Workshop 2016 Duisburg

Workshopankündigung als pdf

Forschendes Lernen ist nach Ludwig Huber dadurch charakterisiert, „dass die Lernenden den Prozess eines Forschungsvorhabens […] in seinen wesentlichen Phasen – von der Entwicklung der Fragen und Hypothesen über die Wahl und Ausführung der Methoden bis zur Prüfung und Darstellung der Ergebnisse in selbstständiger Arbeit oder in aktiver Mitarbeit in einem übergreifenden Projekt – (mit)gestalten, erfahren und reflektieren“. Damit entspricht das forschende Lernen in besonderer Weise dem universitären Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Außerdem ist diese Methode geeignet, den Studierenden wichtige und anspruchsvolle wissenschaftliche Kompetenzen zu vermitteln.

Aber wie kann man forschendes Lernen in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre am besten einsetzen? Mit dieser Frage beschäftigte sich unser Workshop, der am 14. September 2016 in Duisburg stattfand. Lehrende aus fast dem ganzen Bundesgebiet und sogar aus dem nahen Ausland (Belgien) hatten sich am Gründungsort der Themengruppe eingefunden, um sich über ihre Erfahrungen mit dieser Methode auszutauschen, sich zu vernetzen und Ideen für die weitere Arbeit zu sammeln.

img_4587Der Workshop wurde mit einem Vortrag von Wolfgang Deicke eingeleitet. Deicke, studierter Sozialwissenschaftler und Leiter des bologna.labs der HU Berlin, forscht seit längerem zu Einsatz und Wirkung von forschendem Lernen. Er stellte die vielfältigen Definitionsversuche vor und hielt fest, dass forschendes Lernen, das seinen eigenen Ansprüchen genügt, voraussetzungsvoll für die Studierenden und didaktisch anspruchsvoll für die Lehrenden ist. Er stellte Methoden zur Systematisierung verschiedener Ansätze des forschenden Lernens vor und erwähnte die hohen Erwartungen, die an die Methode gestellt werden, obwohl bislang kaum gesicherte Evidenz dafür vorliegt. Seine Empfehlungen: Forschendes Lernen 1) fordert einen Rollenwechsel der Lehrperson, 2) sollte möglichst den ganzen Forschungsprozess einbeziehen, 3) erfordert einen Balanceakt zwischen Vorgaben durch die Lehrenden und studentischer Autonomie, und 4) sollte einen greifbaren Output ergeben. Es eignet sich nicht zur Vermittlung von Fachwissen und braucht Zeit. Besser geeignet ist es zur eigenständigen Erschließung eines Forschungsfelds, zur Erprobung von Methoden sowie zur Vorbereitung eigener Forschungsarbeiten. Optimalerweise sollte forschendes Lernen über das gesamte Curriculum hinweg vorbereitet werden, indem notwendige thematische und methodische Vorkenntnisse in anderen Veranstaltungen vermittelt werden.

Danach stellten drei PolitikwissenschaftlerInnen ihre Praxiserfahrungen mit dem Einsatz forschenden Lernens zur Diskussion. Rolf Frankenberger (Universität Tübingen) präsentierte seine Erkenntnisse aus der mehrjährigen Durchführung von Lehrforschungsprojekten. Er hob insbesondere die Herausforderungen hervor: das geänderte Rollenverständnis von Lehrenden und Studierenden, die notwendigen didaktischen Kompetenzen und Zeitressourcen sowie die kaum steuerbaren Gruppendynamiken. Jasmin Haunschild (TU Braunschweig) berichtete vom Einsatz eines Lehrforschungsprojekts in einer einsemestrigen Veranstaltung. Wegen des Themas (Global Crime Governance) und der problematischen Datenlage war dies methodisch besonders anspruchsvoll, was die Unsicherheit der Studierenden merklich erhöhte. Dennoch war die Resonanz der Studierenden positiv und auch das Prüfungsformat der Poster erbrachte gute Resultate. Moritz Haarmann (Universität Hannover) stellte mit dem Politik-Labor ein forschungspropädeutisches Angebot vor, das sich an SchülerInnen richtet, die damit auf sozialwissenschaftliche Forschung neugierig gemacht und deren politischen Mündigkeit damit gestärkt werden soll. Natürlich gelten bei der Zielgruppe SchülerInnen andere Voraussetzungen, so ist insbesondere eine starke Didaktisierung methodischer Instrumente erforderlich.

img_4616In der anschließenden Diskussion wurden mehrere Punkte aufgeworfen. Dazu gehörten Fragen nach Gruppendynamiken, Prüfungsformaten und dem besonderen Zeitaufwand, der durch die intensive Betreuung der Forschungsgruppen entsteht. Immer wieder wurde das Dilemma angesprochen, wie viel Orientierung bzw. wie viele Vorgaben die Lehrenden den Studierenden geben sollten und wie mit Gefühlen von Orientierungslosigkeit und Frustration umgegangen werden kann. Es wurde betont, dass die vollständige Abdeckung des Forschungszyklus zwar die effektivste Lehrmethode darstellt, dies aber u.a. aus Gründen des Aufwands oder wegen fehlender Vorkenntnisse nicht immer möglich ist. In derartigen Fällen ist auch der Einbau von Teilelementen forschenden Lernens in andere Veranstaltungsformen möglich.

img_4618Nach der Mittagspause arbeiteten die WorkshopteilnehmerInnen in Gruppen und sprachen über Möglichkeiten, forschendes Lernen in ihrer eigenen Lehre umzusetzen. Ideen und Konzepte wurden skizziert, Probleme und Herausforderungen aus früheren Anwendungen zur Diskussion gestellt. Die Ergebnisse dieser Diskussionen wurden in der Abschlussrunde im Plenum zusammengefasst. Zu den Themen gehörten die Unsicherheit von Studierenden aufgrund fehlender Vertrautheit mit der Methode und Berührungsängsten gegenüber dem unbekannten Forschungsprozess, der Umgang mit heterogenen Studierendengruppen, Wege zur Motivation von Studierenden, Prüfungsformate und organisatorische Rahmenbedingungen. Ein wichtiger Hinweis war, dass man nicht das eigene Selbstverständnis als ForscherIn zum Maßstab für die Arbeit der Studierenden machen sollte. Als Faustregel wurde auch genannt, dass um so mehr Vorgaben und Hilfestellungen notwendig sind, je weniger Zeit für das Lehrforschungsprojekt zur Verfügung steht. Ohnehin erfordert forschendes Lernen harte Entscheidungen bei der Kursgestaltung, da es einen zeitlichen Trade-Off zwischen der Vermittlung von Fachwissen, der Einübung von Methoden sowie der Thematisierung sozialer Kompetenzen gibt.

Zum Ende der Abschlussdiskussion stellten die TeilnehmerInnen eine Liste von Empfehlungen zur Umsetzung forschenden Lernens zusammen:

  1. Es gibt sehr viele Formen des forschenden Lernens. Die Forschungsaktivität muss von den Lern-/Kompetenzzielen her geplant werden (constructive alignment).
  2. Forschendes Lernen soll den Studierenden Wissenschaft als Prozess näherbringen und sie nicht nur mit dem fertigen Produkt (Fachartikel) konfrontieren. Wenn die nötigen Ressourcen fehlen oder man sich erst an das Konzept herantasten will, ist auch eine teilweise Einführung von forschendem Lernen in ein Veranstaltungskonzept möglich und sinnvoll.
  3. Man sollte früh mit der Planung anfangen und genug Zeit im Verlauf einplanen, um die oft aufwändige Betreuung gewährleisten zu können.
  4. Wenn man Zugang zu KollegInnen hat, die Erfahrung mit der Methode haben, sollte man die Chance nutzen, aus ihren Erfahrungen zu lernen.
  5. Forschendes Lernen sollte eher nicht von unerfahrenen Lehrenden eingesetzt werden. Es erfordert solides Fachwissen, eigene Forschungserfahrung, eine gefestigte Lehrpersönlichkeit und einen souveränen Umgang mit den sozialen Prozessen unter den Lernenden.
  6. Die Produkte des forschenden Lernens sollen verwertbar und nicht nur für den Seminarraum gemacht sein. Dies erhöht die Verbindlichkeit für die Studierenden, ein gutes Produkt zu erzeugen.
  7. Ein persönliches Interesse am Thema steigert das eigene Engagement und befähigt Lehrende zu besserem Feedback. Aber auch Projekte, die außerhalb des eigenen Interessensgebiets liegen, verdienen dieselbe Aufmerksamkeit.
  8. Der Aufwand bei forschendem Lernen ist höher als bei einem konventionellen Seminar. Deshalb sollte man von Beginn an Strategien entwickeln, um den eigenen Aufwand in Grenzen zu halten. Dazu gehören die Nutzung von peer feedback, die Festlegung von konkreten Meilensteinen für Zwischenprodukte als Gelegenheit für strukturierte Rückmeldung sowie der Einsatz von TutorInnen.
  9. Bei häufig auftretenden Fragen oder Problemen ist es effizienter, diese mit dem ganzen Kurs zu besprechen anstatt einzeln, entweder im Rahmen der Lehrveranstaltung oder über ein Online-Forum. Für beides müssen entsprechende (Zeit-)Räume freigehalten werden.
  10. Man sollte Möglichkeiten des Team Teaching prüfen. Dies entlastet die einzelnen Lehrpersonen und schafft ein breiteres Spektrum thematischer und methodischer Expertise, was auch den Studierenden zugute kommt.

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