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„Politische Theorie und Film“ – Reflexion einer Lehrveranstaltung

Dieser Beitrag von Michael Haus ist Teil der Blogserie “Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte”.

Im Sommersemester 2019 habe ich am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg eine Lehrveranstaltung geleitet, die etwas aus dem üblichen Rahmen fiel. Zugleich war die Frage nach dem „Rahmen“ für dieses Seminar von zentraler Bedeutung. Denn Filme lassen sich zugleich als Rahmen und Fenster verstehen – sie setzen etwas ins Bild und gewähren einen Blick in eine Welt, in der sich Fiktionalität und Realität auf ganz eigene Art miteinander verbinden (vgl. Ulrich Hamenstädt, 2016: Politik und Film, Wiesbaden: Springer VS, S. 13). In diesem Beitrag möchte ich kurz einige Erfahrungen zu dieser Lehrveranstaltung benennen und damit zur Reflexion über neue Wege in der Hochschullehre, vor allem in der Politischen Theorie, anregen.

Ich möchte vorweg schicken, dass ich ein interpretatives Verständnis Politischer Theorie teile. Ich gehe davon aus, dass Politische Theorie die Aufgabe hat, mit Hilfe theoretischer Konzepte die gesellschaftlich relevanten Güter, Praktiken und Institutionen zu deuten und kollektive Erfahrungen begrifflich zu fassen. Sie soll das Politische in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären herausarbeiten und mögliche Haltungen dazu reflektieren. In der Populärkultur lässt sich nun einerseits die Vermittlung von Gesellschafts- und Politikverständnissen und die Austragung hegemonialer Deutungskämpfe erkennen. Zugleich zielt Populärkultur auf Unterhaltung, trägt die Charakteristika der Massenware an sich und wird auf endlose Weisen in die persönliche Lebensführung von Menschen integriert. Schließlich sind Filme aber auch der Sphäre der Kunst zuzurechnen, die aufgrund ihrer ästhetischen Qualitäten faszinieren und in ihrem Bedeutungsgehalt meist nicht auf eindeutige politische Botschaften reduziert werden können. In dieser Hinsicht sind Filme auch Teil eines eigenlogischen Diskurses der Filmkritiker und Filminterpreten.

Ziel des Seminars war ein besseres Verständnis für die Bedeutung und Relevanz politischer Theorien bzw. Ideen durch die interpretative Verbindung mit Filmen und Serien als Hervorbringungen der Populärkultur. Im Mittelpunkt stand folglich die Reflexion auf Chancen und Grenzen der Präsenz von politischen Theorien und Ideen in Filmen. Um diese Präsenz zu erkennen, ging es aber zugleich darum, Filme anders als gewohnt, nämlich „politisch“ und gesellschaftstheoretisch zu „lesen“ und zu beurteilen. Filmmaterial wurde dabei nicht bloß – wie inzwischen sicherlich nicht unüblich – als didaktisches Hilfsmittel der Visualisierung gebraucht. Vielmehr ging es darum, dieses mit Hilfe von Politischer Theorie in seiner Entstehung, seiner politischen Intentionalität und Narrativität sowie seiner Offenheit für unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten zu erschließen. Deshalb war es auch ein zentrales Anliegen, Filme nicht bloß mit fertigen politiktheoretischen Interpretationen „vorgesetzt“ zu bekommen, sondern selbst Filme zu sehen und mit Hilfe von Theorie politische Lesarten dieser zu entwickeln.

Das Seminar arbeitete in drei miteinander verbundenen Formaten: Als Erstes wurden im Rahmen einer Eingangsreflexion Texte zur gesellschafts- und hegemonietheoretischen Einordnung von Filmen und der Rolle der Filmindustrie gelesen (aus dem Bereich der Kritischen Theorie sowie gramscianischer Hegemonieanalyse). Texte zu Fragen des Verhältnisses von Wirklichkeit und Fiktion und zum Begriff des Politischen schlossen sich an. Schließlich ging es auch um ein Grundverständnis von Konzepten der Filmanalyse, um Filminterpretationen besser verstehen und selbst durchführen zu können.

Ein zweites Format waren themenspezifische Sitzungen. Hier ging es um vergleichende Analysen von (ausgewähltem) Filmmaterial anhand von Leitfragen und unter Rückbezug auf theoretisch-konzeptionelle Literatur. Im Einzelnen umfasste dieser Block folgende Themen:

  • „Propaganda-Filme: politisch gefährlich, aber künstlerisch wertvoll?“
  • „Das Spiel der Macht im Film: What would Machiavelli say?“
  • „Biopics politischer TheoretikerInnen und geistiger FührerInnen – Verkörperungen politischer Ideen ins Bild gesetzt?“
  • „Ökologische Motive und green political theory – der Mensch als selbstzerstörerisches Lebewesen“
  • „Sci-Fi – unterwegs zu neuen oder alten Zivilisationen?“
  • „Kapitalismuskritik im Film – nur out of Hollywood?“

Als drittes Format kamen schließlich Filmabende hinzu. Hier sahen wir uns ganze Filme zusammen an und verbanden dies mit einer Textlektüre zu spezifischen Theoretiker*innen. Es handelte sich dabei um öffentliche Veranstaltungen, zu denen immer auch eine Reihe von Gästen erschien. Die Filme wurde in kompletter Länge angeschaut, zwischendurch aber durch die Referent*innen einige Male unterbrochen, um Diskussionen zu einzelnen Abschnitten anzustoßen. Die Filmabende umfassten folgende Filme und Theoretiker*innen:

  • „Die göttliche Ordnung“ (2017) und Simone De Beauvoir
  • „Sie leben/John Carpenter‘s They Live“ (1988) und Slavoj Žižek
  • „Die Verlegerin/The Post“ (2017) und Charles Taylor
  • „Matrix Reloaded“ (2003) und Cornel West
  • „The Danish Girl“ (2015) und Judith Butler

Im Unterschied zu einer bloß didaktisierenden Anwendung von Filmmaterial, so lässt sich aus meiner Perspektive festhalten, bietet die dargestellte Vorgehensweise die Möglichkeit, Politische Theorie und Film in einen fruchtbaren Dialog miteinander zu bringen. Auf der einen Seite können Theorien mithilfe von Filmmaterial interpretiert, diskutiert und eingeschätzt werden. Als visuelles und narratives Werk kann ein Film dabei auch begrifflich schwer fassbare Phänomene vermitteln, unmittelbar die emotionale Ebene einbeziehen und Selbsterfahrungen ermöglichen, die in politischen Theorien nur schwer ihren Platz finden. Ich denke hierbei etwa an die Naturdarstellungen in „Unsere Erde“ oder die ins Bild gesetzte Zivilisationskritik in „Koyaanisqatsi“, die wir beim Thema „Ökologie“ behandelten. Auch wenn der „Selbstwert von Natur“ begrifflich nicht vermittelbar sein mag und deshalb in der Politischen Theorie als Versuch der „Wiederverzauberung der Welt“ kritisiert wird, kann man sich der filmischen Darstellung der überwältigen Schönheit der Natur kaum entziehen. Zugleich machen Naturfilme performativ deutlich, dass die Darstellbarkeit dieser Schönheit just durch jene technologische Revolution eine ungeheure Steigerung erfahren hat, die auch als Ausgangspunkt ihrer Vulnerabilität gelten kann. Auch das Thema „Propaganda“ eröffnete Formen der Selbsterfahrung, die rein begrifflich kaum vermittelbar erscheinen. So gingen nicht nur viele Studierende, sondern auch der Dozent mit dem Gefühl aus der Sitzung, dass „Triumph des Willens“ vielleicht auch auf einen selbst eine hochgradig verführerische Wirkung hätte ausüben können. Auf der anderen Seite konnten Filme durch den Rückbezug auf Politische Theorie sowohl als Konstruktion von Wirklichkeit gewürdigt als auch in ihren ideologischen Seiten erkannt und kritisch reflektiert werden. Wir haben zudem immer wieder über die Visualisierbarkeit und Erzählbarkeit politischer Ideen und theoretischer Argumentationsfiguren reflektiert.

Wie die Rückmeldung der Studierenden zeigte, hat das Seminar neue theoretische und cineastische Horizonte eröffnet. Für Dozent*innen, die der Überzeugung sind, dass Politische Theorie möglichst keinen Spaß machen sollte und durch die Majestät ihrer intellektuellen Höhen Ehrfurcht einflößen sollte, ist ein solches Format indes nicht zu empfehlen.

Die Gedanken sind frei: Lehre ohne PowerPoint?

Dies ist ein Gastbeitrag von Constantin Wurthmann (Universität Düsseldorf)

Das Stichwort „Digitalisierung“ ist nicht erst seit dem Bundestagswahlkampf 2017 in aller Bildungspolitiker*innen Munde. Auch Bildungsexpert*innen und Hochschulleitungen springen zunehmend auf diesen Zug auf. Allzu oft wird Digitalisierung aber lediglich als Einsatz elektronischer Folien (miss-)verstanden. Schon vor 10 Jahren missfiel es einem meiner Lehrer, wenn im Fach Erdkunde/Politik das Halbjahr abschließende Präsentationen mit Plakaten präsentiert wurden – PowerPoint sei doch der neue Schrei. Man müsse mit dem digitalen Wandel gehen und diese Herausforderungen akzeptieren. An der Universität angekommen, wurde eben jenes Bild durchweg bestätigt. PowerPoint-Präsentationen hier, PowerPoint-Präsentationen dort. Referate? Eine PowerPoint-Präsentation muss her. Kolloquium? Packt die Präsentationen aus! Das Studium hatte Struktur, die regelmäßige Lektüre konnte jedoch oft vernachlässigt werden, da die wichtigsten Inhalte später auf den Folien zu finden waren, die uns zur Verfügung gestellt wurden.

Weigerte sich ein*e Dozent*in einmal entsprechende Folien zu erstellen, so war das Geschrei groß. Ein Skandal. Wie konnte uns nur mundgerechte Lehre verweigert werden?
Mit dieser Einstellung beendete ich mein Studium und startete bald in die Lehre. Die grundsätzliche Freude darüber, dass man nun selber loslegen durfte, wurde durch fehlende Lesedisziplin getrübt. Hatte ich selber zum Teil noch Lehre erlebt, die sehr an den wissenschaftlichen Texten orientiert war, so wollte ich neue Diskussionen anstoßen, mich von den Texten lösen und so die Themen von neuen Blickwinkeln beleuchten.

In einem Seminar Anfang Dezember trat nun die Situation auf, dass ein 25-Seiten-Text über die klassischen Modelle der Wahlforschung nur vier Leser*innen fand, obgleich über 20 Studierende zur Sitzung um 8 Uhr erschienen waren. Auch in der vorherigen Woche war zu beobachten, dass die Lesebereitschaft immens nachgelassen hatte. Um dieses Verhalten zu sanktionieren, fasste ich dieses Mal den Entschluss, dass ich keine Präsentation bereitstellen würde – weder in der Seminarsitzung, noch im Anschluss für Abschlussprüfungen.

Was als Sanktion gedacht war, sollte sich jedoch nicht nur für mich, sondern auch für die Studierenden als großes Geschenk erweisen. Dies möchte ich im Folgenden aus zwei Perspektiven beleuchten. Zum einen, ob und inwiefern ich eine Veränderung für die Studierenden festgestellt habe, aber auch zum anderen, inwiefern sich diese Stunde für mich gestaltete und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe.

Die Sicht auf die Studierenden          

Gute Seminare zeichnen sich durch eine gute Lehre aus. Gute Lehre geht aber nicht ohne eine Mitarbeit der Studierenden.  Lehrenden kommt die Aufgabe zu, die Mitarbeit der Studierenden zu fordern und gleichzeitig auch fördern. Frontalunterricht mag in autoritären Gesellschaften eine gute Lösung sein, nicht jedoch in Gesellschaften, die ihre Lehre auch im Sinne einer Ausbildung von aufgeschlossenen und frei denkenden jungen Menschen begreifen. Zentral sind dabei Diskussion und Debatte. Um in diesen ein tiefgreifendes Verständnis zu gewinnen, muss jedoch zunächst eine gemeinsame Basis geschaffen werden, was in diesem Fall durch die obligatorische Literatur erreicht wird.

Zweifelsohne können Präsentationen für Prüfungsvorbereitungen eine immense Bedeutung haben, doch lenken sie auch von der Debatte ab. Es liegt in der Natur der Sache, dass Studierende automatisch mehr Notizen erstellen, wenn keine PowerPoint-Präsentation gehalten wird. In dieser Zeit findet eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik statt, von der man sonst durch Smartphones oder andere elektronische Geräte abgelenkt worden wäre.

Tatsächlich war der ganze Kurs konzentrierter und – gerade wenn man bedenkt, dass das Seminar um 8 Uhr startete – wacher. Die Studierenden hinterfragten viel mehr Inhalte, zeigten aber auch erstmals mehrheitlich eine beeindruckende Transferleistung, die zuvor nur von wenigen Studierenden gezeigt wurde. Hinzukommend beteiligte sich erstmals jede*r einzelne Teilnehmer*in, woraus sich intensive Diskussionen zwischen den Studierenden entwickelten.

Die Lehre aus der Sicht des Lehrenden

Wenn wir als Dozierende PowerPoint-Präsentationen zur Verfügung stellen, verfolgen wir immer die Absicht, dass eine bestimmte Debatte entstehen könnte. Selbstverständlich in dem Bewusstsein, dass dies auch oft unwahrscheinlich ist.

Entstehen interessante Diskussionen, die wir fördern möchten, werden auch manchmal Inhalte übersprungen, die uns dann nicht mehr als so relevant erscheinen, da wir sie als „Notnagel“ für fehlende Diskussionskultur eingefügt haben. Diskussionen von Seiten der Studierenden kann man nicht erzwingen, aber fehlen diese, muss eine Alternative vorbereitet sein. Ich nenne so etwas „Füllfolien“, die auch einen Mehrwert haben, aber nicht an den eines tatsächlichen Austauschs kommen.

Manchmal sind PowerPoint-Präsentationen vor diesem Hintergrund der rettende Anker. Sie können aber auch ein Korsett sein, in welches wir uns selber pressen und uns damit jeglicher Kreativität und Spontanität berauben. Auch diese Erkenntnis musste ich für mich ziehen: ohne Präsentation musste ich zwar bestimmte Modelle händisch an die Tafel malen, war jedoch in der tatsächlichen Lehre und Vermittlung freier denn je, was das Arbeitsklima immens verbesserte.

In Zukunft werde ich in meiner Lehre PowerPoint-Präsentationen deutlich reduzieren und nur die nötigsten Inhalte auf ihnen vermitteln. Wenn überhaupt. Nicht umsonst heißt es in einem alten Studentenlied: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“ – wir als Lehrende können dies nicht. Wir sollten unsere Lehre daraufhin anpassen und im Sinne ihrer besten Traditionen modernisieren: Hin zu Dialog und Austausch – und damit das Korsett der PowerPoint-Präsentationen hinter uns lassen, um unseren Studierenden mehr eigene Gedanken zuzutrauen.