Der Inverted Classroom in der Politikwissenschaft

Kürzlich ist der Tagungsband zur vierten „ICM & Beyond“ erschienen, die im Februar 2015 an der Universität Marburg stattgefunden hatte. Zwar waren wir bei der Tagung nicht mit einem Beitrag vertreten, dennoch konnten Caroline Kärger und ich einen Artikel für den von Eva-Marie Großkurth und Jürgen Handke herausgegebenen Sammelband beisteuern.

Dieser Artikel führt die Argumentationslinie genauer aus, die ich bereits bei meinem Vortrag im Webchat dargelegt hatte: Man kann den Inverted Classroom nicht in allen Fächern auf dieselbe Weise anwenden, sondern muss ihn an disziplinäre Kontexte anpassen. Wir identifizieren dabei die folgenden Unterschiede:

Bislang wurde das Inverted Classroom Model (ICM) insbesondere in den MINT-Fächern sowie den Wirtschaftswissenschaften angewendet (s. u.a. die vorigen Tagungsbände der ICM-Konferenzen). Weitere dokumentierte Anwendungen sind unter anderem für die Fächer Medizin (Prober & Heath, 2012), Musik (Keyes, 2013) und Linguistik (Handke, 2013) vorhanden. Diese Fächer teilen einige Gemeinsamkeiten. Erstens sind sie keine typischen Lesedisziplinen wie die Geisteswissenschaften und Teile der Sozialwissenschaften, in denen die eigenständige Lektüre von Texten zur Vorbereitung von Seminar- und Vorlesungssitzungen eine lange Tradition aufweist. Zweitens fokussieren sie stärker auf die Anwendung von Wissen, die Umsetzung praktischer Fertigkeiten und die Lösung klar definierter Aufgaben. Drittens tendieren diese Fächer zumindest im Grundlagenbereich zu einer binären Epistemologie: eine Antwort ist entweder richtig oder falsch, es gibt einen korrekten Lösungsweg und viele falsche Vorgehensweisen. Viertens hat sich in diesen Disziplinen, insbesondere in den Naturwissenschaften, ein disziplinärer Kanon herausgebildet, den alle Studierenden erlernen müssen, der relativ beständig und stabil bleibt (zumindest bis neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Paradigmenwechseln führen) und folglich eine Standardisierung von Kursen für längere Zeit erlaubt.

Im Gegensatz zu diesen Charakteristika gehört die Politikwissenschaft kulturell zu den klassischen Textwissenschaften. Die Politikwissenschaft ist in ihren Themen, Methoden und der Epistemologie pluralistisch. Sie erkennt die prinzipielle Validität unterschiedlicher Positionen an. Ein politikwissenschaftlicher Wissenskanon oder -kern ist schwer festzumachen und fällt vermutlich klein aus. Zudem gibt es Autor_innen, die in einem gemeinsamen core syllabus sogar ein Hindernis zur Ausbildung ortspezifischer inhaltlicher Innovationspotentiale sehen (Albert & Hellmann, 2001, S. 358). Dies führt nicht zu schrankenlosem Relativismus – es gibt durchaus disziplinäre Standards, aber eben nicht einen disziplinären Standard.

Wir argumentieren, dass der Inverted Classroom für die politikwissenschaftliche Lehre eine beachtliche Chance darstellt:

Die Möglichkeit einer Aktivierung der Studierenden, um ihnen den selbstständigen Umgang mit Wissen zu vermitteln und sie in der Aneignung höherwertiger Kompetenzen zu unterstützen, ist für unser Fach von besonderer Bedeutung. Die Interaktivität des Formats und seine Studierendenzentrierung passen zum Selbstverständnis einer Disziplin, die sich u.a. der Ausbildung kritischer demokratischer Bürger_innen verpflichtet sieht.

Für die Anpassung des Inverted Classroom an die Bedürfnisse einer politikwissenschaftlichen Hochschullehre haben wir die folgenden Ratschläge:

In unserem Fall war die zentrale Herausforderung, in der Präsenzsitzung 40 bis 60 Studierenden ein adäquates Feedback auf komplexe Leistungen zu geben. Dies erforderte eine stärkere Strukturierung der Präsenzphase durch die Lehrperson als es in anderen Anwendungen der Fall ist. Dieses Beispiel exemplifiziert aber auch nur die didaktische Grundfrage, wie eine Lehrmethode eingesetzt werden muss, um die gewünschten Lernergebnisse zu ermöglichen.

Beim Einsatz des ICMs in politikwissenschaftlichen Kursen sollte der Fokus in der Regel auf Diskussion und Argumentation anstatt auf Problemlösung liegen. Uns erscheinen daher die folgenden Modifikationen des Konzepts bedenkenswert. Erstens kann die Vorbereitungsphase auch zur Problematisierung und Irritation eingesetzt werden. Studierende haben bereits Einstellungen und Vorwissen zum Thema, welches mobilisiert, aber auch herausgefordert werden kann. Ein konsequentes Just-in-Time-Teaching ist hier unabdingbar. Zweitens sollte ICM mit anderen erprobten Lehrmethoden des Fachs kombiniert werden, z.B. Simulationen, Rollenspiele und Planspiele. In unserem Beispiel haben wir die Studierenden das Gefangenendilemma zur Modellierung von Rüstungswettläufen spielen lassen. Drittens sind Abstimmungssysteme nur bedingt geeignet, um komplexe Diskussionen zusammenzufassen. Technologische Optionen zur Unterstützung von Diskursen wie Back Channels, Etherpads o.ä. können eine zweite Diskussionsebene in der Präsenzphase eröffnen oder die Präsenzphase mit der Vorbereitungsphase verbinden. Viertens haben, ganz im Sinne von Barnetts (2014) Konzept des Scrambled Classroom, kurze Lehrvorträge weiterhin eine Funktion in der Präsenzphase, z.B. zur Einführung von Fallstudien, zur Hervorhebung marginalisierter Positionen sowie zur Zusammenfassung von Diskussionen (was einen sehr potenten Feedback-Mechanismus für das Plenum darstellt).

Eine zentrale Herausforderung für die Zukunft stellt das Teilen von Inhalten, Aufgaben und Materialien dar, was in den MINT-Fächern verbreitet ist und die Eintrittshürde für Erstnutzer_innen des ICMs deutlich verringert. Wenn sich die Nutzergemeinde in der Politikwissenschaft vergrößert, muss sich zeigen, inwiefern hier ein Austausch organisiert werden kann. Zum einen besteht eine grundsätzliche Problematik in der Weitergabe und Nutzung von Lehr-und Lernmaterialien ohne entsprechende Lizensierung (Stichwort Open Educational Resources (OER) und Creative Commons Lizenzen (CC)) bzw. der Klärung von Urheberrechtsfragen. Zum anderen steht uns der Mangel eines klar definierten Wissens- oder Kompetenzkanons (analog zu den in der Physik genutzten concept inventories) entgegen. Weiterhin werden dieselben Inhalte von verschiedenen Lehrenden je nach ihrer theoretischen Perspektive unterschiedlich präsentiert. Diese Pluralität kann aber auch als Ressource genutzt werden, z.B. durch die gezielte Gegenüberstellung von Positionen. Dazu muss sich das ICM als didaktische Methode aber zunächst weiter in den Sozialwissenschaften ausbreiten.

Der Sammelband ist beim Tectum-Verlag erschienen und wird sicher in Kürze in einschlägigen Fachbibliotheken verfügbar sein. Den Volltext unseres Beitrags haben wir auch hier und hier zur Verfügung gestellt.

Erfreulicherweise sind wir nicht die einzigen, die diese Methode in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre einsetzen, auch wenn wir zahlenmäßig noch lange nicht an die MINT-Fächer heranreichen (siehe z.B. diese Beschreibungen eines ähnlichen Projekts). Es dürften aber gerne noch mehr Kolleg_innen hinzukommen, um über den Austausch von Erfahrungen und Lehrmaterialien das Potenzial des Inverted Classroom in der Politikwissenschaft zu erhöhen.

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