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Ergebnisse einer Absolvent*innenstudie von Masterstudiengängen der Friedens- und Konfliktforschung

Seit 2002 sind in Deutschland und Österreich mehrere Studienangebote in der Friedens- und Konfliktforschung (FKF) geschaffen worden. Diese vermitteln Studierenden analytische und praktische Kompetenzen, um sie für friedens- und konfliktrelevante Berufsfelder zu qualifizieren. Wie gut dies gelingt, ist jedoch bislang lediglich in standortbezogenen Evaluationen erforscht worden. Um zu robusteren Ergebnissen über das Feld FKF zu kommen, wurde im Herbst 2017 in einem gemeinsamen Projekt von Wissenschaftler*innen von sieben Universitäten (Duisburg-Essen, Frankfurt a. M./Darmstadt, Hamburg, Innsbruck, Konstanz, Magdeburg und Tübingen) eine gemeinsame Absolvent*innenstudie von Masterstudiengängen aus dem Bereich Friedens- und Konfliktforschung durchgeführt. Der entsprechende Artikel von Patricia Schneider (IFSH) und mir ist gerade in der Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung erschienen (link) (frei zugänglicher preprint).

An der Befragung nahmen insgesamt 352 Absolvent*innen teil, davon waren 59,7% weiblich, 72,9% haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Befragten arbeiten in einer Reihe unterschiedlicher Branchen, von denen keine deutlich überwiegt, und sind in sehr vielfältigen Tätigkeitsbereichen eingesetzt.

74,5% der Befragten arbeiten auf Vollzeitstellen. Allerdings ist der Anteil befristeter Verträge mit 60% relativ hoch, wobei es hier eine hohe Varianz zwischen verschiedenen Branchen gibt.

Die Wahrscheinlichkeit einer unbefristeten Beschäftigung steigt, je länger die Absolvent*innen im Berufsleben sind. Relativ wenige Befragte sind derzeit arbeitslos (35 Personen), wobei dies auch Befragte in Elternzeit, Weiterbildungen und Promotionsphasen umfasst.

Aus unserer Sicht als Koordinator*innen der jeweiligen Studiengänge besonders erfreulich ist die positive Einschätzung der Studiengänge. Zwei Drittel der Absolvent*innen (67,0%) schätzen die im Masterstudium erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten für eher oder sehr relevant für ihre derzeitige berufliche Tätigkeit ein.

Bei der Jobsuche waren insbesondere Stellenausschreibungen sowie Hinweise durch Kontakte wertvoll. Wir hatten die Absolvent*innen außerdem gebeten, die Bedeutsamkeit bestimmter Elemente des Studiums für ihre erfolgreiche Stellensuche auf einer Viererskala einzuschätzen.

Wir interpretieren diese Ergebnisse wie folgt:

  • Es gibt Hinweise darauf, dass Arbeitslosigkeit ein seltenes Phänomen unter den Befragten ist, das vor allem Absolvent*innen kurz nach dem Abschluss betrifft. Arbeitslosigkeit tritt teils aufgrund selbst gesetzter Präferenzen oder Limitierungen auf, jedoch nicht aufgrund mangelnder Qualifikation. Je länger der Abschluss zurückliegt, desto seltener ist die Arbeitslosigkeit.
  • Analog gilt: Je länger der Abschluss zurückliegt, desto größer ist auch der Anteil unbefristeter Tätigkeiten. Generell treffen wir hier auf einen Spiegel des allgemeinen Arbeitsmarktes, z.B. prekäre Verhältnisse, die insbesondere in der Wissenschaft oder Entwicklungszusammenarbeit junge Laufbahnen hart treffen.
  • Laut den Befragten war die thematische Ausrichtung des Masters für die Mehrheit hilfreich bei der Stellensuche. Es ist jedoch unklar, ob dies eine spezifische Nachfrage nach FKF-Expertise darstellt. Angesichts der unspezifischen und generalistischen Berufsbilder für Politikwissenschaftler*innen und Soziolog*innen erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass unsere Absolvent*innen mit anderen sozialwissenschaftlichen Absolvent*innen um dieselben Arbeitsstellen konkurrieren. Dies wäre jedoch noch arbeitgeberseitig zu untersuchen.
  • Die Absolvent*innen brauchen für ihre spätere Berufspraxis auch relativ fachunspezifische Kompetenzen, wie z.B. Organisationskompetenz und Fähigkeiten im Projektmanagement.
  • Absolvent*innen billigen ihren Studieninhalten auch rückblickend mehrheitlich berufliche Relevanz zu. Es gelingt also gut, Absolvent*innen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Auch hier wären weitere Untersuchungen, z.B. aus Arbeitgeberperspektive, instruktiv.
  • Absolvent*innen betonen die Wichtigkeit von Praktika und außeruniversitärem Engagement für ihre erfolgreiche Stellensuche. Studiengänge ohne verpflichtende Praktika sollten daher überlegen, wie sie Studierenden ermöglichen können, entsprechende Praxiserfahrungen zu sammeln.

Die Ergebnisse zeichnen ein insgesamt positives Bild – die Absolvent*innen arbeiten mehrheitlich in anspruchsvollen, wissensintensiven Berufsfeldern, auf die sie sich durch ihr Masterstudium angemessen vorbereitet fühlen. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es den untersuchten Studiengängen gut gelingt, den Studierenden eine angemessene Mischung an fachspezifischen Fähigkeiten, inhaltlichem Wissen und fachunspezifischen Kompetenzen zu vermitteln. Dennoch sollte die Überprüfung und Weiterentwicklung der Studienangebote auch weiterhin im Fokus der Studienleitungen stehen. Zum anderen sollten die Studierenden darauf vorbereitet werden, dass sie zwar häufig reguläre Arbeitsverträge in Vollzeit erwarten, diese aber oft befristet sind, insbesondere in der Berufseinstiegsphase, und unkonventionelle Beschäftigungsformen oder kurze Phasen der Arbeitslosigkeit nicht ungewöhnlich sind.

Workshop “Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte” (10.-11. Mai 2019, Hamburg)

Seit einiger Zeit gibt es in unserem Arbeitskreis eine sehr rege Arbeitsgruppe, die sich mit der Lehre in der politischen Theorie und Ideengeschichte befasst. Diese Gruppe, unter Leitung von Andreas Busen, Dannica Fleuß und Alexander Weiß hat jetzt erstmals einen Workshop organisiert (siehe den Call hier), der unter dem Titel „Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte: Selbstverständnis, Praxis, Perspektiven“ am 10. bis 11. Mai 2019 an der Universität Hamburg stattfindet.

Das Programm (pdf-Fassung) umfasst spannende Beiträge mit Praxisberichten, Überlegungen zur Demokratiepädagogik und konzeptionellen Fragen der Theorielehre. Im Mittelpunkt steht eine hochkarätig besetzte Roundtable-Diskussion zu den Herausforderungen und Perspektiven der Lehre politischer Theorie und Ideengeschichte.

Wer am Workshop teilnehmen will, wendet sich am besten direkt an die OrganisatorInnen (Kontaktmöglichkeiten siehe Programm).

Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Politikwissenschaft

Seit einigen Jahren findet in der und um die Politikwissenschaft in Deutschland und im Ausland eine Debatte statt, wie “relevant” das Fach eigentlich (noch) sei. In Deutschland ist dies u.a. in publikumswirksamen Beiträgen in großen Medien (ZEIT, FAZ) sowie in Fachzeitschriften (Zeitschrift für Politikwissenschaft) diskutiert worden. (Alle Beiträge sind auf der Webseite der DVPW archiviert.) In den USA wurde eine ähnliche Diskussion vor kurzem mit Beiträgen in der Chronicle of Higher Education (pro und contra).

Die Kritik macht in diesen Beiträgen vor allem an der fehlenden Sichtbarkeit (i.S. von Beiträgen oder Statements in publikumswirksamen Medien) und Politikrelevanz (i.S. eines Aktualitätsbezugs der Forschung und einer Kommunikation an politische Entscheidungsträger*innen) fest. Oft wird auch eine Verwissenschaftlichung der Wissenschaft (Stichwort “Methodenfetisch”) beklagt, wegen derer es keine wahren Intellektuellen mehr gebe – ganz anders als in den goldenen Zeiten, wo jede bildungsbürgerliche Familie am Mittagstisch über den neuen Habermas diskutierte. (Ich übertreibe hier vielleicht etwas.)

Die Gegenposition sagt, dass dies ein zu enger Blick auf die gesellschaftliche Wirkung von Wissenschaft sei. Sie hat dabei die kritische Wissenschaftsforschung auf ihrer Seite. Diese zeigt, dass man das das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis nicht als eins von Wissensangebot und -nachfrage verstehen sollte, sondern es als Wechselbeziehung begreifen muss. Das heißt, dass es nicht nur um den “Transfer” von wissenschaftlicher Erkenntis in eine wie auch immer definierte Praxis geht, sondern dass auch die Praxis einen Einfluss auf die Wissenschaft hat, im Guten wie im Schlechten.

Ferner ist eine Verengung auf die Sichtbarkeit in Massenmedien und die Beratung von Entscheidungsträger*innen problematisch, da dies viele andere Aspekte marginalisiert, über die die Politikwissenschaft (ebenso wie andere Fächer) gesellschaftliche Wirkung erzielt:

  • Die Hochschullehre, in der künftige politische Akteure und demokratische BürgerInnen gebildet werden
  • Öffentliche Kommunikation von Forschung über andere Kanäle (soziale Medien, Podcasts, Videos, in öffentlichen Veranstaltungen)
  • Die Kommunikation mit politischen Akteuren außerhalb staatlicher Institutionen (z.B. aus Denkfabriken, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Gewerkschaften, sozialen Bewegungen)
  • Transnationale Kommunikation mit politischen Akteuren (z.B. Medien, Praktiker*innen, Studierende) aus anderen Ländern

Für uns als AK Hochschullehre ist der erste dieser Punkte von besonderer Bedeutung. Die meisten Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer werden nie große Politikberatung betreiben. Auch ihre Forschungsleistungen werden fast ausschließlich von anderen ForscherInnen gelesen. Die tiefsten und nachhaltigsten Spuren in der Gesellschaft hinterlassen wir daher nicht mit 600-seitigen Monographien zu einem Spezialthema, sondern durch unsere Lehre, über die wir Semester für Semester dutzende, wenn nicht hunderte von Studierenden erreichen. Manche von ihnen begleiten wir jahrelang, manche auch sehr nahe, z.B. durch die Betreuung ihrer Abschlussarbeiten.

Die gesellschaftliche Wirkung entfaltet sich dadurch, dass diese Studierenden während und nach ihrem Studium die von uns erworbenen Kompetenzen in ihr Leben und ihren Beruf mitnehmen. Manche dieser Studierenden mag es in durchaus verantwortungsvolle Positionen in der Politik und anderswo verschlagen, wo ihnen unsere Anleitungen zum kritischen Denken, zur wissenschaftlichen Problemanalyse sowie zu Theorien und Methoden nützlich sein können. Aber auch für diejenigen, die einen anderen Weg gehen, ist die durch uns vermittelte Bildung wichtig, denn sie befähigt sie zur Teilhabe als demokratische BürgerInnen und – insofern man dies als valides Bildungsziel ansieht – qualifiziert sie für anspruchsvolle berufliche Tätigkeiten.

Insofern sollten wir bei den Debatten um Sinn und Zweck der Politikwissenschaft die Lehre stärker in den Vordergrund rücken. Sie ist der Weg, über den wir Spuren im Leben anderer hinterlassen. Und sie erdet in gewisser Weise die hyperbolischen Diskussionen um Aufstieg und Fall eines Fachs.

Bericht von der Vierten Jahrestagung politikwissenschaftliche Hochschullehre (Münster, 25.-26.2.2019)

Die Vierte Jahrestagung des AK Hochschullehre lief unter der Überschrift „Vielfalt und Weitblick in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre“. Am 25. und 26. Februar 2019 trafen sich knapp 40 WissenschaftlerInnen am Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

 

E-Learning

Nach einer Begrüßung durch den Organisator Matthias Freise (Münster) ging es im ersten Panel um Praxisbeispiele aus dem Bereich E-Learning. Im ersten Vortrag präsentierten Witold Mucha und Christina Pesch (Düsseldorf) ihre Pläne zum Aufbau einer Plattform für gemeinfreie Bildungsressourcen (Open Educational Resources, OER) zur standortübergreifenden Lehrkooperation. Diese Plattform soll als themenübergreifendes Didaktik-Portal eine Art „Handbuch“ für blended learning und cross-site teaching bieten, eine offene Materialsammlung darstellen und als Plattform zur Diskussion und Netzwerkbildung dienen. Im Anschluss stellte Tobias Denskus (Malmö) das seit 20 Jahren laufende Online-Master-Programm „Communication for Development“ vor. Dabei betonte er den Vorbereitungs- und Administrationsaufwand, der mit reinen Online-Angeboten einhergeht und hob die Notwendigkeit einer technischen Unterstützung für Lehrende hervor. Außerdem prägte er den Begriff einer synchronen Vorlesung als „didaktischem Lagerfeuer“, um das sich die räumlich getrennten Studierenden in regelmäßigen Abständen symbolisch versammeln können.

In der Diskussion wurden verschiedene Probleme und Grenzen des E-Learning herausgearbeitet. Neben dem bereits erwähnten Aufwand gibt es auch institutionelle Bremskräfte, die einer breiteren Nutzung von digitaler Lehre entgegenstehen. Dabei entwickelt sich derzeit ein Standard, der digitale Elemente als Begleitung synchronen, gemeinsamen Lernens – ob physisch oder virtuell – versteht. Ohne diese „Lagerfeuer“ fehlt es gerade für schwächere Studierende an Bindewirkung und die Risiken eines Abbruchs erhöhen sich. Ferner wurden die geringe Nutzung und das geringe Angebot von OER in der Politikwissenschaft hervorgehoben, die auf rechtliche Hürden, fehlende Vorbilder und erneut das Kostenargument zurückgeführt wurden.

 

Methodenlehre

Das zweite Panel begann mit einem Vortrag von Markus Tausendpfund und Christian Cleve (Fernuni Hagen), die ihre offene Lernplattform für Mathematik in den Sozialwissenschaften vorstellten. Diese Plattform bietet Auffrischungskurse für schulmathematische Kompetenzen, die für das Studium der Politikwissenschaft notwendig sind, nämlich grundlegende Rechenoperationen, Bruch-, Dezimal- und Prozentrechnung sowie univariate Datenanalyse. Die Lernplattform (zugänglich über www.offene.fernuni-hagen.de) steht auch Nichtstudierenden der Fernuni Hagen zur Verfügung. Anschließend stellten Holger Döring (Bremen) und Philip Hocks (Münster) ein Papier mit dem Titel „Vom Analysieren zum Generieren: Datenwissenschaft in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre“ vor. Sie argumentieren, dass die sozialwissenschaftliche Methodenlehre einen gefestigten Kern habe, der aber bislang kaum auf zwei große Trends eingeht: erstens die Ubiquität von Daten und zweitens eine Vielzahl neuer Lehrmaterialien und Lehrmittel in den Datenwissenschaften. Zur Überarbeitung der Methodenlehre plädieren sie für eine projektförmige Gestaltung, die Methode und Inhalt zusammenbringt und Synergien zwischen verschiedenen online-Selbstlernangeboten und universitären Curricula nutzt.

In der Diskussion wurde kritisch erforscht, inwiefern man sich dadurch von externen Anbietern und einer wirtschaftlichen Verwertungslogik abhängig machte. Auch die Einstiegshürden in der Methodenausbildung durch die zunehmend verbreitete Nutzung von R und anderen Programmen wurden thematisiert. Gleichzeitig wurde der Nutzen von online-Angeboten zur Schließung von Fähigkeitenlücken betont. Auch unterstützten mehrere Beiträge die Idee eines Co-Teaching zwischen MethodikerInnen und Fachgebieten.

 

Open Space: Die Lehrkulturen der Politikwissenschaft

In einem Open Space unter dem Namen „Wer sind wir und wenn ja wie viele?“ rief Daniel Lambach (Frankfurt) zu einer Erforschung auf, welche Lehrkulturen es innerhalb des Fachs Politikwissenschaft gibt. In einem ersten Schritt wurden deshalb Arbeitsgruppen gebildet, die verschiedene Teilbereiche und Querschnittsthemen unter den TeilnehmerInnen repräsentierten. Diese AGs diskutierten, was die Lehre in ihrem Themengebiet ausmacht. In einer zweiten Phase wurden die Ergebnisse der AGs vorgestellt und in eine Debatte über deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten eingespeist. Dabei zeigten sich bestimmte subdisziplinäre Unterschiede in der Lehre, z.B. der unterschiedliche Stellenwert von Theorie. Teils traten aber auch deutliche Unterschiede innerhalb von Teildisziplinen auf. Zudem haben Institutsstandorte unterschiedliche, historisch bedingte Traditionen, die auch zur Herausbildung von Lehrprofilen beitragen (können). Es wurde angeregt, systematischer darüber nachzudenken, in welchen Bereichen sich die verschiedenen Teilgebiete der Politikwissenschaft zuarbeiten. Dieses Nachdenken geschieht zumeist nur in Bezug auf Methoden, aber derartige Schnittstellen gibt es auch zwischen anderen Gebieten.

 

Podiumsdiskussion: Wie wollen wir lehren?

Der Höhepunkt des ersten Tages war eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Wie wollen wir lehren? Herausforderungen und Zukunft politikwissenschaftlicher Lehre“. Moderiert von Julia Reuschenbach (Bonn) diskutierten Armin Schäfer, Andrea Szukala (beide Münster), Ray Hebestreit und Marcus Lamprecht (beide Duisburg-Essen) darüber, welche Rolle die Hochschullehre in der Politikwissenschaft einnimmt und welche Herausforderungen sie für die Zukunft der Lehre sehen. Andrea Szukala hob hervor, dass Lehre Teil des Vermittlungs- und Abgrenzungsprozesses zwischen und über Disziplinen sei und so zur Charakterisierung des Fachs beitrage. Ray Hebestreit sah die politikwissenschaftliche Hochschullehre in der Verantwortung, Studierende zu aufgeklärten BürgerInnen zu machen. Marcus Lamprecht, Vorstandsmitglied des freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs), mahnte, dass Studierende nicht nur Rezipienten von Lehre sein wollen, sondern auch in deren Gestaltung einbezogen werden wollen. Armin Schäfer, der neue DVPW-Vorsitzende, betonte den zu geringen Stellenwert der Lehre und verwies auf fehlende Anreizsysteme in der Karriereentwicklung und Hochschulsteuerung.

In der Diskussion zwischen Podium und Publikum schälten sich einige zentrale Themen heraus. Mehrere TeilnehmerInnen argumentierten, dass WissenschaftlerInnen durch Lehre eine größere gesellschaftliche Wirkung ausüben als sie es durch ihre Forschung jemals könnten und dass dies nicht ausreichend beachtet würde. Es bestand auch Einigkeit, dass Hochschullehre vielerorts unter ungünstigen strukturellen Rahmenbedingungen stattfindet. Dazu gehören prekäre Beschäftigungsverhältnisse, zu hohe Lehrdeputate, zu viele Prüfungen und schlechte Betreuungsrelationen. Gute Lehre wird unter diesen Umständen erschwert. Dennoch ist es auch innerhalb dieses Systems möglich, Anreize für gute Lehre zu setzen. Allerdings bestand keine Einigkeit darüber, inwieweit dies in bestehenden Prozeduren abgebildet werden kann. Gleichwohl hat die DVPW hier auch eine Rolle zu spielen – sie bietet ein Forum, in dem solche Diskussion geführt werden können. Armin Schäfer hob dabei hervor, dass der Arbeitskreis Hochschullehre schon zu einer Profilierung des Themas Lehre in der Vereinigung geführt habe.

 

Quo Vadis, Hochschullehre?

Der erste Tag wurde mit einer Keynote von Ulrich Hamenstädt (Münster) unter dem Titel „Quo Vadis? Perspektiven und Herausforderungen politikwissenschaftlicher Hochschullehre“ abgeschlossen. Darin argumentierte Ulrich Hamenstädt, dass die politikwissenschaftliche Lehre innerhalb des Fachs zunehmend sichtbar werde. Im Kontext dieser Entwicklung stehe sie aber vor einigen Herausforderungen, denen sie begegnen müsse, welche Hamenstädt in einer Reihe von Thesen zusammenfasste. Erstens habe die politikwissenschaftliche Didaktik keine Theorie. Zweitens mache es die Logik des wissenschaftlichen Betriebs schwer, exzellente Lehre anzubieten. Drittens böten hochschuldidaktische Zentren an vielen Universitäten gute Dienstleistungen an, würden aber Lehre und Didaktik aus ihren fachlichen Kontexten herausholen. Viertens gebe es im Bereich des digitalen Lehrens zwar viel Dynamik aber zu viele Insellösungen.

 

Interdisziplinäre und Praxisorientierte Lehrprojekte

Der zweite Tag war dem Konferenzthema „Vielfalt und Weitblick“ gewidmet. Im ersten Panel ging es dabei um Lehre in interdisziplinären und praxisorientierten Kontexten. Henrique Otten (FHÖV Münster) berichtete von seinen Erfahrungen aus einem berufsbegleitenden Masterstudium für angehende Führungskräfte aus der öffentlichen Verwaltung. Am Beispiel von regionalen Bildungsnetzwerken machte er deutlich, wie komplex „Praxisorientierung“ ist, wenn die Praxis selbst komplex gestaltet ist. Anschließend berichtete Bernhard Stahl (Passau) über ein interdisziplinäres Lehrinnovationsprojekt unter Beteiligung von Politikwissenschaft und Journalistik. In einem zweisemestrigen Prozess erarbeiten darin Studierende eigene Forschungsarbeiten, die einen wissenschaftlichen Publikationsprozess inklusive einer simulierten Konferenz durchlaufen. Er hob die Herausforderungen hervor, die sich durch unterschiedliche disziplinäre Kulturen ergaben, beispielsweise was den Stellenwert von Theorie anging.

In der Diskussion wurde deutlich, dass es in der Politikwissenschaft eine mehr oder weniger implizite Geringschätzung praxisorientierter Lehre gibt. Praxisbezogene Lehre gilt als Lehre zweiter Klasse, auch wenn das nur selten offen artikuliert wird; forschungsbezogene Lehre gilt dagegen als die Königsdisziplin. Dahinter verbergen sich auch Annahmen darüber, was ein angemessenes Ziel eines Hochschulstudiums ist. Vergleichbare Debatten über Berufs- und/oder Forschungsorientierung werden oft entlang ähnlicher Linien geführt.

 

Workshop Hochschuldidaktik und politikwissenschaftliche Hochschullehre

Im Anschluss moderierte Cornelia Kenneweg (Leipzig) einen Workshop zu Kontaktzonen und Kooperationsformen zwischen Hochschuldidaktik und politikwissenschaftlicher Hochschullehre. Dieser sollte den Graben erforschen, der zwischen Hochschuldidaktik und Fachlehre besteht: die Didaktik weiß nicht, wie die Lehrpraxis in den Fächern aussieht, braucht das aber zur Weiterentwicklung ihrer Konzepte. Die Fachlehrenden finden hochschuldidaktische Konzepte zu abstrakt, haben aber keine Theorien und Methoden hinter ihrer Lehre und Lehr-Lern-Forschung. Positiv gewendet kann man diesen Graben auch als Raum ansehen, in dem sich eine fachbezogene Hochschuldidaktik entwickelt, die von beiden Seiten lernt. Der AK sieht sich in der Aufgabe, die Entwicklung einer solchen fachbezogenen Hochschuldidaktik voranzubringen, wozu wir u.a. die Buchreihe ins Leben gerufen haben. Der Workshop sollte dazu dienen, Möglichkeiten für einen beidseitig produktiven Dialog mit der Hochschuldidaktik zu identifizieren.

Am Ende des Workshops hatten die TeilnehmerInnen eine Reihe von Ergebnissen erarbeitet: Erstens sollte die Hochschuldidaktik ihre Angebote klarer auf fachliche Zielgruppen zuschneiden und die Evidenzbasis didaktischer Methoden transparent machen. Zweitens seien hochschuldidaktische Fortbildungen insbesondere für Nachwuchslehrende hilfreich, fortgeschrittenere Statusgruppen kämen dagegen kaum in Kontakt zur Hochschuldidaktik. Drittens seien entsprechende Kurse mit ihren ganztägigen Formaten oft eher inflexibel – kürzere Formate zu spezifischen Methoden und Mitteln fehlen. Viertens mangelt es Lehrenden an Ideen und Kontakten, um an hochschuldidaktische Anregungen heranzukommen, die jenseits der Zertifikatsprogramme liegen. Fünftens müssen wir im Fach Lehrtraditionen und -standards weitergeben. Es fehlt an einer Kultur des Mentorings in der Lehre, während dies z.B. an Schulen vollkommen alltäglich ist. Sechstens koste gute Hochschuldidaktik Geld und Universitäten müssten bereit sein, für Qualität zu bezahlen.

 

Interkulturelle Lehre

Im letzten Panel wurde Interkulturalität in der Lehre thematisiert. Der erste Vortrag von Henrike Bloemen, Julia Henn und Paul Meiners (alle Münster) befasste sich mit der Wahrnehmung von Interkulturalität durch Lehrende in einem deutsch-französischen Kooperationsstudiengang der Universität Münster und Sciences Po Lille. Das Team berichtete von einem Forschungsprojekt, in dessen Rahmen Fokusgruppendiskussionen mit Fachlehrenden durchgeführt worden waren. Aus der Auswertung der Empirie wurden Handlungsempfehlungen für die Lehrpraxis abgeleitet, die insbesondere die Reflexion der Lehrenden über ihre eigene Rolle und die der Studierenden ins Zentrum rückten. Im zweiten Vortrag stellte Dannica Fleuß (Helmut-Schmidt Universität Hamburg) einen Erfahrungsbericht aus einem Co-Teaching-Projekt in der politischen Theorie an der Universität Dar Es Salaam (Tansania) vor. Dort unterschied sich der Lehr- und Diskussionskontext deutlich von typischen Lehrsituationen in Deutschland, was eine direkte Übersetzung eines Lehrkonzepts verhinderte. Dies erforderte eine Klarstellung ihrer Rolle als Lehrende sowie der „Spielregeln“ des Lehrsettings, die für die Moderation normativer Diskussion besonders wichtig sind.

Die Diskussion befasste sich vor allem mit der Übertragung der Eindrücke aus Münster/Lille sowie Dar Es Salaam auf andere Kontexte. Dabei kam auch zur Sprache, wie Wissensproduktion und Lehre im Nord-Süd-Gefälle im Lichte postkolonialer Ansätze stattfinden kann. Nicht zuletzt wurde auch darüber gesprochen, welche Chancen die Lehre in binationalen Studiengängen auch für die Lehrenden bietet.

 

Abschlussdiskussion und Mitgliederversammlung

Die abschließende Mitgliederversammlung wurde moderiert von Lasse Cronqvist (Trier). Er berichtete, dass Mitgliederversammlungen künftig im Rahmen der Jahrestagungen stattfinden werden, da während der DVPW-Kongresse die Beteiligung zu gering sei. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, den Amtszeitenturnus des SprecherInnenteams anzupassen. Im Anschluss wurde die Wahlordnung des Arbeitskreises einstimmig verabschiedet. Abschließend wurden die Tagungseindrücke reflektiert, Themen für künftige Veranstaltungen identifiziert und neue Initiativen des Arbeitskreises angestoßen.

 

Vierte Jahrestagung politikwissenschaftliche Hochschullehre – eine persönliche Nachlese

Gestern ging die vierte Jahrestagung politikwissenschaftliche Hochschullehre in Münster zuende. Ein richtiger Tagungsbericht folgt noch, aber ich habe aus den Diskussionen acht Punkte mitgenommen, die ich besonders interessant fand. Ich habe diese als Twitter-Thread gepostet, möchte sie hier aber nochmal sammeln:

  1.  Es fehlt an einer Praxis des Mentoring in der Lehre. Vorgesetzte sollten ihre MitarbeiterInnen nicht nur in der Forschung sondern auch in Lehre und Beratung coachen. Das kann durch Hospitation und anderes Feedback durch Peers und #hochschuldidaktik ergänzt werden.
  2. Es ist eine weiterhin ungelöste Frage, was PolitikwissenschaftlerInnen nach ihrem Abschluss können sollen. Die Antworten darauf werden sich nach Standorten unterscheiden, aber es findet wenig Verständigung darüber statt.
  3. Bildet sich Teaching & Learning als eigenes Subdisziplin der #Powi heraus? In anderen europäischen Ländern ist das schon weiter fortgeschritten, aber der AK #powilehre hat dazu beigetragen, dass das auch in Deutschland geschieht.
  4. Der Gegensatz E-Learning vs. Präsenzlehre ist passé. Der neue Standard ist digitale Mittel zur Unterstützung, Ergänzung, Flankierung von synchronen Lehrformaten, ob online oder offline. Studierende brauchen solche “Lagerfeuer”, um die sie sich versammeln können.
  5. Praxisorientierte Lehre wird im Fach als zweitrangig gegenüber forschungsorientierter Lehre angesehen. Viele KollegInnen möchten am liebsten ihre künftigen DoktorandInnen heranziehen. Angesichts der Realitäten der universitären Arbeitswelt geht das aber nicht mehr.
  6. Die #Powi nutzt #OER bisher nahezu gar nicht. Dem stehen fachkulturelle Gründe, ein Fehlen fachbezogener Infrastruktur und vielleicht auch die eher “breite”, wenig kumulative Form von Wissensbeständen im Weg.
  7. Die DVPW kann einen Beitrag dazu leisten, die strukturelle “Unter-Würdigung” der Lehre abzubauen. Wir werden mit dem Vorstand arbeiten, um Diskussionen darüber anzustoßen, wie man Profil und Ansehen der Lehre in der #Powi verbessern kann.
  8. Lehre ist eines der besten Mittel, um als Fach #Powi in die Gesellschaft hinein zu wirken.

Wer den Twitter-Thread im Original sehen möchte, sei hierhin verwiesen:

Was meint Ihr da

Call for Papers: Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte

Am 10.-11. Mai 2019 findet mit Unterstützung des AK Hochschullehre ein Workshop für
den Austausch zwischen Theorielehrenden und Hochschuldidaktiker*innen mit dem Titel „Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte: Selbstverständnis, Praxis, Perspektiven“ statt. Geplant sind Impulsreferate der Workshop-Teilnehmer*innen sowie ein Roundtable zu spezifischen Herausforderungen und Perspektiven der Lehre Politischer Theorie/Ideengeschichte.

Vorschläge für Beiträge können bis zum 28. Februar 2019 bei Dr. Dannica Fleuß eingereicht
werden (Email-Adresse siehe pdf-Version des Call). Im Anschluss daran wird bis zum 15. März das Programm zusammengestellt und veröffentlicht. Bitte beachten Sie, dass Ihre Beiträge eine Vortragszeit von 15 Minuten nicht überschreiten sollten.

 

Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte: Selbstverständnis, Praxis, Perspektiven

Ausgangspunkt für den geplanten Workshop ist der – aus der eigenen Lehrerfahrung gewonnene und von zahlreichen Kolleg*innen gespiegelte – Eindruck, dass die Lehre Politischer Theorie mit besonderen Herausforderungen verbunden ist bzw. in einer besonderen Vielzahl von Hinsichten ‚scheitern‘ kann. Ist dieser Eindruck aber begründet, und, wenn ja, wodurch? Liegt es am spezifischen Gegenstand der Politischen Theorie, am besonderen Selbstverständnis Politischer Theoretiker*innen, oder mangelt es schlicht an didaktischen Kompetenzen?

Mit dem Workshop wollen wir einen Austausch über diese und ähnliche Fragen anstoßen, mit dem insbesondere auch ausgelotet werden soll, welche weiteren Perspektiven sich hieraus ergeben und inwiefern Bedarf und Potenzial für die Etablierung eines längerfristigen Austauschs- und Diskussionszusammenhangs bestehen. Zu diesem Zweck scheinen uns die Auseinandersetzung mit den folgenden Themenblöcken besonders vielversprechend:

Selbstverständnis
Die Frage danach, was Gegenstandsbereich und Aufgabe der Politischen Theorie ist, wird unter Politischen Theoretiker*Innen kontrovers diskutiert. Deutungsoffen bzw. umkämpft ist damit auch das Selbstverständnis Theorielehrender: Welche Aufgabe hat die Lehre Politischer Theorie, welche Funktion hat sie in gesamtgesellschaftlicher Perspektive und im Rahmen der Lehre der arbeitsteilig organisierten Disziplin Politikwissenschaft? Wie konzeptualisieren wir unsere Rolle als Lehrende in der Politischen Theorie und worin sehen wir aktuelle Herausforderungen dieser Selbstverständnisse (z.B. durch die Veränderung von Studierendenzusammensetzungen und Studiengangreformen oder vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen)? Zu fragen ist möglicherweise außerdem, in welcher Hinsicht sich in der Lehre Politischer Theorie der zu vermittelnde Gegenstand von demjenigen in den übrigen Teilbereichen der Politikwissenschaft unterscheidet und inwiefern sich daraus  spezifische Herausforderungen ergeben – bzw. welche Herausforderungen mit den übrigen Teilbereichen (oder auch benachbarten Fächern) geteilt werden.

Praxisberichte
Didaktische Konzepte und Konzeptualisierungen von Aufgabenstellung und Gegenstandsbereich(en) der Politischen Theorie müssen in Lehrpraxis übersetzt werden. Wir freuen uns daher über Erfahrungsberichte aus Ihrer Lehrpraxis: Welche Seminarformate und Seminarkonzepte haben Sie im Rahmen Ihrer Lehre umgesetzt? Mit welchen Formaten haben Sie versucht, themen- oder kontextgebundene Herausforderungen der Theorielehre zu adressieren? Mit welchen Seminarkonzepten, unter Einbindung welcher Techniken, Strategien oder Medien ist es Ihnen gelungen, inhaltlich schwer vermittelbare oder politisch problematische Themen erfolgreich zu kommunizieren?

Vergleichende Perspektive
Die Konzeptualisierungen, Aufgabenbeschreibungen und Zielsetzungen der Lehre Politischer Theorie sind national und international in diverse disziplinäre sowie kulturelle bzw. politische Kontexte, Hochschulsysteme und Studiengänge eingebettet. Wir möchten daher fragen: Wie wird Theorielehre in diesen verschiedenen Kontexten praktiziert? Welche für die Lehre Politischer Theorie spezifischen – didaktischen und inhaltlichen – Herausforderungen werden im Vergleich verschiedener Kontexte transparent? Welche Strategien auf diese Herausforderungen zu antworten werden in verschiedenen Ländern, Hochschulsystemen und Studiengängen angewendet? Wie gehen Lehrende im In- und Ausland mit kulturell bzw. politisch sensiblen Themen und Fragestellungen in der Lehrpraxis um? Wir freuen uns in diesem Themenblock über explizit vergleichende Perspektiven, auch aber über Berichte von Lehrenden, die nicht im ‚Mainstream‘ der deutschen Politikwissenschaft unterrichten (international, an Fachhochschulen, etc.) tätig sind.

Call for Papers als pdf-Version

Programm der vierten Jahrestagung des AK Hochschullehre (Münster, 25.-26.2.2019)

Rechtzeitig zum Semesterendspurt können wir endlich das Programm der vierten Jahrestagung des AK Hochschullehre veröffentlichen. Wir haben wieder ein sehr vielseitiges Programm mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden zu den Themen “Vielfalt und Weitblick in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre” zusammengestellt. Außerdem gibt es wie immer viele interessante Beiträge aus der Lehrpraxis.

Höhepunkt der Tagung ist eine Podiumsdiskussion mit dem DVPW-Vorsitzenden Prof. Armin Schäfer, Prof. Andrea Szukala (Professorin für Fachdidaktik der Sozialwissenschaften), Dr. Ray Hebestreit (Studiengangskoordinator) und Marcus Lamprecht (Politikstudierender und Vorstandsmitglied im fzs) zum Thema “Wie wollen wir lehren? Herausforderungen und Zukunft politikwissenschaftlicher Lehre”.

Anmeldungen sind bis zum 10. Februar per formloser Email an l_menz01(ÄT)uni-muenster.de möglich. Alle Informationen finden Sie in unserem Programm (pdf) oder unter https://www.hochschullehre-politik.de/aktivitaeten/veranstaltungen/jahrestagung-2019-muenster/.

Wir freuen uns darauf Sie zahlreich in Münster (wieder) zu sehen und wünschen einen erfolgreichen Abschluss der Vorlesungszeit!

Normativität in der Hochschullehre – ein Forum in der Politischen Vierteljahresschrift

Die Politische Vierteljahresschrift (PVS) ist nicht irgendeine Fachzeitschrift. Sie ist das Hausblatt der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und sicher die angesehenste deutschsprachige Fachzeitschrift unseres Fachs im Lande. Sie ist sehr traditionsreich und hat im Jahr 2018 bereits ihren 59. Band herausgegeben. In all dieser Zeit war sie – von einzelnen Ausgaben abgesehen – recht zurückhaltend, wenn es um die Hochschullehre ging.

Doch das hat sich mit dem unlängst erschienenen Heft 4 geändert. Erstmals ist darin ein Forum zum einem lehrbezogenen Thema erschienen, das die AK-SprecherInnen organisiert und herausgegeben haben. Herausgeber Kai-Uwe Schnapp erläutert in seinem Editorial, dass die Zeitschrift „sich aktiv für das Thema ‚Hochschullehre‘ öffnen“ will, und nennt dafür vier Gründe: die Lehre als eine der Kernaufgaben des Fachs, der gesellschaftliche Auftrag der Wissenschaft, das Fehlen einer systematischen Vorbereitung auf Lehrtätigkeiten sowie die Lehre als ein das Fach integrierendes Feld. „Somit verdient die Lehre auch einen Platz in unserem publizistischen Schaffen und in der PVS.“

Dem können wir nur zustimmen! Der AK Hochschullehre begrüßt diese Öffnung der PVS außerordentlich und ruft zur Einsendung lehrbezogener Texte auf, um die sich bietende Chance auch angemessen zu nutzen.

Das Thema des Forums lautet „Normativität in der Hochschullehre“, ein angesichts gesellschaftlicher und politischer Polarisierung hochaktuelles Thema. Die einzelnen Beiträge befassen sich mit unterschiedlichen Teilfragen aus unterschiedlichen Teilgebieten des Fachs und bieten reichlich Stoff für weitere Diskussionen:

  • Hansel, Mischa; Lambach, Daniel; Reuschenbach, Julia (2018): Im Schatten der Krise: Über Normativität in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre. In: Politische Vierteljahresschrift 59:4, 713-717. (link)
  • Eckl, Julian (2018): Theorien als latente Quellen von Normativität und Verantwortung in der Hochschullehre: Die Bedeutung von didaktischen und fachspezifischen Theoriedebatten am Beispiel des politikwissenschaftlichen Teilgebiets „Internationale Beziehungen“. In: Politische Vierteljahresschrift 59:4, 737-757. (link)
  • Fleuß, Dannica (2018): Politische Theorie anwendungsbezogen lehren. Lehrende zwischen normativer Zurückhaltung und kritischer Stellungnahme. In: Politische Vierteljahresschrift 59:4, 719-736. (link)
  • Brühl, Tanja; Gereke, Marika; Ottendörfer, Eva (2018): Mehr Normativität wagen: Ein Plädoyer für eine reflexive Grundhaltung in der politikwissenschaftlichen Lehre. In: Politische Vierteljahresschrift 59:4, 759-778. (link)

Prüfen in politikwissenschaftlichen Studiengängen – Ein Interview mit Petra Stykow

Anlässlich des Starts der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik beim DVPW-Kongress 2018 veröffentlichen wir eine Serie kurzer Interviews mit den Autorinnen und Autoren.

1) Worum geht es in Ihrem Buch?

Um das Prüfen, eine der am wenigsten geliebten Tätigkeiten aller mir bekannten Lehrpersonen.

Ich ergründe, wie sich das Konzept des Prüfens ändert, wenn man den didaktischen Paradigmenwechsel „from teaching to learning“ ernstnimmt: Lernen, Lehren und Prüfen sind dann eine didaktische Einheit. Formatives Prüfen, das unmittelbares und genaues Feedback an Studierende ermöglicht, wird wichtig, sogar wichtiger als das traditionelle summative Prüfen, das lediglich den Abschluss eines Lernprozesses zertifiziert.

Um auch praktisch nützlich zu sein, analysiert das Buch, wie man Prüfungen planen und durchführen kann, welche Besonderheiten die einzelnen Prüfungsformate aufweisen und wie man gute Prüfungsaufgaben formuliert. Ich unterscheide die Tätigkeit des Bewertens von der des Benotens und diskutiere die Standards guter Prüfungen, den Umgang mit vermeidbaren und unvermeidbaren Bias sowie die Verantwortung von Lehrenden angesichts der in Prüfungssituationen eingebauten Machtasymmetrie.

Beispiele, darunter für Prüfungsfragen und Bewertungshilfen, sollen zum Weiterdenken anregen.

 

2) Warum ist dieses Thema für die politikwissenschaftliche Hochschullehre wichtig?

Auf der Hand liegend: Weil summative Prüfungen eine wichtige administrative Prozedur darstellen, die den Lernerfolg messen und damit die Zukunft von Studierenden beeinflussen können. Gut – also so fair und korrekt wie möglich – zu prüfen und zu benoten, ist auch unsere moralische Pflicht, weshalb wir unser Vorgehen ab und zu reflektieren müssen.

Weniger offensichtlich: Weil nicht gut lehrt, wer nicht auch gut prüft und umgekehrt. Meiner Erfahrung nach haben wir bei der Planung und Durchführung unserer Lehrveranstaltungen oft die „intendierten Lernziele“ zu wenig im Blick, also das, was Studierende in den Lehrveranstaltungen tatsächlich lernen sollen und was wir daher auch – formativ und schließlich summativ – prüfen sollten.

Schließlich: Weil schlecht durchdachte, irreführend formulierte und überfordernde Fragen aussterben sollen, denn sie beeinträchtigen die Validität, Reliabilität und Objektivität von Prüfungen. Hier ist ein reales Beispiel für eine solche Frage; sie wurde jüngst in einem Bundesland im schriftlichen Staatsexamen für das Lehramt Sozialkunde gestellt und erhöhte die traditionell ohnehin hohe Durchfallerquote noch einmal deutlich: „Die Politik von EU-Mitgliedern wird von Regional- und Autonomiebewegungen herausgefordert. Erläutern Sie die Gründe dafür sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die betroffenen Mitgliedstaaten und die Europäische Union!“

 

3) Wer sollte dieses Buch lesen?

Alle, die Prüfungen konzipieren und durchführen und nach Anregungen suchen. Besonders diejenigen, die Prüfungsfragen stellen und die Notengebung an andere delegieren können. Und Prüfende, die glauben, sie würden objektiv bewerten.

Allen Büchern der Reihe wünsche ich, die Universitätsverwaltungen und zuständigen Ministerien würden sie lesen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie viel Professionalität, intellektuelle Energie und Zeit Lehrende investieren müssen, um der wohlfeilen Forderung nach „guter Lehre“ wirklich entsprechen zu können.

 

Das Buch ist bestellbar über http://www.wochenschau-verlag.de/pruefen-und-bewerten-in-politikwissenschaftlichen-studiengaengen.html und alle Buchhändler.

Eine kurze Leseprobe finden Sie hier: Leseprobe.

Kompetenzorientierung in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre – Ein Interview mit Markus Gloe

Anlässlich des Starts der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik beim DVPW-Kongress 2018 veröffentlichen wir eine Serie kurzer Interviews mit den Autorinnen und Autoren.

1) Worum geht es in Ihrem Buch?

„Kompetenzorientierung“ ist an Hochschulen heute in aller Munde. Nur Wissen zu vermitteln, reicht nicht mehr. Traditionelle Instruktionstheorien haben sich als unzureichend erwiesen. Alle Personen, die in Lehr-Lernkontexten arbeiten, sind seit der Bologna-Reform 1999 oder den PISA-Studien im Jahr 2000 gefordert, sich mit Kompetenzorientierung auseinanderzusetzen und für ihren Bereich auszubuchstabieren, was darunter zu verstehen ist. Dabei ist die Verwendung des Kompetenzbegriffs an sich nichts Neues. Bereits seit den späten 1950er Jahren wird der Begriff im Bildungsbereich verwendet. Mit den veränderten Ansprüchen an Bildung, Lehre und Studium haben Begrifflichkeiten rund um die Kompetenzorientierung eine hohe Präsenz erlangt. In der schulischen politischen Bildung werden seit 2004 verschiedene Kompetenzmodelle intensiv diskutiert, in der Lehramtsausbildung gehört die Kompetenzorientierung zu den Standardthemen. Für die Lehre an einer Hochschule gibt es dagegen noch keine fachspezifische Aus- bzw. Weiterbildung. Deshalb fristet Kompetenzorientierung in der politikwissenschaftlichen Hochschuldidaktik immer noch ein Nischendasein. Mit meinem Buch möchte ich zu einer fachbezogenen Beschäftigung mit Kompetenzen und Kompetenzorientierung anregen.

 

2) Warum ist dieses Thema für die politikwissenschaftliche Hochschullehre wichtig?

Bisher fehlt in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre ein einheitliches fachspezifisches Kompetenzmodell. Mit anderen Worten: Es gibt keinen Konsens darüber, was Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler bei ihrem Abschluss können sollen.

Einigkeit herrscht immerhin bei den Fähigkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens. Aber schon bei der Auslegung von Methodenkompetenz werden genau bei der Ausdifferenzierung von Analyse- und Urteilskompetenz deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Standorten sichtbar. In Anlehnung an die politikwissenschaftliche Lehre der 1950er und 1960er Jahre und den aktuellen Krisenerscheinungen der Demokratie wird aber auch eine verstärkte Akzentuierung der Demokratiekompetenz gefordert. Es scheint daher dringend geboten, dass sich alle Lehrenden in der Politikwissenschaft mit dem Konzept der Kompetenzorientierung vertraut machen. Jede und jeder einzelne muss für sich ein passendes Kompetenzmodell finden, das sie bzw. er zur Planung von Lehre, zur Gestaltung der Prüfung sowie bei der Evaluation einsetzt.

 

3) Wer sollte dieses Buch lesen?

Kompetenzorientierung ernst zu nehmen, bedeutet einen Rollenwechsel der Lehrenden vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter. Das Buch wendet sich aAn alle, die sich auf diesen Weg machen wollen oder ihn bereits gehen. Es zeigt an Praxisbeispielen auf, wie man Kompetenzorientierung in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre umsetzen kann. Die Beispiele beziehen sich auf alle Ebenen der Lehre: von der kompetenzorientierten Planung von Seminaren über die Lehr-/Lerngestaltung, die Formen des Prüfens bis hin zur Gestaltung von Evaluations- und Qualitätssicherungsverfahren. So erfordert eine kompetenzorientierten Planung den Blickwechsel auf den Output sowie die Aktivierung der Studierenden. Das Buch hilft dabei, kompetenzorientierte Lernziele zu formulieren. Zur konkreten Seminargestaltung empfiehlt es die Berücksichtigung didaktischer Prinzipien wie beispielsweise Problemorientierung, Forschendes Lernen oder Projektorientierung. Der Aufgabenkultur kommt im Hinblick auf die Kompetenzorientierung in der Lehre eine besondere Rolle zu. Diese entfaltet sich im gemeinsamen Handeln von Lehrenden und Lernenden. Deshalb sollten die Lehrenden ein Augenmerk darauf legen, wie sie die Aufgaben einführen und erklären. Des Weiteren sollten Lehrende beobachten, wie Studierende die Aufgaben alleine, paarweise oder in Gruppen bearbeiten und die Lehrenden selbst sie dabei begleiten. Und zuletzt sollten Lehrende reflektieren, wie Arbeitsergebnisse der Studierenden besprochen und die Leistungen rückgemeldet werden. Passende Checklisten am Ende des Buches können konkret zur Seminarplanung oder bei der Auswahl von Aufgaben eingesetzt werden.

 

Das Buch ist bestellbar über http://www.wochenschau-verlag.de/kompetenzorientierung-in-der-politikwissenschaftlichen-hochschullehre.html und alle Buchhändler.

Eine kurze Leseprobe finden Sie hier: Leseprobe.