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Bericht von der dritten Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre (26.-27. Februar 2018, Hamburg)

Die dritte Jahrestagung der Themengruppe unter dem Titel „Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis“ fand am 26.-27. Februar 2018 an der Universität Hamburg statt. Es wurden normative und theoretische Fragen der politikwissenschaftlichen Hochschullehre behandelt, ebenso wie konkrete Lehrszenarien. Hinzu kamen Workshops zu verschiedenen Aspekten der Lehrpraxis.

 

Theorie

Die Tagung begann mit dem Panel „Fragen an Lehren und Lernen“, welches von Mischa Hansel (Aachen) moderiert wurde. Zunächst stellte Petra Stykow (München) ihr Manuskript zum Prüfen und Bewerten in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre vor, das in der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik erscheinen wird. Nach dem Modell der „Inverted Conference“ hatte sie das Manuskript den Tagungsteilnehmer*innen vorab zugänglich gemacht und bat nun um Feedback für die Überarbeitung des Textes. Die Diskussion behandelte verschiedene Probleme des Prüfens und Bewertens und ging dabei auch teils über den konkreten Text hinaus. Beispielsweise wurde bei mündlichen Prüfungen das Problem benannt, dass man einerseits die Fähigkeit zur strukturierten Antwort und die generelle Ausdrucksfähigkeit mitbewerte, dabei aber diversitysensibel vorgehen muss, um nicht einen bildungsbürgerlichen Habitus zu bevorzugen.

Danach folgte ein Vortrag von Daniel Lambach (Duisburg-Essen) zur Employability in der Friedens- und Konfliktforschung. Er stellte dabei Ergebnisse einer vergleichenden Absolvent*innenstudie vor, an der 2017 sieben Masterstudiengänge in Deutschland und Österreich teilgenommen hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass Absolvent*innen dieser Studiengänge i.d.R. eine ausbildungsadäquate Tätigkeit aufnehmen und nur selten von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber oft nur auf befristeten Verträgen arbeiten. In der Diskussion wurden verschiedene methodische Aspekte besprochen, z.B. die Gründe für Non-Response, sowie der Abgleich mit Absolvent*innenstudien anderer Institutionen angeregt. Ferner wurde die Frage aufgeworfen, ob die Ausbildung relativ fachunspezifischer Kompetenzen wie z.B. Organisationskompetenz oder Fähigkeiten im Projektmanagement dem Bildungsauftrag einer Hochschule angemessen seien.

 

Praxis Teil I

Im Panel zu „Distance Learning“, moderiert von Daniel Lambach (Duisburg-Essen), wurden zwei Beiträge zu kooperativen E-Learning-Formaten vorgestellt, die aus demselben Projekt hervorgegangen sind. Zunächst präsentierten Patricia Konrad (Hamburg) und Alexander Kobusch (Tübingen) ein standortübergreifendes Ringseminar, das nach dem Modell des „Cross-Site Teaching“ von acht politikwissenschaftlichen Instituten gemeinsam angeboten wurde. Dabei stellten sie vor, wie man Studierende in diesem Format aktivieren und zur standortübergreifenden Kollaboration bewegen kann, und zeigten die kontinuierliche Weiterentwicklung des Formats. Im Anschluss stellten Witold Mucha und Christina Pesch (beide Düsseldorf), die ebenfalls am Ringseminar mitgewirkt hatten, ihre Adaption des Konzepts für eine internationale Kooperation der Universität Düsseldorf mit Partnern in Südafrika und den Niederlanden zur Diskussion. Ihr Ziel ist es, die Inhalte der Veranstaltung sowie die von den Studierenden produzierten Materialien als Open Educational Resources (OER) zu veröffentlichen.

Die Diskussion drehte sich zunächst um ganz praktische Fragen, d.h. um die technischen Voraussetzungen sowie die für das internationale Projekt notwendigen Englischkenntnisse der Studierenden. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Frage, wie man Studierende zur Zusammenarbeit motivieren könne, zumal es an den beteiligten Standorten teils unterschiedliche Leistungserwartungen gab. Außerdem wurde die Besonderheit des Formats herausgestellt, das sich hochaktuellen politischen Fragen widmet, sich eher an fortgeschrittene Studierende richtet und keinen Kernbereich des Curriculums abdeckt. Insofern gab es Fragen, welche Aspekte davon auch für grundständige Lehre adaptiert werden können.

 

Methoden

Im nächsten Panel folgten zwei Beiträge, die sich mit der Vermittlung von Forschungs- und Methodenkompetenz befassten. Zunächst fragte Carola Klöck (Göttingen): „Forschen unterrichten ohne Forschung: (wie) geht das?“. Anhand des Beispiels einer Veranstaltung, in der Studierende die Entwicklung von Forschungsdesigns lernen sollten, berichtete sie von den Herausforderungen, die aus der relativ großen Studierendengruppe und den vielfältigen Zielen des Konzepts entstanden, und suchte nach Ratschlägen zur Überarbeitung des Lehrkonzepts. In der Diskussion wurde der stärkere Einsatz von Peer Feedback angeregt und empfohlen, Studierende einen fertigen Projektantrag kritisieren zu lassen, um ihnen dadurch das Format näherzubringen. Allgemein wurde problematisiert, wie viel Anleitung Studierende beim forschenden Lernen brauchen/wollen.

Danach befassten sich Jasmin Haunschild und Anja Jakobi (beide Braunschweig) mit den Implikationen von Big Data für die Politikwissenschaft im Allgemeinen und die Methodenlehre im Speziellen. Sie hoben hervor, dass sich durch die neue Qualität und Quantität von Datenverfügbarkeit neue Forschungsfelder und –praktiken herausbilden, die unter Namen wie „Data Science“ oder „Computational Social Science“ firmieren. Ersteres wird zumeist als technisches Feld verstanden, in das keine sozialwissenschaftlichen Ausbildungsinhalte einfließen, während letzteres als genuin sozialwissenschaftliches Feld verstanden wird. Einige Institute mit Expertise in quantitativen Methoden haben angefangen, ihre Methodenausbildung um einschlägige Themen zu ergänzen; an der Hochschule für Politik der TU München wurde ein entsprechender Studiengang eingerichtet. Die Diskussion drehte sich einerseits um Fragen, welches Verhältnis Politikwissenschaft zu Daten hat, andererseits um strategische Fragen, wie sich die Disziplin angesichts der Herausbildung neuer Forschungsfelder positionieren sollte. Für die Lehre wurde insbesondere die Kooperation mit technischen ExpertInnen als Möglichkeit hervorgehoben.

 

Workshops Teil I

Im Anschluss ging die Tagung in zwei parallele Kurzworkshops über. Judith Gurr und Caroline Kärger (beide Lüneburg) boten einen Methodenbasar an, in dem sie in 60 Minuten drei Methoden vorstellten, um auch in großen Veranstaltungen die TeilnehmerInnen zu aktivieren: das aktive Plenum, die stille Debatte sowie die Nutzung von Abstimmungssystemen im Rahmen von Peer Instruction.

Lasse Cronqvist (Trier) leitete eine Diskussion darüber, ob das inzwischen weit verbreitete Instrument der standardisierten Lehrevaluation für eine Reflexion zur Verbesserung der Lehrqualität geeignet ist. Dabei wurde die Validität der Evaluationsergebnisse sowie deren Funktion als Steuerungsinstrument im Hochschulsystem kritisch diskutiert, aber auch Möglichkeiten identifiziert, wie – ggf. in Kombination mit anderen qualitativen Feedbackmechanismen – dennoch ein Nutzen aus Evaluationen gezogen werden kann.

 

Normativität

Zum Abschluss des ersten Tages fand das Panel zu Normativität in der Hochschullehre statt. Zum Einstieg wies Dannica Fleuß (HSU Hamburg) darauf hin, dass man hier die Lehre über Normativität von der Normativität in der Lehre unterscheiden müsse, auch wenn dies in der Praxis natürlich zusammenfallen kann. Sie stellte eine Seminarkonzeption vor, wie in der Lehre der politischen Theorie die Reflexion über menschenrechtliche Normen mit praktischen Implikationen anhand von konkreten Beispielen verbunden werden kann. Damit möchte sie die normative Urteilsfähigkeit ihre Studierenden stärken, indem sie sie u.a. zum theoretischen Perspektivwechsel verpflichtet. In ihrem Vortrag stellte sie auch die Spezifika der Studierenden an der HSU heraus, die als Soldaten*innen oft ein stark persönliches Interesse etwa an den Dilemmata ‚humanitärer Interventionen‘ hätten.

Anschließend hielt Julian Eckl (Hamburg) fest, dass Lehre nicht werturteilsfrei sein kann. Bereits die klassischen Lerntheorien Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus beinhalteten bestimmte Menschenbilder sowie normative Setzungen darüber, welche Rollen Lehrende und Lernende einzunehmen hätten. Durch die Entscheidung für eine Lerntheorie nehmen Lehrende also eine normative Position ein – vor jeglicher inhaltlicher Diskussion, in der dies ebenfalls unvermeidlich sei. Weiterhin sah er einen Anlass zur erneuten Beschäftigung mit den normativen Grundlagen von Lehre angesichts verbreiteter Krisendiskurse der Demokratie. Wenn gesellschaftliche Konsenslinien neu verhandelt oder überschritten werden, sei dies auch Anlass zu einer neuen Selbstvergewisserung über ansozialisierte Normen, worüber wie in welchen Kontexten diskutiert werden kann. Die Konfrontation mit Studierenden, die extreme Positionen in Lehrveranstaltungen vertreten, führe zwar zu schwierigen Situationen und Rollenkonflikten, sorge aber auch dafür, dass gesellschaftliche Polarisierungen und Radikalisierungen nicht ignoriert werden könnten.

In der Diskussion wurden theoretische wie praktische Fragen aufgeworfen. Auf theoretischer Ebene wurde darauf hingewiesen, dass die Lerntheorien sehr unterschiedliche Empfehlungen geben, wie mit deviantem Studierendenverhalten umzugehen sei. In praktischer Hinsicht wurde empfohlen, dass Lehrende ihre theoretischen/ontologischen Positionen transparent machen sollten. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass Studierendengruppen zumeist gut mit unterschiedlichen Meinungen umgehen könnten, man aber auch deren Fähigkeit zum Umgang mit Pluralismus nicht fraglos voraussetzen darf. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage aufgeworfen, wie heterogen –hinsichtlich Bildungshintergrund und politischen Einstellungen – Studierendengruppen tatsächlich sind.

 

Workshops Teil II

Der zweite Konferenztag begann mit einem zweiten Paar Workshops. Im ersten bot Matthias Freise fünf Wege an, wie man mit dem Problem umgehen kann, dass Studierende die Seminartexte nicht gelesen haben, und diskutierte mit den TeilnehmerInnen eigene Erfahrungen und Strategien. Zu den Methoden der Stärkung von Lese-Compliance zählten u.a. Power-Point-Karaoke und Textpuzzles. Der zweite Workshop von Caroline Kärger und Judith Gurr fragte, wie, wann, mit wem und wie oft eigentlich ein Dialog über die Lehre stattfindet. In der Diskussion ergaben sich hier zwei Problemlagen: zum einen dass geklärt werden muss wozu ein Dialog dient und wie man ihn für Stakeholder interessant macht, zum anderen dass inhaltlicher Dialog heute oft von Prozessen des Qualitätsmanagements überlagert wird, die für Lehrende wenig attraktiv sind.

 

Praxis Teil II

Im letzten Panel, erneut moderiert von Mischa Hansel, ging es um Demokratieforschung und Demokratiekompetenz. Der erste Beitrag kam von Volker Best (Bonn), der sein Seminarkonzept eines Planspiels in der Regierungslehre vorstellte. Er hatte in Seminaren vor der Bundestagswahl 2017 sowie während der laufenden Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition Studierende zu ParteivertreterInnen gemacht und sie die Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen simulieren lassen, was sie mit großem Engagement taten. Das Feedback der Studierenden war insgesamt sehr positiv und hob den interaktiven Charakter des Seminars sowie dessen Anwendungsbezug hervor.

Im zweiten Vortrag stellte Christoph Klika, Toralf Stark und Susanne Pickel (Duisburg-Essen) ein noch laufendes Projekt zur Entwicklung eines Planspiels vor, das sich mit dem Effekt autoritärer politischer Kultur auf die Stabilität einer Demokratie befassen wird. In der ersten Phase entwickeln sie das Planspiel und die Spielmaterialien gemeinsam mit Lehramtsstudierenden. Nach dessen Fertigstellung möchten sie es in der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen einsetzen, da diese eine besondere Rolle als MultiplikatorInnen für demokratische Kompetenzen und Einstellungen ihrer SchülerInnen haben.

In der Diskussion ging es vor allem um Fragen des Planspieldesigns. Insbesondere wurde darüber diskutiert, inwieweit die Spielleitung den Ausgang eines Spiels (oder einer Zwischenphase) vorbestimmen kann, um damit bestimmte inhaltliche Punkte zu unterstreichen. Demgegenüber wurde argumentiert, dass dies von TeilnehmerInnen negativ bewertet würde und man auch subtil, z.B. durch Eingriffe von „Externen“ den Verlauf eines Spiels beeinflussen könne. Ferner wurde hervorgehoben, dass es für die Erstellung von Spielmaterialien, konkret zur Formulierung von Rollenprofilen, noch nicht viel handlungsleitenden Rat gebe.

 

Abschluss

In der Abschlussrunde baten Daniel Lambach und Mischa Hansel die TeilnehmerInnen um ihr Fazit zur Tagung sowie um die Identifikation latenter oder künftiger Themen, mit denen sich die Themengruppe beschäftigen sollte. Zu diesen gehörten:

  • Welche Erwartungen können/sollen wir an Studierende haben? Stimmt die verbreitete Klage, dass es immer mehr Studierenden an fundamentalen Kompetenzen fehle, oder muss man eher von einer Änderung von deren Kompetenzprofil sprechen? Was wissen wir überhaupt über unsere Studierenden?
  • Wie können wir die Selbstverantwortung der Studierenden stärken? Kann eine umfangreiche Didaktisierung des Lernprozesses Studierende unselbständig machen? Was bedeutet das für Mentoring, das ja vor allem Studierende aus bildungsfernen Schichten unterstützen soll?
  • Welche Rolle schreiben wir der Politikwissenschaft im öffentlichen Raum zu? Haben wir eine Verantwortung zur Beteiligung an gesellschaftlichen und medialen Diskursen und wenn ja, wie können wir unsere Vermittlungskompetenz dazu einsetzen?
  • Wie motivieren sich Lehrende? Wie kann man andere Lehrende zu guter Lehre motivieren?
  • Gibt es Bedarf und Interesse, Lehrmaterialien und Veranstaltungskonzepte zu teilen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen und über welche Plattformen?
  • Welche speziellen didaktischen Herausforderungen gibt es in den Teilbereichen der Politikwissenschaft?

Während die obigen Fragen generell formuliert sind, müssen wir uns in der Beschäftigung darüber verständigen, inwieweit ihre Beantwortung disziplinspezifisch ausfällt oder ob hier auch ein produktiver Austausch mit anderen Disziplinen und/oder der Hochschuldidaktik gesucht werden sollte.

Die Sprecher wiesen abschließend nochmals auf die ab Herbst erscheinende Kleine Reihe Hochschuldidaktik Politik hin und gaben einen Ausblick auf die Aktivitäten der Themengruppe bei der Tagung der DVPW, die September 2018 in Frankfurt am Main stattfinden wird. Im Anschluss an die Tagung fand ein Vernetzungstreffen der Theorielehrenden statt, um damit einen Workshop zur Lehre in der politischen Theorie, Philosophie und Ideengeschichte vorzubereiten.

Online Lehre mit langem Atem – 18 Jahre „Communication for Development“ an der Uni Malmö

Dies ist ein Gastbeitrag von Tobias Denskus (Universität Malmö).

Digitale Lehre ist im Zeitgeist, wie nicht zuletzt der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD beweist, der „mehr Online-Lernangebote und digitale Inhalte“ (S. 40) fordert. Aber wie organisiert man derartige Angebote, gerade wenn die Mittel dafür begrenzt sind?

Seit 2000 bietet die schwedische Universität Malmö sein online blended-learning Master-Programm in Communication for Development an. Der zweijährige Teilzeit-Master (50%) ist heute das postgraduierte Programm mit den meisten Bewerbungen an der Universität.

Ich möchte in meinem Beitrag ein paar der Erfolgsfaktoren vorstellen, die sich in der Praxis bewährt haben und die vor allem zwei Aspekte deutlich machen: Wenn ein Team von Kolleginnen zusammenkommt, das in inhaltlichen, pädagogischen und technischen Fragen zusammen arbeitet, ist ein digitales Lehrangebot mit verhältnismäßig geringen Mitteln verwirklichbar. Gleichzeitig testet ein flexibles und relativ offenes Angebot regelmäßig die Grenzen aus, was man im akademischen Bereich digital machen kann und darf.

Unsere Erfahrungen gerade mit ausländischen Kolleginnen beweisen, dass es kein „one size fits all“ Modell gibt. In unserem Glocal Classroom“ Projekt haben Partner in Südafrika, Kanada und Australien digitale Lehrformate jeweils sehr unterschiedlich umgesetzt.

Ich möchte einige unserer Erfolgsfaktoren in Malmö vorstellen. Im Kern geht um Flexibilität, ein Mindestmaß an technischer Affinität und darum, spezielle Projekte zu nutzen, um die Routine nicht überhand nehmen zu lassen.

 

Es geht am besten im Team

Ich kann mir unser Programm nicht ohne konstanten peer-support vorstellen. Gerade weil unsere 100+ Studierenden oft nicht physisch sichtbar sind, sind Teamtreffen wichtig um Strategien zu diskutieren: Was läuft technisch richtig? Wie strukturieren wir die Inhalte? Aber auch: Was sagt die Verwaltung? Gerade im laufenden Betrieb muss ein Kernteam ansprechbar sein, denn in Schweden, wo EU-Bürgerinnen umsonst studieren, wird sonst gnadenlos mit den Füßen bzw. der Maus abgestimmt. Freistehende Online-Angebote, die nicht Teil eines Master Programms sind, haben auch schon mal 80% StudienabbrecherInnen. Das Team ist ein wichtiger Rückhalt und man darf die Verantwortung nicht auf ein Teammitglied abwälzen, das dann frustriert vor dem Learning Management System (LMS) sitzt.

 

Champions in der Uni finden – aber die Verantwortung nicht abgeben

Unser Programm ist in der guten Situation, dass wir von unserer Universitätsleitung unterstützt werden. Das hilft prinzipiell immer, aber umso mehr, wenn die Verwaltung „geht nicht“ sagt. Unser Ansatzpunkt ist die Internationalisierung, die an vielen schwedischen Unis noch stärker ausgeprägt sein könnte, was auch damit zu tun hat, dass sehr, sehr viele Angebote nach wie vor auf Schwedisch sind. Ein internationales MA-Programm in englischer Sprache ist immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Und da bis 2011 sogar internationale Studierende umsonst in Schweden studieren konnten, war das in der Anfangszeit ein wichtiges Argument um Unterstützung zu finden.

Heute sind viele Aspekte deutlich stärker professionalisiert – was für digitale Lehre nicht immer von Vorteil sein muss. Globale Unternehmen wie Adobe und Cisco sind sehr daran interessiert ihre Plattformen an die Uni zu bringen – wo dann jeder Raum auf Knopfdruck live streamen kann. Das ist nicht unser Modell und die Gefahr ist, dass am Ende dabei eine „talking head“-Vorlesung herauskommt die die Powerpoint-Präsentation abfilmt. Mehr dazu später im Beitrag.

 

Loslegen – auch wenn nicht alle Parameter zu 100% definiert sind.

Der digitale Raum und seine rechtlichen und praktischen Rahmenbedingungen ändern sich ständig und schnell. Selbstverständlich kann man diskutieren, ob man die Einführungsvorlesung auch über die Facebook-Seite live streamen soll. Man kann es aber auch einfach ausprobieren – auch wenn der Uni-Jurist nicht 100% sicher ist und natürlich lieber davon abrät. Wir wollen Communication for Development dort machen, wo es passiert – und wo unsere Studierenden sind. Natürlich ist itslearning, unser LMS, die zentrale Anlaufstelle für unsere Kurse, aber ich verliere keinen Schlaf darüber, wenn wir einen Google-Kalender für unsere Vorlesungen benutzen. Uns hat jetzt auch noch keine Studierende verklagt, weil es mal eine doofe Frage in einer halb-öffentlichen Vorlesung gab. Als öffentliche Institution gleichzeitig zu versuchen die digitale Lebenswirklichkeit abzudecken ist nicht immer einfach. Aber „im Zweifelsfall erst mal machen“ ist meine Erfahrung.

 

Von Fernsehstudios, MOOCs und Plattformen

Man kennt das ja von SPIEGEL ONLINE-Berichten: Geht es um Innovationen an Hochschulen, werden idealerweise die „Traditions-Uni Oxford“ oder die „Elite-Universität Harvard“ erwähnt. Da gibt es dann einen Blick in ein Fernsehstudio („der Hörsaal der Zukunft“) oder man spricht mit dem Manager des „größten MOOC zum Thema xyz“. Wir haben natürlich nicht die Mittel – aber auch einfach einen anderen pädagogischen Ehrgeiz. Wir bieten einen berufsbegleitenden Online-Master im schwedischen System an – nicht mehr und nicht weniger. Und dann jedes Semester ein gutes Programm abzuliefern ist schon Herausforderung genug. Andererseits haben wir in Schweden ein gutes „Rückgrat“ durch SUNET. Wir bekommen unsere eigene PLAY-Plattform, ZOOM wird unsere bevorzugte Videokonferenz-Anwendung und wir hatten mit Bambuser lange Zeit einen schwedischen Partner der Livestreaming kostengünstig ermöglichte. Es gibt also lokale Möglichkeiten global digital zu lehren.

 

Projekte finden zum Austausch und Lernen

Ein Vorteil unseres flexiblen Modells ist, dass wir mobil sind. Der fachliche, pädagogische und technische Austausch ist wichtig und das geht am besten, wenn man mit Partnern ein Seminar anbietet. Es geht nicht nur um gute Inhalte für Vorlesungen, sondern auch um Vernetzung mit Studierenden und Alumni-aber auch mit der IT oder fachfremden Kolleginnen, die eine komplett andere Plattform nutzen. Es wird keine komplette Integration verschiedener Formate, Software usw. geben, aber einen virtuellen Raum herzustellen, in dem verschiedene Studierende zusammenkommen und verschiedene Inhalte mitnehmen ist schon ein guter Erfolg.

 

„Früher war alles schlechter“ – die Mischung zwischen Tradition und Innovation

Ich bin nach wie vor positiv überrascht, wie sehr Studierende an klassischen Formaten wie „der Vorlesung“ interessiert sind – und wie wenig wir auf Quiz oder andere sehr digitale Formate setzen. Virtuelle Gruppenarbeit, eine kurze Buchrezension, ein langer Essay oder ein Kurs, der primär mit einem Blog arbeitet  – Formate wechseln sich ab, aber wir erfinden hier nicht Hochschullehre neu.

Das liegt sicher auch an unseren Studierenden, die tendenziell älter sind, Beruf und/oder Familie haben und eine relativ hohe internationale Ausbildung haben und selbstorganisiert sind. Mit 19-jährigen Bachelor-Studierenden müsste man sicher anders planen. Aber gerade, wenn man den Diskurs des lebenslangen Lernens ernst nimmt, ist das ein praktikables und sinnvolles Modell. Ich persönlich halte ein mittelgroßes MA-Programm für zielführender als einen MOOC.

 

Digitale Formate in der neoliberalen Hochschule

Auch wenn in Schweden die Neoliberalisierung der Hochschulen langsamer und weniger invasiv vor sich geht, leben wir natürlich nicht in einem akademischen Paradies. Wer mit digitalen Formaten Geld sparen will oder schnell Zugang zum globalen Markt mobiler und finanzkräftiger ausländischer Studierender sucht, dürfte enttäuscht werden. Am Ende des Tages ist unser Modell relativ zeit- und personalaufwändig und selbst wenn unser Angebot eigentlich ideal für Berufstätige in der globalen Entwicklungsindustrie sein sollte, bekommen wir sehr oft Feedback, dass man doch lieber einen „richtigen“ Master machen möchte, für den die Familie in den globalen Norden ziehen kann.

 

Es gibt zu allen Punkten natürlich noch viel mehr zu sagen und schreiben – Rückfragen gerne an mich: http://aidnography.blogspot.se/p/about-connect.html.

Publizieren über die Hochschullehre – Warum, Wo, Was?

Ich habe hier schon öfter zum Schreiben über die Hochschullehre gebloggt. In einem Beitrag war ich u.a. länger auf das Warum eingegangen, in anderen hatte ich Informationen über einschlägige Fachzeitschriften gesammelt. Und dann hatten wir noch den sehr interessanten und anregenden Workshop zum Publizieren im September 2017.

Dieser Bereich entwickelt derzeit eine deutliche Dynamik, was man u.a. an der steigenden Zahl von Fachzeitschriften erkennt, die lehrbezogene Artikel veröffentlichen. Um die Informationen an einer Stelle zu bündeln und die teils veralteten Angaben zu den Zeitschriften zu aktualisieren, wollte ich dies ohnehin einmal in neuer Form zusammenfassen.

Passenderweise war ich am 17. Januar 2018 vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Göttingen eingeladen worden, im dortigen Lehrkolloquium einen Vortrag zum Schreiben über die Hochschullehre zu halten. (An dieser Stelle möchte ich den Göttinger KollegInnen meine Wertschätzung ausdrücken, dass sie sich so ein Format geschaffen haben – das könnten gerne noch viel mehr Institute tun!) Dies bot mir den willkommenen Anlass, die lange geplante Überarbeitung endlich vorzunehmen.

Der Vortrag in Göttingen war sehr schön. Das Kolloquium war gut besucht und das Interesse der ZuhörerInnen deutlich spürbar. Hinterher gab es wirklich herausfordernde Diskussionen, z.B. über Standards der Begutachtung, die weitere Entwicklung des Feldes und die Besonderheiten politikwissenschaftlicher Lehre. Während dies nur den Anwesenden zugänglich war, möchte ich aber wenigstens meinen Vortrag auch einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren. Die Folien stehen daher hier als pdf zum Download bereit – Rückmeldungen nehme ich natürlich gerne entgegen.

Programm der Dritten Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre (26.-27. Februar 2018)

Die Dritte Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre findet am 26.-27. Februar 2018 an der Universität Hamburg statt. Unter dem Titel „Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis“ haben wir ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das hier zum Download im pdf-Format zur Verfügung steht: Programm Jahrestagung 2018.

Die Teilnahme ist für alle interessierten Mitglieder und Nicht-Mitglieder offen. Die Teilnahmegebühr beträgt 20 Euro, für Studierende ist die Teilnahme kostenlos. Wenn Sie sich anmelden möchten, schicken Sie bis zum 20. Februar 2018 eine formlose Mail an nicolas.ehricke(ÄT)wiso.uni-hamburg.de.

Wir freuen uns auf eine interessante Tagung und hoffen, Sie dort zahlreich begrüßen zu dürfen.

Die Gedanken sind frei: Lehre ohne PowerPoint?

Dies ist ein Gastbeitrag von Constantin Wurthmann (Universität Düsseldorf)

Das Stichwort „Digitalisierung“ ist nicht erst seit dem Bundestagswahlkampf 2017 in aller Bildungspolitiker*innen Munde. Auch Bildungsexpert*innen und Hochschulleitungen springen zunehmend auf diesen Zug auf. Allzu oft wird Digitalisierung aber lediglich als Einsatz elektronischer Folien (miss-)verstanden. Schon vor 10 Jahren missfiel es einem meiner Lehrer, wenn im Fach Erdkunde/Politik das Halbjahr abschließende Präsentationen mit Plakaten präsentiert wurden – PowerPoint sei doch der neue Schrei. Man müsse mit dem digitalen Wandel gehen und diese Herausforderungen akzeptieren. An der Universität angekommen, wurde eben jenes Bild durchweg bestätigt. PowerPoint-Präsentationen hier, PowerPoint-Präsentationen dort. Referate? Eine PowerPoint-Präsentation muss her. Kolloquium? Packt die Präsentationen aus! Das Studium hatte Struktur, die regelmäßige Lektüre konnte jedoch oft vernachlässigt werden, da die wichtigsten Inhalte später auf den Folien zu finden waren, die uns zur Verfügung gestellt wurden.

Weigerte sich ein*e Dozent*in einmal entsprechende Folien zu erstellen, so war das Geschrei groß. Ein Skandal. Wie konnte uns nur mundgerechte Lehre verweigert werden?
Mit dieser Einstellung beendete ich mein Studium und startete bald in die Lehre. Die grundsätzliche Freude darüber, dass man nun selber loslegen durfte, wurde durch fehlende Lesedisziplin getrübt. Hatte ich selber zum Teil noch Lehre erlebt, die sehr an den wissenschaftlichen Texten orientiert war, so wollte ich neue Diskussionen anstoßen, mich von den Texten lösen und so die Themen von neuen Blickwinkeln beleuchten.

In einem Seminar Anfang Dezember trat nun die Situation auf, dass ein 25-Seiten-Text über die klassischen Modelle der Wahlforschung nur vier Leser*innen fand, obgleich über 20 Studierende zur Sitzung um 8 Uhr erschienen waren. Auch in der vorherigen Woche war zu beobachten, dass die Lesebereitschaft immens nachgelassen hatte. Um dieses Verhalten zu sanktionieren, fasste ich dieses Mal den Entschluss, dass ich keine Präsentation bereitstellen würde – weder in der Seminarsitzung, noch im Anschluss für Abschlussprüfungen.

Was als Sanktion gedacht war, sollte sich jedoch nicht nur für mich, sondern auch für die Studierenden als großes Geschenk erweisen. Dies möchte ich im Folgenden aus zwei Perspektiven beleuchten. Zum einen, ob und inwiefern ich eine Veränderung für die Studierenden festgestellt habe, aber auch zum anderen, inwiefern sich diese Stunde für mich gestaltete und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe.

Die Sicht auf die Studierenden          

Gute Seminare zeichnen sich durch eine gute Lehre aus. Gute Lehre geht aber nicht ohne eine Mitarbeit der Studierenden.  Lehrenden kommt die Aufgabe zu, die Mitarbeit der Studierenden zu fordern und gleichzeitig auch fördern. Frontalunterricht mag in autoritären Gesellschaften eine gute Lösung sein, nicht jedoch in Gesellschaften, die ihre Lehre auch im Sinne einer Ausbildung von aufgeschlossenen und frei denkenden jungen Menschen begreifen. Zentral sind dabei Diskussion und Debatte. Um in diesen ein tiefgreifendes Verständnis zu gewinnen, muss jedoch zunächst eine gemeinsame Basis geschaffen werden, was in diesem Fall durch die obligatorische Literatur erreicht wird.

Zweifelsohne können Präsentationen für Prüfungsvorbereitungen eine immense Bedeutung haben, doch lenken sie auch von der Debatte ab. Es liegt in der Natur der Sache, dass Studierende automatisch mehr Notizen erstellen, wenn keine PowerPoint-Präsentation gehalten wird. In dieser Zeit findet eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik statt, von der man sonst durch Smartphones oder andere elektronische Geräte abgelenkt worden wäre.

Tatsächlich war der ganze Kurs konzentrierter und – gerade wenn man bedenkt, dass das Seminar um 8 Uhr startete – wacher. Die Studierenden hinterfragten viel mehr Inhalte, zeigten aber auch erstmals mehrheitlich eine beeindruckende Transferleistung, die zuvor nur von wenigen Studierenden gezeigt wurde. Hinzukommend beteiligte sich erstmals jede*r einzelne Teilnehmer*in, woraus sich intensive Diskussionen zwischen den Studierenden entwickelten.

Die Lehre aus der Sicht des Lehrenden

Wenn wir als Dozierende PowerPoint-Präsentationen zur Verfügung stellen, verfolgen wir immer die Absicht, dass eine bestimmte Debatte entstehen könnte. Selbstverständlich in dem Bewusstsein, dass dies auch oft unwahrscheinlich ist.

Entstehen interessante Diskussionen, die wir fördern möchten, werden auch manchmal Inhalte übersprungen, die uns dann nicht mehr als so relevant erscheinen, da wir sie als „Notnagel“ für fehlende Diskussionskultur eingefügt haben. Diskussionen von Seiten der Studierenden kann man nicht erzwingen, aber fehlen diese, muss eine Alternative vorbereitet sein. Ich nenne so etwas „Füllfolien“, die auch einen Mehrwert haben, aber nicht an den eines tatsächlichen Austauschs kommen.

Manchmal sind PowerPoint-Präsentationen vor diesem Hintergrund der rettende Anker. Sie können aber auch ein Korsett sein, in welches wir uns selber pressen und uns damit jeglicher Kreativität und Spontanität berauben. Auch diese Erkenntnis musste ich für mich ziehen: ohne Präsentation musste ich zwar bestimmte Modelle händisch an die Tafel malen, war jedoch in der tatsächlichen Lehre und Vermittlung freier denn je, was das Arbeitsklima immens verbesserte.

In Zukunft werde ich in meiner Lehre PowerPoint-Präsentationen deutlich reduzieren und nur die nötigsten Inhalte auf ihnen vermitteln. Wenn überhaupt. Nicht umsonst heißt es in einem alten Studentenlied: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“ – wir als Lehrende können dies nicht. Wir sollten unsere Lehre daraufhin anpassen und im Sinne ihrer besten Traditionen modernisieren: Hin zu Dialog und Austausch – und damit das Korsett der PowerPoint-Präsentationen hinter uns lassen, um unseren Studierenden mehr eigene Gedanken zuzutrauen.

Call for Papers für die Jahrestagung 2018 in Hamburg

Am 26. und 27. Februar 2018 veranstaltet die Themengruppe Hochschullehre in der DVPW ihre nunmehr dritte Jahrestagung, dieses Mal an der Universität Hamburg. Die Tagung richtet sich an Mitglieder der Themengruppe, DVPW-Mitglieder, ebenso aber an alle interessierten Lehrenden und Studierenden der Politikwissenschaft und verwandter Disziplinen. Eine Mitgliedschaft in der DVPW ist zur Teilnahme nicht notwendig.

Call for Papers (Download als pdf)

Thema der Tagung ist diesmal:

Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis

 

Perspektiven und Konzepte aus der Theorie

Im Rahmen der bisherigen Veranstaltungen unserer Themengruppe wurde deutlich, dass unsere Hochschullehre in didaktischer Hinsicht häufig mit wenig theoretischer Fundierung auskommt. Damit sind nicht didaktische Methoden oder Fragen von Lern- und Kompetenzerwerb gemeint, sondern vielmehr Fragen nach den Spezifika politikwissenschaftlicher Hochschullehre, zum Beispiel: Welche (fachspezifischen) Theorien legen wir der Konzeption von Lehrformaten zugrunde? Welche normativen Prägungen finden Eingang in die Lehre und welche Auswirkungen hat dies für die spätere Praxis? Was unterscheidet politikwissenschaftliche Hochschullehre von der Lehre in anderen Disziplinen? Wo und in welcher Form findet empirische Forschung zum Thema politikwissenschaftliche Hochschullehre statt? Beschäftigen sich Nachwuchswissenschaftler/innen in Qualifikationsschriften mit politikwissenschaftlicher Hochschullehre? Finden Forschungen zu Lehrenden und Lernenden unseres Faches statt? Im Rahmen des Forums „Theorie“ laden wir herzlich ein, Konzepte und Forschungen zu diesen und weiteren Fragen vorzustellen. Unser Theoriebegriff ist hierbei bewusst weit angelegt und meint das Nachdenken, Reflektieren und Evaluieren über bzw. der eigenen Lehre. Hierbei interessieren uns vor allem Forschungen und Konzepte, die noch vor der praktischen Erprobung stehen, ebenso wie theoriegestützte Metaüberlegungen und empirische Forschungen zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre insgesamt. Vorgestellte Konzepte müssen nicht fertiggestellt sein, auch Werkstattberichte laufender Vorhaben oder Ideenskizzen für künftige Forschungen sind äußerst willkommen.

Perspektiven und Konzepte aus der Praxis

Die Jahrestagungen der Themengruppe beinhalten immer auch Präsentationen von Lehrkonzepten, von Erfahrungsberichten aus Lehrveranstaltungen höchst unterschiedlichen Formats. Im Forum „Praxis“ möchten wir erneut die Gelegenheit geben, Lehr-Lernformate aus der Hochschullehre zu präsentieren, Ideen für solche Formate zur Diskussion zu stellen und neue Formate im Kreis von Kolleginnen und Kollegen zu entwickeln. Hierbei laden wir ausdrücklich auch dazu ein, interdisziplinäre und berufsorientierte Lehrformate vorzustellen. Uns geht es nicht nur um Lehrinnovationen, sondern auch um neue Perspektiven auf bewährte Themen und Formate. Denkbar ist überdies, dass Ansätze zum Umgang mit aktuellen Herausforderungen der Lehre (z.B. Heterogenität der Studierenden, Digitalisierung des Studienalltags) präsentiert werden. Gleichermaßen interessieren uns jedoch auch Austausch- und Weiterbildungsformate auf Fach- oder Fakultätsebene, die an Ihren Hochschulen praktiziert werden, so etwa Lehrkolloquien oder Gesprächsrunden zwischen Lehrenden und Studierenden.

 

Einreichung von Beiträgen:

Interessierte senden bis einschl. 30. November 2017 ein Abstract (max. 600 Wörter inkl. Leerzeichen) an die Sprecherin der Themengruppe: Julia Reuschenbach M.A., Universität Bonn (julia.reuschenbach(ÄT)uni-bonn.de). Bitte geben Sie an, in welchem Format (Vortrag, Diskussion, Roundtable o.ä.) Sie Ihren Teil im Rahmen der Tagung gestalten möchten und fügen Sie einige biografische Angaben (max. 250 Wörter inkl. Leerzeichen) bei.

Nach Auswahl der Beiträge werden wir Sie bis zum 20. Dezember 2017 über das finale Programm informieren. Die Themengruppe ermöglicht die Buchung günstiger Übernachtungsmöglichkeiten im Rahmen von Hotelkontingenten. Diese Kosten sowie Reisekosten oder Honorare können leider nicht durch die Themengruppe übernommen werden.

Für Fragen stehen Ihnen die Sprecher/innen der Themengruppe gerne zur Verfügung

Forschung und Lehre: Alltagsschizophrenie, Entfremdungserfahrung oder doch alles halb so wild?

Vorbemerkung: Dieser Bericht fasst die Diskussionen bei einer Roundtable-Diskussion zusammen, den die Themengruppe Hochschullehre bei der Offenen Sektionstagung der DVPW-Sektion Internationale Beziehungen (IB) am 5. Oktober 2017 veranstaltete. Die IB-Sektion hat sich bereits in der Vergangenheit mehrfach mit Themen der Lehre beschäftigt, z.B. bei der Offenen Sektionstagung in Magdeburg 2014, im Rahmen eines Workshops an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing sowie während der Nachwuchstagung 2016. Wir danken den SprecherInnen der IB-Sektion und hoffen auf weitere Zusammenarbeit in der Zukunft.

 

„Was bedeutet es, ein lehrender Forscher bzw. eine lehrende Forscherin zu sein?“ Dies war die Frage, mit der Matthias Hofferberth (University of Texas at San Antonio) den Roundtable „Zwischen Forschung und Lehre – Alltag(sschizophrenie) in den IB?“ einleitete. Sein Eingangsstatement ist hier zu finden. Die vier PanelistInnen näherten sich dieser Frage aus unterschiedlichen Perspektiven.

Tanja Brühl (Universität Frankfurt) hob die Bedeutung von Forschendem Lernen als Brücke zwischen Forschung und Lehre hervor. Dies erfordert eine Haltung des Fragenstellens, was die Rollen von Studierenden und Lehrenden verändert, sowie eine klare Kompetenzorientierung, um Studierende zu befähigen, sich selbst Wissen und Kompetenzen (weiter) anzueignen. Gleichzeitig werden Lehrende damit konfrontiert, ihre Forschung zu begründen, zu kontextualisieren und große Zusammenhänge in kleinere, konkretere Fragen herunterzubrechen.

Tine Hanrieder (Wissenschaftszentrum Berlin) merkte an, es sei ein generelles Charakteristikum einer ausdifferenzierten IB, das die Forschung zu sehr spezialisierten Themen stattfindet, die Lehre aber überblickshaft sein muss. Dies geschieht aber in der Forschungspraxis auch auf Konferenzen, wo man seine Nischenforschung KollegInnen aus anderen Themenfeldern erreichen muss, insofern ist dies kein Spezifikum von Forschung vs. Lehre, sondern eine grundsätzliche Spannung von Generalität und Spezialisierung, die sich durch das Fach zieht.

Linda Monsees (Center for Advanced Internet Studies Bochum) berichtete von eigenen Erfahrungen mit Forschendem Lernen. Dabei kamen die Studierenden von selbst auf abstrakte Fragen und zeigten eine Lust am Theoretisieren. Sie äußerte jedoch Sorge, dass durch Elemente von Zwang und Notendruck diese intrinsische Motivation zerstört wird und Studierenden sich als Reaktion auf diejenigen Felder, Fragen und Ansätze spezialisieren, die sie am besten kennen.

Stephan Stetter (Universität der Bundeswehr München) kritisierte den Schizophreniebegriff und sprach stattdessen von Entfremdungserfahrungen zwischen den Rollen als ForscherIn und HochschullehrerIn. Diese werden durch einen Habitus des Feldes erzeugt, welcher Forschung privilegiert und Lehre als Belastung ansieht.

Die Diskussion drehte sich vor allem um drei Themenbereiche. Erstens wurde die Bedeutung von Forschendem Lernen genauer als Mittel zur Akkulturation von Studierenden als Fragende und Forschende beleuchtet. Dabei ist zu beachten, dass offene Lehr-Lern-Formate wie Forschendes Lernen den Studierenden gute Selbststeuerung und die Fähigkeit zum eigenständigen Lernen abverlangen. Um dadurch nicht soziale Ungleichheiten zu reproduzieren, wie es entsprechende Forschung aus dem Schulbereich naheliegt, ist es Aufgabe der Lehrenden, die entsprechenden Fähigkeiten zu vermitteln, z.B. zur Lektüre schwieriger Texte. Damit wurde auch klar, dass beim Forschenden Lernen nicht nur Forschungskompetenzen im engeren Sinne vermittelt werden dürfen, sondern – im Sinne einer angemessenen Berufsorientierung – auch Praxiskompetenzen (z.B. Präsentation, Projektmanagement, Diskussion und Kritik) nicht vernachlässigt werden dürfen. Weiterhin wurde hervorgehoben, dass Forschendes Lernen nicht etwas ist, was man Studierende machen lässt, sondern was man mit ihnen macht. Forschendes Lernen braucht Spielen und Zweckfreiheit – formatives vs. summatives Feedback müssen klar getrennt werden, um den Studierenden den Notendruck zu nehmen und sie zur Beteiligung zu ermutigen. Dies erfordert auch eine souveräne und gefestigte Lehrpersönlichkeit, um die Lern- und Forschungsprozesse angemessen zu strukturieren.

Zweitens wurde der wechselseitige Mehrwert einer Verknüpfung von Forschung und Lehre hervorgehoben. Forschung bringt die Lehre weiter, indem Forschungsthemen in Lehrveranstaltungen „gegossen“ werden. Das kann auch zur Erschließung eines neuen Themenfelds dienen, weil man sich auf diese Weise sehr gründlich mit der einschlägigen Literatur beschäftigt. Weiterhin wollen Studierende wissen, wo die Forschung steht. Sie brauchen natürlich Grundlagenwissen, um dies zu verstehen, aber man kann ihnen durchaus zeigen, worüber gerade diskutiert und gestritten wird. Gerade bei fortgeschrittenen Studierenden kann man gezielt Irritationen auslösen statt sie mit vermeintlich gesichertem Wissen nach Hause zu schicken. Aber auch die eigene Forschung kann von einer lehrseitigen Beschäftigung mit einem Thema profitieren, z.B. indem die Seminarvorbereitung dazu nötigt, sich mit der neuesten Literatur zu beschäftigen. Überdies bringt die kontinuierliche Beschäftigung in der Lehre neue Ideen, auch können Nachfragen und Anregungen von Studierenden zur Weiterentwicklung der Forschung beitragen. Nicht zuletzt muss man in der Lehre die Relevanz von oft eher kleinteiligen Forschungsthemen klar begründen.

Drittens wurde die Frage aufgeworfen, was das IB-spezifische an diesem Thema sei. Hier wurde darauf verwiesen, dass sich die IB in einer Theoriekrise befinde, die aber in der Lehre nicht widergespiegelt werde, wo zumeist die klassische Großtheorien vermittelt werden. Weiterhin ist der Gegenstandsbereich der IB – zumindest auf den ersten Blick – relativ weit weg vom Alltagsleben der Studierenden. Außerdem gibt es einen kleineren Kanon als in anderen Bereichen der Politikwissenschaft, sowohl in theoretischer als auch methodischer Hinsicht. Nicht zuletzt wurde darauf hingewiesen, wenn man IB – im Sinne des unlängst verstorbenen Ernst-Otto-Czempiel – einen normativen Auftrag unterstelle, dann sei natürlich die Beschäftigung mit Friedensfragen von besonderer Bedeutung und sollte daher auch die Lehre antreiben.

Zwischen Forschung & Lehre – Alltag(sschizophrenie) in den Internationalen Beziehungen?

Dies ist ein Gastbeitrag von Matthias Hofferberth (University of Texas at San Antonio).

Über das Thema Hochschullehre wird zum Glück mittlerweile (auch dank der Themengruppe!) mehr geredet. Seltener geschieht dies allerdings im Rahmen einer Fachkonferenz mit dem Fokus auf wissenschaftlichen Austausch. Und noch seltener wird der Versuch unternommen, Lehre und Forschung direkt zueinander in Bezug zu setzen, um sich möglicher Spannungen zwischen Beiden bewusst zu werden und daran anschließend neue Synergien zu erzeugen.

Derartige Synergien zwischen Forschung und Lehre, so der Ausgangspunkt unserer Diskussion, beschränken sich nicht auf den Allgemeinplatz, Seminarthemen aus der eigenen Forschung zu generieren. Auch scheint die notwendige und berechtigte Forderung, Anreizstrukturen zu überdenken und Lehre im Verhältnis zur Forschung aufzuwerten, gleichwohl wichtig, an dieser Stelle ebenfalls zu kurz zu greifen, handelt es sich doch hier um keine wirkliche Verbindung sondern „nur“ um die Balance zwischen beiden. Dass eine Verbindung jedoch wichtig ist, zeigt sich nicht zuletzt dadurch, dass Forschung, Lehre und deren wechselseitiges Verhältnis letztlich definieren, wer wir sind. Daher gilt es, Spannungen und Widersprüche – ob nun als Schizophrenie, als Entfremdungserfahrung oder vielleicht, in manchen Fällen, als bereichernd durch das Individuum wahrgenommen – zu reflektieren und zu diskutieren, wie beide Bereiche produktiv(er) aufeinander bezogen werden können.

Dabei sei einleitend, in aller Kürze, auf drei mögliche Spannungen hingewiesen:

  • Audience, Aufgabe & Sprache: Als Forscherinnen sprechen wir für gewöhnlich zu einem hochspezialisierten Publikum und führen vor diesem und für dieses komplexe Argumente aus, von denen wir selbst derart überzeugt seien müssen, dass wir andere damit beeindrucken können. Bisweilen nichtintendiert und unreflektiert, greifen wir in derartigen Diskussionen mittlerweile kleinteilige, inhaltlich begrenzte Thematiken auf, für die wir meinen, mit ausreichend „wissenschaftlicher Autorität“ sprechen zu können. Demgegenüber steht die Aufgabe der Lehre, Jahr ein, Jahr aus, Studierende einzuführen und für unsere Bereiche zu faszinieren. Dabei wählen wir oftmals große Themen, einfache Fragen und eine direkte Sprache. In unseren Ausführungen in der Lehre haben wir dann (a) weniger Skrupel, Dinge zu vereinfachen und zu verkürzen, oder (b) gestehen Wissenslücken und Schwächen in unserer Argumentation gegenüber den Studiereden offen ein.
  • Rewards & Motive: Anerkennung für unsere Forschung, seien es Veröffentlichungen oder Drittmitteleinwerbungen, dokumentieren wir gerne in unserem Lebenslauf. Fein säuberlich aufgelistet nehmen wir dabei an, mit diesen „Errungenschaften“ langfristig in unsere Karrieren zu investieren. In den selben CVs finden sich indes auch Verzeichnisse unserer Lehrveranstaltungen. In diesen geht es uns aber viel mehr um kurzfristige, unmittelbar von den Studierenden vermittelte Anerkennung und das „gute Gefühl“, in direkter Interaktion Fähigkeiten und Inhalte vermittelt zu haben.
  • Commitments: Auch in einer von den meisten als postparadigmatistisch beschriebene und betriebene IB haben wir bestimmte – ontologische, substantielle, theoretische, methodologische oder gar normative und politische – Überzeugungen und Grundannahmen, die wir in der Forschung vertreten und die wir dazu nutzen, unser „Profil“ zu schärfen. Unsere Lehre hingegen betreiben wir durchaus pluralistisch, mit dem berechtigten Anspruch, unseren Studierenden mehr als einen Ansatz, eine Lesart, eine Lösung anzubieten. Die eigenen Überzeugungen und Grundannahmen stellen wir dabei hinten an und buchstabieren diese hinsichtlich ihrer Konsequenzen für gewöhnlich nicht in der Lehre aus.

Diese drei bewusst anekdotisch gehaltenen Anmerkungen verdeutlichen, dass es mehr als Semantik ist, ob wir uns in erster Linie als lehrende Forscher oder eben als forschende Lehrer verstehen und das die wünschenswerte Einheit zwischen beiden nicht ganz so einfach ist, sondern vielmehr für jeden Einzelnen, je nach (Job-)Position und Kontext, eine stetige Herausforderung im Alltag darstellt. Daher kann es in der Diskussion auch weniger darum gehen, ob Humboldt nach Bologna reisen kann oder ob hier unvereinbare Widersprüche bestehen. Vielmehr erscheint es notwendig, gemeinsam über best practices und pragmatisch-kreative Möglichkeiten nachzudenken, Energie und Motivation sowie Erkenntnis und Einsicht aus beiden Bereichen aufeinander zu beziehen und dadurch sowohl unsere Forschung als auch unsere Lehre, eben in deren holistischer Verbindung, aufzuwerten.

Wäre es nicht etwa wünschenswert, ähnliche Fragen, die wir mit Studierenden diskutieren, in zumindest ähnlicher Sprache im gemeinsamen Diskurs (und somit auch direkt in Publikationen…) zu diskutieren? Könnten oder vielleicht sogar sollten wir nicht, nachdem wir in unseren Studierenden die Haltung des Fragenden anhand des Leitbildes des forschenden Lernens angelegt haben, die gleiche Grundhaltung in unserer eigenen Forschung zum Ausdruck bringen? Müssen wir es hinnehmen, dass wir ständig in unserer Forschung und in unserer Lehre, nicht jedoch in der produktiven Verbindung von beidem evaluiert werden? Bieten sich nicht gerade die Themen und Gegenstände der IB besonders an, sich sowohl in der Lehre als auch in der Forschung großen Fragen zu widmen und die Antworten hierzu einem größeren Publikum in direkter Sprache zu vermitteln? Wäre es nicht vielleicht produktiver, Lehre und Forschung holistisch zu denken, anstatt verschiedene Rollen in den verschiedenen Bereichen zu spielen? Oder, um zumindest mit einer Gegenfrage zu enden, verhindern unterschiedliches Publikum, unterschiedliche Sprachspiele und unterschiedliche Aufgaben eine derartig holistische Verbindung und gehört es vielleicht einfach zu unserer Tätigkeit, zwei voneinander getrennten Sphären gerecht zu werden?

Dies war das Eingangsstatement einer Podiumsdiskussion bei der Fünften Offenen Sektionstagung der Sektion Internationale Beziehungen der DVPW. Einen Bericht zur anschließenden Diskussionen haben wir hier veröffentlicht.

Qualitätssicherung von Studium und Lehre durch Akkreditierung und Evaluation

Dies ist ein Gastblog von Julia Reuschenbach (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn).

Ein Bericht von einer Gesprächsrunde mit Vertreter/innen der Fachvereinigungen im Rahmen des Forschungsprojekts „Externe und interne Qualitätssicherung von Studium und Lehre durch Akkreditierungs- und Evaluationsverfahren“ (EIQSL) des International Centre for Higher Education Research

Am 27. September 2017 fand an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg ein Workshop des International Center for Higher Education Research der Universität Kassel statt. Ziel des Workshops war es, in verschiedenen Gesprächsrunden unterschiedlicher Statusgruppen die Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts „Externe und interne Qualitätssicherung von Studium und Lehre durch Akkreditierungs- und Evaluationsverfahren“ (EIQSL) zu diskutieren.

Als Sprecherin der Themengruppe Hochschullehre habe ich auf Einladung für unsere Untergliederung an der Gesprächsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern der Fachvereinigungen teilgenommen. Am Gespräch waren mehrheitlich mathematisch-naturwissenschaftliche Fachvereinigungen beteiligt, aus den Geistes- und Sozialwissenschaften waren neben mir Vertreter der Soziologie sowie der Sozialen Arbeit anwesend. Die Ergebnisse werden in vollständig anonymisierter Form veröffentlicht, sodass auch hier nur eine allgemeine und nicht fach- oder personenspezifische Berichterstattung erfolgen kann.

In mehreren Themenrunden widmete sich die Gruppendiskussion der Frage nach Vor- und Nachteilen der geplanten künftigen Struktur von Akkreditierungsverfahren, insbesondere dem Themenfeld Systemakkreditierung. Daneben lag ein Schwerpunkt des Gesprächs auf den unmittelbaren Auswirkungen von Akkreditierungsverfahren für Studium und Lehre, sowie bei der Frage, wie Akkreditierungsverfahren tatsächlich „gute Lehre“ befördern können. Aus den Wortbeiträgen wurde deutlich, dass viele Fachvertreter/innen umfangreiche persönliche Erfahrungen mit Akkreditierungsverfahren gemacht haben, die weit überwiegend positiv bewertet wurden. Zugleich wurde festgestellt, dass der wirkliche Output solcher Verfahren gering ist und an nicht wenigen Hochschulen die Akkreditierung als reine „Bestehenshürde“ angesehen wird und somit nicht ein intrinsisches Interesse an einer reflektierenden Betrachtung und Weiterentwicklung von Studiengangskonzepten damit verbunden wird. Mithin scheinen Akkreditierungen oftmals als lästige Pflicht und selten als eine sinnvolle Maßnahme des Qualitätsmanagements wahrgenommen zu werden. Zugleich ließ die Diskussion erkennen, dass keine Einigkeit darüber herrscht, für wen diese Verfahren eigentlich betrieben werden. Dienen die Debatten über Credits, Studierbarkeit und ähnliches nicht in erster Linie den Studierenden? Oder betreiben wir Akkreditierungsverfahren für uns (Lehrende, Hochschulen allgemein), um herauszufinden, wie die Qualität unserer Studiengänge zu bewerten ist? Es besteht die starke Vermutung, dass Studierende den „Output“ solcher Verfahren kaum bis gar nicht wahrnehmen: Werden Modulhandbücher von Studierenden gelesen? Unterscheiden Studieninteressenten bei der Wahl ihres Studiengangs zwischen akkreditierten und nicht akkreditierten Studiengängen? Die Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts werden demnächst veröffentlicht und liefern nicht nur zu diesen Fragen interessante neue Erkenntnisse.

Im Themenkomplex „gute Lehre“ wurde schnell deutlich, dass fächerübergreifend ein stärkeres „bottom up“-Verfahren als sinnvoll erachtet wird. Ideen zur guten Lehre und deren Förderungen müssen in erster Linie in den Hochschulen selbst entstehen. In der Diskussion wurden interessante Beispiele anderer Hochschulen erwähnt, so etwa monatliche „Roundtables“ mit Studierendenvertretern rund um das Thema Lehre oder „Lehrkonferenzen“ aller Fächer einer Fakultät einmal im Semester, die durchaus an anderen Standorten und auch in anderen Fächern Schule machen könnten. Stark befürwortet wurde außerdem die Implentierung hochschuldidaktischer Angebote für neue wie erfahrene Lehrende, die allerdings den Lehrenden auf Augenhöhe begegnen müssen. Bis dato wird der Mehrwert solcher Angebote an nicht wenigen Hochschulen als eher gering angesehen. Lehrende fühlen sich, so einige Fachvertreter/innen, häufig nicht ernst genommen. Zugleich erfahren die Angebote auf Seiten von Vorgesetzten, ebenfalls fächerübergreifend, wenig Wertschätzung. Zeit, die in solchen Angeboten verbracht wird, muss von Mitarbeiter/innen des akademischen Mittelbaus sowie von interessierten Professorinnen und Professoren an anderer Stelle gespart werden, Kompensationen finden nicht statt. Dies führt nicht selten dazu, dass die Angebote letztlich doch nicht wahrgenommen werden. Für Akkreditierungsverfahren bestand Einigkeit darüber, dass in diesen Instrumentarien und Werkzeuge zur „guten Lehre“ nachhaltiger erfragt und überprüft werden könnten und über die Feststellung des Vorhandenseins von Fragebögen zur Lehrevaluation hinausgehen sollten. Vielmehr sollten Hochschulen wie auch in Bereichen von Curriculum und Studierbarkeit, auch für das Themenfeld Hochschullehre schlüssige Konzepte vorlegen müssen.

Überwiegend kritisch wurde die Initiative betrachtet, dass Hochschulen sich künftig sog. „Lehrverfassungen“ geben sollen. Hier zweifelten nicht wenige Teilnehmer/innen, ob es sich dabei letztlich nicht um Phrasendrescherei handele, die ohne konkrete Umsetzung in die Praxis absolviert werde. Hochschulen müssten vielmehr selbst Gesprächsanlässe zum Austausch über Lehre schaffen und über diese Wege, sowie in Berufungsverfahren und an anderer Stelle für eine stärkere Wertschätzung guter Lehre eintreten.

Insgesamt bot die Gesprächsrunde interessante Einblicke in sehr unterschiedliche Fächerkulturen und spannende Anregungen für künftige Diskussionen und Veranstaltungen rund um das Thema Hochschullehre. Wir werden über den Blog der Themengruppe auf die Veröffentlichung der Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts hinweisen, sobald diese vorliegen.

Bericht vom Workshop „Publizieren über die Lehre“ (Mainz, 18. September 2017)

Am 18. September 2017 veranstaltete die Themengruppe einen Workshop „Publizieren über die Lehre“ an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Damit sollten Lehrende dabei unterstützt werden, über ihre Lehre zu forschen, zu schreiben und diese Texte auch zu veröffentlichen. Dazu wurden Publikationsformate erörtert und mit HerausgeberInnen und RedakteurInnen von Zeitschriften und Fachverlagen über Stand und Entwicklungsmöglichkeiten einer Publikationskultur in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre diskutiert. (Hier das Programm als pdf-Version.)

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Organisatoren Wolfgang Muno (Universität Mainz) und Daniel Lambach (Universität Duisburg-Essen) wurde der Workshop mit einem Keynote-Vortrag von Heidi Maurer (London School of Economics) zum Thema „Publikationskulturen in Europa“ eingeleitet (hier der Vortragstext). Dabei stellte sie heraus, dass sich vor allem ein englischsprachiges Publikationsnetzwerk herausgebildet habe, in das zunehmend auch kontinentaleuropäische Lehrende eingebunden sind. Dennoch gebe es nationale und subdisziplinäre Charakteristika in der Lehre, die in den Texten auch reflektiert werden müssten.

In der anschließenden Diskussion wurden unterschiedliche Sichtweisen deutlich, ob PolitikwissenschaftlerInnen kompetent empirische Bildungsforschung betreiben können. Die eine Seite hob hervor, dass die Methoden denen der Sozialforschung ähnelten, während die andere betonte, dass man sich dafür mit Theorien und Literatur aus der Hochschuldidaktik auseinandersetzen muss, um das Rad nicht neu zu erfinden. Es wurde außerdem angemerkt, dass man bei einem Publikationsvorhaben klären muss, mit welcher geographischen oder fachlichen Community man dadurch ins Gespräch kommen will. Zwar kann man viel von anderen Communities lernen, aber interdisziplinär zu publizieren ist mit besonderen Herausforderungen verbunden.

Danach folgte eine von Mischa Hansel (RWTH Aachen) moderierte Gesprächsrunde mit RedakteurInnen und HerausgeberInnen von Fachzeitschriften. Beteiligt waren:

  • Ray Hebestreit (Universität Duisburg-Essen, Redakteur der Zeitschrift für Politikwissenschaft)
  • Silke Schneider (Wochenschau-Verlag, Journal für politische Bildung, politikum und Zeitschrift für die Didaktik der Gesellschaftswissenschaften)
  • Tanja Brühl (Universität Frankfurt am Main, Mitherausgeberin der Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung)
  • Kai-Uwe Schnapp (Universität Hamburg, Redaktion der Politischen Vierteljahresschrift)

Dabei wurde deutlich, dass der Umgang mit lehrbezogenen Artikeln sehr unterschiedlich ausfällt, vor allem was das Begutachtungsverfahren angeht. Es wurde eine formlosen Kontaktaufnahme zur Redaktion empfohlen, um frühzeitig zu klären, ob ein geplanter Text zur Zeitschrift passt bzw. welches Format sich dafür eignet. Viele Beteiligte berichteten aber auch, dass die Zahl der Einreichungen noch ausbaufähig ist und manche Zeitschriften auch gerne stetiger Texte über Lehrthemen veröffentlichen möchten. Die Resonanz der Leserschaft auf Lehrartikel wurde generell als gut beschrieben, allerdings fiel auch der Begriff der „Reputationsasymmetrie“ zwischen Forschung und Lehre, der im weiteren Verlauf des Workshops immer wieder aufgegriffen wurde. Gemeint ist damit, dass Forschungstexten ein größerer Status zugeschrieben wird als Lehrtexten, auch wenn sie im selben Medium erscheinen – dies würde sich auch erst dann ändern, wenn sich die zugrundeliegende Hochschulkultur hin zu einer größeren Wertschätzung der Lehre entwickele.

Nach der Mittagspause begann der Nachmittag mit einem kurzen Grußwort von Marc Debus (Universität Mannheim) aus dem Vorstand der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW), der aktuelle Aktivitäten und Ziele der DVPW vorstellte und die Gäste dazu aufrief, Lehrthemen in Gremien und Veranstaltungen der Vereinigung einzubringen. Danach stellte Wolfgang Muno die Entstehung des Sammelbands „Europa spielerisch erlernen“ (hrsg. von Wolfgang Muno, Arne Niemann und Petra Guasti) vor, der frisch im Verlag Springer VS erschienen ist. Der Band ist als Teil eines fortlaufenden Lehrprojekts zu verstehen, das seit 2010 läuft und über das ab 2013 verschiedene Texten publiziert worden sind. Jan Treibel (Springer VS) ergänzte den Vortrag aus Verlagssicht. Anschließend berichtete Julia Reuschenbach (Universität Bonn) kurz über den Stand der Planung der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik, die ab 2018 im Wochenschau-Verlag erscheinen wird. HerausgeberInnen der Reihe sind Mischa Hansel, Daniel Lambach und Julia Reuschenbach.

Herzstück des Nachmittags war ein Runder Tisch, an der sich neben den bereits genannten Personen außerdem Benjamin Weiß (Buchredaktion der Bundeszentrale für politische Bildung), Sandra Frey (Nomos-Verlag), Bettina Jorzik (Stifterverband), Meike Hensel-Grobe und Andreas Frings (beide Universität Mainz und MitherausgeberInnen der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Geschichte im Wochenschau Verlag) sowie die weiteren WorkshopteilnehmerInnen beteiligten. Die offene Diskussionsrunde stand unter den Leitfragen „Gibt es eine Kultur des Publizierens über die Lehre? Brauchen wir eine?“ und wurde durch kurze Impulse von Bettina Jorzik, Silke Schneider und Tanja Brühl eingeleitet.

Die Leitfragen wurden nahezu einhellig bejaht. Es war Konsens, dass über die Lehre geredet (und geschrieben) werden muss, um die Reputationsasymmetrie schrittweise zu verkleinern. Wolfgang Muno drückte dies als selbstverständlich aus: „Ich lehre – warum soll ich nicht darüber publizieren?“ Es war jedoch ebenfalls klar, dass Publikationen nur ein Element eines größeren Menüs an Instrumenten zur Gemeinschaftsbildung und Kommunikation rund um die Hochschullehre sind. Das bedeutet, dass eine Publikationskultur ein Teilaspekt der Lehrkultur ist und im entsprechenden Kontext verstanden werden muss.

Mehrere TeilnehmerInnen betonten die Notwendigkeit von Forschung, insbesondere über längere Zeiträume. Wenn wir auch die Lehre auf lange Sicht besser machen wollen, ist eine systematische Beforschung unvermeidlich – bei allem Respekt gegenüber der Aufgabe. Unvollständige Daten sind aber immer noch besser als keine Daten, was der momentane Normalzustand ist. Insbesondere zu längerfristigen Lerneffekten, am besten auch noch über den Studienabschluss hinaus, gibt es nahezu keine Erkenntnisse und großen Forschungsbedarf. In Fachverlagen und Zeitschriften gibt es ein deutliches Interesse an lehrbezogenen Publikationen, hier sollten AutorInnen aber proaktiv den Kontakt suchen.

Es wurde viel über das angemessene Verhältnis einer fachspezifischen Hochschuldidaktik der Politikwissenschaft zur allgemeinen Hochschuldidaktik (sowie teilweise zur schulischen Fachdidaktik) debattiert. Eine Frage war dabei, welche Rolle fachspezifische Publikationen für die Fortbildung des Lehrnachwuchses haben sollen. Einerseits kann es sinnvoll sein, zuerst allgemeine hochschuldidaktische Grundkenntnisse zu erwerben und diese durch fachbezogene Methoden zu konkretisieren, andererseits sind Lehrmethoden sehr kontextuell, so dass Nachwuchslehrkräfte mit allgemeindidaktischen Ratschlägen eventuell wenig anzufangen wissen.

Es wurde betont, dass man von der allgemeinen Hochschuldidaktik methodisch und theoretisch viel lernen könne. Weniger klar war dagegen, wie man als fachlich Lehrende etwas zurückgeben kann – obwohl von Seiten der Hochschuldidaktik durchaus Interesse an so einem Austausch formuliert wird. Publikationen in allgemeindidaktischen Outlets werden im Fach noch weniger honoriert und natürlich auch nach anderen Standards begutachtet. Das macht die Kommunikation über Fächergrenzen schwerer und unattraktiver.
Diese Diskussionen führten immer wieder zur Grundfrage zurück, was den Kern der Politikwissenschaft ausmacht und was dies für die Hochschuldidaktik des Fachs bedeutet? Was bedeutet „politisches Denken“ und wie können wir es vermitteln? Diese Fragen konnten naturgemäß nicht aufgelöst werden, da dies eine längerfristige Konversation darstellt, die im Rahmen der Themengruppe und andernorts fortgeführt werden muss. Dabei muss vor allem differenziert werden: Erstens entwickelt sich auch die Hochschuldidaktik eines Fachs weiter – ähnlich wie die Forschung zeigen sich dort Paradigmen, die zum Teil widersprüchlich sind und einem Evolutions- und Revolutionsprozess unterliegen. Zweitens zeichnet sich ab, dass man auch innerhalb der Politikwissenschaft didaktisch unterscheiden muss. In unterschiedlichen Teilbereichen gibt es deutlich unterschiedliche Lehrparadigmen, wie alleine der Vergleich von politischer Theorie und Ideengeschichte mit Methoden der Politikwissenschaft verdeutlicht. Insofern ist auch hier Differenzierung möglich und notwendig.

Nach Abschluss der Diskussionsrunde wurde der Workshop mit einem Vernetzungstreffen beendet, bei dem AutorInnen, HerausgeberInnen und VerlagsvertreterInnen Publikationsmöglichkeiten im Rahmen einer Buchausstellung besprechen konnten. Insgesamt unterstrich der Workshop, dass sich eine deutliche Dynamik in Richtung einer Publikationskultur über die Hochschullehre abzeichnet, die aber vorangetrieben und mit Leben erfüllt werden muss. Insofern wird dies nicht die letzte Beschäftigung mit dem Thema „Publizieren über die Lehre“ sein.