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Call for Papers: Vierte Jahrestagung des AK Hochschullehre (Münster, 25.-26.2.2019)

Die Jahrestagung des Arbeitskreises Hochschullehre in der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) findet am 25. und 26. Februar 2019 an der Westfälischem Wilhelms-Universität-Münster statt und wir freuen uns über Einsendungen zu den folgenden Themen (pdf-Version):

 

Vielfalt und Weitblick in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre

Bei den bisherigen Veranstaltungen des Arbeitskreises Hochschullehre wurde immer wieder angesprochen, dass sich die Lehre in der Politikwissenschaft durch zum Teil sehr heterogene Lehr- und Lernbedingungen auszeichnet. Wir möchten diese Diversität aufgreifen und in den Mittelpunkt unserer Jahrestagung 2019 stellen. Dabei wollen wir nicht nur die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen seitens der Studierenden diskutieren, sondern auch die vielfältigen Rahmenbedingungen der Lehraktivität von Dozierenden ansprechen. Auch sollen unterschiedliche Anforderungen an die Lehre in unterschiedlichen, sich mit politikwissenschaftlichen Inhalten beschäftigenden Studiengängen in den Fokus gerückt werden.

Somit wollen wir zum einen Fragen aufgreifen, welche sich aus der Diversität der Studierenden sowie den von diesen absolvierten Studiengängen ergeben. Folgende Themen können dabei im Mittelpunkt stehen:

  • Auch in der öffentlichen Debatte werden regelmäßig Probleme angesprochen, welche an den Hochschulen durch den größer werdenden Anteil an Schulabgängern mit einer Hochschulzugangsberechtigung entstehen. Welche Auswirkungen hat dieser Anstieg des Abiturientenanteils für die Lehre an den Universitäten? Welche Anforderungen stellt dies an die Studieneingangsphase? Und welche Angebote lassen sich für Studierende auf dem zweiten Bildungsweg, geflüchtete Studierende oder Studierende mit Handicap entwickeln? Werden politische Implikationen dieser Entwicklung gerade in unserer Disziplin erforscht?
  • Auf Institutsfluren wird häufig über Unterschiede zwischen Lehramts- und Hauptfachstudierenden diskutiert. Sehr interessiert sind wir daher an Tagungsbeiträgen, die das Verhältnis von Hochschuldidaktik und Politikdidaktik ansprechen. Wie kann die Hochschuldidaktik von der Politikdidaktik lernen? Welche besonderen Anforderungen stellt das Lehramtsstudium an die fachwissenschaftliche Lehre in der Politikwissenschaft?
  • Zudem hat durch die Einführung der BA/MA-Studiengänge und dem Wunsch der Internationalisierung der Hochschullandschaft eine Ausdifferenzierung der Studiengänge stattgefunden, die zum einen zu einer Spezialisierung politikwissenschaftlicher Abschlüsse geführt hat. Zum anderen resultiert hieraus auch eine breitere Einführung rein englischsprachiger Studiengänge. Aus hochschuldidaktischer Sicht ist dabei die Frage interessant, in wie weit sich die Lehre in englischsprachigen Studiengängen von anderen Studiengängen unterscheidet. Hierzu werden genauso Beiträge gesucht wie auch zu der Frage, in wie weit durch diese Ausdifferenzierung der Studiengänge auch spezifische Herausforderungen an die Lehre entstehen.

Zum anderen wollen wir uns Fragen zuwenden, welche sich aus den unterschiedlichen Voraussetzungen der Lehrenden ergeben. Wie können z.B. Doktoranden bei der Vorbereitung erster Lehrveranstaltungen unterstützt werden? Gibt es über kürzere hochschuldidaktische Einführungskurse zum Thema „Neu in Lehre“ hinaus Modelle, welche Dozierende mit nur wenig Lehrerfahrung in dieser Tätigkeit unterstützen? Welche Ideen und Konzepte existieren aus Sicht der Dozierenden für den Umgang mit Diversität in der politikwissenschaftlichen Lehre? Kann diese gerade in unserem Fach auch einen inhaltlichen Mehrwert erzeugen?

Unter dem Stichwort „Weitblick“ möchten wir ergänzend in den Blick nehmen, was wir von politikwissenschaftlicher Lehre in anderen Ländern und Hochschulsystemen, in anderen Fächern oder in nicht-universitären Kontexten (Fachhochschulen, Schulen, außerschulische politische Bildung) lernen können? Was können wir auch von der allgemeinen Hochschuldidaktik sowie der empirischen Bildungsforschung in punkto Theorien und Methoden mitnehmen und wie könnte hier ein Austausch stattfinden? Hierbei interessieren uns sowohl theoretische Überlegungen als auch „Werkstattberichte“ aus vorhandenen Programmen/Kooperationen/Formaten.

Schließlich thematisieren die Jahrestagungen des Arbeitskreises immer auch Präsentationen von Lehrkonzepten und von Erfahrungsberichten aus Lehrveranstaltungen höchst unterschiedlichen Formats. Im Forum „Praxis“ möchten wir wieder die Gelegenheit geben, Lehr-Lernformate aus der Hochschullehre zu präsentieren, aber auch Ideen für solche Formate zur Diskussion zu stellen. Dabei geht es uns nicht nur um Lehrinnovationen, sondern auch um neue Perspektiven auf bewährte Themen und Formate.

 

Einreichung von Beiträgen:

Interessierte senden bis einschließlich 9.12.2018 ein Abstract (max. 600 Wörter inkl. Leerzeichen) an lambach(ÄT)normativeorders.net. Bitte geben Sie an, in welchem Format (Vortrag, Diskussion, Workshop, Roundtable, Poster o.ä.) Sie Ihren Teil im Rahmen der Tagung gestalten möchten und fügen Sie einige biografische Angaben (max. 250 Wörter inkl. Leerzeichen) bei.

Nach Auswahl der Beiträge werden wir Sie bis zum 21.12.2018 über das finale Programm informieren. Der Arbeitskreis ermöglicht die Buchung günstiger Übernachtungsmöglichkeiten im Rahmen von Hotelkontingenten. Diese Kosten sowie Reisekosten oder Honorare können leider nicht durch den Arbeitskreis übernommen werden.

Die Teilnahmegebühr für promovierte Kolleginnen und Kollegen beträgt 20 €, für Doktorandinnen und Doktoranden 10 €. Studierende müssen keinen Beitrag entrichten.

Forschendes Lernen in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre – Ein Interview mit Matthias Freise

Anlässlich des Starts der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik beim DVPW-Kongress 2018 veröffentlichen wir eine Serie kurzer Interviews mit den Autorinnen und Autoren.

 

1) Worum geht es in Ihrem Buch?

Der Band beschäftigt sich mit dem Konzept des sogenannten Forschenden Lernens, das in den vergangenen Jahren Eingang in immer mehr politikwissenschaftliche Studiengänge gefunden hat. Damit beschrieben wird eine Lernform, in der die Lernenden den Prozess eines Forschungsvorhabens, das auf die Gewinnung von auch für Dritte interessanten Erkenntnissen gerichtet ist, in seinen wesentlichen Phasen (mit)gestalten, erfahren und reflektieren. Im Gegensatz zu klassischen Vorlesungs- und Seminarformaten, die auf eine Vermittlung von Wissen, Kompetenzen und Fertigkeiten durch die Weitergabe des Standes der Forschung abzielen, soll Forschendes Lernen selbst einen – wenn auch oft nur überschaubaren ‒ Beitrag zu ebenjenem Stand der Forschung leisten. Das Handbuch gibt Hinweise, wie Forschendes Lernen in politikwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen sinnvoll geplant, umgesetzt und nachbearbeitet werden kann. Thematisiert wird, welche Voraussetzungen die Lehrperson mitbringen sollte, wie man Forschendes Lernen so einsetzen kann, dass es auch für einen selbst einen Nutzwert hat und was bei der Planung einer Lehrveranstaltung mit Elementen des Forschenden Lernens zu berücksichtigen ist. Schließlich illustriert der Band anhand von Fallbeispielen die Anwendung dieser Lehrmethode in einem politikwissenschaftlichen Seminar.

 

2) Warum ist dieses Thema für die politikwissenschaftliche Hochschullehre wichtig?

Befragungen von Absolventinnen und Absolventen sozialwissenschaftlicher Studiengänge im deutschsprachigen Raum belegen, dass im späteren Berufsleben weniger die eigentlichen Inhalte des Studiums von Bedeutung sind, sondern vielmehr die Methodenkenntnisse und sozialen Fertigkeiten, die das Studium vermittelt. Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler zeichnen sich durch ihre hohe Problemlösungskompetenz aus. Dazu benötigen sie eine solide Methodenausbildung. Wendet man diese Methoden jedoch nicht an, gleicht das Studium schnell einer Trockenschwimmübung. Gute politikwissenschaftliche Lehre sollte deshalb darauf abzielen, nicht nur Fachkenntnisse zu vermitteln, sondern die Studierenden auch in Forschungsprojekte einzubinden. Und dafür ist unser Fach geradezu prädestiniert.

Im Gegensatz zur Physik benötigen wir keinen milliardenteuren Teilchenbeschleuniger für unsere Forschung und Anwendungsmöglichkeiten gibt es viele, vor allem, wenn wir uns Partner außerhalb der Universität suchen. Ob eine Evaluation grenzüberschreitender INTERREG-Programme der EU, eine Zusammenarbeit mit kommunalen Stiftungen, die das bürgerschaftliche Engagement vor Ort stärken wollen, oder eine Kooperation mit einem Wohlfahrtsverband, der seine Integrationsangebote verbessern möchte – spannende und relevante Fragestellungen begegnen uns überall.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eigene Forschung Studierende sehr begeistern kann. Zudem hat Forschendes Lernen den Vorteil, Studierende auf einen späteren Arbeitsmarkt vorzubereiten. Ich habe dabei bereits Dutzende Praktika vermittelt und nicht zuletzt profitiere ich auch als Lehrperson von Forschendem Lernen, verschafft es mir doch Kontakte, die ich für meine eigene Forschung nutzen kann.

 

3) Wer sollte dieses Buch lesen?

Der Bund ist für Lehrende konzipiert, die als Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer in einer einsemestrigen Lehrveranstaltung Forschendes Lernen zum Einsatz bringen möchten. Der Band gibt zahlreiche Anregungen und hält (hoffentlich) auch für bereits erfahrene Lehrpersonen hilfreiche Ratschläge bereit.

 

Das Buch ist bestellbar über http://www.wochenschau-verlag.de/forschendes-lernen-politikwissenschaft.html und alle Buchhändler.

Bericht von der dritten Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre (26.-27. Februar 2018, Hamburg)

Die dritte Jahrestagung der Themengruppe unter dem Titel „Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis“ fand am 26.-27. Februar 2018 an der Universität Hamburg statt. Es wurden normative und theoretische Fragen der politikwissenschaftlichen Hochschullehre behandelt, ebenso wie konkrete Lehrszenarien. Hinzu kamen Workshops zu verschiedenen Aspekten der Lehrpraxis.

 

Theorie

Die Tagung begann mit dem Panel „Fragen an Lehren und Lernen“, welches von Mischa Hansel (Aachen) moderiert wurde. Zunächst stellte Petra Stykow (München) ihr Manuskript zum Prüfen und Bewerten in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre vor, das in der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik erscheinen wird. Nach dem Modell der „Inverted Conference“ hatte sie das Manuskript den Tagungsteilnehmer*innen vorab zugänglich gemacht und bat nun um Feedback für die Überarbeitung des Textes. Die Diskussion behandelte verschiedene Probleme des Prüfens und Bewertens und ging dabei auch teils über den konkreten Text hinaus. Beispielsweise wurde bei mündlichen Prüfungen das Problem benannt, dass man einerseits die Fähigkeit zur strukturierten Antwort und die generelle Ausdrucksfähigkeit mitbewerte, dabei aber diversitysensibel vorgehen muss, um nicht einen bildungsbürgerlichen Habitus zu bevorzugen.

Danach folgte ein Vortrag von Daniel Lambach (Duisburg-Essen) zur Employability in der Friedens- und Konfliktforschung. Er stellte dabei Ergebnisse einer vergleichenden Absolvent*innenstudie vor, an der 2017 sieben Masterstudiengänge in Deutschland und Österreich teilgenommen hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass Absolvent*innen dieser Studiengänge i.d.R. eine ausbildungsadäquate Tätigkeit aufnehmen und nur selten von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber oft nur auf befristeten Verträgen arbeiten. In der Diskussion wurden verschiedene methodische Aspekte besprochen, z.B. die Gründe für Non-Response, sowie der Abgleich mit Absolvent*innenstudien anderer Institutionen angeregt. Ferner wurde die Frage aufgeworfen, ob die Ausbildung relativ fachunspezifischer Kompetenzen wie z.B. Organisationskompetenz oder Fähigkeiten im Projektmanagement dem Bildungsauftrag einer Hochschule angemessen seien.

 

Praxis Teil I

Im Panel zu „Distance Learning“, moderiert von Daniel Lambach (Duisburg-Essen), wurden zwei Beiträge zu kooperativen E-Learning-Formaten vorgestellt, die aus demselben Projekt hervorgegangen sind. Zunächst präsentierten Patricia Konrad (Hamburg) und Alexander Kobusch (Tübingen) ein standortübergreifendes Ringseminar, das nach dem Modell des „Cross-Site Teaching“ von acht politikwissenschaftlichen Instituten gemeinsam angeboten wurde. Dabei stellten sie vor, wie man Studierende in diesem Format aktivieren und zur standortübergreifenden Kollaboration bewegen kann, und zeigten die kontinuierliche Weiterentwicklung des Formats. Im Anschluss stellten Witold Mucha und Christina Pesch (beide Düsseldorf), die ebenfalls am Ringseminar mitgewirkt hatten, ihre Adaption des Konzepts für eine internationale Kooperation der Universität Düsseldorf mit Partnern in Südafrika und den Niederlanden zur Diskussion. Ihr Ziel ist es, die Inhalte der Veranstaltung sowie die von den Studierenden produzierten Materialien als Open Educational Resources (OER) zu veröffentlichen.

Die Diskussion drehte sich zunächst um ganz praktische Fragen, d.h. um die technischen Voraussetzungen sowie die für das internationale Projekt notwendigen Englischkenntnisse der Studierenden. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Frage, wie man Studierende zur Zusammenarbeit motivieren könne, zumal es an den beteiligten Standorten teils unterschiedliche Leistungserwartungen gab. Außerdem wurde die Besonderheit des Formats herausgestellt, das sich hochaktuellen politischen Fragen widmet, sich eher an fortgeschrittene Studierende richtet und keinen Kernbereich des Curriculums abdeckt. Insofern gab es Fragen, welche Aspekte davon auch für grundständige Lehre adaptiert werden können.

 

Methoden

Im nächsten Panel folgten zwei Beiträge, die sich mit der Vermittlung von Forschungs- und Methodenkompetenz befassten. Zunächst fragte Carola Klöck (Göttingen): „Forschen unterrichten ohne Forschung: (wie) geht das?“. Anhand des Beispiels einer Veranstaltung, in der Studierende die Entwicklung von Forschungsdesigns lernen sollten, berichtete sie von den Herausforderungen, die aus der relativ großen Studierendengruppe und den vielfältigen Zielen des Konzepts entstanden, und suchte nach Ratschlägen zur Überarbeitung des Lehrkonzepts. In der Diskussion wurde der stärkere Einsatz von Peer Feedback angeregt und empfohlen, Studierende einen fertigen Projektantrag kritisieren zu lassen, um ihnen dadurch das Format näherzubringen. Allgemein wurde problematisiert, wie viel Anleitung Studierende beim forschenden Lernen brauchen/wollen.

Danach befassten sich Jasmin Haunschild und Anja Jakobi (beide Braunschweig) mit den Implikationen von Big Data für die Politikwissenschaft im Allgemeinen und die Methodenlehre im Speziellen. Sie hoben hervor, dass sich durch die neue Qualität und Quantität von Datenverfügbarkeit neue Forschungsfelder und –praktiken herausbilden, die unter Namen wie „Data Science“ oder „Computational Social Science“ firmieren. Ersteres wird zumeist als technisches Feld verstanden, in das keine sozialwissenschaftlichen Ausbildungsinhalte einfließen, während letzteres als genuin sozialwissenschaftliches Feld verstanden wird. Einige Institute mit Expertise in quantitativen Methoden haben angefangen, ihre Methodenausbildung um einschlägige Themen zu ergänzen; an der Hochschule für Politik der TU München wurde ein entsprechender Studiengang eingerichtet. Die Diskussion drehte sich einerseits um Fragen, welches Verhältnis Politikwissenschaft zu Daten hat, andererseits um strategische Fragen, wie sich die Disziplin angesichts der Herausbildung neuer Forschungsfelder positionieren sollte. Für die Lehre wurde insbesondere die Kooperation mit technischen ExpertInnen als Möglichkeit hervorgehoben.

 

Workshops Teil I

Im Anschluss ging die Tagung in zwei parallele Kurzworkshops über. Judith Gurr und Caroline Kärger (beide Lüneburg) boten einen Methodenbasar an, in dem sie in 60 Minuten drei Methoden vorstellten, um auch in großen Veranstaltungen die TeilnehmerInnen zu aktivieren: das aktive Plenum, die stille Debatte sowie die Nutzung von Abstimmungssystemen im Rahmen von Peer Instruction.

Lasse Cronqvist (Trier) leitete eine Diskussion darüber, ob das inzwischen weit verbreitete Instrument der standardisierten Lehrevaluation für eine Reflexion zur Verbesserung der Lehrqualität geeignet ist. Dabei wurde die Validität der Evaluationsergebnisse sowie deren Funktion als Steuerungsinstrument im Hochschulsystem kritisch diskutiert, aber auch Möglichkeiten identifiziert, wie – ggf. in Kombination mit anderen qualitativen Feedbackmechanismen – dennoch ein Nutzen aus Evaluationen gezogen werden kann.

 

Normativität

Zum Abschluss des ersten Tages fand das Panel zu Normativität in der Hochschullehre statt. Zum Einstieg wies Dannica Fleuß (HSU Hamburg) darauf hin, dass man hier die Lehre über Normativität von der Normativität in der Lehre unterscheiden müsse, auch wenn dies in der Praxis natürlich zusammenfallen kann. Sie stellte eine Seminarkonzeption vor, wie in der Lehre der politischen Theorie die Reflexion über menschenrechtliche Normen mit praktischen Implikationen anhand von konkreten Beispielen verbunden werden kann. Damit möchte sie die normative Urteilsfähigkeit ihre Studierenden stärken, indem sie sie u.a. zum theoretischen Perspektivwechsel verpflichtet. In ihrem Vortrag stellte sie auch die Spezifika der Studierenden an der HSU heraus, die als Soldaten*innen oft ein stark persönliches Interesse etwa an den Dilemmata ‚humanitärer Interventionen‘ hätten.

Anschließend hielt Julian Eckl (Hamburg) fest, dass Lehre nicht werturteilsfrei sein kann. Bereits die klassischen Lerntheorien Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus beinhalteten bestimmte Menschenbilder sowie normative Setzungen darüber, welche Rollen Lehrende und Lernende einzunehmen hätten. Durch die Entscheidung für eine Lerntheorie nehmen Lehrende also eine normative Position ein – vor jeglicher inhaltlicher Diskussion, in der dies ebenfalls unvermeidlich sei. Weiterhin sah er einen Anlass zur erneuten Beschäftigung mit den normativen Grundlagen von Lehre angesichts verbreiteter Krisendiskurse der Demokratie. Wenn gesellschaftliche Konsenslinien neu verhandelt oder überschritten werden, sei dies auch Anlass zu einer neuen Selbstvergewisserung über ansozialisierte Normen, worüber wie in welchen Kontexten diskutiert werden kann. Die Konfrontation mit Studierenden, die extreme Positionen in Lehrveranstaltungen vertreten, führe zwar zu schwierigen Situationen und Rollenkonflikten, sorge aber auch dafür, dass gesellschaftliche Polarisierungen und Radikalisierungen nicht ignoriert werden könnten.

In der Diskussion wurden theoretische wie praktische Fragen aufgeworfen. Auf theoretischer Ebene wurde darauf hingewiesen, dass die Lerntheorien sehr unterschiedliche Empfehlungen geben, wie mit deviantem Studierendenverhalten umzugehen sei. In praktischer Hinsicht wurde empfohlen, dass Lehrende ihre theoretischen/ontologischen Positionen transparent machen sollten. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass Studierendengruppen zumeist gut mit unterschiedlichen Meinungen umgehen könnten, man aber auch deren Fähigkeit zum Umgang mit Pluralismus nicht fraglos voraussetzen darf. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage aufgeworfen, wie heterogen –hinsichtlich Bildungshintergrund und politischen Einstellungen – Studierendengruppen tatsächlich sind.

 

Workshops Teil II

Der zweite Konferenztag begann mit einem zweiten Paar Workshops. Im ersten bot Matthias Freise fünf Wege an, wie man mit dem Problem umgehen kann, dass Studierende die Seminartexte nicht gelesen haben, und diskutierte mit den TeilnehmerInnen eigene Erfahrungen und Strategien. Zu den Methoden der Stärkung von Lese-Compliance zählten u.a. Power-Point-Karaoke und Textpuzzles. Der zweite Workshop von Caroline Kärger und Judith Gurr fragte, wie, wann, mit wem und wie oft eigentlich ein Dialog über die Lehre stattfindet. In der Diskussion ergaben sich hier zwei Problemlagen: zum einen dass geklärt werden muss wozu ein Dialog dient und wie man ihn für Stakeholder interessant macht, zum anderen dass inhaltlicher Dialog heute oft von Prozessen des Qualitätsmanagements überlagert wird, die für Lehrende wenig attraktiv sind.

 

Praxis Teil II

Im letzten Panel, erneut moderiert von Mischa Hansel, ging es um Demokratieforschung und Demokratiekompetenz. Der erste Beitrag kam von Volker Best (Bonn), der sein Seminarkonzept eines Planspiels in der Regierungslehre vorstellte. Er hatte in Seminaren vor der Bundestagswahl 2017 sowie während der laufenden Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition Studierende zu ParteivertreterInnen gemacht und sie die Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen simulieren lassen, was sie mit großem Engagement taten. Das Feedback der Studierenden war insgesamt sehr positiv und hob den interaktiven Charakter des Seminars sowie dessen Anwendungsbezug hervor.

Im zweiten Vortrag stellte Christoph Klika, Toralf Stark und Susanne Pickel (Duisburg-Essen) ein noch laufendes Projekt zur Entwicklung eines Planspiels vor, das sich mit dem Effekt autoritärer politischer Kultur auf die Stabilität einer Demokratie befassen wird. In der ersten Phase entwickeln sie das Planspiel und die Spielmaterialien gemeinsam mit Lehramtsstudierenden. Nach dessen Fertigstellung möchten sie es in der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen einsetzen, da diese eine besondere Rolle als MultiplikatorInnen für demokratische Kompetenzen und Einstellungen ihrer SchülerInnen haben.

In der Diskussion ging es vor allem um Fragen des Planspieldesigns. Insbesondere wurde darüber diskutiert, inwieweit die Spielleitung den Ausgang eines Spiels (oder einer Zwischenphase) vorbestimmen kann, um damit bestimmte inhaltliche Punkte zu unterstreichen. Demgegenüber wurde argumentiert, dass dies von TeilnehmerInnen negativ bewertet würde und man auch subtil, z.B. durch Eingriffe von „Externen“ den Verlauf eines Spiels beeinflussen könne. Ferner wurde hervorgehoben, dass es für die Erstellung von Spielmaterialien, konkret zur Formulierung von Rollenprofilen, noch nicht viel handlungsleitenden Rat gebe.

 

Abschluss

In der Abschlussrunde baten Daniel Lambach und Mischa Hansel die TeilnehmerInnen um ihr Fazit zur Tagung sowie um die Identifikation latenter oder künftiger Themen, mit denen sich die Themengruppe beschäftigen sollte. Zu diesen gehörten:

  • Welche Erwartungen können/sollen wir an Studierende haben? Stimmt die verbreitete Klage, dass es immer mehr Studierenden an fundamentalen Kompetenzen fehle, oder muss man eher von einer Änderung von deren Kompetenzprofil sprechen? Was wissen wir überhaupt über unsere Studierenden?
  • Wie können wir die Selbstverantwortung der Studierenden stärken? Kann eine umfangreiche Didaktisierung des Lernprozesses Studierende unselbständig machen? Was bedeutet das für Mentoring, das ja vor allem Studierende aus bildungsfernen Schichten unterstützen soll?
  • Welche Rolle schreiben wir der Politikwissenschaft im öffentlichen Raum zu? Haben wir eine Verantwortung zur Beteiligung an gesellschaftlichen und medialen Diskursen und wenn ja, wie können wir unsere Vermittlungskompetenz dazu einsetzen?
  • Wie motivieren sich Lehrende? Wie kann man andere Lehrende zu guter Lehre motivieren?
  • Gibt es Bedarf und Interesse, Lehrmaterialien und Veranstaltungskonzepte zu teilen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen und über welche Plattformen?
  • Welche speziellen didaktischen Herausforderungen gibt es in den Teilbereichen der Politikwissenschaft?

Während die obigen Fragen generell formuliert sind, müssen wir uns in der Beschäftigung darüber verständigen, inwieweit ihre Beantwortung disziplinspezifisch ausfällt oder ob hier auch ein produktiver Austausch mit anderen Disziplinen und/oder der Hochschuldidaktik gesucht werden sollte.

Die Sprecher wiesen abschließend nochmals auf die ab Herbst erscheinende Kleine Reihe Hochschuldidaktik Politik hin und gaben einen Ausblick auf die Aktivitäten der Themengruppe bei der Tagung der DVPW, die September 2018 in Frankfurt am Main stattfinden wird. Im Anschluss an die Tagung fand ein Vernetzungstreffen der Theorielehrenden statt, um damit einen Workshop zur Lehre in der politischen Theorie, Philosophie und Ideengeschichte vorzubereiten.

Programm der Dritten Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre (26.-27. Februar 2018)

Die Dritte Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre findet am 26.-27. Februar 2018 an der Universität Hamburg statt. Unter dem Titel „Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis“ haben wir ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das hier zum Download im pdf-Format zur Verfügung steht: Programm Jahrestagung 2018.

Die Teilnahme ist für alle interessierten Mitglieder und Nicht-Mitglieder offen. Die Teilnahmegebühr beträgt 20 Euro, für Studierende ist die Teilnahme kostenlos. Wenn Sie sich anmelden möchten, schicken Sie bis zum 20. Februar 2018 eine formlose Mail an nicolas.ehricke(ÄT)wiso.uni-hamburg.de.

Wir freuen uns auf eine interessante Tagung und hoffen, Sie dort zahlreich begrüßen zu dürfen.

Call for Papers für die Jahrestagung 2018 in Hamburg

Am 26. und 27. Februar 2018 veranstaltet die Themengruppe Hochschullehre in der DVPW ihre nunmehr dritte Jahrestagung, dieses Mal an der Universität Hamburg. Die Tagung richtet sich an Mitglieder der Themengruppe, DVPW-Mitglieder, ebenso aber an alle interessierten Lehrenden und Studierenden der Politikwissenschaft und verwandter Disziplinen. Eine Mitgliedschaft in der DVPW ist zur Teilnahme nicht notwendig.

Call for Papers (Download als pdf)

Thema der Tagung ist diesmal:

Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis

 

Perspektiven und Konzepte aus der Theorie

Im Rahmen der bisherigen Veranstaltungen unserer Themengruppe wurde deutlich, dass unsere Hochschullehre in didaktischer Hinsicht häufig mit wenig theoretischer Fundierung auskommt. Damit sind nicht didaktische Methoden oder Fragen von Lern- und Kompetenzerwerb gemeint, sondern vielmehr Fragen nach den Spezifika politikwissenschaftlicher Hochschullehre, zum Beispiel: Welche (fachspezifischen) Theorien legen wir der Konzeption von Lehrformaten zugrunde? Welche normativen Prägungen finden Eingang in die Lehre und welche Auswirkungen hat dies für die spätere Praxis? Was unterscheidet politikwissenschaftliche Hochschullehre von der Lehre in anderen Disziplinen? Wo und in welcher Form findet empirische Forschung zum Thema politikwissenschaftliche Hochschullehre statt? Beschäftigen sich Nachwuchswissenschaftler/innen in Qualifikationsschriften mit politikwissenschaftlicher Hochschullehre? Finden Forschungen zu Lehrenden und Lernenden unseres Faches statt? Im Rahmen des Forums „Theorie“ laden wir herzlich ein, Konzepte und Forschungen zu diesen und weiteren Fragen vorzustellen. Unser Theoriebegriff ist hierbei bewusst weit angelegt und meint das Nachdenken, Reflektieren und Evaluieren über bzw. der eigenen Lehre. Hierbei interessieren uns vor allem Forschungen und Konzepte, die noch vor der praktischen Erprobung stehen, ebenso wie theoriegestützte Metaüberlegungen und empirische Forschungen zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre insgesamt. Vorgestellte Konzepte müssen nicht fertiggestellt sein, auch Werkstattberichte laufender Vorhaben oder Ideenskizzen für künftige Forschungen sind äußerst willkommen.

Perspektiven und Konzepte aus der Praxis

Die Jahrestagungen der Themengruppe beinhalten immer auch Präsentationen von Lehrkonzepten, von Erfahrungsberichten aus Lehrveranstaltungen höchst unterschiedlichen Formats. Im Forum „Praxis“ möchten wir erneut die Gelegenheit geben, Lehr-Lernformate aus der Hochschullehre zu präsentieren, Ideen für solche Formate zur Diskussion zu stellen und neue Formate im Kreis von Kolleginnen und Kollegen zu entwickeln. Hierbei laden wir ausdrücklich auch dazu ein, interdisziplinäre und berufsorientierte Lehrformate vorzustellen. Uns geht es nicht nur um Lehrinnovationen, sondern auch um neue Perspektiven auf bewährte Themen und Formate. Denkbar ist überdies, dass Ansätze zum Umgang mit aktuellen Herausforderungen der Lehre (z.B. Heterogenität der Studierenden, Digitalisierung des Studienalltags) präsentiert werden. Gleichermaßen interessieren uns jedoch auch Austausch- und Weiterbildungsformate auf Fach- oder Fakultätsebene, die an Ihren Hochschulen praktiziert werden, so etwa Lehrkolloquien oder Gesprächsrunden zwischen Lehrenden und Studierenden.

 

Einreichung von Beiträgen:

Interessierte senden bis einschl. 30. November 2017 ein Abstract (max. 600 Wörter inkl. Leerzeichen) an die Sprecherin der Themengruppe: Julia Reuschenbach M.A., Universität Bonn (julia.reuschenbach(ÄT)uni-bonn.de). Bitte geben Sie an, in welchem Format (Vortrag, Diskussion, Roundtable o.ä.) Sie Ihren Teil im Rahmen der Tagung gestalten möchten und fügen Sie einige biografische Angaben (max. 250 Wörter inkl. Leerzeichen) bei.

Nach Auswahl der Beiträge werden wir Sie bis zum 20. Dezember 2017 über das finale Programm informieren. Die Themengruppe ermöglicht die Buchung günstiger Übernachtungsmöglichkeiten im Rahmen von Hotelkontingenten. Diese Kosten sowie Reisekosten oder Honorare können leider nicht durch die Themengruppe übernommen werden.

Für Fragen stehen Ihnen die Sprecher/innen der Themengruppe gerne zur Verfügung

Forschung und Lehre: Alltagsschizophrenie, Entfremdungserfahrung oder doch alles halb so wild?

Vorbemerkung: Dieser Bericht fasst die Diskussionen bei einer Roundtable-Diskussion zusammen, den die Themengruppe Hochschullehre bei der Offenen Sektionstagung der DVPW-Sektion Internationale Beziehungen (IB) am 5. Oktober 2017 veranstaltete. Die IB-Sektion hat sich bereits in der Vergangenheit mehrfach mit Themen der Lehre beschäftigt, z.B. bei der Offenen Sektionstagung in Magdeburg 2014, im Rahmen eines Workshops an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing sowie während der Nachwuchstagung 2016. Wir danken den SprecherInnen der IB-Sektion und hoffen auf weitere Zusammenarbeit in der Zukunft.

 

„Was bedeutet es, ein lehrender Forscher bzw. eine lehrende Forscherin zu sein?“ Dies war die Frage, mit der Matthias Hofferberth (University of Texas at San Antonio) den Roundtable „Zwischen Forschung und Lehre – Alltag(sschizophrenie) in den IB?“ einleitete. Sein Eingangsstatement ist hier zu finden. Die vier PanelistInnen näherten sich dieser Frage aus unterschiedlichen Perspektiven.

Tanja Brühl (Universität Frankfurt) hob die Bedeutung von Forschendem Lernen als Brücke zwischen Forschung und Lehre hervor. Dies erfordert eine Haltung des Fragenstellens, was die Rollen von Studierenden und Lehrenden verändert, sowie eine klare Kompetenzorientierung, um Studierende zu befähigen, sich selbst Wissen und Kompetenzen (weiter) anzueignen. Gleichzeitig werden Lehrende damit konfrontiert, ihre Forschung zu begründen, zu kontextualisieren und große Zusammenhänge in kleinere, konkretere Fragen herunterzubrechen.

Tine Hanrieder (Wissenschaftszentrum Berlin) merkte an, es sei ein generelles Charakteristikum einer ausdifferenzierten IB, das die Forschung zu sehr spezialisierten Themen stattfindet, die Lehre aber überblickshaft sein muss. Dies geschieht aber in der Forschungspraxis auch auf Konferenzen, wo man seine Nischenforschung KollegInnen aus anderen Themenfeldern erreichen muss, insofern ist dies kein Spezifikum von Forschung vs. Lehre, sondern eine grundsätzliche Spannung von Generalität und Spezialisierung, die sich durch das Fach zieht.

Linda Monsees (Center for Advanced Internet Studies Bochum) berichtete von eigenen Erfahrungen mit Forschendem Lernen. Dabei kamen die Studierenden von selbst auf abstrakte Fragen und zeigten eine Lust am Theoretisieren. Sie äußerte jedoch Sorge, dass durch Elemente von Zwang und Notendruck diese intrinsische Motivation zerstört wird und Studierenden sich als Reaktion auf diejenigen Felder, Fragen und Ansätze spezialisieren, die sie am besten kennen.

Stephan Stetter (Universität der Bundeswehr München) kritisierte den Schizophreniebegriff und sprach stattdessen von Entfremdungserfahrungen zwischen den Rollen als ForscherIn und HochschullehrerIn. Diese werden durch einen Habitus des Feldes erzeugt, welcher Forschung privilegiert und Lehre als Belastung ansieht.

Die Diskussion drehte sich vor allem um drei Themenbereiche. Erstens wurde die Bedeutung von Forschendem Lernen genauer als Mittel zur Akkulturation von Studierenden als Fragende und Forschende beleuchtet. Dabei ist zu beachten, dass offene Lehr-Lern-Formate wie Forschendes Lernen den Studierenden gute Selbststeuerung und die Fähigkeit zum eigenständigen Lernen abverlangen. Um dadurch nicht soziale Ungleichheiten zu reproduzieren, wie es entsprechende Forschung aus dem Schulbereich naheliegt, ist es Aufgabe der Lehrenden, die entsprechenden Fähigkeiten zu vermitteln, z.B. zur Lektüre schwieriger Texte. Damit wurde auch klar, dass beim Forschenden Lernen nicht nur Forschungskompetenzen im engeren Sinne vermittelt werden dürfen, sondern – im Sinne einer angemessenen Berufsorientierung – auch Praxiskompetenzen (z.B. Präsentation, Projektmanagement, Diskussion und Kritik) nicht vernachlässigt werden dürfen. Weiterhin wurde hervorgehoben, dass Forschendes Lernen nicht etwas ist, was man Studierende machen lässt, sondern was man mit ihnen macht. Forschendes Lernen braucht Spielen und Zweckfreiheit – formatives vs. summatives Feedback müssen klar getrennt werden, um den Studierenden den Notendruck zu nehmen und sie zur Beteiligung zu ermutigen. Dies erfordert auch eine souveräne und gefestigte Lehrpersönlichkeit, um die Lern- und Forschungsprozesse angemessen zu strukturieren.

Zweitens wurde der wechselseitige Mehrwert einer Verknüpfung von Forschung und Lehre hervorgehoben. Forschung bringt die Lehre weiter, indem Forschungsthemen in Lehrveranstaltungen „gegossen“ werden. Das kann auch zur Erschließung eines neuen Themenfelds dienen, weil man sich auf diese Weise sehr gründlich mit der einschlägigen Literatur beschäftigt. Weiterhin wollen Studierende wissen, wo die Forschung steht. Sie brauchen natürlich Grundlagenwissen, um dies zu verstehen, aber man kann ihnen durchaus zeigen, worüber gerade diskutiert und gestritten wird. Gerade bei fortgeschrittenen Studierenden kann man gezielt Irritationen auslösen statt sie mit vermeintlich gesichertem Wissen nach Hause zu schicken. Aber auch die eigene Forschung kann von einer lehrseitigen Beschäftigung mit einem Thema profitieren, z.B. indem die Seminarvorbereitung dazu nötigt, sich mit der neuesten Literatur zu beschäftigen. Überdies bringt die kontinuierliche Beschäftigung in der Lehre neue Ideen, auch können Nachfragen und Anregungen von Studierenden zur Weiterentwicklung der Forschung beitragen. Nicht zuletzt muss man in der Lehre die Relevanz von oft eher kleinteiligen Forschungsthemen klar begründen.

Drittens wurde die Frage aufgeworfen, was das IB-spezifische an diesem Thema sei. Hier wurde darauf verwiesen, dass sich die IB in einer Theoriekrise befinde, die aber in der Lehre nicht widergespiegelt werde, wo zumeist die klassische Großtheorien vermittelt werden. Weiterhin ist der Gegenstandsbereich der IB – zumindest auf den ersten Blick – relativ weit weg vom Alltagsleben der Studierenden. Außerdem gibt es einen kleineren Kanon als in anderen Bereichen der Politikwissenschaft, sowohl in theoretischer als auch methodischer Hinsicht. Nicht zuletzt wurde darauf hingewiesen, wenn man IB – im Sinne des unlängst verstorbenen Ernst-Otto-Czempiel – einen normativen Auftrag unterstelle, dann sei natürlich die Beschäftigung mit Friedensfragen von besonderer Bedeutung und sollte daher auch die Lehre antreiben.

Zwischen Forschung & Lehre – Alltag(sschizophrenie) in den Internationalen Beziehungen?

Dies ist ein Gastbeitrag von Matthias Hofferberth (University of Texas at San Antonio).

Über das Thema Hochschullehre wird zum Glück mittlerweile (auch dank der Themengruppe!) mehr geredet. Seltener geschieht dies allerdings im Rahmen einer Fachkonferenz mit dem Fokus auf wissenschaftlichen Austausch. Und noch seltener wird der Versuch unternommen, Lehre und Forschung direkt zueinander in Bezug zu setzen, um sich möglicher Spannungen zwischen Beiden bewusst zu werden und daran anschließend neue Synergien zu erzeugen.

Derartige Synergien zwischen Forschung und Lehre, so der Ausgangspunkt unserer Diskussion, beschränken sich nicht auf den Allgemeinplatz, Seminarthemen aus der eigenen Forschung zu generieren. Auch scheint die notwendige und berechtigte Forderung, Anreizstrukturen zu überdenken und Lehre im Verhältnis zur Forschung aufzuwerten, gleichwohl wichtig, an dieser Stelle ebenfalls zu kurz zu greifen, handelt es sich doch hier um keine wirkliche Verbindung sondern „nur“ um die Balance zwischen beiden. Dass eine Verbindung jedoch wichtig ist, zeigt sich nicht zuletzt dadurch, dass Forschung, Lehre und deren wechselseitiges Verhältnis letztlich definieren, wer wir sind. Daher gilt es, Spannungen und Widersprüche – ob nun als Schizophrenie, als Entfremdungserfahrung oder vielleicht, in manchen Fällen, als bereichernd durch das Individuum wahrgenommen – zu reflektieren und zu diskutieren, wie beide Bereiche produktiv(er) aufeinander bezogen werden können.

Dabei sei einleitend, in aller Kürze, auf drei mögliche Spannungen hingewiesen:

  • Audience, Aufgabe & Sprache: Als Forscherinnen sprechen wir für gewöhnlich zu einem hochspezialisierten Publikum und führen vor diesem und für dieses komplexe Argumente aus, von denen wir selbst derart überzeugt seien müssen, dass wir andere damit beeindrucken können. Bisweilen nichtintendiert und unreflektiert, greifen wir in derartigen Diskussionen mittlerweile kleinteilige, inhaltlich begrenzte Thematiken auf, für die wir meinen, mit ausreichend „wissenschaftlicher Autorität“ sprechen zu können. Demgegenüber steht die Aufgabe der Lehre, Jahr ein, Jahr aus, Studierende einzuführen und für unsere Bereiche zu faszinieren. Dabei wählen wir oftmals große Themen, einfache Fragen und eine direkte Sprache. In unseren Ausführungen in der Lehre haben wir dann (a) weniger Skrupel, Dinge zu vereinfachen und zu verkürzen, oder (b) gestehen Wissenslücken und Schwächen in unserer Argumentation gegenüber den Studiereden offen ein.
  • Rewards & Motive: Anerkennung für unsere Forschung, seien es Veröffentlichungen oder Drittmitteleinwerbungen, dokumentieren wir gerne in unserem Lebenslauf. Fein säuberlich aufgelistet nehmen wir dabei an, mit diesen „Errungenschaften“ langfristig in unsere Karrieren zu investieren. In den selben CVs finden sich indes auch Verzeichnisse unserer Lehrveranstaltungen. In diesen geht es uns aber viel mehr um kurzfristige, unmittelbar von den Studierenden vermittelte Anerkennung und das „gute Gefühl“, in direkter Interaktion Fähigkeiten und Inhalte vermittelt zu haben.
  • Commitments: Auch in einer von den meisten als postparadigmatistisch beschriebene und betriebene IB haben wir bestimmte – ontologische, substantielle, theoretische, methodologische oder gar normative und politische – Überzeugungen und Grundannahmen, die wir in der Forschung vertreten und die wir dazu nutzen, unser „Profil“ zu schärfen. Unsere Lehre hingegen betreiben wir durchaus pluralistisch, mit dem berechtigten Anspruch, unseren Studierenden mehr als einen Ansatz, eine Lesart, eine Lösung anzubieten. Die eigenen Überzeugungen und Grundannahmen stellen wir dabei hinten an und buchstabieren diese hinsichtlich ihrer Konsequenzen für gewöhnlich nicht in der Lehre aus.

Diese drei bewusst anekdotisch gehaltenen Anmerkungen verdeutlichen, dass es mehr als Semantik ist, ob wir uns in erster Linie als lehrende Forscher oder eben als forschende Lehrer verstehen und das die wünschenswerte Einheit zwischen beiden nicht ganz so einfach ist, sondern vielmehr für jeden Einzelnen, je nach (Job-)Position und Kontext, eine stetige Herausforderung im Alltag darstellt. Daher kann es in der Diskussion auch weniger darum gehen, ob Humboldt nach Bologna reisen kann oder ob hier unvereinbare Widersprüche bestehen. Vielmehr erscheint es notwendig, gemeinsam über best practices und pragmatisch-kreative Möglichkeiten nachzudenken, Energie und Motivation sowie Erkenntnis und Einsicht aus beiden Bereichen aufeinander zu beziehen und dadurch sowohl unsere Forschung als auch unsere Lehre, eben in deren holistischer Verbindung, aufzuwerten.

Wäre es nicht etwa wünschenswert, ähnliche Fragen, die wir mit Studierenden diskutieren, in zumindest ähnlicher Sprache im gemeinsamen Diskurs (und somit auch direkt in Publikationen…) zu diskutieren? Könnten oder vielleicht sogar sollten wir nicht, nachdem wir in unseren Studierenden die Haltung des Fragenden anhand des Leitbildes des forschenden Lernens angelegt haben, die gleiche Grundhaltung in unserer eigenen Forschung zum Ausdruck bringen? Müssen wir es hinnehmen, dass wir ständig in unserer Forschung und in unserer Lehre, nicht jedoch in der produktiven Verbindung von beidem evaluiert werden? Bieten sich nicht gerade die Themen und Gegenstände der IB besonders an, sich sowohl in der Lehre als auch in der Forschung großen Fragen zu widmen und die Antworten hierzu einem größeren Publikum in direkter Sprache zu vermitteln? Wäre es nicht vielleicht produktiver, Lehre und Forschung holistisch zu denken, anstatt verschiedene Rollen in den verschiedenen Bereichen zu spielen? Oder, um zumindest mit einer Gegenfrage zu enden, verhindern unterschiedliches Publikum, unterschiedliche Sprachspiele und unterschiedliche Aufgaben eine derartig holistische Verbindung und gehört es vielleicht einfach zu unserer Tätigkeit, zwei voneinander getrennten Sphären gerecht zu werden?

Dies war das Eingangsstatement einer Podiumsdiskussion bei der Fünften Offenen Sektionstagung der Sektion Internationale Beziehungen der DVPW. Einen Bericht zur anschließenden Diskussionen haben wir hier veröffentlicht.

Gastblogs zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre gesucht

Wir haben in unserem Blog schon mehrfach Gastbeiträge veröffentlicht, z.B. zum Forschenden Lernen mit Kooperationspartnern, zu Erfahrungen mit einer Schreibwerkstatt, zum Einsatz von Abstimmungssystemen oder zu blended learning. Die Resonanz auf diese Texte war stets sehr gut und wir laden deshalb zur Einsendung neuer Blogbeiträge ein.

Warum gastbloggen?

  • Der Blog ist ein zentrales Mittel zum Austausch in unserer Gemeinschaft aktiver Lehrender. Durch einen Blogbeitrag teilen wir unsere Erfahrungen miteinander, regen gegenseitig die Kreativität an und unterstützen uns in unserer Lehrpraxis.
  • Der Blog macht unsere Arbeit in der Lehre sichtbar. Unsere Webseite hat derzeit täglich ca. 10-20 Besucher, Blogeinträge erhalten über die Zeit sehr viele Zugriffe. Beiträge werden in allen Suchmaschinen indexiert. Der Blog ist somit eine hervorragende Möglichkeit, für ein Thema zu werben und mit diesem Thema verbunden zu werden.
  • Wir bewerben neue Beiträge über Twitter (freuen uns aber auch, wenn AutorInnen uns bei der Öffentlichkeitsarbeit für ihre Beiträge unterstützen, z.B. durch Facebook-Posts oder Verlinkung von anderen Seiten).
  • Über die Lehre zu schreiben hilft auch bei einer systematischen Selbstreflektion und trägt zur weiteren Verbesserung der eigenen Lehrpraxis bei.

Gastblogs sollten ca. 500-800 Wörter umfassen und auch für Nicht-Spezialisten zugänglich sein. Von der Möglichkeit, tiefergehende Informationen einzubinden, z.B. zu Publikationen, Projektberichten oder Webseiten, sollte reger Gebrauch gemacht werden.

Thematisch kommt für einen Gastbeitrag alles mit einem Bezug zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre in Frage. Praxisbeispiele werden natürlich gern genommen, aber Gastbeiträge können sich aber auch mit normativen oder wissenschaftspolitischen Fragen der Lehre befassen. Blogeinträge sollten eine persönliche Note haben, z.B. durch die Darstellung eigener Standpunkte oder Bezug auf eigene Praxiserfahrungen.

Beiträge können als doc/docx-Datei an info(ÄT)hochschullehre-politik.de eingesendet werden. Eine Vorabsprache ist nicht nötig, aber bei Fragen stehen wir unter dieser Adresse natürlich gerne zur Verfügung.

[EDIT: Zugriffszahlen aktualisiert.]

Forschendes Lernen mit Kooperationspartnern

Dies ist ein Gastbeitrag von Matthias Freise (Universität Münster).

Viele Prüfungsordnungen politikwissenschaftlicher Studiengänge schreiben forschendes Lernen als Bestandteil des Curriculums vor. Das gilt auch für die Universität Münster, wo ich seit 2009 als Akademischer Oberrat unterrichte. Problematisch ist allerdings, dass das Konzept des forschenden Lernens nirgends wirklich ausbuchstabiert wird und sich verschiedene Interpretationen seitens der Lehrenden etabliert haben. Meine folgenden Ausführungen präsentieren eigene Erfahrungen mit forschendem Lernen aus mehreren Semestern in Münster. Ich bemühe mich, Anregungen für ähnliche Kurse zu geben, erhebe aber selbstverständlich nicht den Anspruch, das einzig wahre Konzept forschender Lehre in der Politikwissenschaft entwickelt zu haben.

Leitmotiv meiner Lehre in politikwissenschaftlichen Masterstudiengängen ist die Einbeziehung außeruniversitärer Partnerinnen und Partner, die sich mit einer konkreten sozialwissenschaftlichen Fragestellung an die Studierenden wenden. Das hat aus meiner Sicht drei große Vorteile: (1) Die Motivation der Studierenden steigt ganz erheblich, da nicht für die Schublade gearbeitet wird. Im Idealfall hat das Forschungsprojekt einen Nutzwert für Auftraggeber und Studierende gleichermaßen. (2) Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass auswärtige Partnerinnen und Partner eine Disziplinierung vieler Studierender bewirken. Seitdem das Hochschulgesetz Nordrhein-Westfalen Anwesenheitspflichten an den Universitäten weitgehend verbietet, ist das Schwänzen in Münster weit verbreitet. In meinen Kursen ist es jedoch deutlich weniger stark ausgeprägt, da eine Blamagegefahr besteht: Scheitert die Forschung, muss das nicht nur gegenüber den Kommilitoninnen und Kommilitonen offengelegt werden, sondern auch gegenüber dem Auftraggeber. (3) Schließlich eröffnen sich mir als Lehrendem durch das forschende Lernen sehr nützliche Feldzugänge, die ich für meine eigene Forschung nutzbar machen kann. In drei Seminaren ist mir dies besonders gut gelungen.

Im Wintersemester 2013/14 kooperierte ich mit der Geschäftsstelle der Euregio (www.euregio.de), einem deutsch-niederländischen Kommunalverband mit Sitz in Gronau, der unter anderem für die Europäische Union die grenzüberschreitenden INTERREG-Programme verwaltet. Gemeinsam mit dem INTERREG-Referenten entwickelte ich ein Forschungsprojekt, bei dem die Studierenden der Frage auf den Grund gingen, wie nachhaltig europäische Strukturförderung eigentlich ist. Typischerweise folgen die Förderlinien von INTTERREG nämlich den Siebenjahreszeiträumen der europäischen Programmplanung. Während dieses Zeitraumes werden die Projekte durchaus evaluiert. Zeitigen die Projekte aber auch noch sieben Jahre nach Auslaufen eine Wirkung? Diese Frage untersuchten die zwölf Studierenden des Kurses, indem sie die 24 größten deutsch-niederländischen Förderprojekte aus der vorvergangenen INTERREG-Periode analysierten. Der Euregio-Referent besuchte den Kurs, erteilte den Studierenden einen offiziellen Forschungsauftrag und ermöglichte die Kontaktanbahnung mit den Interviewpartnerinnen und –partnern auf beiden Seiten der Grenze. Gemeinsam mit den Studierenden entwickelte ich das Forschungsdesign, das auf einer umfangreichen Dokumentenanalyse und einem halbstandardisierten Interview basierte. Ergebnis der Feldforschung waren 28 teiltranskribierte Interviews von beträchtlicher Länge, die ich mit den Studierenden in einem Abschlussbericht zusammenfasste, den wir zum Semesterende im Rahmen einer Pressekonferenz offiziell der Euregio-Geschäftsführerin überreichten. Erfreulicherweise stieß die Pressemitteilung auf große Resonanz in den lokalen Medien. In der abschließenden Seminarbewertung erzielte der Kurs in allen Belangen Bestnoten, wenngleich die Studierenden durchaus den vergleichsweise hohen Arbeitsaufwand monierten.

Ein anderes Seminar des forschenden Lernens führte ich zwei Jahre später im Wintersemester 2015/16 durch und bezog dabei das Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen (www.ziviz.org) ein. Das Projekt untersucht im Auftrag des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Organisationen in Deutschland und führt dazu mehrere repräsentative Surveys durch. Da ich mit der Projektleitung über meine eigene Forschung gut bekannt bin, fiel es mir leicht, eine Kooperation zu vereinbaren. Ausgangspunkt des Seminars war ein Ergebnis der ersten Erhebungsrunde, die in Deutschland einen Boom von Fördervereinsgründungen seit Anfang der 1990er Jahre belegte. Während Vereine in Deutschland vergleichsweise sehr gut erforscht sind, gibt es bislang kaum Erkenntnisse über den Sondertyp des Fördervereins. Deshalb entschied ich mich, im Seminar mit den Studierenden eine aufwändige qualitative Studie einer lokalen Fördervereinslandschaft durchzuführen und zu eruieren, welche Funktionen Fördervereine für die lokale Zivilgesellschaft eigentlich genau erfüllen. Darüber hinaus stellt mir die ZiviZ-Projektleitung eine Sonderauswertung des Surveys zur Verfügung. Mit den Studierenden wertete ich dann das Vereinsregister der Stadt Münster aus und wählte aus den rund 1.000 Vereinen, deren Namen auf einen Förderverein hinwiesen, 70 Vereine aus, deren Vorstandsmitglieder die Studierenden auf der Grundlage eines halbstandardisierten Fragebogens interviewten. Die Ergebnisse unserer Befragung führten wir in vier Postern zusammen, die die Studierenden auf dem Münsteraner Stiftungstag sehr öffentlichkeitswirksam präsentierten. Zudem konnte ich die Forschung für zwei eigene Zeitschriftenbeiträge nutzen, darunter ein Beitrag in Voluntas, einer internationalen Zeitschrift mit Peer Review Verfahren und durchaus hohem Impact-Faktor. Erneut belegte die Auswertung der studentischen Lehrveranstaltungskritik die große Freude, die der Kurs den Studierenden bereitet hat. Der mit den Studierenden verfasste Abschlussbericht kann hier heruntergeladen werden.

Ein drittes Beispiel für forschendes Lernen mit Kooperationspartnern ist meine Zusammenarbeit mit dem Stiftung Westfalen-Initiative aus Münster (www.westfalen-initiative.de/). Die Stiftung setzt sich für die Stärkung Westfalens als Region ein und hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe an Marketing-Initiativen gestartet. Aber eignet sich Westfalen eigentlich als Regional-Marke? Mit dieser Frage trat der Geschäftsführer der Stiftung im Sommersemester 2016 an mich heran. Gemeinsam mit ihm konzipierte ich ein Seminar, bei dem die Studierenden 65 Mitarbeitende kommunaler und regionaler Marketingagenturen in ganz Westfalen besuchten und nach ihrer Einschätzung der Marke Westfalen baten. Zu Beginn des Semesters besuchte uns der Stiftungsgeschäftsführer im Seminar, erteilte den Studierenden einen offiziellen Arbeitsauftrag und erläuterte, weshalb seine Stiftung an den Ergebnissen interessiert ist. Daraufhin entwickelte ich mit den Studierenden ein Forschungsdesign und schickte den Kurs anschließend ins Feld. Dabei reizten wir das Semesterticket aus, denn die Gesprächspartnerinnen und –partner verteilten sich über ganz Westfalen, vom Hochstift im Osten, über das nördliche Ruhrgebiet, das Münsterland, das Sauerland und Ostwestfalen-Lippe. Ergebnis des Seminars war ein Forschungsbericht, den wir im Rahmen einer Pressekonferenz der Stiftung übergaben. Erfreulicherweise war auch hier die Presseberichterstattung umfangreich (vgl. z.B. hier) und die Studierenden gaben dem Kurs Bestnoten.

Auch wenn das Feedback der Studierenden natürlich sehr ermutigend ist, muss aus Sicht des Lehrenden doch auch darauf hingewiesen werden, dass Kurse unter Einbeziehung von externen Partnerinnen und Partnern auch mit einer Reihe von Herausforderungen einhergehen. Zunächst ist der Mehraufwand im Vergleich zu „herkömmlichen“ Kursen deutlich höher, vor allem in der Vorbereitungsphase. Zwar entfallen später im Semester einige Seminarsitzungen, da die Studierenden dann Feldforschung betreiben, der Aufwand für die Seminarplanung wird dabei aber mitnichten wettgemacht. Erfahrungsgemäß ist er etwa doppelt so hoch wie in einem Kurs ohne Forschungsprojekt. Problematisch ist bisweilen auch, dass die Kooperationspartner naturgemäß eigene Interessen mit der Zusammenarbeit verbinden. Als Dozent mache ich daher von Anfang an klar, dass ich keine Gefälligkeitsforschung betreibe und achte darauf, nicht allzu heikle Fragen zu untersuchen. Eine Evaluationsstudie, die den Auftraggeber blamiert, sollte vermieden werden. Durchaus unangenehme Ergebnisse ‒ wie sie beispielsweise in der Studie für die Stiftung Westfalen-Initiative zutage gefördert wurden ‒ sollten aber möglich sein und auch veröffentlicht werden. Schließlich ist die Benotung des forschenden Lernens nicht immer einfach, insbesondere dann, wenn Studierende Gruppenaufgaben bearbeiten. Ich muss hier selbstkritisch einräumen, dass ich bis heute keine abschließende Lösung dafür gefunden habe. Während ich in meinen Kursen für Bachelorstudierende zu den strengsten Lehrenden in Münster zähle, sind meine Noten in den Kursen des forschenden Lernens eher überdurchschnittlich gut.

Im Ergebnis kann Auftragsforschung für externe Kooperationspartner das politikwissenschaftliche Curriculum sehr bereichern. Für den Lehrenden geht damit jedoch sehr viel Arbeit einher. Richtig geplant, kann man jedoch auch sehr davon profitieren: Netzwerke können geknüpft, spannende Praktika und Abschlussarbeiten vermittelt werden. Nicht zuletzt habe ich aus meinen Kursen des forschenden Lernens auch Daten für eigene Veröffentlichungen gewinnen können: Zwei Aufsätze im Kumulus meiner kürzlich eingereichten Habilitationsschrift basieren maßgeblich auf den Vorarbeiten der Studierenden.

Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Läuft bei Dir? Ein Bericht von der zweiten Jahrestagung

Zu ihrer zweiten Jahrestagung fand sich die Themengruppe am 9.-10. März 2017 an der RWTH Aachen zusammen (Programm). Unter dem Thema „Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Läuft bei Dir?“ befasste sich die Tagung mit den drei Schwerpunkten Akteure, Kooperationen und Konzepte in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre. Die Tagung fand in Kooperation und mit tatkräftiger Unterstützung der Fachschaft der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften der RWTH statt.

Akteure

Die Tagung begann mit einer Podiumsdiskussion „Lehre im Fokus – Eine Diskussion zwischen Lehrenden und Studierenden“, moderiert von Mischa Hansel (Aachen). Von studentischer Seite nahmen Katrin Klubert, Patrick Schöner und Caner Dogan (alle Aachen) teil, die mit den Lehrenden Maike Weißpflug (Aachen) und Lasse Cronqvist (Trier) diskutierten. Themen waren die gegenseitigen Erwartungen und Rollenwahrnehmungen zwischen Lehrenden und Studierenden, die Herausforderungen einer zunehmend heterogenen Studierendenschaft und die Balance zwischen Autonomie der Studierenden und Verantwortung der Lehrenden.

In der Diskussion wurde häufiger zwischen „pragmatischen“ und „idealistischen“ Studierenden unterschieden, die in Lehrveranstaltungen gleichermaßen erreicht werden müssten. Mehrere Beiträge verwiesen darauf, dass auch Pragmatismus eine legitime Einstellung sei, die durch die vielfältigen Sachzwänge außerhalb des Seminarraums induziert werden kann, aber eigenmotivierten Aktivitäten jenseits des Curriculums oder dem kreativen Scheitern skeptisch gegenübersteht. Die Studierenden wünschen sich ein gewisses Maß an Anleitung, vor allem zu Beginn des Studiums bzw. einer Lehrveranstaltung, sowie eine transparente Kommunikation von Anforderungen und Erwartungen. Um aber letztlich selbständig Lernen zu können, muss Studierenden die nötige Selbst- und Fachkompetenz vermittelt werden. Dazu gehört auch die Reflektion darüber, was die Politikwissenschaft ausmacht und welche Ziele mit dem Studium erreicht werden können und sollen.

Dieser Aspekt leitete bereits über zum anschließend von Carola Betzold (Göttingen) moderierten World Café zum Thema „Noten – Wie und Wofür?“, denn in der ersten Runde wurde hier nach dem spezifischen Kompetenzprofil der Politikwissenschaft gefragt. Hier wurde Politikwissenschaft als „Allrounder“-Ausbildung charakterisiert, die eine Vielzahl von Kompetenzen vermittelt, z.B. Methodenkenntnisse, Selbst-/Präsentationsfähigkeit, Analysekompetenz, Textkompetenz, eigenständiges Arbeiten, Offenheit für Interdisziplinarität, Selbstorganisation. Inwiefern sich dies von anderen Sozialwissenschaften unterscheidet, blieb offen; als eine mögliche Besonderheit der Politikwissenschaft wurde angeführt, dass AbsolventInnen in der Lage sein sollten, politische Argumente zu analysieren, zu artikulieren und zu kritisieren. Hier schlug Matthias Freise (Münster) vor, PolitikwissenschaftlerInnen als „Deliberationsprofis“ zu umschreiben.

In den beiden folgenden Runden ging es um Evaluationsmethoden und um Lehr-Lernmethoden, um dieses Kompetenzprofil zu erreichen. Hier wurde die Bedeutung von Constructive Alignment in der Planung hervorgehoben, um diese Elemente miteinander in Einklang zu bringen. Ferner hoben mehrere Beiträge die Bedeutung von regelmäßigem Feedback und der Möglichkeit von Metareflexion, also dem Nachdenken über das eigenen Lernen, hervor. Allerdings wurden auch auf institutionelle Rahmensetzungen, z.B. Prüfungsordnungen oder zeitliche/räumliche Einschränkungen, hingewiesen, die die Anpassung von Formaten an unterschiedliche Kontexte notwendig mache.

Kooperation

Im Panel „Gemeinsam statt einsam – Expertise von außen?“, moderiert von Daniel Lambach (Duisburg), wurden vier Beiträge präsentiert, die sich mit Kooperationsformaten in der Lehre befassen. Als erstes stellte Matthias Freise (Münster) verschiedene Seminarformate im Format des Service Learning vor, die er in Kooperation mit externen Partnern durchgeführt hat. Dabei hob er die Herausforderungen und die Vorteile derartiger Zusammenarbeit hervor. So sind die TeilnehmerInnen dieser Seminare wegen des außeruniversitären Praxisbezugs oft hoch motiviert und evaluieren die Lehrveranstaltungen sehr gut. Danach präsentierte Kai-Uwe Schnapp (Hamburg) mit dem „Projektbüro Angewandte Sozialforschung“ eine Struktur, die jedes Jahr große Gruppen von Studierenden in Praxisprojekte vermittelt, in deren Rahmen sie empirische Methodenkenntnisse anwenden sollen. Er hob insbesondere das organisatorische Verfahren und die damit verbundenen Herausforderungen, gerade auch außerhalb der Semesterzeiten, hervor.

Dorte Hühnert und Kristina Kähler (Duisburg-Essen) präsentierten ein Beispiel für eine hochschulinterne Kooperation. Dabei wurden Studierende aus Dorte Hühnerts Seminar zur Friedens- und Konfliktforschung in der „Referate-Werkstatt“ von Kristina Kähler in mündlicher Kommunikation und Präsentation geschult. Dies stellt ein gutes Beispiel dar, wie durch Kooperation die Vermittlung von Fach- und Schlüsselkompetenzen in eine produktive Balance gebracht werden kann. Abschließend stellte Julia Reuschenbach (Bonn) in einem Erfahrungsbericht vor, wie Lehrveranstaltungen – insbesondere Exkursionen – mit außeruniversitären Partnern gestaltet werden können. Dabei betonte sie die Vorzüge der Berufsorientierung und der Praxiskontakte für Studierende, warnte aber, dass die Kooperationen durch die unterschiedlichen Organisationslogiken von Hochschulen und externen Partnern nicht ohne Reibungsverluste ablaufen.

Den ersten Tag schloss das Panel „Publizieren über die Lehre“ ab, das von Julia Reuschenbach moderiert wurde. Eingeleitet wurde dies von Daniel Lambach (Duisburg-Essen) mit einem Vortrag zu Publikationsmöglichkeiten und –strategien, in dem er seine Erfahrungen aus eigenen Publikationsprojekten (vor allem dem Publizieren in Zeitschriften und Journalen) zusammenfasste. Dabei unterschied er verschiedene Fachpublika (in der Politikwissenschaft, der Politischen Bildung und der allgemeinen Didaktik) und unterschiedliche Textformate (die Fallbeschreibung, Lehr-Lern-Forschung). Im Anschluss stellte Matthias Freise ein Buchprojekt vor, für das er noch MitherausgeberInnen und AutorInnen sucht. Es geht dabei um ein Praxishandbuch zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre, in dem Lehrformate für Lehrende aus dem Fach anwendungsnah und auf Erfahrungsbasis aufbereitet werden. Julia Reuschenbach kündigte eine Buchreihe zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre an. Der Wochenschau-Verlag will, analog zu bereits vorhandenen Angeboten für andere Fächer, eine „Kleine Reihe Hochschuldidaktik Politikwissenschaft“ auflegen, in der Bücher von 60-100 Seiten zu verschiedenen Aspekten der Hochschullehre erscheinen sollen. Als HerausgeberInnen der Reihe soll das SprecherInnen-Team der Themengruppe fungieren. In der Diskussion wurde mehrfach hervorgehoben, dass zwischen dem geplanten Buchprojekt und der „Kleinen Reihe“ keine Konkurrenz bestehe. Vielmehr bestehe die Möglichkeit, Texte unterschiedlicher Länge zum selben Thema in verschiedenen Formaten zu publizieren. Die Themengruppe freut sich hier über Themenvorschläge und interessierte Autoren.

Konzepte

Der zweite Tag begann mit dem von Julia Reuschenbach moderierten Panel „Bewährte Konzepte, neue Ideen“. Als erste sprach Dannica Fleuß (HSU Hamburg) über kollaboratives Gedankenexperimentieren im Hörsaal, d.h. das gemeinsame Nachdenken über normative Fragen. Gedankenexperimente über Szenarien und Dilemmasituationen geben eine Struktur, innerhalb derer Studierende anhand konkreter Entscheidungssituationen systematisch nachdenken und argumentieren lernen. Die Antworten der Studierenden lassen sich dann auf Theorien rückbeziehen und darin einordnen, was dem oft geäußerten Vorwurf der Praxis- und Handlungsferne politischer Theorie entgegenwirkt. Danach stellte Lasse Cronqvist ein Seminarkonzept vor, um studentisches Schreibvermögen zu entwickeln. In seinem Seminar schreiben die Studierende einen kurzen Essay zu einer vorgegebenen Fragestellung schreiben und stellen diesen in der Veranstaltung vor – dadurch erhalten sie Schreibübung und die mündlichen Beiträge sind deutlich besser als die sonst eher faktenbasierten Referate.

Sebastian Schmitz (Aachen) gab eine Übersicht über ein fachbereichsweites Projekt zum Einsatz von Lehrvideos in der Studieneingangsphase. Studierende der Gesellschaftswissenschaften erhalten damit ein interdisziplinäres Propädeutikum zum wissenschaftlichen Arbeiten; die Videos sollen aber auch für den weiteren Studienverlauf hilfreich sein. Zum Abschluss berichtete Volker Best (Bonn) von einem Masterseminar, in dem Studierende eine Plakatkampagne für die Parteien der Bundestagswahl 2017 gestalten sollten, nachdem sie sich auch politisch wie historisch mit dem Thema Wahlkampf und Wahlwerbung auseinandergesetzt haben. Auf diese Weise werden Fachkompetenzen vermittelt und in kreativer Form umgesetzt. Die mitgebrachten Ergebnisse überzeugten durch ein inhaltlich wie gestalterisch überaus professionelles Niveau.

Das Panel „Beyond MUN – Simulationen und Debatten“, moderiert von Daniel Lambach behandelte unterschiedliche Simulations- und Debattenformate jenseits der bereits bekannten Model United Nations. Einleitend fragte Robert Lohmann (Passau) in seinem Vortrag, ob experimentelle Politiksimulationen eine Prognosefunktion erfüllen können oder „nur“ Lehr-Lern-Formate bleiben? Er untersucht dies am Beispiel des „Parlaments der Generationen“, einer Politiksimulation zum demografischen Wandel, die gemeinsam mit der Akademie für politische Bildung Tutzing und dem Bayerischen Landtag realisiert wurde. Eine Befragung ergab, dass die TeilnehmerInnen das Lernen im Vordergrund sahen, ExpertInnen darin aber auch Prognosemöglichkeiten sehen.

Julia Drubel (Gießen) stellte eine Simulation der Vertragsstaatenkonferenz der UN-Klimarahmenkonvention vor. Im Vordergrund stand hier „situiertes Lernen“, d.h. das Bemühen um Authentizität und die Verankerung der Lernerfahrung im realen Beispiel, um Studierende zum Perspektivwechsel anzuregen. Danach sprach Mischa Hansel über seine Erfahrungen mit studentischen Debatten als Mittel zur Einführung in Kontroversen der Friedens- und Konfliktforschung. Diese Debatten behandeln einerseits analytische Fragen (Sind Demokratien friedfertiger?) und andererseits strategische Fragen (Welche Politik kann daraus folgen?). Dabei legt er Wert auf die Infragestellung vermeintlicher Gewissheiten und auf eine umfangreiche Reflexionsphase nach den eigentlichen Debatten.

Abschluss

In der Abschlussrunde zog Julia Reuschenbach für die SprecherInnen ein Fazit der Tagung. Drei Punkte kristallisierten sich als besonders bedeutsam heraus:

  1. Was sind fachspezifische Elemente politikwissenschaftlicher Hochschullehre und welche Chancen und Möglichkeiten bieten uns diese?
  2. Der Umgang mit einer zunehmend heterogenen Studierendenschaft. Welche Antworten kann fachspezifische politikwissenschaftliche Hochschullehre hier geben?
  3. Welche Möglichkeiten gibt es zur intensiven und aktiven Einbeziehung von propädeutischen Elementen in die Hochschullehre?

Julia Reuschenbach betonte, dass die Themengruppe mit dem geplanten Format „Kleine Reihe Hochschuldidaktik“ die Forschung und Debatte über Hochschullehre stärken möchte und auch Projekte wie das angedachte Praxishandbuch von Matthias Freise hierzu einen wichtigen Beitrag leisten können. Abschließend erläuterte das SprecherInnen-Team, dass die Themengruppe mit einem eigenen Panel auf der Sektionstagung „Politische Bildung“ am 5.-6. Oktober 2017 in Münster sowie mit zwei Panels bei der Sektionstagung „Internationale Beziehungen“ am 4.-6. Oktober 2017 in Bremen vertreten sein wird. Daniel Lambach wies zudem erneut darauf hin, dass auch zahlreiche nationale wie internationale Vereinigungen inzwischen zunehmend auch eigene Panels zum Bereich „Lehre“ in ihre Tagungen und Veranstaltungen integrieren. Kai-Uwe Schnapp gab an, als Redakteur der PVS in der DVPW auf der nächsten Redaktionskonferenz gezielt die Einbindung des Themas „Lehre“ oder auch die Vorstellung von Lehrkonzepten innerhalb der PVS-Ausgaben vorzuschlagen.