Über die Schizophrenie des Lehrens Politischer Theorie

Dieser Beitrag von Frederik Metje und Simon Rettenmaier ist Teil der Blogserie “Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte”.

Politische Theorie zu lehren (und zu lernen) ist eine schizophrene Angelegenheit, so lautet die These eines Vortrags, den wir im Rahmen des Workshops Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte im Mai 2019 an der Universität Hamburg hielten. Im Vortrag bemühten wir uns, die lehr- und lernbezogenen Selbstreflexionen aus dem Universitätsalltag der Kasseler Philosophie und Politikwissenschaft analytisch aufzuspannen um herauszuarbeiten, ob und inwiefern sich die Lehre Politischer Theorie von der Lehre anderer Disziplinen (tatsächlich) unterscheidet. Was ist also das Charakteristische der Lehre Politischer Theorie?

Nicht selten erscheinen die Gedanken von Aristoteles über Hobbes, Marx bis Arendt im Studium höchst abstrakt, und nicht nur, weil deren komplexe Texte in Einführungen auf wenige Seiten heruntergebrochen sind. Während es die Sozialwissenschaften, in einem methodological turn begriffen, nach der empirischen Relevanz verlangt, suchen BA- wie Lehramtsstudierende oftmals im Theoretischen der Politischen Theorie einen praktischen Nutzen. Politische Theorie scheint damit zunächst recht fern des studentischen Lebensalltags zu sein, das Politische – vor allem der politische Streit – an ihr ist es jedoch nicht. Leidenschaftliche Debatten und alltagspolitische Bezüge scheinen Eckpfeiler für eine beflügelte Auseinandersetzung über politische Fragen zu sein. Dieses schizophrene Verhältnis zwischen Lebensnähe und -ferne ließe sich ebenso optimistisch – als gegenseitige Befruchtung von Politischem und Theorie – wie pessimistisch lesen.

Vor diesem Hintergrund zielte unser Beitrag darauf, drei Spannungsfelder zu eruieren, die ein bundesdeutsches Lehren Politischer Theorie mitprägen. Diese Spannungsfelder können nur dann angemessen adressiert werden, wenn wir die Schizophrenie der Lehre Politischer Theorie aufgreifen. Basierend auf unserer mehrjährigen Lehrerfahrung dienen uns andere sozialwissenschaftliche Teildisziplinen sowie die akademische Philosophie als Kontrastfolien.

  1. Kanon VS Pluralismus: Welchen Bildungsanspruch verfolgt Politische Theorie? In der Bundesrepublik als Teil der Demokratiewissenschaft etabliert, hat sie einerseits den Anspruch die Funktionslogik von Demokratie ideell zu unterfüttern. Themen wie Gewaltenteilung, Föderalismus oder bürokratischer Verwaltungsapparat verweisen damit auf das politische System der BRD und bilden einen politiktheoretischen Kanon, der aufgrund seiner stabilisierenden Funktion potentiell destabilisierende Fragen um Race, Class und Gender oder aktuelle Debatten auslässt. Vermag andererseits ein Überblick, der die Pluralität und Unterschiedlichkeit der Ansätze betont, gegenüber einem legitimatorischen Kanon auf die Breite gesellschaftspolitischer Phänomene sowie theorieinterner Kontroversen vorzubereiten? Statt einem historisch-vertikalen also ein pluralistisch-horizontaler Kanon?
  2. Mündigkeit VS kritisches Bewusstsein: Was in Pädagogiken und Didaktiken eine hinlängliche Debatte ist, scheint in Politischer Theorie zunächst nicht relevant. Was ist das Ziel der Lehre Politischer Theorie? Geht es um die bloße Reproduktion der Lehrmeinung (und gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse), die Hinführung zur forschungspraktischen Modellbildung oder um eine kritische/skeptische Haltung mit Blick auf Wahrheiten und Wirklichkeiten, wie sie bspw. in der akademischen Philosophie zu lehren versucht wird? Mit anderen Worten: Soll der Lernende der Politischen Theorie den Status quo erhalten oder dazu in der Lage sein, diesen (auch) zu hinterfragen? Oder mit Rancière gesprochen: Handelt es sich um eine Politische Theorie der Polizei oder eine der Politik?
  3. Lehrmeinung VS Rezipient*innenorientierung: Was muss man über Politische Theorie wissen? Eine Antwort liefert oft eine Entscheidung von Lehrenden, die alles andere als unwissende Lehrmeister*innen sind. Zumeist lehren sie das, was ihrer Überzeugung, ihrer Forschung, ihrer Lehrmeinung, ihrem Gusto etc. entspricht. Junge Studierende, denen das Feld Politischer Theorien jedoch noch gänzlich unbekannt ist, erfahren hierbei eine politiktheoretische Grundbildung, deren immanent wissenschaftspolitischen Charakter sie kaum kennen können. Aber kann man die Lehre Politischer Theorie auch von den Rezipient*innen aus denken? Sollte die Lehre vielleicht zum Ziel haben, die Politische Theorie aus einem Praxisverständnis heraus zu erschließen? (Und wäre das, wie wir gesehen haben, eine Politische Theorie die das Politische ernst nimmt?)

Die Frage nach dem Charakteristischen der Lehre Politischer Theorie ist eine politische. Entlang der drei Spannungsfelder wird ersichtlich, wie sich stets spezifische Lehrformate durchsetzen, ohne, dass diese den Kern der Lehre zu erfassen im Stande sind. Womöglich liegt aber genau in diesem Zerwürfnis eine vage Antwort: Ist es nicht gerade die Politische Theorie, die die Lehre zum Politikum werden lassen kann? Vielleicht indem sie Theorie auf eine Weise lehrt, die das Politische auf den Plan ruft und es zugleich (be)greifbar werden lässt?

Die Frage nach dem Charakteristischen der Lehre Politischer Theorie ist eine politische. Entlang der drei Spannungsfelder wird ersichtlich, wie sich stets spezifische Lehrformate durchsetzen, ohne, dass diese den Kern der Lehre zu erfassen im Stande sind. Womöglich liegt aber genau in diesem Zerwürfnis eine vage Antwort: Ist es nicht gerade die Politische Theorie, die die Lehre zum Politikum werden lassen kann? Vielleicht indem sie Theorie auf eine Weise lehrt, die das Politische auf den Plan ruft und es zugleich (be)greifbar werden lässt?

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