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Lehre – (k)ein Aufgabenfeld für eine Fachvereinigung?

Dies ist ein gemeinsamer Beitrag von Daniel Lambach und Julia Reuschenbach.

Bei der Mitgliederversammlung der DVPW im Rahmen des Kongresses 2018 stellten sich 11 KandidatInnen sowie ein Dreierteam für die Vorstandswahl vor. Alle sollten kurz darlegen, für welche Themen Sie sich im Vorstand besonders engagieren möchten. Lediglich zwei sprachen Themen an, die man auch nur im weitesten Sinne als lehrbezogen bezeichnen kann.

Ist das ein Problem? Nein, könnte man argumentieren, denn es gebe ja gerade keine Themen in der Lehre, die ähnlich drängend seien wie Fragen nach Nachwuchsförderung, Gleichstellung oder Departmentstrukturen. Dazu würde auch passen, dass das letzte Mal, als die Lehre ein größeres Thema in der DVPW war, dies anlässlich der Einführung des BA/MA-Systems war, das große Umstellungen an allen Standorten erforderte. Nach dieser Diagnose sind also die Sorgen und Nöte der Lehre nicht drängend genug.

Das ist uns aber zu einfach, denn man könnte sich mit Fragen wie der zunehmenden Heterogenität der Studierendenschaft, der Digitalisierung von Lehre und Lebenswelt, dem Erhalt des Humboldtschen Bildungsideals in Zeiten von Kompetenzorientierung oder einer universitären „Ausbildung“ zwischen Bildung und ökonomischem Verwertungsdruck auseinandersetzen.

Aber viel wichtiger noch: Problemfixiertheit ist auch schlicht die falsche Denkweise. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Lehre sollte nicht nur dann auf die Agenda kommen, wenn es Probleme mit ihr gibt oder, anders gesagt, wenn die Probleme, die es mit der Lehre gibt, so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass man sich jetzt halt doch mal mit ihnen befassen muss.

Denn mit so einer Haltung vergibt man die Chance und den Anspruch zu gestalten. Statt nur auf Probleme zu reagieren, sollten wir uns fragen, wie man die Lehre besser machen kann, wie wir Lehrangebote schaffen, die unsere Studierenden auf eine Zukunft als demokratische Bürgerinnen und Bürger in einer immer mehr vernetzten und globalisierten Welt vorbereitet. Dieser Auftrag kommt nicht von uns, sondern quasi von höchster Stelle. Bundespräsident Steinmeier forderte in seiner Gastrede auf dem Kongress „eine kreative und mutige Politikwissenschaft, die aktuelle Diskurse über die Demokratie informiert, inspiriert, die mit Leidenschaft und Urteilskraft zur Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst beitragen kann“.

Über welche Schienen kann dieses Hineinwirken in die Gesellschaft geschehen? Für die meisten von uns wird dies über die Lehre sein. Nur wenige Kolleginnen und Kollegen sind prominent in gesellschaftlichen Debatten sichtbar. Wer sich Netzwerke in die Praxis aufbaut, tut dies zulasten der eigenen Karriere, wie selbst der Bundespräsident hervorhob. Den mit Abstand größten Impact auf die Praxis haben wir über die Spuren, die wir in unseren Studierenden hinterlassen, über die Denkprozesse die wir bei ihnen anstoßen und die Ideen die wir vermitteln.

Sollte es da nicht unsere nobelste Aufgabe sein, unsere Lehre so gut wie möglich zu machen? Und sollte sich es die DVPW nicht zum Ziel machen, dass ein politikwissenschaftlichen Studium an einer deutschen Hochschule von höchster Qualität ist und dass alle Absolventinnen und Absolventen analytisch wie normativ fähig sind, ihren Teil zur Aufrechterhaltung und Verteidigung von Demokratie und Freiheit beizutragen?

Politikwissenschaftliche Hochschullehre und politische Bildung zwischen Objektivität und demokratischem Anspruch

Im Rahmen des DVPW-Kongresses fand das vom AK Hochschullehre und der Sektion Politikwissenschaft und Politische Bildung gemeinsam organisierte Panel „Demokratie als Norm? Perspektiven für die politikwissenschaftliche Hochschullehre und die politische Bildung“ statt, das von Andrea Szukala (Universität Münster) geleitet wurde. Das sehr gut besuchte Panel befasste sich mit den Herausforderungen von Normativität für die Vermittlung politischer Kompetenzen in verschiedenen Kontexten.

Das Panel begann mit zwei Beiträgen, die sich mit den normativen Grundlagen von politikwissenschaftlicher Lehre und politischer Bildung befassten. Zunächst argumentierte Jörg Tremmel (Universität Tübingen), eine normativ abstinente Politikwissenschaft könne die Demokratie nicht gegen ihre Feinde verteidigen. Normative Forschung sei ein anerkannter Zweig der Politikwissenschaft, ist aber in der deutschen Politikwissenschaft und ihrer Lehre kaum bis gar nicht repräsentiert. Er verdeutlichte Möglichkeiten, normative Hypothesen über Politik entlang der Unterteilung von Politik in Polity, Policy und Politics zu formulieren, die in Lehrveranstaltungen diskutiert werden könnten. Von einer Stärkung normativer Forschung verspricht er sich einen stärkeren Austausch zwischen „Empirikern“ und „Normativisten“ in Forschung und Lehre.

Im Anschluss fragte Tonio Oeftering (Universität Lüneburg) angesichts von Beispielen illiberaler Mobilisierung, ob jede Art der Partizipation gut für die Demokratie sei. Auf der Suche nach einem Maßstab für demokratisch wünschenswerte Partizipation verwies er auf Hannah Arents Werk, aus dem er Pluralität und Freiheit als zentrale Elemente des Politischen hervorhob. Er formulierte abschließend eine Reihe von Konsequenzen: die politische Bildung müsse mehr ihre normativen Grundlagen diskutieren, die Politikwissenschaft sich wieder stärker als „Demokratiewissenschaft“ verstehen und die politikwissenschaftliche Hochschullehre ihr Verhältnis zur politischen Bildung klären, um Möglichkeiten für Vernetzung und wechselseitiges Lernen zu eröffnen.

Die erste Runde der Diskussion drehte sich um Fragen, warum und mit welcher Rechtfertigung Hochschullehre und politische Bildung normativ sein kann oder sein muss. Dazu gehörte eine Diskussion darüber, mit welcher Begründung z.B. Arendt als normative Referenz begründet werden kann – gerade im Vergleich zu anderen (nicht nur liberalen) TheoretikerInnen, ebenso wie das Dilemma, wie man mittels demokratischer Verfahren als solchen wahrgenommenen „Feinden“ der Demokratie begegnen möge. Auch wurde über die Diagnose debattiert, ob die deutsche Politikwissenschaft gegenüber normativer Forschung desinteressiert sei.

Die zweite Hälfte des Panels bestand aus drei Beiträgen, die sich konkreter mit Normativität in der Hochschullehre befassten. Zunächst diskutierte Julia Reuschenbach (Universität Bonn) die Grenzen der Demokratie in der Hochschullehre. Sie argumentierte, dass wir uns als FachvertreterInnen nicht vor normativen Fragen drücken können. Dies gelte auch und besonders in der Lehre, wo die eigene Normativität mit „normativ aufgeladenen“ Studierenden zusammentrifft. Eine notwendige Folge dessen sei, dass die normativen Dimensionen eines Gegenstands nicht nur ausgehalten, sondern direkt angesprochen werden sollten. Die Grenzen der Demokratie müssten lebensnah und soweit wie möglich in der Lehre thematisiert und auf Augenhöhe diskutiert werden.

Dannica Fleuß (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) fragte in umgekehrter Richtung, wie man als Lehrender normative Zurückhaltung üben könne. Diese Zurückhaltung sei eine Notwendigkeit, weil normative Urteile nicht logisch oder theoretisch deduzierbar sind und somit letztlich auf persönlichen Abwägungen beruhen. Lehre sei aber eine hierarchisch strukturierte Kommunikationsbeziehung, innerhalb derer Studierende eigene Werturteilsfähigkeit entwickeln sollten. Als praktische Antwort schlug sie ein didaktisches Format vor, in dem Lernende Rollen als InterpretatorInnen ambivalenter Situationen und EntscheiderInnen über konfligierende Normen übernehmen.

Abschließend argumentierte Julian Eckl (Universität Hamburg), dass Demokratie in der politikwissenschaftlichen Lehre ständig als Norm vermittelt wird, z.B. über Ansprüche an studentische Partizipation und Teilhabe in Lehr-Lern-Prozessen. Daran schließt sich die Frage an, ob Demokratie auch vermittelt werden sollte. Dies sei auch mit konstruktivistischen Lerntheorien zu vereinen, die nicht nur neutrale Kapazitätsvermittlung sei, sondern auch über Methoden wie Rollentausch und Perspektivenwechsel die Werthaltungen von Lernenden herausfordern.

Events des AK Hochschullehre beim DVPW-Kongress 2018

Bei der DVPW-Tagung 2018 finden die folgenden Veranstaltungen des AK Hochschullehre statt:

 

Panel „Demokratie als Norm? Perspektiven für die politikwissenschaftliche Hochschullehre und die politische Bildung“ (26.9., 14.00-15.30 Uhr)

Panelleitung: Andrea Szukala, Universität Münster / Mischa Hansel, RWTH Aachen

  • Dannica Fleuß, Universität der Bundeswehr Hamburg: Politische Theorie praxisnah lehren: im Spannungsfeld von politischer Neutralität und normativer Positionierung
  • Julian Eckl, Universität Hamburg: Theorien als latente Quellen von Normativität und Verantwortung in der Hochschullehre: Die Bedeutung von didaktischen und fachspezifischen Theoriedebatten am Beispiel des politikwissen­schaftlichen Teilgebiets „Internationale Beziehungen“
  • Jörg Tremmel, Universität Tübingen: Eine normativ abstinente Politikwissenschaft kann die Demokratie nicht gegen ihre Feinde verteidigen
  • Tonio Oeftering, Leuphana Universität Lüneburg: Hannah Arendts politische Theorie als normative Orientierung für die politische Bildung!?
  • Julia Reuschenbach, Universität Bonn: Diskussionen über die Grenzen der Demokratie in der Hochschullehre

(in Kooperation mit der Sektion „Politikwissenschaft und Politische Bildung“)

 

Launch der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik (26.9.2018, 15.30 Uhr)

Ebenfalls in Frankfurt werden wir den offiziellen Launch unserer Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik feiern, und zwar am Mittwoch, den 26. September um 15:30 Uhr am Stand des Wochenschau-Verlags im Hörsaalzentrum.

 

Mitgliederversammlung (27.9.2018, 12:30-13:45 Uhr)

Bei der Mitgliederversammlung am Donnerstag, den 27. September 2018 steht neben dem inhaltlichen Austausch über die zukünftigen Schwerpunkte des Arbeitskreises auch die Verabschiedung der Geschäftsordnung sowie die SprecherInnenwahl an. Der SprecherInnenkreis soll zukünftig aus 4 Personen bestehen. Diesbezüglich rufen wir ganz herzlich zu Bewerbungen auf.

SprecherInnen für den AK Hochschullehre gesucht

Die Amtszeit des aktuellen SprecherInnenteams endet mit der Mitgliederversammlung bei der DVPW-Tagung 2018, die am Donnerstag, den 27. September 2018, von 12:30-13:45 Uhr stattfinden wird. Neben der Abstimmung über die Geschäftsordnung des Arbeitskreises sowie der Frage, welche inhaltlichen Schwerpunkten unsere Arbeit künftig haben soll, steht daher auch eine Neuwahl des SprecherInnen-Teams an.

Dabei gibt es auch zwei Neuerungen. Erstens soll der Kreis der SprecherInnen von drei auf vier Personen vergrößert werden, um die Arbeit auf mehr Schultern verteilen zu können. Zugleich wird die Amtsperiode auf zwei Jahre verkürzt, um KandidatInnen aus dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Mitarbeit zu erleichtern.

Aus dem bisherigen Team bewerben sich Julia Reuschenbach und Daniel Lambach erneut. Mischa Hansel wird wegen eines beruflichen Wechsels nicht nochmal antreten. Deshalb rufen wir alle interessierten Mitglieder dazu, sich um einen der Posten zu bewerben. Dazu senden Sie bitte bis zum 1. August ein Kurzporträt (biografische Angaben, Lehrerfahrung, Vorstellungen für die zukünftige Arbeit des Arbeitskreises) an daniel.lambach(ÄT)uni-due.de. Die KandidatInnenporträts werden wir dann im Vorfeld der Mitgliederversammlung über den Emailverteiler des Arbeitskreises zugänglich machen. Auch bei informellen Anfragen vorab wenden Sie sich bitte an diese Email-Adresse.

Bericht von der dritten Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre (26.-27. Februar 2018, Hamburg)

Die dritte Jahrestagung der Themengruppe unter dem Titel „Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis“ fand am 26.-27. Februar 2018 an der Universität Hamburg statt. Es wurden normative und theoretische Fragen der politikwissenschaftlichen Hochschullehre behandelt, ebenso wie konkrete Lehrszenarien. Hinzu kamen Workshops zu verschiedenen Aspekten der Lehrpraxis.

 

Theorie

Die Tagung begann mit dem Panel „Fragen an Lehren und Lernen“, welches von Mischa Hansel (Aachen) moderiert wurde. Zunächst stellte Petra Stykow (München) ihr Manuskript zum Prüfen und Bewerten in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre vor, das in der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik erscheinen wird. Nach dem Modell der „Inverted Conference“ hatte sie das Manuskript den Tagungsteilnehmer*innen vorab zugänglich gemacht und bat nun um Feedback für die Überarbeitung des Textes. Die Diskussion behandelte verschiedene Probleme des Prüfens und Bewertens und ging dabei auch teils über den konkreten Text hinaus. Beispielsweise wurde bei mündlichen Prüfungen das Problem benannt, dass man einerseits die Fähigkeit zur strukturierten Antwort und die generelle Ausdrucksfähigkeit mitbewerte, dabei aber diversitysensibel vorgehen muss, um nicht einen bildungsbürgerlichen Habitus zu bevorzugen.

Danach folgte ein Vortrag von Daniel Lambach (Duisburg-Essen) zur Employability in der Friedens- und Konfliktforschung. Er stellte dabei Ergebnisse einer vergleichenden Absolvent*innenstudie vor, an der 2017 sieben Masterstudiengänge in Deutschland und Österreich teilgenommen hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass Absolvent*innen dieser Studiengänge i.d.R. eine ausbildungsadäquate Tätigkeit aufnehmen und nur selten von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber oft nur auf befristeten Verträgen arbeiten. In der Diskussion wurden verschiedene methodische Aspekte besprochen, z.B. die Gründe für Non-Response, sowie der Abgleich mit Absolvent*innenstudien anderer Institutionen angeregt. Ferner wurde die Frage aufgeworfen, ob die Ausbildung relativ fachunspezifischer Kompetenzen wie z.B. Organisationskompetenz oder Fähigkeiten im Projektmanagement dem Bildungsauftrag einer Hochschule angemessen seien.

 

Praxis Teil I

Im Panel zu „Distance Learning“, moderiert von Daniel Lambach (Duisburg-Essen), wurden zwei Beiträge zu kooperativen E-Learning-Formaten vorgestellt, die aus demselben Projekt hervorgegangen sind. Zunächst präsentierten Patricia Konrad (Hamburg) und Alexander Kobusch (Tübingen) ein standortübergreifendes Ringseminar, das nach dem Modell des „Cross-Site Teaching“ von acht politikwissenschaftlichen Instituten gemeinsam angeboten wurde. Dabei stellten sie vor, wie man Studierende in diesem Format aktivieren und zur standortübergreifenden Kollaboration bewegen kann, und zeigten die kontinuierliche Weiterentwicklung des Formats. Im Anschluss stellten Witold Mucha und Christina Pesch (beide Düsseldorf), die ebenfalls am Ringseminar mitgewirkt hatten, ihre Adaption des Konzepts für eine internationale Kooperation der Universität Düsseldorf mit Partnern in Südafrika und den Niederlanden zur Diskussion. Ihr Ziel ist es, die Inhalte der Veranstaltung sowie die von den Studierenden produzierten Materialien als Open Educational Resources (OER) zu veröffentlichen.

Die Diskussion drehte sich zunächst um ganz praktische Fragen, d.h. um die technischen Voraussetzungen sowie die für das internationale Projekt notwendigen Englischkenntnisse der Studierenden. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Frage, wie man Studierende zur Zusammenarbeit motivieren könne, zumal es an den beteiligten Standorten teils unterschiedliche Leistungserwartungen gab. Außerdem wurde die Besonderheit des Formats herausgestellt, das sich hochaktuellen politischen Fragen widmet, sich eher an fortgeschrittene Studierende richtet und keinen Kernbereich des Curriculums abdeckt. Insofern gab es Fragen, welche Aspekte davon auch für grundständige Lehre adaptiert werden können.

 

Methoden

Im nächsten Panel folgten zwei Beiträge, die sich mit der Vermittlung von Forschungs- und Methodenkompetenz befassten. Zunächst fragte Carola Klöck (Göttingen): „Forschen unterrichten ohne Forschung: (wie) geht das?“. Anhand des Beispiels einer Veranstaltung, in der Studierende die Entwicklung von Forschungsdesigns lernen sollten, berichtete sie von den Herausforderungen, die aus der relativ großen Studierendengruppe und den vielfältigen Zielen des Konzepts entstanden, und suchte nach Ratschlägen zur Überarbeitung des Lehrkonzepts. In der Diskussion wurde der stärkere Einsatz von Peer Feedback angeregt und empfohlen, Studierende einen fertigen Projektantrag kritisieren zu lassen, um ihnen dadurch das Format näherzubringen. Allgemein wurde problematisiert, wie viel Anleitung Studierende beim forschenden Lernen brauchen/wollen.

Danach befassten sich Jasmin Haunschild und Anja Jakobi (beide Braunschweig) mit den Implikationen von Big Data für die Politikwissenschaft im Allgemeinen und die Methodenlehre im Speziellen. Sie hoben hervor, dass sich durch die neue Qualität und Quantität von Datenverfügbarkeit neue Forschungsfelder und –praktiken herausbilden, die unter Namen wie „Data Science“ oder „Computational Social Science“ firmieren. Ersteres wird zumeist als technisches Feld verstanden, in das keine sozialwissenschaftlichen Ausbildungsinhalte einfließen, während letzteres als genuin sozialwissenschaftliches Feld verstanden wird. Einige Institute mit Expertise in quantitativen Methoden haben angefangen, ihre Methodenausbildung um einschlägige Themen zu ergänzen; an der Hochschule für Politik der TU München wurde ein entsprechender Studiengang eingerichtet. Die Diskussion drehte sich einerseits um Fragen, welches Verhältnis Politikwissenschaft zu Daten hat, andererseits um strategische Fragen, wie sich die Disziplin angesichts der Herausbildung neuer Forschungsfelder positionieren sollte. Für die Lehre wurde insbesondere die Kooperation mit technischen ExpertInnen als Möglichkeit hervorgehoben.

 

Workshops Teil I

Im Anschluss ging die Tagung in zwei parallele Kurzworkshops über. Judith Gurr und Caroline Kärger (beide Lüneburg) boten einen Methodenbasar an, in dem sie in 60 Minuten drei Methoden vorstellten, um auch in großen Veranstaltungen die TeilnehmerInnen zu aktivieren: das aktive Plenum, die stille Debatte sowie die Nutzung von Abstimmungssystemen im Rahmen von Peer Instruction.

Lasse Cronqvist (Trier) leitete eine Diskussion darüber, ob das inzwischen weit verbreitete Instrument der standardisierten Lehrevaluation für eine Reflexion zur Verbesserung der Lehrqualität geeignet ist. Dabei wurde die Validität der Evaluationsergebnisse sowie deren Funktion als Steuerungsinstrument im Hochschulsystem kritisch diskutiert, aber auch Möglichkeiten identifiziert, wie – ggf. in Kombination mit anderen qualitativen Feedbackmechanismen – dennoch ein Nutzen aus Evaluationen gezogen werden kann.

 

Normativität

Zum Abschluss des ersten Tages fand das Panel zu Normativität in der Hochschullehre statt. Zum Einstieg wies Dannica Fleuß (HSU Hamburg) darauf hin, dass man hier die Lehre über Normativität von der Normativität in der Lehre unterscheiden müsse, auch wenn dies in der Praxis natürlich zusammenfallen kann. Sie stellte eine Seminarkonzeption vor, wie in der Lehre der politischen Theorie die Reflexion über menschenrechtliche Normen mit praktischen Implikationen anhand von konkreten Beispielen verbunden werden kann. Damit möchte sie die normative Urteilsfähigkeit ihre Studierenden stärken, indem sie sie u.a. zum theoretischen Perspektivwechsel verpflichtet. In ihrem Vortrag stellte sie auch die Spezifika der Studierenden an der HSU heraus, die als Soldaten*innen oft ein stark persönliches Interesse etwa an den Dilemmata ‚humanitärer Interventionen‘ hätten.

Anschließend hielt Julian Eckl (Hamburg) fest, dass Lehre nicht werturteilsfrei sein kann. Bereits die klassischen Lerntheorien Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus beinhalteten bestimmte Menschenbilder sowie normative Setzungen darüber, welche Rollen Lehrende und Lernende einzunehmen hätten. Durch die Entscheidung für eine Lerntheorie nehmen Lehrende also eine normative Position ein – vor jeglicher inhaltlicher Diskussion, in der dies ebenfalls unvermeidlich sei. Weiterhin sah er einen Anlass zur erneuten Beschäftigung mit den normativen Grundlagen von Lehre angesichts verbreiteter Krisendiskurse der Demokratie. Wenn gesellschaftliche Konsenslinien neu verhandelt oder überschritten werden, sei dies auch Anlass zu einer neuen Selbstvergewisserung über ansozialisierte Normen, worüber wie in welchen Kontexten diskutiert werden kann. Die Konfrontation mit Studierenden, die extreme Positionen in Lehrveranstaltungen vertreten, führe zwar zu schwierigen Situationen und Rollenkonflikten, sorge aber auch dafür, dass gesellschaftliche Polarisierungen und Radikalisierungen nicht ignoriert werden könnten.

In der Diskussion wurden theoretische wie praktische Fragen aufgeworfen. Auf theoretischer Ebene wurde darauf hingewiesen, dass die Lerntheorien sehr unterschiedliche Empfehlungen geben, wie mit deviantem Studierendenverhalten umzugehen sei. In praktischer Hinsicht wurde empfohlen, dass Lehrende ihre theoretischen/ontologischen Positionen transparent machen sollten. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass Studierendengruppen zumeist gut mit unterschiedlichen Meinungen umgehen könnten, man aber auch deren Fähigkeit zum Umgang mit Pluralismus nicht fraglos voraussetzen darf. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage aufgeworfen, wie heterogen –hinsichtlich Bildungshintergrund und politischen Einstellungen – Studierendengruppen tatsächlich sind.

 

Workshops Teil II

Der zweite Konferenztag begann mit einem zweiten Paar Workshops. Im ersten bot Matthias Freise fünf Wege an, wie man mit dem Problem umgehen kann, dass Studierende die Seminartexte nicht gelesen haben, und diskutierte mit den TeilnehmerInnen eigene Erfahrungen und Strategien. Zu den Methoden der Stärkung von Lese-Compliance zählten u.a. Power-Point-Karaoke und Textpuzzles. Der zweite Workshop von Caroline Kärger und Judith Gurr fragte, wie, wann, mit wem und wie oft eigentlich ein Dialog über die Lehre stattfindet. In der Diskussion ergaben sich hier zwei Problemlagen: zum einen dass geklärt werden muss wozu ein Dialog dient und wie man ihn für Stakeholder interessant macht, zum anderen dass inhaltlicher Dialog heute oft von Prozessen des Qualitätsmanagements überlagert wird, die für Lehrende wenig attraktiv sind.

 

Praxis Teil II

Im letzten Panel, erneut moderiert von Mischa Hansel, ging es um Demokratieforschung und Demokratiekompetenz. Der erste Beitrag kam von Volker Best (Bonn), der sein Seminarkonzept eines Planspiels in der Regierungslehre vorstellte. Er hatte in Seminaren vor der Bundestagswahl 2017 sowie während der laufenden Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition Studierende zu ParteivertreterInnen gemacht und sie die Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen simulieren lassen, was sie mit großem Engagement taten. Das Feedback der Studierenden war insgesamt sehr positiv und hob den interaktiven Charakter des Seminars sowie dessen Anwendungsbezug hervor.

Im zweiten Vortrag stellte Christoph Klika, Toralf Stark und Susanne Pickel (Duisburg-Essen) ein noch laufendes Projekt zur Entwicklung eines Planspiels vor, das sich mit dem Effekt autoritärer politischer Kultur auf die Stabilität einer Demokratie befassen wird. In der ersten Phase entwickeln sie das Planspiel und die Spielmaterialien gemeinsam mit Lehramtsstudierenden. Nach dessen Fertigstellung möchten sie es in der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen einsetzen, da diese eine besondere Rolle als MultiplikatorInnen für demokratische Kompetenzen und Einstellungen ihrer SchülerInnen haben.

In der Diskussion ging es vor allem um Fragen des Planspieldesigns. Insbesondere wurde darüber diskutiert, inwieweit die Spielleitung den Ausgang eines Spiels (oder einer Zwischenphase) vorbestimmen kann, um damit bestimmte inhaltliche Punkte zu unterstreichen. Demgegenüber wurde argumentiert, dass dies von TeilnehmerInnen negativ bewertet würde und man auch subtil, z.B. durch Eingriffe von „Externen“ den Verlauf eines Spiels beeinflussen könne. Ferner wurde hervorgehoben, dass es für die Erstellung von Spielmaterialien, konkret zur Formulierung von Rollenprofilen, noch nicht viel handlungsleitenden Rat gebe.

 

Abschluss

In der Abschlussrunde baten Daniel Lambach und Mischa Hansel die TeilnehmerInnen um ihr Fazit zur Tagung sowie um die Identifikation latenter oder künftiger Themen, mit denen sich die Themengruppe beschäftigen sollte. Zu diesen gehörten:

  • Welche Erwartungen können/sollen wir an Studierende haben? Stimmt die verbreitete Klage, dass es immer mehr Studierenden an fundamentalen Kompetenzen fehle, oder muss man eher von einer Änderung von deren Kompetenzprofil sprechen? Was wissen wir überhaupt über unsere Studierenden?
  • Wie können wir die Selbstverantwortung der Studierenden stärken? Kann eine umfangreiche Didaktisierung des Lernprozesses Studierende unselbständig machen? Was bedeutet das für Mentoring, das ja vor allem Studierende aus bildungsfernen Schichten unterstützen soll?
  • Welche Rolle schreiben wir der Politikwissenschaft im öffentlichen Raum zu? Haben wir eine Verantwortung zur Beteiligung an gesellschaftlichen und medialen Diskursen und wenn ja, wie können wir unsere Vermittlungskompetenz dazu einsetzen?
  • Wie motivieren sich Lehrende? Wie kann man andere Lehrende zu guter Lehre motivieren?
  • Gibt es Bedarf und Interesse, Lehrmaterialien und Veranstaltungskonzepte zu teilen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen und über welche Plattformen?
  • Welche speziellen didaktischen Herausforderungen gibt es in den Teilbereichen der Politikwissenschaft?

Während die obigen Fragen generell formuliert sind, müssen wir uns in der Beschäftigung darüber verständigen, inwieweit ihre Beantwortung disziplinspezifisch ausfällt oder ob hier auch ein produktiver Austausch mit anderen Disziplinen und/oder der Hochschuldidaktik gesucht werden sollte.

Die Sprecher wiesen abschließend nochmals auf die ab Herbst erscheinende Kleine Reihe Hochschuldidaktik Politik hin und gaben einen Ausblick auf die Aktivitäten der Themengruppe bei der Tagung der DVPW, die September 2018 in Frankfurt am Main stattfinden wird. Im Anschluss an die Tagung fand ein Vernetzungstreffen der Theorielehrenden statt, um damit einen Workshop zur Lehre in der politischen Theorie, Philosophie und Ideengeschichte vorzubereiten.

Programm der Dritten Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre (26.-27. Februar 2018)

Die Dritte Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre findet am 26.-27. Februar 2018 an der Universität Hamburg statt. Unter dem Titel „Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis“ haben wir ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das hier zum Download im pdf-Format zur Verfügung steht: Programm Jahrestagung 2018.

Die Teilnahme ist für alle interessierten Mitglieder und Nicht-Mitglieder offen. Die Teilnahmegebühr beträgt 20 Euro, für Studierende ist die Teilnahme kostenlos. Wenn Sie sich anmelden möchten, schicken Sie bis zum 20. Februar 2018 eine formlose Mail an nicolas.ehricke(ÄT)wiso.uni-hamburg.de.

Wir freuen uns auf eine interessante Tagung und hoffen, Sie dort zahlreich begrüßen zu dürfen.

Call for Papers für die Jahrestagung 2018 in Hamburg

Am 26. und 27. Februar 2018 veranstaltet die Themengruppe Hochschullehre in der DVPW ihre nunmehr dritte Jahrestagung, dieses Mal an der Universität Hamburg. Die Tagung richtet sich an Mitglieder der Themengruppe, DVPW-Mitglieder, ebenso aber an alle interessierten Lehrenden und Studierenden der Politikwissenschaft und verwandter Disziplinen. Eine Mitgliedschaft in der DVPW ist zur Teilnahme nicht notwendig.

Call for Papers (Download als pdf)

Thema der Tagung ist diesmal:

Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis

 

Perspektiven und Konzepte aus der Theorie

Im Rahmen der bisherigen Veranstaltungen unserer Themengruppe wurde deutlich, dass unsere Hochschullehre in didaktischer Hinsicht häufig mit wenig theoretischer Fundierung auskommt. Damit sind nicht didaktische Methoden oder Fragen von Lern- und Kompetenzerwerb gemeint, sondern vielmehr Fragen nach den Spezifika politikwissenschaftlicher Hochschullehre, zum Beispiel: Welche (fachspezifischen) Theorien legen wir der Konzeption von Lehrformaten zugrunde? Welche normativen Prägungen finden Eingang in die Lehre und welche Auswirkungen hat dies für die spätere Praxis? Was unterscheidet politikwissenschaftliche Hochschullehre von der Lehre in anderen Disziplinen? Wo und in welcher Form findet empirische Forschung zum Thema politikwissenschaftliche Hochschullehre statt? Beschäftigen sich Nachwuchswissenschaftler/innen in Qualifikationsschriften mit politikwissenschaftlicher Hochschullehre? Finden Forschungen zu Lehrenden und Lernenden unseres Faches statt? Im Rahmen des Forums „Theorie“ laden wir herzlich ein, Konzepte und Forschungen zu diesen und weiteren Fragen vorzustellen. Unser Theoriebegriff ist hierbei bewusst weit angelegt und meint das Nachdenken, Reflektieren und Evaluieren über bzw. der eigenen Lehre. Hierbei interessieren uns vor allem Forschungen und Konzepte, die noch vor der praktischen Erprobung stehen, ebenso wie theoriegestützte Metaüberlegungen und empirische Forschungen zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre insgesamt. Vorgestellte Konzepte müssen nicht fertiggestellt sein, auch Werkstattberichte laufender Vorhaben oder Ideenskizzen für künftige Forschungen sind äußerst willkommen.

Perspektiven und Konzepte aus der Praxis

Die Jahrestagungen der Themengruppe beinhalten immer auch Präsentationen von Lehrkonzepten, von Erfahrungsberichten aus Lehrveranstaltungen höchst unterschiedlichen Formats. Im Forum „Praxis“ möchten wir erneut die Gelegenheit geben, Lehr-Lernformate aus der Hochschullehre zu präsentieren, Ideen für solche Formate zur Diskussion zu stellen und neue Formate im Kreis von Kolleginnen und Kollegen zu entwickeln. Hierbei laden wir ausdrücklich auch dazu ein, interdisziplinäre und berufsorientierte Lehrformate vorzustellen. Uns geht es nicht nur um Lehrinnovationen, sondern auch um neue Perspektiven auf bewährte Themen und Formate. Denkbar ist überdies, dass Ansätze zum Umgang mit aktuellen Herausforderungen der Lehre (z.B. Heterogenität der Studierenden, Digitalisierung des Studienalltags) präsentiert werden. Gleichermaßen interessieren uns jedoch auch Austausch- und Weiterbildungsformate auf Fach- oder Fakultätsebene, die an Ihren Hochschulen praktiziert werden, so etwa Lehrkolloquien oder Gesprächsrunden zwischen Lehrenden und Studierenden.

 

Einreichung von Beiträgen:

Interessierte senden bis einschl. 30. November 2017 ein Abstract (max. 600 Wörter inkl. Leerzeichen) an die Sprecherin der Themengruppe: Julia Reuschenbach M.A., Universität Bonn (julia.reuschenbach(ÄT)uni-bonn.de). Bitte geben Sie an, in welchem Format (Vortrag, Diskussion, Roundtable o.ä.) Sie Ihren Teil im Rahmen der Tagung gestalten möchten und fügen Sie einige biografische Angaben (max. 250 Wörter inkl. Leerzeichen) bei.

Nach Auswahl der Beiträge werden wir Sie bis zum 20. Dezember 2017 über das finale Programm informieren. Die Themengruppe ermöglicht die Buchung günstiger Übernachtungsmöglichkeiten im Rahmen von Hotelkontingenten. Diese Kosten sowie Reisekosten oder Honorare können leider nicht durch die Themengruppe übernommen werden.

Für Fragen stehen Ihnen die Sprecher/innen der Themengruppe gerne zur Verfügung

Forschung und Lehre: Alltagsschizophrenie, Entfremdungserfahrung oder doch alles halb so wild?

Vorbemerkung: Dieser Bericht fasst die Diskussionen bei einer Roundtable-Diskussion zusammen, den die Themengruppe Hochschullehre bei der Offenen Sektionstagung der DVPW-Sektion Internationale Beziehungen (IB) am 5. Oktober 2017 veranstaltete. Die IB-Sektion hat sich bereits in der Vergangenheit mehrfach mit Themen der Lehre beschäftigt, z.B. bei der Offenen Sektionstagung in Magdeburg 2014, im Rahmen eines Workshops an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing sowie während der Nachwuchstagung 2016. Wir danken den SprecherInnen der IB-Sektion und hoffen auf weitere Zusammenarbeit in der Zukunft.

 

„Was bedeutet es, ein lehrender Forscher bzw. eine lehrende Forscherin zu sein?“ Dies war die Frage, mit der Matthias Hofferberth (University of Texas at San Antonio) den Roundtable „Zwischen Forschung und Lehre – Alltag(sschizophrenie) in den IB?“ einleitete. Sein Eingangsstatement ist hier zu finden. Die vier PanelistInnen näherten sich dieser Frage aus unterschiedlichen Perspektiven.

Tanja Brühl (Universität Frankfurt) hob die Bedeutung von Forschendem Lernen als Brücke zwischen Forschung und Lehre hervor. Dies erfordert eine Haltung des Fragenstellens, was die Rollen von Studierenden und Lehrenden verändert, sowie eine klare Kompetenzorientierung, um Studierende zu befähigen, sich selbst Wissen und Kompetenzen (weiter) anzueignen. Gleichzeitig werden Lehrende damit konfrontiert, ihre Forschung zu begründen, zu kontextualisieren und große Zusammenhänge in kleinere, konkretere Fragen herunterzubrechen.

Tine Hanrieder (Wissenschaftszentrum Berlin) merkte an, es sei ein generelles Charakteristikum einer ausdifferenzierten IB, das die Forschung zu sehr spezialisierten Themen stattfindet, die Lehre aber überblickshaft sein muss. Dies geschieht aber in der Forschungspraxis auch auf Konferenzen, wo man seine Nischenforschung KollegInnen aus anderen Themenfeldern erreichen muss, insofern ist dies kein Spezifikum von Forschung vs. Lehre, sondern eine grundsätzliche Spannung von Generalität und Spezialisierung, die sich durch das Fach zieht.

Linda Monsees (Center for Advanced Internet Studies Bochum) berichtete von eigenen Erfahrungen mit Forschendem Lernen. Dabei kamen die Studierenden von selbst auf abstrakte Fragen und zeigten eine Lust am Theoretisieren. Sie äußerte jedoch Sorge, dass durch Elemente von Zwang und Notendruck diese intrinsische Motivation zerstört wird und Studierenden sich als Reaktion auf diejenigen Felder, Fragen und Ansätze spezialisieren, die sie am besten kennen.

Stephan Stetter (Universität der Bundeswehr München) kritisierte den Schizophreniebegriff und sprach stattdessen von Entfremdungserfahrungen zwischen den Rollen als ForscherIn und HochschullehrerIn. Diese werden durch einen Habitus des Feldes erzeugt, welcher Forschung privilegiert und Lehre als Belastung ansieht.

Die Diskussion drehte sich vor allem um drei Themenbereiche. Erstens wurde die Bedeutung von Forschendem Lernen genauer als Mittel zur Akkulturation von Studierenden als Fragende und Forschende beleuchtet. Dabei ist zu beachten, dass offene Lehr-Lern-Formate wie Forschendes Lernen den Studierenden gute Selbststeuerung und die Fähigkeit zum eigenständigen Lernen abverlangen. Um dadurch nicht soziale Ungleichheiten zu reproduzieren, wie es entsprechende Forschung aus dem Schulbereich naheliegt, ist es Aufgabe der Lehrenden, die entsprechenden Fähigkeiten zu vermitteln, z.B. zur Lektüre schwieriger Texte. Damit wurde auch klar, dass beim Forschenden Lernen nicht nur Forschungskompetenzen im engeren Sinne vermittelt werden dürfen, sondern – im Sinne einer angemessenen Berufsorientierung – auch Praxiskompetenzen (z.B. Präsentation, Projektmanagement, Diskussion und Kritik) nicht vernachlässigt werden dürfen. Weiterhin wurde hervorgehoben, dass Forschendes Lernen nicht etwas ist, was man Studierende machen lässt, sondern was man mit ihnen macht. Forschendes Lernen braucht Spielen und Zweckfreiheit – formatives vs. summatives Feedback müssen klar getrennt werden, um den Studierenden den Notendruck zu nehmen und sie zur Beteiligung zu ermutigen. Dies erfordert auch eine souveräne und gefestigte Lehrpersönlichkeit, um die Lern- und Forschungsprozesse angemessen zu strukturieren.

Zweitens wurde der wechselseitige Mehrwert einer Verknüpfung von Forschung und Lehre hervorgehoben. Forschung bringt die Lehre weiter, indem Forschungsthemen in Lehrveranstaltungen „gegossen“ werden. Das kann auch zur Erschließung eines neuen Themenfelds dienen, weil man sich auf diese Weise sehr gründlich mit der einschlägigen Literatur beschäftigt. Weiterhin wollen Studierende wissen, wo die Forschung steht. Sie brauchen natürlich Grundlagenwissen, um dies zu verstehen, aber man kann ihnen durchaus zeigen, worüber gerade diskutiert und gestritten wird. Gerade bei fortgeschrittenen Studierenden kann man gezielt Irritationen auslösen statt sie mit vermeintlich gesichertem Wissen nach Hause zu schicken. Aber auch die eigene Forschung kann von einer lehrseitigen Beschäftigung mit einem Thema profitieren, z.B. indem die Seminarvorbereitung dazu nötigt, sich mit der neuesten Literatur zu beschäftigen. Überdies bringt die kontinuierliche Beschäftigung in der Lehre neue Ideen, auch können Nachfragen und Anregungen von Studierenden zur Weiterentwicklung der Forschung beitragen. Nicht zuletzt muss man in der Lehre die Relevanz von oft eher kleinteiligen Forschungsthemen klar begründen.

Drittens wurde die Frage aufgeworfen, was das IB-spezifische an diesem Thema sei. Hier wurde darauf verwiesen, dass sich die IB in einer Theoriekrise befinde, die aber in der Lehre nicht widergespiegelt werde, wo zumeist die klassische Großtheorien vermittelt werden. Weiterhin ist der Gegenstandsbereich der IB – zumindest auf den ersten Blick – relativ weit weg vom Alltagsleben der Studierenden. Außerdem gibt es einen kleineren Kanon als in anderen Bereichen der Politikwissenschaft, sowohl in theoretischer als auch methodischer Hinsicht. Nicht zuletzt wurde darauf hingewiesen, wenn man IB – im Sinne des unlängst verstorbenen Ernst-Otto-Czempiel – einen normativen Auftrag unterstelle, dann sei natürlich die Beschäftigung mit Friedensfragen von besonderer Bedeutung und sollte daher auch die Lehre antreiben.

Bericht vom Workshop „Publizieren über die Lehre“ (Mainz, 18. September 2017)

Am 18. September 2017 veranstaltete die Themengruppe einen Workshop „Publizieren über die Lehre“ an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Damit sollten Lehrende dabei unterstützt werden, über ihre Lehre zu forschen, zu schreiben und diese Texte auch zu veröffentlichen. Dazu wurden Publikationsformate erörtert und mit HerausgeberInnen und RedakteurInnen von Zeitschriften und Fachverlagen über Stand und Entwicklungsmöglichkeiten einer Publikationskultur in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre diskutiert. (Hier das Programm als pdf-Version.)

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Organisatoren Wolfgang Muno (Universität Mainz) und Daniel Lambach (Universität Duisburg-Essen) wurde der Workshop mit einem Keynote-Vortrag von Heidi Maurer (London School of Economics) zum Thema „Publikationskulturen in Europa“ eingeleitet (hier der Vortragstext). Dabei stellte sie heraus, dass sich vor allem ein englischsprachiges Publikationsnetzwerk herausgebildet habe, in das zunehmend auch kontinentaleuropäische Lehrende eingebunden sind. Dennoch gebe es nationale und subdisziplinäre Charakteristika in der Lehre, die in den Texten auch reflektiert werden müssten.

In der anschließenden Diskussion wurden unterschiedliche Sichtweisen deutlich, ob PolitikwissenschaftlerInnen kompetent empirische Bildungsforschung betreiben können. Die eine Seite hob hervor, dass die Methoden denen der Sozialforschung ähnelten, während die andere betonte, dass man sich dafür mit Theorien und Literatur aus der Hochschuldidaktik auseinandersetzen muss, um das Rad nicht neu zu erfinden. Es wurde außerdem angemerkt, dass man bei einem Publikationsvorhaben klären muss, mit welcher geographischen oder fachlichen Community man dadurch ins Gespräch kommen will. Zwar kann man viel von anderen Communities lernen, aber interdisziplinär zu publizieren ist mit besonderen Herausforderungen verbunden.

Danach folgte eine von Mischa Hansel (RWTH Aachen) moderierte Gesprächsrunde mit RedakteurInnen und HerausgeberInnen von Fachzeitschriften. Beteiligt waren:

  • Ray Hebestreit (Universität Duisburg-Essen, Redakteur der Zeitschrift für Politikwissenschaft)
  • Silke Schneider (Wochenschau-Verlag, Journal für politische Bildung, politikum und Zeitschrift für die Didaktik der Gesellschaftswissenschaften)
  • Tanja Brühl (Universität Frankfurt am Main, Mitherausgeberin der Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung)
  • Kai-Uwe Schnapp (Universität Hamburg, Redaktion der Politischen Vierteljahresschrift)

Dabei wurde deutlich, dass der Umgang mit lehrbezogenen Artikeln sehr unterschiedlich ausfällt, vor allem was das Begutachtungsverfahren angeht. Es wurde eine formlosen Kontaktaufnahme zur Redaktion empfohlen, um frühzeitig zu klären, ob ein geplanter Text zur Zeitschrift passt bzw. welches Format sich dafür eignet. Viele Beteiligte berichteten aber auch, dass die Zahl der Einreichungen noch ausbaufähig ist und manche Zeitschriften auch gerne stetiger Texte über Lehrthemen veröffentlichen möchten. Die Resonanz der Leserschaft auf Lehrartikel wurde generell als gut beschrieben, allerdings fiel auch der Begriff der „Reputationsasymmetrie“ zwischen Forschung und Lehre, der im weiteren Verlauf des Workshops immer wieder aufgegriffen wurde. Gemeint ist damit, dass Forschungstexten ein größerer Status zugeschrieben wird als Lehrtexten, auch wenn sie im selben Medium erscheinen – dies würde sich auch erst dann ändern, wenn sich die zugrundeliegende Hochschulkultur hin zu einer größeren Wertschätzung der Lehre entwickele.

Nach der Mittagspause begann der Nachmittag mit einem kurzen Grußwort von Marc Debus (Universität Mannheim) aus dem Vorstand der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW), der aktuelle Aktivitäten und Ziele der DVPW vorstellte und die Gäste dazu aufrief, Lehrthemen in Gremien und Veranstaltungen der Vereinigung einzubringen. Danach stellte Wolfgang Muno die Entstehung des Sammelbands „Europa spielerisch erlernen“ (hrsg. von Wolfgang Muno, Arne Niemann und Petra Guasti) vor, der frisch im Verlag Springer VS erschienen ist. Der Band ist als Teil eines fortlaufenden Lehrprojekts zu verstehen, das seit 2010 läuft und über das ab 2013 verschiedene Texten publiziert worden sind. Jan Treibel (Springer VS) ergänzte den Vortrag aus Verlagssicht. Anschließend berichtete Julia Reuschenbach (Universität Bonn) kurz über den Stand der Planung der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik, die ab 2018 im Wochenschau-Verlag erscheinen wird. HerausgeberInnen der Reihe sind Mischa Hansel, Daniel Lambach und Julia Reuschenbach.

Herzstück des Nachmittags war ein Runder Tisch, an der sich neben den bereits genannten Personen außerdem Benjamin Weiß (Buchredaktion der Bundeszentrale für politische Bildung), Sandra Frey (Nomos-Verlag), Bettina Jorzik (Stifterverband), Meike Hensel-Grobe und Andreas Frings (beide Universität Mainz und MitherausgeberInnen der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Geschichte im Wochenschau Verlag) sowie die weiteren WorkshopteilnehmerInnen beteiligten. Die offene Diskussionsrunde stand unter den Leitfragen „Gibt es eine Kultur des Publizierens über die Lehre? Brauchen wir eine?“ und wurde durch kurze Impulse von Bettina Jorzik, Silke Schneider und Tanja Brühl eingeleitet.

Die Leitfragen wurden nahezu einhellig bejaht. Es war Konsens, dass über die Lehre geredet (und geschrieben) werden muss, um die Reputationsasymmetrie schrittweise zu verkleinern. Wolfgang Muno drückte dies als selbstverständlich aus: „Ich lehre – warum soll ich nicht darüber publizieren?“ Es war jedoch ebenfalls klar, dass Publikationen nur ein Element eines größeren Menüs an Instrumenten zur Gemeinschaftsbildung und Kommunikation rund um die Hochschullehre sind. Das bedeutet, dass eine Publikationskultur ein Teilaspekt der Lehrkultur ist und im entsprechenden Kontext verstanden werden muss.

Mehrere TeilnehmerInnen betonten die Notwendigkeit von Forschung, insbesondere über längere Zeiträume. Wenn wir auch die Lehre auf lange Sicht besser machen wollen, ist eine systematische Beforschung unvermeidlich – bei allem Respekt gegenüber der Aufgabe. Unvollständige Daten sind aber immer noch besser als keine Daten, was der momentane Normalzustand ist. Insbesondere zu längerfristigen Lerneffekten, am besten auch noch über den Studienabschluss hinaus, gibt es nahezu keine Erkenntnisse und großen Forschungsbedarf. In Fachverlagen und Zeitschriften gibt es ein deutliches Interesse an lehrbezogenen Publikationen, hier sollten AutorInnen aber proaktiv den Kontakt suchen.

Es wurde viel über das angemessene Verhältnis einer fachspezifischen Hochschuldidaktik der Politikwissenschaft zur allgemeinen Hochschuldidaktik (sowie teilweise zur schulischen Fachdidaktik) debattiert. Eine Frage war dabei, welche Rolle fachspezifische Publikationen für die Fortbildung des Lehrnachwuchses haben sollen. Einerseits kann es sinnvoll sein, zuerst allgemeine hochschuldidaktische Grundkenntnisse zu erwerben und diese durch fachbezogene Methoden zu konkretisieren, andererseits sind Lehrmethoden sehr kontextuell, so dass Nachwuchslehrkräfte mit allgemeindidaktischen Ratschlägen eventuell wenig anzufangen wissen.

Es wurde betont, dass man von der allgemeinen Hochschuldidaktik methodisch und theoretisch viel lernen könne. Weniger klar war dagegen, wie man als fachlich Lehrende etwas zurückgeben kann – obwohl von Seiten der Hochschuldidaktik durchaus Interesse an so einem Austausch formuliert wird. Publikationen in allgemeindidaktischen Outlets werden im Fach noch weniger honoriert und natürlich auch nach anderen Standards begutachtet. Das macht die Kommunikation über Fächergrenzen schwerer und unattraktiver.
Diese Diskussionen führten immer wieder zur Grundfrage zurück, was den Kern der Politikwissenschaft ausmacht und was dies für die Hochschuldidaktik des Fachs bedeutet? Was bedeutet „politisches Denken“ und wie können wir es vermitteln? Diese Fragen konnten naturgemäß nicht aufgelöst werden, da dies eine längerfristige Konversation darstellt, die im Rahmen der Themengruppe und andernorts fortgeführt werden muss. Dabei muss vor allem differenziert werden: Erstens entwickelt sich auch die Hochschuldidaktik eines Fachs weiter – ähnlich wie die Forschung zeigen sich dort Paradigmen, die zum Teil widersprüchlich sind und einem Evolutions- und Revolutionsprozess unterliegen. Zweitens zeichnet sich ab, dass man auch innerhalb der Politikwissenschaft didaktisch unterscheiden muss. In unterschiedlichen Teilbereichen gibt es deutlich unterschiedliche Lehrparadigmen, wie alleine der Vergleich von politischer Theorie und Ideengeschichte mit Methoden der Politikwissenschaft verdeutlicht. Insofern ist auch hier Differenzierung möglich und notwendig.

Nach Abschluss der Diskussionsrunde wurde der Workshop mit einem Vernetzungstreffen beendet, bei dem AutorInnen, HerausgeberInnen und VerlagsvertreterInnen Publikationsmöglichkeiten im Rahmen einer Buchausstellung besprechen konnten. Insgesamt unterstrich der Workshop, dass sich eine deutliche Dynamik in Richtung einer Publikationskultur über die Hochschullehre abzeichnet, die aber vorangetrieben und mit Leben erfüllt werden muss. Insofern wird dies nicht die letzte Beschäftigung mit dem Thema „Publizieren über die Lehre“ sein.

Für die Schaffung einer Deutschen Lehrgemeinschaft

Anlässlich eines neuen Gutachtens des Wissenschaftsrates ist (mal wieder) eine Diskussion am entstehen, wie die Lehre an deutschen Hochschulen besser und vor allem langfristiger gefördert werden kann, als durch immer wieder befristete Qualitätspakte und Fördertöpfe. In dem Zusammenhang hat Jan-Martin Wiarda in seinem Blog und über verschiedene Medien gefordert, es müsse eine Deutsche Lehrgemeinschaft – als Parallele zur Deutschen Forschungsgemeinschaft – gegründet werden.

Dazu schreibt er:

Die alte Idee einer dauerhaften Deutschen Lehrgemeinschaft sollte dringend wieder ausgemottet werden. Der Anlass ist da, wenn demnächst die Anschlussfinanzierung des auslaufenden Hochschulpakts ansteht. Der setzte bislang vor allem auf die großen Studierendenzahlen. Künftig, da sind sich Bund und Länder einig, soll er stärker auf Qualität abheben. Wie wäre es, beides zu verbinden: eine Studienplatzfinanzierung für gute Lehre in der Breite und ein von Proporz befreites, echtes Förderprogramm für exzellente Ideen?

Diese Forderung war auch in einer Diskussion während unserer Jahrestagung 2016 aufgekommen und stieß damals auf breite Zustimmung. Insofern möchte ich mich deutlich für diesen Vorschlag aussprechen – auch wenn die ersten Reaktionen aus Hochschulleitungen, s. Wiardas Blog, kritisch ausfallen. Deren Bedenken kann ich durchaus nachvollziehen, aber für mich überwiegt ein Pro-Argument: Es gibt zurzeit nahezu keine Infrastruktur zur Förderung von lehrbezogenen Projekten, insbesondere sobald diese mehr als eine einzige Hochschule einbeziehen. Dies umfasst nicht nur das Ausprobieren neuer Lehrformate, sondern auch die Vernetzung der Lehrenden untereinander, den Austausch und die Entwicklung einer Publikationskultur über die Lehre. Alleine für dieses Ziel wäre die Schaffung einer DLG schon ein sinnvoller erster Schritt.

Hier öffnet sich gerade ein Politikfenster, das dieses Thema in der Bildungspolitik salient macht. Ich rufe alle LeserInnen dazu auf, sich an dieser notwendigen Debatte zu beteiligen.