Inverted Classroom geben. Zu diesem Anlass habe ich mich in die Literatur gestürzt, um das Konzept der Studierendenzentrierung besser zu verstehen. Der Begriff ist zwar intuitiv zugänglich und ich habe ihn auch schon öfter benutzt, hatte mich aber bislang noch nicht näher damit beschäftigt.

Was ist also Studierendenzentrierung? Leider gibt es dafür – ebensowenig wie für den englischsprachigen Begriff des „student-centered learning“ – keine einheitliche Definition (aber das sollte einen Sozialwissenschaftler nicht überraschen). Zur Annäherung an den Begriff fand ich zwei Brücken hilfreich. Erstens über einen Gegensatz: unter Lehrendenzentrierung kann man die Annahme verstehen, dass die didaktische Lehrdarbietung durch die Lehrperson die Ursache des Lernprozesses sei, während Studierendenzentrierung die Studierenden und deren Aktivitäten als ursächlich für den Lernprozess ansieht. Zweitens ist Studierendenzentrierung keine Handlungsanweisung und keine didaktische Idee, sondern eine Haltung, nämlich Lehre vom Lernen her zu denken.

Wir reden heute soviel darüber, weil der Begriff in verschiedenen Deklarationen im Bologna-Prozess prominent als Standard für gute Lehre auftaucht. Im selben Kontext begegnet man öfter der Phrase vom „shift from teaching to learning“. Gleichzeitig haben sich in den letzten Jahrzehnten die Paradigmen in der Didaktik gewandelt, wo der Konstruktivismus ältere Ansätze wie Behaviorismus und Kognitivismus verdrängt hat. Lernen wird daher heute als aktiver Prozess der Wissensgenerierung verstanden, welcher an bestehende Wissensbestände anknüpft.

Studierendenzentrierung als Standard oder Anspruch ist mit mehreren Zielen verknüpft, beispielsweise die Entwicklung der metakognitiven Fähigkeiten der Studierenden, also „das Lernen lernen“. Weiterhin soll durch Ownership mehr Motivation entstehen, indem Studierende ihren Lernprozess mitgestalten können. Nicht zuletzt sollen durch Freiräume zum Handeln und Ausprobieren anspruchsvollere Kompetenzen entwickelt werden als es bei lehrendenzentrierten Formaten möglich ist.

Studierendenzentrierte Lehre soll sich in der Praxis u.a. durch die folgenden Merkmale auszeichnen:

  • Studierende erhalten Verantwortung für den eigenen Lernprozess und die dafür notwendige Autonomie
  • Die Rolle der Lehrenden verändert sich dahingehend, dass sie den Lernprozess unterstützen und weniger anleitend tätig sind. Es bestehen Interdependenz und gegenseitiger Respekt zwischen Lehrenden und Lernenden.
  • Aktive statt passive Lernformen
  • Fokus auf vertieftes Lernen und dem Verstehen von Inhalten
  • Outputdenken: es geht darum was die Studierenden hinterher können, nicht was man ihnen erzählt (Input)

Um dies umzusetzen, benötigt es einen tiefgreifenden Kulturwandel der Lehre u.a. durch Kontextsensivität bei der Lehrplanung, fortlaufende Reflexion, diversitysensible Lehre und die systematische Einbeziehung von Studierenden in die Entwicklung von Kursen und Curricula.

Das sind hehre Ziele. Und normativ habe ich an Studierendenzentrierung nicht auszusetzen – aus meiner Sicht legitimiert sich jegliche Lehre durch die Wirkungen, die sie bei Studierenden hinterlässt. Allerdings pflege ich einen pragmatischen Umgang mit diesen Ansprüchen, weil sie immer im Rahmen praktischer Zwänge umgesetzt werden müssen. Und diese Zwänge sind substanziell – ein Lehrdeputat, das sich bei manchen Lehrenden im zweistelligen SWS-Bereich bewegt, teils völlig überlaufene Seminare und Vorlesungen. Unter solchen Umständen kann man diesen Zielen nicht vollständig entsprechen.

Dennoch sollte man das Ziel der Studierendenzentrierung nicht vorschnell mit Hinweis auf Sachzwänge verwerfen. Einige der Ideen lassen sich ohne großen Zusatzaufwand im bisherigen Rahmen umsetzen. Es macht für ein Seminar einen gewichtigen Unterschied, ob ich darin die Studierenden nur Referate halten lasse, oder ob ich es aktivierend, flexibel und kompetenzorientiert anlege. Mein bildungspolitisches Fazit ist daher, dass wir die größten Probleme unserer Lehre entlang dieser Ideen beheben sollten, ohne die Studierendenzentrierung zum Standard für alle Lehre zu überhöhen, zumindest nicht bis sich die Grundausstattung der Hochschulen deutlich verbessert.

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