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Livestreams von der DVPW-Thementagung “Wie relevant ist die Politikwissenschaft?”

Nächste Woche findet die DVPW-Thementagung “Wie relevant ist die Politikwissenschaft? Wissenstransfer und gesellschaftliche Wirkung von Forschung und Lehre” statt, die der AK Hochschullehre gemeinsam mit dem AK Politik und Geschichte, dem AK Politik und Kommunikation, dem AK Politik und Kultur sowie der Sektion Regierungssystem und Regieren veranstaltet.

Wir tagen vom 12. bis 14. Dezember 2019 an der Universität Frankfurt, wo die Tagung vom Cluster Normative Ordnungen und dem Institut für Politikwissenschaft gemeinsam organisiert wird.

Livestream

Um das Thema nicht nur “unter uns” zu behandeln, möchten wir mit der Tagung auch die gewohnten akademischen Umgebungen verlassen, z.B. durch einen Keynote-Vortrag im Haus am Dom, einem öffentlichen Veranstaltungshaus in der Stadt.

Außerdem übertragen wir die meisten Vorträge und Diskussionsrunden der Tagung per Livestream im Internet: https://live.uni-frankfurt.de/ – schauen Sie am 12.12. ab 14.00 Uhr mal rein! Die Aufzeichnungen werden hinterher auch öffentlich zugänglich gemacht.

Tagungsthema

In der öffentlichen Debatte wird regelmäßig über die mangelnde gesellschaftliche und politische Relevanz der Politikwissenschaft geklagt. Dass mit solchen Klagen ein recht einseitiges Bild gezeichnet wird, machen nicht nur die vielen Repliken auf die Debatten in der FAZ und Zeitschrift für Politikwissenschaft zum Stellenwert der Politikwissenschaft deutlich. So warnt die kritische Wissenschaftsforschung, man möge das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis nicht als eines von Wissensangebot und -nachfrage verstehen, sondern müsse es als Wechselbeziehung begreifen.

Diese Wechselbeziehung ist auch um andere Akteure wie Bürger*innen und Rezipient*innen zu erweitern, deren Bedürfnisse nach Erklärungen in einer immer komplexer werdenden politischen Umwelt steigen. Ferner ist eine alleinige Verengung auf die Sichtbarkeit in klassischen Massenmedien und die Beratung von Entscheidungsträger*innen problematisch, da sie eine Reihe anderer, nicht minder politischer Aspekte marginalisiert, über welche die Politikwissenschaft gesellschaftliche Wirkung erzielt (z.B. die Hochschullehre, die Politische Bildung, die öffentliche Kommunikation in sozialen Medien oder die Kommunikation mit politischen Akteur*innen außerhalb staatlicher Institutionen).

Die Tagung dient einer systematischen Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Politikwissenschaft über die Trias aus Forschung, Lehre sowie der Kommunikation derselben in die Gesellschaft hineinwirkt. Ziel ist es, Kompetenzen, Kapazitäten und Ressourcen zu identifizieren, mit der sich die gesellschaftliche Relevanz von Forschung und Lehre fördern lässt.

Programm

Das Programm der Tagung finden Sie hier zum Download.

Politisch sensible normative Fragen diskutieren – aber wie? Guest lectures zu Frauenrechten, feministischer Theorie und der Gender Gap in Tansania

Dieser Beitrag von Dannica Fleuß ist Teil der Blogserie “Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte”.

 

Ziele der Lectures im Dezember 2018

Eine zentrale Funktion politiktheoretischen Nachdenkens ist es in meinem Verständnis, einen begrifflichen und normativen Rahmen für die Urteilsbildung zu aktuellen politischen Streitfragen und für die Einordnung aktueller Diskurse bereitzustellen. Politiktheoretische Hochschullehre hat damit auch die Aufgabe, die begrifflichen und analytischen Mittel für normative Urteilsbildung und Studierenden Erfahrungen mit der Anwendung konzeptueller und begrifflicher Rahmen zu vermitteln. Die Anleitung und Moderation von Diskussionen über normative Streitfragen, die politisch sensible Inhalte betreffen, stellt Lehrende der Politischen Theorie häufig vor besondere didaktische Herausforderungen: Wie können wir eine produktive, möglichst egalitäre bzw. „demokratische“ Diskussionskultur gestalten? Wie können wir zugleich Grenzen setzen, wenn Diskussionsbeiträge in Form und/oder Inhalt demokratische Grundwerte oder die Gefühle anderer Studierender verletzen? Und wo können und sollen derartige Grenzen verlaufen?

Im Dezember 2018 habe ich an der University of Dar es Salaam (Tansania) Guest Lectures zu den Themen „Frauenrechte, Feminismus and Gender Equality“ gehalten und gemeinsam mit einem an der Gastgeber-Universität tätigen Lecturer im Rahmen eines Co-Teaching-Projekts Sitzungen zu verschiedenen normativen bzw. politikphilosophischen Fragestellungen geleitet. Damit hatte ich auch die Gelegenheit, von mir bislang im deutschen bzw. europäischen Kontext angewendete Strategien (z.B. Rollenspiele, Simulationen) zur Anleitung von Diskussionen über normative Fragen und strittige politische issues unter stark abweichenden kulturellen Kontextbedingungen zu erproben. Ich werde mich in diesem Erfahrungsbericht auf die Guest Lectures beschränken, die sich mit Fragen aus dem angesprochenen Themenspektrum beschäftigten. Mit diesen Lectures habe ich ein dreifaches Ziel verfolgt: Zum ersten wollte ich aus normativer Perspektive Angebote machen, bestehende geschlechterspezifische Ungleichheiten zu evaluieren. Zum zweiten sollten diese mithilfe verschiedener empirischer Untersuchungen (sozialwissenschaftlichen bzw. gender studies-Ursprungs) erklärt werden. Drittens und abschließend wurden auf dieser Basis individuelle und kollektive Handlungsoptionen für counteraction diskutiert.

Aus didaktischen und inhaltlichen Gründen war es mir dabei ein Anliegen, so weit als möglich eine „(normativ) zurückhaltende Position“ einzunehmen: Vor dem Hintergrund meiner eigenen normativen Überzeugungen wollte ich eine möglichst ergebnisoffene, demokratische Diskussion realisieren und den „Raum des Sagbaren“ so groß als möglich halten. Hinzu kamen pragmatische Erwägungen: Eine Zurückhaltung mit Urteilen meinerseits ermöglichte auch den von mir erwünschten Dialog über Sozialisationsmuster und kontextspezifische Konzeptualisierungen von Gender-Rollen – und damit ein Lernen meinerseits.

 

Inhaltliche, didaktische und politische Anforderungen an die Gestaltung von Vorlesung und Diskussion

Die „anwendungsbezogene“ Diskussion über normative Streitfragen stellt Lehrende grundsätzlich vor Herausforderungen: Studierende sollen – und diese Zielsetzung ist nicht nur prima facie paradox – zu einer eigenständigen Urteilsbildung über normative Streitfragen angeleitet werden (vgl. Fleuß 2018). Die Guest Lectures in Dar es Salaam stellten mich jedoch vor eine Reihe zusätzlicher Anforderungen, auf die ich mich in Rücksprache mit vor Ort arbeitenden Kollegen jedoch (teilweise) vorbereiten und einstellen konnte: Zum einen variierten die sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten der Studierenden im Englischen stark nach Herkunft (v.a. geographisch differenziert: Herkunft und Highschool-Erziehung im städtischen oder ländlichen Raum). Sie waren vor dem Hintergrund ihres Studienfaches zwar mit bestimmten theoretischen bzw. philosophischen Diskursen (zum Beispiel zu Konzeptionen politischer Gleichheit) bekannt. Zu Gender Studies bzw. feministischen Theorien konnte jedoch keinerlei Vorwissen vorausgesetzt werden, da selbige keinen Bestandteil der relevanten Curricula bildeten. Eine weitere Herausforderung für die Anleitung kontroverser Debatten resultierte aus den Rollenerwartungen, mit denen ich als Lehrende konfrontiert wurde: Grundsätzlich wurde ein Frontalunterricht mit klaren Arbeitsaufträgen und Assignments erwartet, in dem Inhalte wie auch Verfahren und Ergebnisse von einer (im Zweifelsfall männlichen!) Autoritätsperson vorgegeben wurden. Das Lehr-Lern-Setting selbst war zudem durch Umweltbedingungen (Hitze, Lautstärke, Seminarraum-Ausstattung) gekennzeichnet, die zunächst persönliche Anpassungsleistungen erforderten.

Aus rechtlicher Perspektive war die Diskussion über die in meinen Lectures thematisierten Fragen unproblematisch: die tansanische Verfassung garantiert grundsätzlich gleiche Rechte für Männer und Frauen und sowohl die National Development Vision 2025 als auch spezifische Empowerment-Programme für Frauen in bestimmten Berufen und Tätigkeitsfeldern setzen Fragen der Chancengleichheit für Frauen und Männer auf die Agenda (CEDAW, Tanzania, 2008). Die externen Rahmenbedingungen für (auch kontroverse) politische Diskussionen im akademischen Raum sind grundsätzlich gegeben, da „akademische Freiheit“ in Tansania traditionell als hohes Gut gilt (Freedom House 2018). Jedoch mussten Grenzen der öffentlichen Thematisierbarkeit bestimmter angrenzender Fragen (v.a. im Hinblick auf Homosexualität) berücksichtigt werden. Auch konnte ich im akademischen Kontext de facto nicht mit einer affirmativen Aufnahme des Gegenstands der Lectures oder meiner eigenen inhaltlichen Positionen rechnen. Unmittelbar im Vorlauf meines Aufenthaltes gab es bspw. einen inneruniversitären Konflikt zu der öffentlichen Stellungnahme einer weiblichen Kollegin zu sexuellen Übergriffen (der zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht zu ihren Gunsten aufgelöst werden konnte) (s. The Citizen, 30. November 2018).

 

Normative Zurückhaltung, Studierende als Kontextexperten – und wechselseitiges Vertrauen

Vor diesem Hintergrund habe ich in meinen Lectures bewusst über „meinen“ – also den europäischen – Kontext gesprochen und den folgenden Aufbau gewählt: Zunächst war das Ziel eine Problematisierung der in bestimmten Tätigkeitsfeldern und mit Ressourcen ausgestatteten Position immer noch verbreiteten Ergebnisungleichheit („Gender Gap“). Als Ausgangspunkt habe ich mit den Studierenden über (ihnen aus Philosophie-Kursen grundsätzlich bekannte bzw. vertraute) Konzeptionen politischer Gleichheit gesprochen und auf dieser Basis die Prämisse etabliert, dass Gleichheit im Hinblick auf Chancen wie die erforderlichen Ressourcen zur Wahrnehmung selbiger normativ vorzugswürdig ist. Im nächsten Schritt habe ich die Studierenden mit den Ergebnissen empirischer Untersuchungen zur Gender Gap konfrontiert und die folgenden Fragen aufgeworfen: (1) Wie können wir die empirischen Diskrepanzen in z.B. in Stellenbesetzungen erklären? (2) Handelt es sich in Anbetracht dieser Erklärungen um ein gerechtigkeitsrelevantes Problem? (3) Wenn ja: Was können wir tun, um dieses Problem zu beheben?

Dem Fokus auf den deutschen/europäischen Kontext im „Text“ der Lectures zum Trotz sollte es in den Anschlussdiskussionen natürlich maßgeblich um den Kontext der Studierenden gehen. Die Diskussionskultur (und aus meiner Sicht: auch ihr Ergebnis) profitierte vor dem Hintergrund des geschilderten universitären und politischen Kontextes dabei von drei Strategien:

(a) Ich habe zwar im Laufe der Lectures – so weit als möglich – „normativ zurückhaltend“ agiert und habe bewusst auch Positionierungen und Rückfragen Raum zu geben, die bspw. die gleiche Befähigung von Männern und Frauen für bestimmte Tätigkeiten infrage stellten. Die zahlreichen Rückfragen Studierender zu meiner Bewertung von geschlechterspezifischen Diskriminierungen im europäischen wie tansanischen Kontext habe ich dennoch mit (teils sehr eindeutigen) Stellungnahmen beantwortet. Hierbei habe ich jedoch stets meine normativen Prämissen transparent kommuniziert und vermittelt, dass meine Position in der gerade geführten Diskussion ebenso „zur Debatte steht“ wie jede andere. Diese Strategie stellte für mich einen wissenschaftlichen wie persönlichen Balanceakt dar, v.a. wenn Stellungnahmen moderiert werden mussten, die meinem grundsätzlichen Verständnis meiner eigenen Rechte und Ansprüche „als Frau“ widersprachen.

(b) Die Anwendung normativer Theorien und der aus ihnen hervorgehenden Evaluationsstandards für politische bzw. soziale Verhältnisse war als gemeinsames Projekt konzeptualisiert. Den Studierenden habe ich hierbei die Rolle von „Kontextexperten“ zugeschrieben, die mich aufklären müssen. Hiermit wollte ich – aus didaktischer Perspektive – die Offenheit und Diskussionsbereitschaft der Studierenden fördern. Zugleich sind die von mir rezipierten und für die Vorlesung verwendeten, auch aber die in Tansania an Hochschulen gelesenen philosophischen Texte sehr häufig westlichen Ursprungs. Eine anwendungsbezogene Diskussion von normativen Theorien bedurfte daher zunächst der Beschreibungen von Alltagssituationen seitens der Studierenden.

(c) Großen Raum nahm die Diskussion über den Umgang mit Mechanismen ein, welche geschlechterspezifische Ungleichheiten erzeugen bzw. reproduzieren. Hierbei lag ein starker Fokus auf der Individualebene und „unserem“ Umgang mit alltäglichen Situationen. Dies half in Anbetracht der Kontextbedingungen der Lehrsituation, Strategien für counteraction zu diskutieren, die konkret und pragmatisch umsetzbar sind. Für den Zweck der Vorlesung habe ich dabei (fehlerhafte bzw. problematische) Rechtfertigungsstrategien für geschlechterspezifische Ungleichheiten idealtypisch beschrieben und mit Beispielen aus meiner eigenen Lebenswirklichkeit gefüllt: Den Rekurs auf „die Natur“ bzw. „die Biologie“ („this is natural“-strategy), Tradition („it’s always been like that“-strategy) und soziale Normen („be a good girl“-strategy). Im Dialog wurden anschließend analoge Rechtfertigungsstrategien gesucht, denen Studierende in ihrem Alltag begegnen. Besonders aufschlussreich waren für mich der Austausch darüber, welches Verhalten im Umgang mit Konflikten, welche Lebensentscheidungen in Europa wie in Tanzania aus unserer Erfahrung für Menschen verschiedenen Geschlechts als „sozial adäquates“ Verhalten gewertet werden. Die Abschlussdebatte drehte sich um praktische Perspektiven, d.h. argumentative und/oder habituelle Möglichkeiten, auf derartige Diskurse zu antworten.

 

Anwendungsbezogen politisch und persönlich sensible normative Fragen diskutieren: Faktoren „jenseits didaktischer Techniken und Tools“

In den Lectures habe ich ein abstraktes philosophisches Thema durch konkrete Anwendungsbeispiele und Alltagsbezüge in die entsprechenden Lebenswirklichkeiten eingebettet. Hiermit konnte ein Relevanzbewusstsein auf Seiten der Studierenden geschaffen werden, das sich in einer lebhaften und weitgehend entspannten Diskussionsatmosphäre manifestierte. Mein Anspruch war es, die Studierenden als Experten für ihren sozialen und politischen Kontext ernst zu nehmen – auch um den Eindruck zu vermeiden, eine Deutung und Bewertung für mich fremder sozialer Zusammenhänge vorzunehmen. Schließlich hat die Handlungsorientierung der Lecture wie der Diskussion eine produktive Wendung gegeben. Zentrale Herausforderungen blieben auch bei dieser Vorgehensweise bestehen und sind aus meiner Perspektive durch „didaktische Techniken“ auch nicht vollständig einzuhegen. Dies betrifft insbesondere fünf Aspekte, die für die Interaktion der Studierenden mit mir oder für ihre Interaktion miteinander relevant sind:

  1. Rollenerwartungen und Rollenkonflikte: Gerade bei normativ sensiblen Fragen, die auch eine persönliche Dimension haben bzw. das Privatleben einzelner Diskussionsteilnehmer betreffen, haben Rollenerwartungen und -zuschreibungen ein großes Gewicht. In der Diskussion war in Anbetracht der Rückfragen Studierender deutlich, dass ich immer zugleich als Lehrende, Wissenschaftlerin, westliche „Besucherin“, als Frau, usw. wahrgenommen wurde. Hier ist es erforderlich, von Anfang an klarzustellen, dass man sich (a) der Pluralität der eigenen Rollen bewusst ist, sie aber (b) analytisch trennen kann und im Rahmen der Lehrsituation (c) in einer bestimmten Rolle oder Funktion spricht. Der analytischen Trennung von Rollen zum Trotz erforderte das Thema der Lectures, dass diese Rollen auch flexibel eingenommen bzw. gewechselt werden – gerade dann, wenn das Private politisch bzw. zum Gegenstand politiktheoretischer Reflexion wird.
  2. Gemeinsames Sprachspiel: Eine essentielle Voraussetzung für den interkulturellen Dialog ist es, dass ein gemeinsames „Sprachspiel“ hergestellt wird. Lehrende müssen Zeit, Raum und Bereitschaft für den Austausch über Begriffe, Bedeutungen, diskursive Kontexte mitbringen. Vor allem aber sollten Lehrende die Bereitschaft und habituelle Offenheit mitbringen, mit Studierenden eine gemeinsame Interpretation von Konzepten wie „politische Gleichheit“ oder „Geschlecht“ zu erarbeiten.
  3. Reflexion über die eigenen Erwartungen an ein Lehr-Lern-Setting: Auch unsere Lehr-Lern-Kultur – und die damit einhergehenden Rollenerwartungen – sind nicht selbstverständlich. Eine demokratische Diskussion mit „egalitärem“ Habitus bzw. Anspruch durchzuführen benötigt in Lehr-Lern-Kulturen, in denen Frontalunterricht das einzige bekannte Unterrichtsformat ist, nicht nur Erklärung, sondern auch Übung – und Geduld.
  4. Diskussionen über und mit Gender-Bias: Ein Gender-Bias in der Diskussionskultur kann das inhaltliche Ergebnis eines Austausches verzerren. Im Falle der Diskussion über Sozialisationsmuster und Geschlechterungleichheiten ist dies sehr wahrscheinlich. Da die Sozialisation der Studierenden im tansanischen Kontext sehr eindeutig zu einer nach Geschlechtern differenzierten Quantität (und Emphase) der Stellungnahmen führte, habe ich diesen Eindruck zwar transparent gemacht, musste das zugrundeliegende Missverhältnis jedoch als Rahmenbedingung meiner Arbeit akzeptieren.
  5. Vertrauen als Voraussetzung für Thematisierbarkeit: Gerade bei der Diskussion nicht nur normativ strittiger, sondern auch politisch umkämpfter (und möglicherweise, wie im Falle von Homosexuellen-Rechten, sogar rechtlich ahndbarer) Stellungnahmen benötigt ein produktiver Austausch wechselseitiges Vertrauen. Dieses in Interaktionen „jenseits des Seminarraums“ hergestellte Vertrauen ermöglichte im Laufe der Zeit die Benennung und Thematisierbarkeit von Rechtsverletzungen und Benachteiligungen, die in der hochschulöffentlichen Diskussion und unter formalisierten Rahmenbedingungen nicht zur Sprache gekommen wären.

Die Erfahrungen im tansanischen Kontext und meine Reflexion über die Gelingensbedingungen dieses interkulturellen Austausches lenken den Fokus damit auch auf nicht-technische Aspekte der Gestaltung von Lehr-Lern-Settings: Gerade dann, wenn die debattierten issues in die Privat- bzw. Intimsphäre der TeilnehmerInnen reichen, gewinnt die Wahrnehmung und Rolle der Lehrenden sowie die Beziehungsdimension an Bedeutung: Für den produktiven Austausch war eine möglichst entspannte Atmosphäre und die Bereitschaft zu Begegnungen außerhalb des formellen Lecture-Settings mindestens so wichtig wie didaktische Techniken. Vor allem aber wurde deutlich, dass das erforderliche Vertrauen nur durch ein wechselseitiges Auskunft-Geben über geschlechterspezifische Sozialisationsmuster, Erfahrungen und Wahrnehmungen gelingen konnte: Die produktive Diskussion über normative wie empirische Fragen der Geschlechtergleichheit bedarf wechselseitiger Offenheit – gerade im interkulturellen Austausch und auch in hierarchischen Verhältnissen. Eine persönlich offene und ergebnisoffen gestaltete Diskussion, die den Raum des Sagbaren ausdehnt, kann je nach Kontext und persönlicher Betroffenheit „weh tun“ – in der Konfrontation mit Positionen, Sozialisationsmustern und Erwartungshaltungen können Studierende und Lehrende aus meiner Erfahrung jedoch gleichermaßen profitieren.

 

Referenzen:

CEDAW, Tanzania (2007): UN Committee on the Elimination of Discrimination against Women: Combined fourth, fifth and sixth periodic reports of States parties, Tanzania. Online: https://www.refworld.org/publisher/CEDAW.html

Fleuß, D. (2018): “Politische Theorie anwendungsbezogen lehren. Lehrende zwischen normativer Zurückhaltung und kritischer Stellungnahme.” [Teaching Normative Political Theory. How to Balance Normative Moderation and Adopting Political Positions in Theory Seminars.] In: Politische Vierteljahresschrift/German Political Science Quarterly] 59(4), 719-736. https://doi.org/10.1007/s11615-018-0133-5

Freedom House (2018): Index of Freedom in the World 2018, Country Profile: Tanzania. Online: www.freedomhouse.com

The Citizen, November 30, 2018: University of Dar es Salaam lecturer in sex-for exams claim defended. Online: https://www.thecitizen.co.tz/news/University-of-Dar-es-Salaam-lecturer-in-sex/1840340-4876038-jsj603z/index.html

Bausteine einer politikwissenschaftlichen Hochschuldidaktik

Didaktiken gibt es viele. Da gibt es die Fachdidaktik, die sich um die Vermittlung schulbezogener didaktischer Kompetenzen an Lehramtsstudierende kümmert. Dann gibt es die Hochschuldidaktik, also die Lehre vom Lehren und Lernen an Hochschulen im allgemeinen. In unserem Feld gibt es auch noch eine Didaktik der politischen Bildung für die außer(hoch)schulischen Lernkontexte. Und dann, nicht zuletzt, gibt es noch eine fachbezogene Hochschuldidaktik.

Solche fachbezogenen Hochschuldidaktiken sind nicht das gleiche wie die allgemeine Hochschuldidaktik. Letztere kümmert sich fachungebunden um hochschulische Lehr- und Lernprozesse. Wir Lehrende „erleben“ die Hochschuldidaktik zumeist in entsprechenden Weiterbildungsprogrammen, beispielsweise beim Erwerb hochschuldidaktischer Zertifikate. Viele meiner KollegInnen beschreiben die so erlebte allgemeine Hochschuldidaktik als praxisfern und schwer anwendbar auf ihren Lehrkontext. Umgekehrt sagen viele professionelle HochschuldidaktikerInnen, dass sie gerne mehr Einblick in die fachliche Lehrpraxis hätten. Für solche Probleme haben bzw. brauchen Fächer eine fachbezogene Hochschuldidaktik, also ein Verständnis davon, wie im Kontext ihrer Disziplin Lehre und Lernen aussehen sollen.

Ich hatte unlängst Gelegenheit, mich mit Lehrenden aus anderen Disziplinen sowie der allgemeinen Hochschuldidaktik über unsere jeweiligen Fachkulturen auszutauschen. (Vielleicht wird daraus ein vergleichendes Projekt, mal sehen.) In der Vorbereitung und im Gespräch habe ich mit der Frage gerungen, was eine politikwissenschaftliche Hochschuldidaktik ausmacht. Eine Antwort habe ich noch nicht, nicht mal ansatzweise, zumal es in der Politikwissenschaft bislang keine Auseinandersetzung mit dieser Frage gibt. Ich möchte in diesem Blogpost erstmal nur die Dimensionen der Frage auffächern und ein paar Gedanken festhalten, damit ich mich beizeiten systematischer damit befassen kann.

Die Probleme fangen schon damit an, was man als Dimensionen oder Deutungen des Begriffs „fachbezogene Hochschuldidaktik“ verstehen kann. Eine erste Deutung zielt auf die Lehrpraxis: Anhand welcher Prinzipien, Philosophien und normativer Festlegungen wird in einem Fach gelehrt? (Siehe dazu den schönen PVS-Artikel von Julian Eckl.) Mit welchen Lehrmethoden werden welche Lehrinhalte gelehrt? Für die Politikwissenschaft fallen mir insbesondere die Zentralität von Begriffen wie Macht und Konflikt ein, die pluralistische Epistemologie sowie die hohe Bedeutung, welche wir diskursiven und dialogischen Kompetenzen und Lehrmethoden zuschreiben.

Eine zweite Deutung interpretiert dies als Praxisgemeinschaft. Von wem sprechen wir eigentlich, wenn wir von einer fachbezogenen Hochschuldidaktik sprechen? Sind das alle Lehrenden des Fachs? Oder enger gefasst nur diejenigen Lehrenden, die ihre Lehre didaktisch reflektieren? Zu diesem Aspekt gehört auch, die Beziehungen einer wie auch immer gearteten Praxisgemeinschaft zu anderen Gemeinschaften wie z.B. der Lehr-Lern-Forschung oder der allgemeinen Hochschuldidaktik zu klären. Hier sehe ich deutlichen Nachholbedarf in der Politikwissenschaft, ganz gleich ob man die Grenzen eng oder weit zieht. Es gibt Fächer wie die Medizin und die Rechtswissenschaften, in denen die fachbezogene Hochschuldidaktik ein ganz selbstverständlicher Teil der Disziplin ist. Davon sind wir weit entfernt. Aber man sollte in diesem Punkt die Latte nicht zu hoch legen – selbst didaktisch reflektierte Lehrende verstehen sich weiterhin eher als PolitikwissenschaftlerInnen anstatt als politikwissenschaftliche HochschuldidaktikerInnen. Letzteres geschieht wohl nur, wenn sie auch institutionell bzw. professionell den Schritt in eine praktische Tätigkeit im hochschuldidaktischen Bereich tun.

Die dritte Deutung versteht den Begriff als Feld. Welche Infrastrukturen und welche Netzwerke hat sich ein Fach gegeben, um sich systematisch über Fragen von Studium und Lehre auszutauschen? Hier fällt mir – für Deutschland – naturgemäß der AK Hochschullehre ein, über den wir bereits viel getan haben, um zur Vernetzung aktiver Lehrender beizutragen. Aber es lohnt sich auch der Seitenblick auf unsere Schwestergruppen in der ECPR, der APSA oder der PSA, die uns in dieser Hinsicht auch noch einige Jahre voraus sind.

Diese Deutungen oder Dimensionen einer fachbezogenen Hochschuldidaktik zeigen bereits, wie komplex die Antwort auf die Frage ist, ob es eine fachbezogene Hochschuldidaktik der Politikwissenschaft gibt und wenn ja, wie diese aussehen könnte. Wir ringen mit dieser Frage auf einer praktischen Ebene immer wieder bei der Herausgabe der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik, wenn wir uns bei jedem Band, sei es zur Kompetenzorientierung, zu Simulationen oder zum forschenden Lernen, fragen: Was ist das spezifisch politikwissenschaftliche im Zugang zu diesem Thema? Dass wir auf diesem Wege wie nebenbei auch erste bruchstückhafte Überlegungen zu einer fachbezogenen Hochschuldidaktik unternehmen war bisher nur ein netter Nebeneffekt, aber ich halte es für wertvoll, künftig noch systematischer darüber nachzudenken.

Call for Papers: Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Wozu? (Fünfte Jahrestagung, Berlin, 17.-18. Februar 2020)

Der Call als pdf

Wozu betreiben wir Hochschullehre? Auf diese Frage gibt es viele mögliche Antworten, z.B. die formalistische (weil sie Teil unserer arbeitsvertraglich festgelegten Aufgabenbeschreibung ist) oder eine individuell-moralische (weil man sie für wichtig hält). Bei der fünften Jahrestagung des AK Hochschullehre wollen wir diese Frage aus systemischen, normativen und institutionellen Blickwinkeln betrachten. Anders gefragt: Was sind Ziele eines politikwissenschaftlichen Studiums und was bedeutet dies für unsere Lehre?

Wir rufen daher zu Beiträgen auf, die sich beispielsweise mit den folgenden Fragen beschäftigen:

  • Welche sind die Bildungsziele eines politikwissenschaftlichen Studiums? Hier gibt es natürlich Raum für unterschiedliche Antworten von Institut zu Institut, aber nur wenig explizite Debatten. Orientieren wir uns immer noch, oder etwa schon wieder am Ideal der „Demokratiewissenschaft“? Oder wenn es das klassisch-humanistische Bildungsideal sein soll, was ist daran spezifisch politikwissenschaftlich?
  • Im bildungspolitischen Feuilleton und in kollegialen Flurgesprächen werden Kompetenzen und Wissen gelegentlich als Gegensätze dargestellt. Wie kommen wir in der Lehre aber auch in innerfachlichen Diskursen weg von der Gegenüberstellung hin zur Komplementarität dieser beiden Ziele?
  • Im Anschluss an die von unserem AK mitgestaltete DVPW-Thementagung 2019 stellt sich die Frage, wie wir durch die Lehre im Besonderen in die Gesellschaft wirken. Wie bereiten wir (künftige und aktuelle) Praktiker*innen in Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft auf ihre Aufgaben vor? Wie befähigen wir die übrigen Studierenden dazu, aktive Staatsbürger*innen in einer zunehmend polarisierten Demokratie und einer globalisierenden Weltgesellschaft zu sein? Welche Anforderungen werden von außen an Studium und Lehre herangetragen und wie sollten wir ihnen begegnen?
  • Welche pädagogischen Vorstellungen stehen hinter unserer Lehre? Die politikwissenschaftliche Hochschullehre geschieht meistens ohne besondere lerntheoretische oder lernpsychologische Fundierung. Hier gibt es großen Spielraum und Bedarf, bildungswissenschaftliche und pädagogische Theorien für unsere Disziplin zu übersetzen und zu operationalisieren.
  • In Akkreditierungsverfahren werden Studiengänge regelmäßig als forschungs- oder praxisorientiert kategorisiert, aber wie drücken sich diese Einordnungen in Studium und Lehre aus? Sofern man mit dieser Dichotomie einverstanden ist, welche Bedeutung hat sie für die Formulierung von passenden Lernziele und die Gestaltung entsprechender Curricula? Nicht zuletzt geht es auch darum, ob wir diese selbst gesteckten Ziele erreichen. Welche Metriken benutzen wir dafür und durch welche Prozeduren fließt dies als Feedback in die Weiterentwicklung des Studienganges ein? Unter diesem Stichpunkt können auch Absolvent*innenstudien, die Erforschung einschlägiger Praxisfelder oder Verfahren des Qualitätsmanagements diskutiert werden.
  • Welche Stellung hat die Lehre an der Hochschule? Die relative Geringschätzung der Lehre im Vergleich zur Forschung, welche mit dem Begriff der „Reputationsasymmetrie“ beschrieben wird, ist allgemein bekannt. Aber welche Rolle – jenseits von Fensterreden – hat sie in der heutigen Mission der Hochschulen? Und wie differenziert sich dies nach Hochschulformen und/oder im Vergleich zur Politischen Bildung?
  • Die oben genannten Fragen spielen sich alle in größerer Flughöhe ab, aber was bedeuten sie für die Lehre im Kleinen, also auf der Ebene von Modulen und einzelnen Lehrveranstaltungen? Dies kann man normativ (Was sollten die Ziele sein?) oder praktisch beantworten (Wie trage ich zur Verfolgung der Ziele bei?). Dies umfasst auch die häufige Herausforderung, wie ich als Lehrende/r mit teils unklar formulierten Vorgaben in Prüfungsordnungen und Modulhandbüchern umgehe. Denkbar sind auch Beiträge aus institutioneller Perspektive, wie es z.B. ein Institut schaffen kann, seine Lehrenden auf gemeinsame Linien oder Ziele zu verpflichten, ohne in die Freiheit der Lehre einzugreifen.

Wie immer beschäftigen wir uns auch 2020 mit Lehrkonzepten und Erfahrungsberichten aus Lehrveranstaltungen unterschiedlicher Formate. Im Praxisforum möchten wir wieder die Gelegenheit geben, Lehr-Lernformate aus der Hochschullehre zu präsentieren, aber auch Ideen für solche Formate zur Diskussion zu stellen. Dabei geht es uns nicht nur um Lehrinnovationen, sondern auch um neue Perspektiven auf bewährte Themen, Formate und Probleme.

 

Einreichung von Beiträgen

Interessierte senden bis einschließlich 15.11.2019 einen Abstract (max. 500 Wörter) an lambach(ÄT)normativeorders.net. Bitte geben Sie an, in welchem Format (Vortrag, Diskussion, Workshop, Roundtable, Poster o.ä.) Sie Ihren Teil im Rahmen der Tagung gestalten möchten und fügen Sie einige biografische Angaben (max. 200 Wörter) bei.

Nach Auswahl der Beiträge werden wir Sie bis zum 2.12.2019 über das finale Programm und den genauen Tagungsort informieren. Der Arbeitskreis ist leider nicht in der Lage, Reise- oder Übernachtungskosten zu übernehmen.

„Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte – Selbstverständnisse, Praxis, Perspektiven“ – ein Workshopbericht

Dies ist ein Gastbeitrag von Andreas Busen, Dannica Fleuß und Alexander Weiß.

 

Am 10. und 11. Mai 2019 fand an der Universität Hamburg der Workshop „Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte – Selbstverständnisse, Praxis, Perspektiven“ statt. Der Workshop mit ca. 20 Teilnehmern wurde von Andreas Busen (Universität Hamburg), Dannica Fleuß (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) und Alexander Weiß (Leuphana-Universität Lüneburg) mit Unterstützung des Arbeitskreises Hochschullehre der DVPW organisiert. An zwei Tagen diskutierten die Teilnehmer auf Basis von Impulsvorträgen der Teilnehmenden und eines hochschulöffentlichen Roundtables Fragen nach spezifischen Zielsetzungen und Herausforderungen politikwissenschaftlicher Lehre in der Theorie und Ideengeschichte sowie Anwendungsbeispiele aus der Lehrpraxis.

Im Anschluss an eine Begrüßung seitens des Organisationsteams setzte sich das erste Panel mit Selbstverständnissen der Politischen Theorie als politikwissenschaftlicher Sub-Disziplin, den entsprechenden Selbstverständnissen Theorielehrender sowie Zielsetzungen der Hochschullehre Politischer Theorie auseinander. Den Auftakt machten Frederik Metje und Simon Rettenmeier (beide: Universität Kassel), die in ihrem Vortrag „Über die Schizophrenie des Lehrens in der Politischen Theorie“ drei Fragekomplexe aufzeigten, die eine reflektierte Theorielehre adressieren müsse: Soll Theorielehre das Bildungsziel verfolgen, kanonisches „ideengeschichtliches“ Wissen zu vermitteln oder Studierende in Anbetracht dynamischer gesellschaftlicher Entwicklungen verstärkt auf gesellschaftliche und theorieinterne Kontroversen vorbereiten? Sollen die jeweiligen Ziele vor allem mit lehrenden- oder lernendenzentrierten Methoden erreicht werden? Und wie „neutral“ bzw. politisch engagiert kann und soll Theorielehre dabei sein?

Die Implikationen von Digitalisierung für die Beantwortung dieser Fragen diskutierte Gary S. Schaal (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg). Schaal plädierte in seinen Ausführungen zum Thema „Lehre in der Politischen Theorie unter veränderten Kontextbedingungen: Gesellschaftliche Digitalisierung und digitale Medien“ dafür, dass Digitalisierung zu tiefgreifenden Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen führt und damit auch eine grundsätzliche Anpassung des politiktheoretischen Curriculums erfordert. Zudem thematisierte der Vortrag die digitalisierungsinduzierten Chancen und Herausforderungen für didaktische Strategien der Lehrenden.

Für den Bereich der ideengeschichtlichen Lehre haben Rieke Trimcev und Lisa Klingsporn (beide Universität Greifswald) unter dem Titel „Politische Ideologien lehren – Ideengeschichte mit Praxisbezug in der Studieneingangsphase“ an gemeinsame Seminarerfahrungen angeschlossen. Sie schlagen (in Anlehnung an den Ansatz von Michael Freeden) ein Seminarformat vor,  das ‚politische Ideologien‘ thematisiert und ein Format aus der politischen Didaktik als Gedankenexperiment für die Didaktik in der Ideengeschichte übernimmt: In einer ‚Dorfgründung‘ haben Studierende zunächst Gründungssituationen politischer Gemeinschaften simuliert und anschließend auf spielerische Weise politiktheoretisch reflektiert: Was würde bspw. Edmund Burke vorschlagen, wenn er in das Dorf käme?

Den Abschluss des ersten Tages bildete die von Andreas Busen moderierte hochschulöffentliche Podiumsdiskussion zum Thema „Herausforderungen und Perspektiven der Lehre Politischer Theorie und Ideengeschichte“ mit Svenja Ahlhaus, Olaf Asbach (beide Universität Hamburg), Gary S. Schaal und Frieder Vogelmann (Goethe-Universität Frankfurt a.M.). Der Schwerpunkt der kontroversen Debatte lag auf dem Selbst- und Aufgabenverständnis politischer Theorie sowie den didaktischen Positionen, die sich aus den jeweiligen Verständnissen ergeben.

Am zweiten Tag wurden im Panel „Praxisberichte und Lehr-Lern-Konzepte“ anhand von erfolgreich durchgeführten Seminaren didaktische Konzepte vorgestellt und diskutiert. Anne Cornelia Kenneweg (Agentur für Lehrkultur, Leipzig) kommentierte die vorgestellten Lehr-Lernkonzepte aus hochschuldidaktischer Perspektive.

Christian Welniak (Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik) und Alexander Weiß (Leuphana Universität Lüneburg) haben mit ihrem Beitrag „Demokratietheorie und Demokratiepädagogik“ die inhaltliche Verzahnung von Demokratietheorie und Erziehungswissenschaft zum Strukturprinzip eines Seminars in der LehrerInnenausbildung gemacht. Demokratietheoretische Positionen wurden dabei jeweils auf ihre explizite oder implizite Erziehungsdimension untersucht und demokratiepädagogische Formate auf ihren Demokratiebegriff abgefragt.

Mit „Politische Theorie und Film – Reflexion einer Lehrveranstaltung“ präsentierten Michael Haus und Esther Lehnardt (beide Universität Heidelberg) ein Seminarformat, das Spielfilme als didaktisches Mittel und als politiktheoretischen Reflexionsgegenstand integrierte. Anhand exemplarischer Filme und politischer Theorien illustrierten die Vortragenden, wie Filme in diesem Seminar einerseits der Vermittlung politiktheoretischer Topoi dienten, andererseits selbst als Objekte politiktheoretischer Interpretation und Analyse fungierten.

Dannica Fleuß nahm mit „Normative politische Theorie in Deutschland und Tansania lehren“ eine interkulturell vergleichende Perspektive auf didaktische Herausforderungen und Formate der Lehre Politischer Theorie ein. Im Zentrum stand dabei die Reflexion von Lehrveranstaltungen im Rahmen eines Co-Teaching Projekts an der University of Dar es Salaam, in denen sie Fragen der Geschlechtergleichheit und Religionskritik in verschiedenen Lehr-Lern-Settings adressierte.

In der Abschlussdiskussion wurde angesichts der Eindrücke des zweitägigen Workshops von den TeilnehmerInnen einstimmig ein Bedarf an einer weitergehenden Diskussion der verhandelten Themen konstatiert und ein klares Interesse an einer Fortführung des Austauschs bzw. der Kooperation bekundet.

DVPW-Thementagung “Wie relevant ist die Politikwissenschaft?” – Call for Papers

Der AK Hochschullehre veranstaltet gemeinsam mit dem AK Politik und Geschichte, dem AK Politik und Kommunikation, dem AK Politik und Kultur sowie der Sektion Regierungssystem und Regieren die erste DVPW-Thementagung zum Thema “Wie relevant ist die Politikwissenschaft?”. Die Tagung findet am 12.-14. Dezember 2019 an der Universität Frankfurt statt, wo sie vom Cluster Normative Ordnungen und dem Institut für Politikwissenschaft gemeinsam organisiert wird.

Beiträge zur Tagung können bis zum 1. September eingereicht werden. Weitere Details entnehmen Sie bitte dem Call for Papers.

Standortübergreifende Lehre im internationalen Kontext: Erfahrungen einer Lehrkooperation zwischen den Universitäten Pretoria und Düsseldorf

Ein Gastbeitrag von Witold Mucha und Christina Pesch (Universität Düsseldorf)

Nicht erst seit Bologna wird von Seiten Studierender und Lehrender eine stärker internationalisierte und digitalisierte Hochschullehre gefordert. Diese Forderung spiegelt die veränderte Lebensrealität vieler Studierender wider: Studierende im Jahre 2019 sind vernetzter, digitaler, mobiler und internationalisierter als noch vor zehn Jahren. Gleiches gilt für Anforderungen, die an Universitätsabsolvent*innen von der Arbeitswelt gestellt werden. Dieser rasanten Entwicklung hat die Dozierendenzunft in den politikwissenschaftlichen Teildisziplinen bislang wenig entsprochen, basierte die Lehre bereits im Jahre 2009 in erster Linie auf der Lektüre zumeist anglo-amerikanisch dominierter Fachliteratur. Gleiches gilt für die in Vorlesungen und Seminaren auf Studierende übertragene Bewertungsstandards, die insbesondere anglo-amerikanischen oder europäischen Vorstellungen „guter“ Wissenschaft entsprechen. Autor*innen und Perspektiven aus dem Globalen Süden finden demgegenüber – auch bei grenzüberschreitenden Phänomenen wie menschlicher Mobilität, Klimawandel und Waffenhandel – im Rahmen bestehender Curricula und Syllabi kaum Berücksichtigung.

Vor diesem Hintergrund entstand im Sommer 2016 eine Lehrkooperation zwischen den Universitäten Pretoria und Düsseldorf. Konzepte wie blended learning und inverted classroom wurden nutzbar gemacht, um den politikwissenschaftlichen Lehrplan durch standortübergreifende Seminarkonzeptionen vor allem in international ausgerichteten Themenfeldern zu ergänzen. Inhaltliche Schwerpunkte des Kooperationsprojektes bildeten in diesem Kontext die Themenfelder Friedenssicherung (2017), Migration (2018) und Mediation (2019). Studierenden durch Lehrkooperationen in diesen Feldern Zugang zu internationaler Forschung und Expertise zu ermöglichen, Lernwege genauso wie Perspektiven zu diversifizieren und die Studierenden in interkultureller Kommunikation sowie im Umgang mit digitalen Medien zu schulen, bilden dabei nur einen Teil der Ziele des Projektes ab (vgl. https://www.stifterverband.org/digital-lehrfellows/2018/mucha). In der praktischen Umsetzung bedeutete dies in den vergangenen drei Jahren zunächst die Entwicklung, Testung, Revision und erneute Anpassung der technisch-digitalen und methodologisch-didaktischen Ausgestaltung des Projektes. Respektive lessons learnt wurden bereits auf Tagungen wie der International Migration Conference in Johannesburg mit internationalem Forum diskutiert.

Im Verlauf dieses Prozesses haben sich zwei Ansätze als Kernelemente des Seminars herauskristallisiert: Zum einen werden die Studierenden durch die Bereitstellung von Literatur sowie ergänzender Inputs internationaler Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und Individuen nicht nur in den jüngsten Stand der Forschung eingeführt. Weil der Pluralismus und die Diversität der im Seminarkontext repräsentierten Perspektiven und Meinungen das zentrale Auswahlkriterium für respektive Sprecher*innen darstellt, werden den Studierenden darüber hinaus erste Kontaktpunkte mit einem breiten Spektrum theoretischer, epistemologischer, ontologischer, und methodologischer Zugänge ermöglicht. Hierzu zählt die vorbereitende Auseinandersetzung mit journalistischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten genauso wie Panel-Diskussionen, Planspiele, sowie Q&As in der Seminarsitzung. Zum anderen nehmen die Studierenden als Expert*innen ihrer eigenen Perspektiven und Hintergründe selbst eine aktive und zentrale Rolle im Prozess gemeinsamer Wissens(re-)produktion ein. Aus diesem Grund stehen Gruppenarbeitskonzepte (z.B. das an die standortübergreifende Seminarsituation angepasste Konzept der online-Vernissage), studentische Beiträge sowie die persönliche Interaktion von Studierenden und Lehrenden im Zentrum der Seminarkonzeption. Beispielsweise diskutierten Studierende und Lehrende beider Universitäten, verbunden über Videoübertragung, gemeinsam epistemologische und ontologische Konzepte menschlicher Mobilität und Grenzen auf Basis von fotografischen und künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Themengebiet sowie dem vorbereitenden Video-Beitrag eines südafrikanischen Forschers.

Auch wenn didaktische und methodische Seminarmodelle somit für die internationale, standortübergreifende Lehrkooperation auf ihre Qualität getestet sowie diskutiert wurden und auf dieser Basis Praxistipps für die Durchführung standortübergreifender Kooperation ausgesprochen werden können, bleibt Letztere auch zukünftig einem Überprüfungs-, Verbesserungsprozess und Ergänzungsprozess unterlegen. Dem Gedanken der stetigen Adaption, der Nachhaltigkeit und Kooperation verbunden ist in diesem Rahmen das Bestreben der Verfasser*innen, die entwickelten Konzepte im Sinne des Ansatzes einer Open Educational Resource (OER) fachöffentlich bereit zu stellen. Auf diese Weise sollen einerseits universitäts- und disziplinübergreifend Dozierende und Institute zur Durchführung vergleichbarer Lehrprojekte sowie zum Teilen und zur Diskussion ihrer eigenen Erfahrungen motiviert werden. Andererseits soll ein Diskurs über die Verbesserung politikwissenschaftlicher Lehre durch Internationalisierung und Digitalisierung angestoßen werden, wobei standortübergreifende Lehre als methodisches und didaktisches Mittel aus unserer Sicht eine zentrale Stellung einnehmen kann.

Die geplante OER-Plattform gliedert sich vor diesem Hintergrund in drei Bereiche:

  1. Das Kernstück der Plattform bildet die methodisch-didaktische Sektion: In diesem Bereich können – angepasst an den Kooperationsgrad des jeweiligen Projektes – Anleitungen (Wikis) zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung standortübergreifender Kooperation zur Verfügung gestellt und/ oder diskutiert werden.
    Fragen, die in dieser Sektion gestellt werden, lauten etwa: Welche Art der standortübergreifenden Kooperation eignet sich, um ein spezifisches Seminar zu unterstützen? Welche bereits erprobten Seminar- bzw. Sitzungskonzeptionen können zu diesem Zweck herangezogen werden? Welche konkreten didaktischen bzw. methodischen Mittel wurden zu diesem Zweck bereits angepasst (z.B. Planspiel: Model United Nations, MUN) oder neu entwickelt (z.B. online-Vernissage)? Wie kann ich diese in mein Seminar einbinden? Wie setzte ich entsprechende Konzepte in der konkreten Seminarsituation ein?
  2. Ergänzt werden diese Überlegungen durch eine auf inhaltliche Kooperation ausgerichtete Sektion (Blog), in der Lehrende Materialien austauschen und diskutieren können: In diesem Bereich können somit bereits im Rahmen standortübergreifender Seminarkooperation erstellte und/ oder erprobte Materialien anderen Standorten zur Verfügung gestellt und/ oder diskutiert werden.
    Fragen, die in dieser Sektion gestellt werden, lauten etwa: Gibt es bereits Materialien, die ich in mein Seminar einbinden kann (z.B. Kurz-Video zum dekolonialen Frieden von Experten der Universität Pretoria; Planspiel zum Thema Migrationspakt; online-Vernissage zu den Begriffen Staat, Grenze und Migration aus postkolonialer Perspektive von Studierenden der Universität Düsseldorf und Pretoria)? Kann ich die von mir bzw. in meinem Seminarkontext erstellten Materialien anderen Standorten zur Verfügung stellen?
  3. Vor allem an letzteren Punkt schließt abschließend die OER als Diskussions- und Netzwerkplattform (Forum) an: In diesem Bereich können Fragen rund um die Planung, Organisation und Durchführung standortübergreifender Seminarkooperation geklärt, Erfahrungen weitergegeben und Kooperationsideen entwickelt werden. Ebenso können der generelle Mehrwert und die Potentiale standortübergreifender Kooperation – allgemein oder kontextualisiert – debattiert werden.
    Fragen, die in dieser Sektion gestellt werden, lauten etwa: Wie finde ich geeignete Kooperationspartner*innen? Gibt es eventuell bestehende Projekte, an denen ich mich beteiligen kann bzw. Universitäten/ Dozierende, die Interesse an einem entsprechenden Austausch hätten? Wie bewerten andere die von mir erstellten Materialien, wer gibt mir konstruktive Kritik? Wer hat Erfahrungen, in welchem Lehrkontext standortübergreifende Zusammenarbeit bzw. welches methodische oder didaktische Mittel geeignet ist?

Wie aus der Gliederung der OER-Plattform hervorgeht, gilt es keineswegs, bestehende Modelle der standortübergreifenden Lehrkooperation lediglich zu transportieren, sondern diese kritisch zu diskutieren und zu reflektieren, lessons learned anderer Standorte und Disziplinen einzubinden und Kontaktpunkte für potentielle Kooperationspartner*innen zu bieten. Auf diese Weise soll ein perspektivischer Beitrag zur Weiterentwicklung der politikwissenschaftlichen Lehre (und darüber hinaus) an der Schnittstelle Digitalisierung und Internationalisierung geleistet werden, indem der „echte“ Austausch mit Menschen und deren Perspektiven im internationalen Kontext gefördert und letztlich zur Institutionalisierung damit einhergehender Kooperationsprozesse beigetragen wird. Studierende und Lehrende, die an weiterführenden Informationen, dem gemeinsamen Austausch und/oder perspektivischen Kooperations- sowie Beteiligungsformaten interessiert sind, sind aus diesem Grund herzlich dazu eingeladen, Kontakt mit den Autor*innen aufzunehmen.

Workshop “Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte” (10.-11. Mai 2019, Hamburg)

Seit einiger Zeit gibt es in unserem Arbeitskreis eine sehr rege Arbeitsgruppe, die sich mit der Lehre in der politischen Theorie und Ideengeschichte befasst. Diese Gruppe, unter Leitung von Andreas Busen, Dannica Fleuß und Alexander Weiß hat jetzt erstmals einen Workshop organisiert (siehe den Call hier), der unter dem Titel „Hochschullehre in der Politischen Theorie und Ideengeschichte: Selbstverständnis, Praxis, Perspektiven“ am 10. bis 11. Mai 2019 an der Universität Hamburg stattfindet.

Das Programm (pdf-Fassung) umfasst spannende Beiträge mit Praxisberichten, Überlegungen zur Demokratiepädagogik und konzeptionellen Fragen der Theorielehre. Im Mittelpunkt steht eine hochkarätig besetzte Roundtable-Diskussion zu den Herausforderungen und Perspektiven der Lehre politischer Theorie und Ideengeschichte.

Wer am Workshop teilnehmen will, wendet sich am besten direkt an die OrganisatorInnen (Kontaktmöglichkeiten siehe Programm).

Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Politikwissenschaft

Seit einigen Jahren findet in der und um die Politikwissenschaft in Deutschland und im Ausland eine Debatte statt, wie “relevant” das Fach eigentlich (noch) sei. In Deutschland ist dies u.a. in publikumswirksamen Beiträgen in großen Medien (ZEIT, FAZ) sowie in Fachzeitschriften (Zeitschrift für Politikwissenschaft) diskutiert worden. (Alle Beiträge sind auf der Webseite der DVPW archiviert.) In den USA wurde eine ähnliche Diskussion vor kurzem mit Beiträgen in der Chronicle of Higher Education (pro und contra).

Die Kritik macht in diesen Beiträgen vor allem an der fehlenden Sichtbarkeit (i.S. von Beiträgen oder Statements in publikumswirksamen Medien) und Politikrelevanz (i.S. eines Aktualitätsbezugs der Forschung und einer Kommunikation an politische Entscheidungsträger*innen) fest. Oft wird auch eine Verwissenschaftlichung der Wissenschaft (Stichwort “Methodenfetisch”) beklagt, wegen derer es keine wahren Intellektuellen mehr gebe – ganz anders als in den goldenen Zeiten, wo jede bildungsbürgerliche Familie am Mittagstisch über den neuen Habermas diskutierte. (Ich übertreibe hier vielleicht etwas.)

Die Gegenposition sagt, dass dies ein zu enger Blick auf die gesellschaftliche Wirkung von Wissenschaft sei. Sie hat dabei die kritische Wissenschaftsforschung auf ihrer Seite. Diese zeigt, dass man das das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis nicht als eins von Wissensangebot und -nachfrage verstehen sollte, sondern es als Wechselbeziehung begreifen muss. Das heißt, dass es nicht nur um den “Transfer” von wissenschaftlicher Erkenntis in eine wie auch immer definierte Praxis geht, sondern dass auch die Praxis einen Einfluss auf die Wissenschaft hat, im Guten wie im Schlechten.

Ferner ist eine Verengung auf die Sichtbarkeit in Massenmedien und die Beratung von Entscheidungsträger*innen problematisch, da dies viele andere Aspekte marginalisiert, über die die Politikwissenschaft (ebenso wie andere Fächer) gesellschaftliche Wirkung erzielt:

  • Die Hochschullehre, in der künftige politische Akteure und demokratische BürgerInnen gebildet werden
  • Öffentliche Kommunikation von Forschung über andere Kanäle (soziale Medien, Podcasts, Videos, in öffentlichen Veranstaltungen)
  • Die Kommunikation mit politischen Akteuren außerhalb staatlicher Institutionen (z.B. aus Denkfabriken, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Gewerkschaften, sozialen Bewegungen)
  • Transnationale Kommunikation mit politischen Akteuren (z.B. Medien, Praktiker*innen, Studierende) aus anderen Ländern

Für uns als AK Hochschullehre ist der erste dieser Punkte von besonderer Bedeutung. Die meisten Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer werden nie große Politikberatung betreiben. Auch ihre Forschungsleistungen werden fast ausschließlich von anderen ForscherInnen gelesen. Die tiefsten und nachhaltigsten Spuren in der Gesellschaft hinterlassen wir daher nicht mit 600-seitigen Monographien zu einem Spezialthema, sondern durch unsere Lehre, über die wir Semester für Semester dutzende, wenn nicht hunderte von Studierenden erreichen. Manche von ihnen begleiten wir jahrelang, manche auch sehr nahe, z.B. durch die Betreuung ihrer Abschlussarbeiten.

Die gesellschaftliche Wirkung entfaltet sich dadurch, dass diese Studierenden während und nach ihrem Studium die von uns erworbenen Kompetenzen in ihr Leben und ihren Beruf mitnehmen. Manche dieser Studierenden mag es in durchaus verantwortungsvolle Positionen in der Politik und anderswo verschlagen, wo ihnen unsere Anleitungen zum kritischen Denken, zur wissenschaftlichen Problemanalyse sowie zu Theorien und Methoden nützlich sein können. Aber auch für diejenigen, die einen anderen Weg gehen, ist die durch uns vermittelte Bildung wichtig, denn sie befähigt sie zur Teilhabe als demokratische BürgerInnen und – insofern man dies als valides Bildungsziel ansieht – qualifiziert sie für anspruchsvolle berufliche Tätigkeiten.

Insofern sollten wir bei den Debatten um Sinn und Zweck der Politikwissenschaft die Lehre stärker in den Vordergrund rücken. Sie ist der Weg, über den wir Spuren im Leben anderer hinterlassen. Und sie erdet in gewisser Weise die hyperbolischen Diskussionen um Aufstieg und Fall eines Fachs.

Vierte Jahrestagung politikwissenschaftliche Hochschullehre – eine persönliche Nachlese

Gestern ging die vierte Jahrestagung politikwissenschaftliche Hochschullehre in Münster zuende. Ein richtiger Tagungsbericht folgt noch, aber ich habe aus den Diskussionen acht Punkte mitgenommen, die ich besonders interessant fand. Ich habe diese als Twitter-Thread gepostet, möchte sie hier aber nochmal sammeln:

  1.  Es fehlt an einer Praxis des Mentoring in der Lehre. Vorgesetzte sollten ihre MitarbeiterInnen nicht nur in der Forschung sondern auch in Lehre und Beratung coachen. Das kann durch Hospitation und anderes Feedback durch Peers und #hochschuldidaktik ergänzt werden.
  2. Es ist eine weiterhin ungelöste Frage, was PolitikwissenschaftlerInnen nach ihrem Abschluss können sollen. Die Antworten darauf werden sich nach Standorten unterscheiden, aber es findet wenig Verständigung darüber statt.
  3. Bildet sich Teaching & Learning als eigenes Subdisziplin der #Powi heraus? In anderen europäischen Ländern ist das schon weiter fortgeschritten, aber der AK #powilehre hat dazu beigetragen, dass das auch in Deutschland geschieht.
  4. Der Gegensatz E-Learning vs. Präsenzlehre ist passé. Der neue Standard ist digitale Mittel zur Unterstützung, Ergänzung, Flankierung von synchronen Lehrformaten, ob online oder offline. Studierende brauchen solche “Lagerfeuer”, um die sie sich versammeln können.
  5. Praxisorientierte Lehre wird im Fach als zweitrangig gegenüber forschungsorientierter Lehre angesehen. Viele KollegInnen möchten am liebsten ihre künftigen DoktorandInnen heranziehen. Angesichts der Realitäten der universitären Arbeitswelt geht das aber nicht mehr.
  6. Die #Powi nutzt #OER bisher nahezu gar nicht. Dem stehen fachkulturelle Gründe, ein Fehlen fachbezogener Infrastruktur und vielleicht auch die eher “breite”, wenig kumulative Form von Wissensbeständen im Weg.
  7. Die DVPW kann einen Beitrag dazu leisten, die strukturelle “Unter-Würdigung” der Lehre abzubauen. Wir werden mit dem Vorstand arbeiten, um Diskussionen darüber anzustoßen, wie man Profil und Ansehen der Lehre in der #Powi verbessern kann.
  8. Lehre ist eines der besten Mittel, um als Fach #Powi in die Gesellschaft hinein zu wirken.

Wer den Twitter-Thread im Original sehen möchte, sei hierhin verwiesen:

Was meint Ihr da