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Bericht von der Vierten Jahrestagung politikwissenschaftliche Hochschullehre (Münster, 25.-26.2.2019)

Die Vierte Jahrestagung des AK Hochschullehre lief unter der Überschrift „Vielfalt und Weitblick in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre“. Am 25. und 26. Februar 2019 trafen sich knapp 40 WissenschaftlerInnen am Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

 

E-Learning

Nach einer Begrüßung durch den Organisator Matthias Freise (Münster) ging es im ersten Panel um Praxisbeispiele aus dem Bereich E-Learning. Im ersten Vortrag präsentierten Witold Mucha und Christina Pesch (Düsseldorf) ihre Pläne zum Aufbau einer Plattform für gemeinfreie Bildungsressourcen (Open Educational Resources, OER) zur standortübergreifenden Lehrkooperation. Diese Plattform soll als themenübergreifendes Didaktik-Portal eine Art „Handbuch“ für blended learning und cross-site teaching bieten, eine offene Materialsammlung darstellen und als Plattform zur Diskussion und Netzwerkbildung dienen. Im Anschluss stellte Tobias Denskus (Malmö) das seit 20 Jahren laufende Online-Master-Programm „Communication for Development“ vor. Dabei betonte er den Vorbereitungs- und Administrationsaufwand, der mit reinen Online-Angeboten einhergeht und hob die Notwendigkeit einer technischen Unterstützung für Lehrende hervor. Außerdem prägte er den Begriff einer synchronen Vorlesung als „didaktischem Lagerfeuer“, um das sich die räumlich getrennten Studierenden in regelmäßigen Abständen symbolisch versammeln können.

In der Diskussion wurden verschiedene Probleme und Grenzen des E-Learning herausgearbeitet. Neben dem bereits erwähnten Aufwand gibt es auch institutionelle Bremskräfte, die einer breiteren Nutzung von digitaler Lehre entgegenstehen. Dabei entwickelt sich derzeit ein Standard, der digitale Elemente als Begleitung synchronen, gemeinsamen Lernens – ob physisch oder virtuell – versteht. Ohne diese „Lagerfeuer“ fehlt es gerade für schwächere Studierende an Bindewirkung und die Risiken eines Abbruchs erhöhen sich. Ferner wurden die geringe Nutzung und das geringe Angebot von OER in der Politikwissenschaft hervorgehoben, die auf rechtliche Hürden, fehlende Vorbilder und erneut das Kostenargument zurückgeführt wurden.

 

Methodenlehre

Das zweite Panel begann mit einem Vortrag von Markus Tausendpfund und Christian Cleve (Fernuni Hagen), die ihre offene Lernplattform für Mathematik in den Sozialwissenschaften vorstellten. Diese Plattform bietet Auffrischungskurse für schulmathematische Kompetenzen, die für das Studium der Politikwissenschaft notwendig sind, nämlich grundlegende Rechenoperationen, Bruch-, Dezimal- und Prozentrechnung sowie univariate Datenanalyse. Die Lernplattform (zugänglich über www.offene.fernuni-hagen.de) steht auch Nichtstudierenden der Fernuni Hagen zur Verfügung. Anschließend stellten Holger Döring (Bremen) und Philip Hocks (Münster) ein Papier mit dem Titel „Vom Analysieren zum Generieren: Datenwissenschaft in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre“ vor. Sie argumentieren, dass die sozialwissenschaftliche Methodenlehre einen gefestigten Kern habe, der aber bislang kaum auf zwei große Trends eingeht: erstens die Ubiquität von Daten und zweitens eine Vielzahl neuer Lehrmaterialien und Lehrmittel in den Datenwissenschaften. Zur Überarbeitung der Methodenlehre plädieren sie für eine projektförmige Gestaltung, die Methode und Inhalt zusammenbringt und Synergien zwischen verschiedenen online-Selbstlernangeboten und universitären Curricula nutzt.

In der Diskussion wurde kritisch erforscht, inwiefern man sich dadurch von externen Anbietern und einer wirtschaftlichen Verwertungslogik abhängig machte. Auch die Einstiegshürden in der Methodenausbildung durch die zunehmend verbreitete Nutzung von R und anderen Programmen wurden thematisiert. Gleichzeitig wurde der Nutzen von online-Angeboten zur Schließung von Fähigkeitenlücken betont. Auch unterstützten mehrere Beiträge die Idee eines Co-Teaching zwischen MethodikerInnen und Fachgebieten.

 

Open Space: Die Lehrkulturen der Politikwissenschaft

In einem Open Space unter dem Namen „Wer sind wir und wenn ja wie viele?“ rief Daniel Lambach (Frankfurt) zu einer Erforschung auf, welche Lehrkulturen es innerhalb des Fachs Politikwissenschaft gibt. In einem ersten Schritt wurden deshalb Arbeitsgruppen gebildet, die verschiedene Teilbereiche und Querschnittsthemen unter den TeilnehmerInnen repräsentierten. Diese AGs diskutierten, was die Lehre in ihrem Themengebiet ausmacht. In einer zweiten Phase wurden die Ergebnisse der AGs vorgestellt und in eine Debatte über deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten eingespeist. Dabei zeigten sich bestimmte subdisziplinäre Unterschiede in der Lehre, z.B. der unterschiedliche Stellenwert von Theorie. Teils traten aber auch deutliche Unterschiede innerhalb von Teildisziplinen auf. Zudem haben Institutsstandorte unterschiedliche, historisch bedingte Traditionen, die auch zur Herausbildung von Lehrprofilen beitragen (können). Es wurde angeregt, systematischer darüber nachzudenken, in welchen Bereichen sich die verschiedenen Teilgebiete der Politikwissenschaft zuarbeiten. Dieses Nachdenken geschieht zumeist nur in Bezug auf Methoden, aber derartige Schnittstellen gibt es auch zwischen anderen Gebieten.

 

Podiumsdiskussion: Wie wollen wir lehren?

Der Höhepunkt des ersten Tages war eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Wie wollen wir lehren? Herausforderungen und Zukunft politikwissenschaftlicher Lehre“. Moderiert von Julia Reuschenbach (Bonn) diskutierten Armin Schäfer, Andrea Szukala (beide Münster), Ray Hebestreit und Marcus Lamprecht (beide Duisburg-Essen) darüber, welche Rolle die Hochschullehre in der Politikwissenschaft einnimmt und welche Herausforderungen sie für die Zukunft der Lehre sehen. Andrea Szukala hob hervor, dass Lehre Teil des Vermittlungs- und Abgrenzungsprozesses zwischen und über Disziplinen sei und so zur Charakterisierung des Fachs beitrage. Ray Hebestreit sah die politikwissenschaftliche Hochschullehre in der Verantwortung, Studierende zu aufgeklärten BürgerInnen zu machen. Marcus Lamprecht, Vorstandsmitglied des freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs), mahnte, dass Studierende nicht nur Rezipienten von Lehre sein wollen, sondern auch in deren Gestaltung einbezogen werden wollen. Armin Schäfer, der neue DVPW-Vorsitzende, betonte den zu geringen Stellenwert der Lehre und verwies auf fehlende Anreizsysteme in der Karriereentwicklung und Hochschulsteuerung.

In der Diskussion zwischen Podium und Publikum schälten sich einige zentrale Themen heraus. Mehrere TeilnehmerInnen argumentierten, dass WissenschaftlerInnen durch Lehre eine größere gesellschaftliche Wirkung ausüben als sie es durch ihre Forschung jemals könnten und dass dies nicht ausreichend beachtet würde. Es bestand auch Einigkeit, dass Hochschullehre vielerorts unter ungünstigen strukturellen Rahmenbedingungen stattfindet. Dazu gehören prekäre Beschäftigungsverhältnisse, zu hohe Lehrdeputate, zu viele Prüfungen und schlechte Betreuungsrelationen. Gute Lehre wird unter diesen Umständen erschwert. Dennoch ist es auch innerhalb dieses Systems möglich, Anreize für gute Lehre zu setzen. Allerdings bestand keine Einigkeit darüber, inwieweit dies in bestehenden Prozeduren abgebildet werden kann. Gleichwohl hat die DVPW hier auch eine Rolle zu spielen – sie bietet ein Forum, in dem solche Diskussion geführt werden können. Armin Schäfer hob dabei hervor, dass der Arbeitskreis Hochschullehre schon zu einer Profilierung des Themas Lehre in der Vereinigung geführt habe.

 

Quo Vadis, Hochschullehre?

Der erste Tag wurde mit einer Keynote von Ulrich Hamenstädt (Münster) unter dem Titel „Quo Vadis? Perspektiven und Herausforderungen politikwissenschaftlicher Hochschullehre“ abgeschlossen. Darin argumentierte Ulrich Hamenstädt, dass die politikwissenschaftliche Lehre innerhalb des Fachs zunehmend sichtbar werde. Im Kontext dieser Entwicklung stehe sie aber vor einigen Herausforderungen, denen sie begegnen müsse, welche Hamenstädt in einer Reihe von Thesen zusammenfasste. Erstens habe die politikwissenschaftliche Didaktik keine Theorie. Zweitens mache es die Logik des wissenschaftlichen Betriebs schwer, exzellente Lehre anzubieten. Drittens böten hochschuldidaktische Zentren an vielen Universitäten gute Dienstleistungen an, würden aber Lehre und Didaktik aus ihren fachlichen Kontexten herausholen. Viertens gebe es im Bereich des digitalen Lehrens zwar viel Dynamik aber zu viele Insellösungen.

 

Interdisziplinäre und Praxisorientierte Lehrprojekte

Der zweite Tag war dem Konferenzthema „Vielfalt und Weitblick“ gewidmet. Im ersten Panel ging es dabei um Lehre in interdisziplinären und praxisorientierten Kontexten. Henrique Otten (FHÖV Münster) berichtete von seinen Erfahrungen aus einem berufsbegleitenden Masterstudium für angehende Führungskräfte aus der öffentlichen Verwaltung. Am Beispiel von regionalen Bildungsnetzwerken machte er deutlich, wie komplex „Praxisorientierung“ ist, wenn die Praxis selbst komplex gestaltet ist. Anschließend berichtete Bernhard Stahl (Passau) über ein interdisziplinäres Lehrinnovationsprojekt unter Beteiligung von Politikwissenschaft und Journalistik. In einem zweisemestrigen Prozess erarbeiten darin Studierende eigene Forschungsarbeiten, die einen wissenschaftlichen Publikationsprozess inklusive einer simulierten Konferenz durchlaufen. Er hob die Herausforderungen hervor, die sich durch unterschiedliche disziplinäre Kulturen ergaben, beispielsweise was den Stellenwert von Theorie anging.

In der Diskussion wurde deutlich, dass es in der Politikwissenschaft eine mehr oder weniger implizite Geringschätzung praxisorientierter Lehre gibt. Praxisbezogene Lehre gilt als Lehre zweiter Klasse, auch wenn das nur selten offen artikuliert wird; forschungsbezogene Lehre gilt dagegen als die Königsdisziplin. Dahinter verbergen sich auch Annahmen darüber, was ein angemessenes Ziel eines Hochschulstudiums ist. Vergleichbare Debatten über Berufs- und/oder Forschungsorientierung werden oft entlang ähnlicher Linien geführt.

 

Workshop Hochschuldidaktik und politikwissenschaftliche Hochschullehre

Im Anschluss moderierte Cornelia Kenneweg (Leipzig) einen Workshop zu Kontaktzonen und Kooperationsformen zwischen Hochschuldidaktik und politikwissenschaftlicher Hochschullehre. Dieser sollte den Graben erforschen, der zwischen Hochschuldidaktik und Fachlehre besteht: die Didaktik weiß nicht, wie die Lehrpraxis in den Fächern aussieht, braucht das aber zur Weiterentwicklung ihrer Konzepte. Die Fachlehrenden finden hochschuldidaktische Konzepte zu abstrakt, haben aber keine Theorien und Methoden hinter ihrer Lehre und Lehr-Lern-Forschung. Positiv gewendet kann man diesen Graben auch als Raum ansehen, in dem sich eine fachbezogene Hochschuldidaktik entwickelt, die von beiden Seiten lernt. Der AK sieht sich in der Aufgabe, die Entwicklung einer solchen fachbezogenen Hochschuldidaktik voranzubringen, wozu wir u.a. die Buchreihe ins Leben gerufen haben. Der Workshop sollte dazu dienen, Möglichkeiten für einen beidseitig produktiven Dialog mit der Hochschuldidaktik zu identifizieren.

Am Ende des Workshops hatten die TeilnehmerInnen eine Reihe von Ergebnissen erarbeitet: Erstens sollte die Hochschuldidaktik ihre Angebote klarer auf fachliche Zielgruppen zuschneiden und die Evidenzbasis didaktischer Methoden transparent machen. Zweitens seien hochschuldidaktische Fortbildungen insbesondere für Nachwuchslehrende hilfreich, fortgeschrittenere Statusgruppen kämen dagegen kaum in Kontakt zur Hochschuldidaktik. Drittens seien entsprechende Kurse mit ihren ganztägigen Formaten oft eher inflexibel – kürzere Formate zu spezifischen Methoden und Mitteln fehlen. Viertens mangelt es Lehrenden an Ideen und Kontakten, um an hochschuldidaktische Anregungen heranzukommen, die jenseits der Zertifikatsprogramme liegen. Fünftens müssen wir im Fach Lehrtraditionen und -standards weitergeben. Es fehlt an einer Kultur des Mentorings in der Lehre, während dies z.B. an Schulen vollkommen alltäglich ist. Sechstens koste gute Hochschuldidaktik Geld und Universitäten müssten bereit sein, für Qualität zu bezahlen.

 

Interkulturelle Lehre

Im letzten Panel wurde Interkulturalität in der Lehre thematisiert. Der erste Vortrag von Henrike Bloemen, Julia Henn und Paul Meiners (alle Münster) befasste sich mit der Wahrnehmung von Interkulturalität durch Lehrende in einem deutsch-französischen Kooperationsstudiengang der Universität Münster und Sciences Po Lille. Das Team berichtete von einem Forschungsprojekt, in dessen Rahmen Fokusgruppendiskussionen mit Fachlehrenden durchgeführt worden waren. Aus der Auswertung der Empirie wurden Handlungsempfehlungen für die Lehrpraxis abgeleitet, die insbesondere die Reflexion der Lehrenden über ihre eigene Rolle und die der Studierenden ins Zentrum rückten. Im zweiten Vortrag stellte Dannica Fleuß (Helmut-Schmidt Universität Hamburg) einen Erfahrungsbericht aus einem Co-Teaching-Projekt in der politischen Theorie an der Universität Dar Es Salaam (Tansania) vor. Dort unterschied sich der Lehr- und Diskussionskontext deutlich von typischen Lehrsituationen in Deutschland, was eine direkte Übersetzung eines Lehrkonzepts verhinderte. Dies erforderte eine Klarstellung ihrer Rolle als Lehrende sowie der „Spielregeln“ des Lehrsettings, die für die Moderation normativer Diskussion besonders wichtig sind.

Die Diskussion befasste sich vor allem mit der Übertragung der Eindrücke aus Münster/Lille sowie Dar Es Salaam auf andere Kontexte. Dabei kam auch zur Sprache, wie Wissensproduktion und Lehre im Nord-Süd-Gefälle im Lichte postkolonialer Ansätze stattfinden kann. Nicht zuletzt wurde auch darüber gesprochen, welche Chancen die Lehre in binationalen Studiengängen auch für die Lehrenden bietet.

 

Abschlussdiskussion und Mitgliederversammlung

Die abschließende Mitgliederversammlung wurde moderiert von Lasse Cronqvist (Trier). Er berichtete, dass Mitgliederversammlungen künftig im Rahmen der Jahrestagungen stattfinden werden, da während der DVPW-Kongresse die Beteiligung zu gering sei. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, den Amtszeitenturnus des SprecherInnenteams anzupassen. Im Anschluss wurde die Wahlordnung des Arbeitskreises einstimmig verabschiedet. Abschließend wurden die Tagungseindrücke reflektiert, Themen für künftige Veranstaltungen identifiziert und neue Initiativen des Arbeitskreises angestoßen.

 

Programm der vierten Jahrestagung des AK Hochschullehre (Münster, 25.-26.2.2019)

Rechtzeitig zum Semesterendspurt können wir endlich das Programm der vierten Jahrestagung des AK Hochschullehre veröffentlichen. Wir haben wieder ein sehr vielseitiges Programm mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden zu den Themen “Vielfalt und Weitblick in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre” zusammengestellt. Außerdem gibt es wie immer viele interessante Beiträge aus der Lehrpraxis.

Höhepunkt der Tagung ist eine Podiumsdiskussion mit dem DVPW-Vorsitzenden Prof. Armin Schäfer, Prof. Andrea Szukala (Professorin für Fachdidaktik der Sozialwissenschaften), Dr. Ray Hebestreit (Studiengangskoordinator) und Marcus Lamprecht (Politikstudierender und Vorstandsmitglied im fzs) zum Thema “Wie wollen wir lehren? Herausforderungen und Zukunft politikwissenschaftlicher Lehre”.

Anmeldungen sind bis zum 10. Februar per formloser Email an l_menz01(ÄT)uni-muenster.de möglich. Alle Informationen finden Sie in unserem Programm (pdf) oder unter https://www.hochschullehre-politik.de/aktivitaeten/veranstaltungen/jahrestagung-2019-muenster/.

Wir freuen uns darauf Sie zahlreich in Münster (wieder) zu sehen und wünschen einen erfolgreichen Abschluss der Vorlesungszeit!

Forschendes Lernen in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre – Ein Interview mit Matthias Freise

Anlässlich des Starts der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik beim DVPW-Kongress 2018 veröffentlichen wir eine Serie kurzer Interviews mit den Autorinnen und Autoren.

 

1) Worum geht es in Ihrem Buch?

Der Band beschäftigt sich mit dem Konzept des sogenannten Forschenden Lernens, das in den vergangenen Jahren Eingang in immer mehr politikwissenschaftliche Studiengänge gefunden hat. Damit beschrieben wird eine Lernform, in der die Lernenden den Prozess eines Forschungsvorhabens, das auf die Gewinnung von auch für Dritte interessanten Erkenntnissen gerichtet ist, in seinen wesentlichen Phasen (mit)gestalten, erfahren und reflektieren. Im Gegensatz zu klassischen Vorlesungs- und Seminarformaten, die auf eine Vermittlung von Wissen, Kompetenzen und Fertigkeiten durch die Weitergabe des Standes der Forschung abzielen, soll Forschendes Lernen selbst einen – wenn auch oft nur überschaubaren ‒ Beitrag zu ebenjenem Stand der Forschung leisten. Das Handbuch gibt Hinweise, wie Forschendes Lernen in politikwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen sinnvoll geplant, umgesetzt und nachbearbeitet werden kann. Thematisiert wird, welche Voraussetzungen die Lehrperson mitbringen sollte, wie man Forschendes Lernen so einsetzen kann, dass es auch für einen selbst einen Nutzwert hat und was bei der Planung einer Lehrveranstaltung mit Elementen des Forschenden Lernens zu berücksichtigen ist. Schließlich illustriert der Band anhand von Fallbeispielen die Anwendung dieser Lehrmethode in einem politikwissenschaftlichen Seminar.

 

2) Warum ist dieses Thema für die politikwissenschaftliche Hochschullehre wichtig?

Befragungen von Absolventinnen und Absolventen sozialwissenschaftlicher Studiengänge im deutschsprachigen Raum belegen, dass im späteren Berufsleben weniger die eigentlichen Inhalte des Studiums von Bedeutung sind, sondern vielmehr die Methodenkenntnisse und sozialen Fertigkeiten, die das Studium vermittelt. Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler zeichnen sich durch ihre hohe Problemlösungskompetenz aus. Dazu benötigen sie eine solide Methodenausbildung. Wendet man diese Methoden jedoch nicht an, gleicht das Studium schnell einer Trockenschwimmübung. Gute politikwissenschaftliche Lehre sollte deshalb darauf abzielen, nicht nur Fachkenntnisse zu vermitteln, sondern die Studierenden auch in Forschungsprojekte einzubinden. Und dafür ist unser Fach geradezu prädestiniert.

Im Gegensatz zur Physik benötigen wir keinen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger für unsere Forschung und Anwendungsmöglichkeiten gibt es viele, vor allem, wenn wir uns Partner außerhalb der Universität suchen. Ob eine Evaluation grenzüberschreitender INTERREG-Programme der EU, eine Zusammenarbeit mit kommunalen Stiftungen, die das bürgerschaftliche Engagement vor Ort stärken wollen, oder eine Kooperation mit einem Wohlfahrtsverband, der seine Integrationsangebote verbessern möchte – spannende und relevante Fragestellungen begegnen uns überall.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eigene Forschung Studierende sehr begeistern kann. Zudem hat Forschendes Lernen den Vorteil, Studierende auf einen späteren Arbeitsmarkt vorzubereiten. Ich habe dabei bereits Dutzende Praktika vermittelt und nicht zuletzt profitiere ich auch als Lehrperson von Forschendem Lernen, verschafft es mir doch Kontakte, die ich für meine eigene Forschung nutzen kann.

 

3) Wer sollte dieses Buch lesen?

Der Band ist für Lehrende konzipiert, die als Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer in einer einsemestrigen Lehrveranstaltung Forschendes Lernen zum Einsatz bringen möchten. Der Band gibt zahlreiche Anregungen und hält (hoffentlich) auch für bereits erfahrene Lehrpersonen hilfreiche Ratschläge bereit.

 

Das Buch ist bestellbar über http://www.wochenschau-verlag.de/forschendes-lernen-politikwissenschaft.html und alle Buchhändler.

Eine kurze Leseprobe finden Sie hier: Leseprobe.

Gemeinsam statt einsam – warum sich Kooperation in der Lehre lohnt

Ein Gastbeitrag von Dorte Hühnert (Universität Duisburg-Essen)

Gemeinsam zu lehren macht vor allem Spaß. Es hat aber auch didaktische Vorteile, von denen die Studierenden direkt profitieren. In diesem Blogbeitrag möchte ich einige Vorteile von Kooperation in der Lehre aufzeigen, die ich aus meiner Lehr-Kooperationserfahrung in zwei Jahren gezogen habe, und andere Lehrende inspirieren ähnliche Projekte umzusetzen.

Das Seminar, in dem ich mein Kooperationsmodell umgesetzt habe, trägt den Titel „Krieg – Ursachen, Formen, Wirkungen“ und kooperiert mit dem Format „ReferateWerkstatt“ des Forum Mündliche Kommunikation (FMK) (das Sprechpendant zur Schreibwerkstatt) an der Universität Duisburg-Essen (UDE). Mein Seminar ist eine Einführung in die Friedens- und Konfliktforschung und wird als Vertiefung zur Vorlesung „Internationale Beziehungen und Global Governance“ für Studierende des dritten bis fünften Fachsemesters angeboten. Die Veranstaltung schließt mit einer Modulabschlussprüfung in Form einer mündlichen Gruppenprüfung ab. Die ReferateWerkstatt kann von Dozenten der UDE beim FMK gebucht werden und verfolgt einen Coaching-Ansatz, der wie folgt abläuft: Die Studierenden besuchen nach der Vorbesprechung mit der Dozentin einmalig eine Woche vor ihrem Referatstermin im Seminar die ReferateWerkstatt. Es treffen sich jeweils zwei Gruppen in der Werkstatt, die zum gleichen Thema unabhängig voneinander arbeiten, um dort ihr Referat wie bei einer Generalprobe zu halten. Anschließend erhalten sie Feedback von der Werkstatt-Leiterin und den anderen Studierenden. Es handelt sich also um eine Kooperation zwischen Studierenden, der Dozentin und einer Mitarbeiterin einer zentralen Einrichtung der UDE.

Warum lohnt es sich, Lehre gemeinsam mit KooperationspartnerInnen zu gestalten? Aus meiner Sicht gibt es auf diese Frage zwei Antworten: erstens können die Studierenden von Kooperationen einen klaren Mehrwert ziehen und zweitens ist die Kooperation auch für Lehrende eine wertvolle Erfahrung und Lernquelle.

Die Vorteile für die Studierenden liegen in meinem Kooperationsmodell vor allem in der integrierten Kompetenzschulung: Neben fachlichen Inhalten, die im Seminar erarbeitet werden, stärken die Studierenden in der ReferateWerkstatt gleichzeitig die Schlüsselqualifikation des wissenschaftlichen Präsentierens. Zwar durchlaufen viele Studierende bereits in ihrer Studieneingangsphase Veranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten, diese sind jedoch häufig additiv, also getrennt von fachlichen Inhalten, angelegt. Zudem basieren viele Angebote zentraler Einrichtungen auf Freiwilligkeit der Studierenden und sind nicht in die Studienverlaufspläne nach dem ersten Semester integriert. Der integrierte Ansatz unserer Kooperation hat sich jedoch in höheren Fachsemestern als gewinnbringend für die Studierenden erwiesen. Sie können ihre bereits erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen in der Kombination aus klassischem Seminar und zusätzlichem Coaching ausbauen. In meinem Verständnis ist Lernen kein punktuelles Ereignis, sondern ein stufenweiser Prozess, der im Idealfall nie vollständig abgeschlossen ist. Die Fachinhalte werden daher bewusst mit der Schlüsselkompetenz das Referierens – von der vorbereitenden Recherche bis zum mehrfach überarbeiteten Kurzvortrag – im constructive alignment des Seminars verknüpft.

Die Kooperation fördert darüber hinaus, dass die Studierenden dafür sensibilisiert werden, sich in unterschiedlichen Bereichen ihrer Ausbildung unterschiedlicher Personen, Wissensbestände und Lernpraktiken zu bedienen, um Lernziele zu erreichen. Mit der ReferateWerkstatt entsteht ein zusätzlicher Raum neben dem Seminar, in dem die Studierenden unabhängig vom Leistungsdruck durch die Dozentin ihre Präsentationen ausprobieren und reflektieren können. So werden auch Lerntechniken ermöglicht, für die im Lehralltag eines Seminars normalerweise keine Zeit bleibt: In welchem Seminar kann man ein Referat unterbrechen und unterschiedliche Varianten der Einleitung diskutieren, bis die optimale gefunden ist? Durch den Werkstattbesuch können die Studierenden ihr Referat überarbeiten. So findet auch das im Universitätsalltag seltene, aber wichtige metakognitive Lernen statt: durch das Ausprobieren in einem geschützten Raum wird es möglich aus Fehlern und mit Hilfe von (Peer-)Feedback im Zuge der Überarbeitung zu lernen.

Neben den Vorteilen, die sich im Lernprozess für die Studierenden ergeben, hat eine Lehrkooperation auch Vorteile für die Lehrenden. Vor allem macht Kooperation in der Lehre Spaß! Man gewinnt einen Sparring-Partner, mit dem man Erfahrungen austauschen kann, sich gegenseitig Feedback geben und Ideen auch mal diskutieren kann. Zudem lernt man selbst extrem viel, weil Kooperation viel Reflexion mit sich bringt und Effekte haben kann, die mit denen von Hospitationen vergleichbar sind. In der Auseinandersetzung schärfen sich auch Lehrkonzepte, weil man Intuitionen offenlegen und erklären und Ziele stärken muss. Ich habe auch im Bereich der Lehrmethoden – Aktivierung, Lehrhaltung und Verhältnis zu den Studierenden – viel von meiner Kooperationspartnerin gelernt.

Während die Kooperation mit einer zentralen Einrichtung der Universität – Sprech-, Schreibwerkstätten, Bibliotheken oder Career-Center – eher eine vertikale Kooperation darstellt, birgt die Universität mit ihrem vielfältigen Wissenschaftspersonal natürlich auch die Möglichkeit horizontaler, also innerfachlicher oder fachübergreifender Kooperationen. Wer nun selbst zum Kooperationspartner werden möchte, sollte aus meiner Erfahrung folgende Punkte berücksichtigen:

  • Die Kooperationsbereiche und die Rollenverteilung vorab in der (gemeinsamen) Seminarplanung klären und gegenüber den Studierenden transparent und konsequent durchhalten;
  • Kommunikationskanäle nutzen und den regelmäßigen Austausch miteinander suchen, um aufkommende Fragen und Probleme schnell lösen zu können;
  • die Studierenden als Teil der Kooperationspartnerschaft begreifen und sie durch Feedbackmöglichkeiten in die Gestaltung der Kooperation einbeziehen.

Der Blick vor die Büro- oder Institutstür lohnt sich also – viel Spaß!