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Wissenschaftliches Schreiben in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre – Ein Interview mit Lasse Cronqvist

Anlässlich des Starts der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik beim DVPW-Kongress 2018 veröffentlichen wir eine Serie kurzer Interviews mit den Autorinnen und Autoren.

1) Worum geht es in Ihrem Buch?

Der Band möchte zur stärkeren Einbindung von schreibbasierten Lehrmethoden in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre anregen. Kompetenzen des wissenschaftlichen Arbeitens sollten nicht nur in spezifischen propädeutischen Veranstaltungen gelernt werden, sondern auch in regulären fachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen. Dabei wird im Buch aufgezeigt, dass die vorgestellten Übungen nicht zu Abstrichen bei der Vermittlung von politikwissenschaftlichen Inhalten führen müssen, sondern dass die fachwissenschaftliche Lehre vielmehr auch von der Einbindung von Übungen zur Verbesserung von Schreibfähigkeiten profitieren können.

Dazu erfolgt nach einer kurzen Einführung zur Bedeutung des Schreibens in der Lehre eine Analyse wesentlicher Probleme im Rahmen des wissenschaftlichen Schreibens. Die fachspezifischen Besonderheiten des Schreibens in der Politikwissenschaft werden herausgearbeitet und Möglichkeiten aufgezeigt, Schreibfähigkeiten in der Lehre stärker zu fördern. Verdeutlicht wird dies an fünf Beispielen, welche jeweils ein konkretes Lehrszenario darstellen, und dabei aufbauend auf Beispielen aus meinen eigenen Lehrveranstaltungen das Einbinden von Schreibtätigkeiten exemplarisch darstellen. Dabei werden sowohl die Hintergründe für die Anwendung der jeweiligen Methodik dargestellt als auch konkrete Hinweise zur Durchführung gegeben.

 

2) Warum ist dieses Thema für die politikwissenschaftliche Hochschullehre wichtig?

Das Schreiben als Kulturtechnik ist die wesentliche Form der Präsentation wissenschaftlicher Fortschritte, und auch der Erfolg eines wissenschaftlichen Studiums hängt nicht zuletzt von der Fähigkeit der Studierenden ab, ihre wissenschaftlichen Arbeiten in adäquater Form zu präsentieren.

Daher sollte die Vermittlung von Schreibfähigkeiten einen festen Platz in der wissenschaftlichen Lehre einnehmen. Dies gilt umso mehr, da in diesem Bereich vielfältige Probleme bei den Studierenden zu beobachten sind, welche häufig kaum oder gar nicht in Lehrveranstaltungen angesprochen werden. Aus Sicht (nicht nur) von Studienanfängern ist dies problematisch, da die von den Studierenden als Prüfungsleistung geforderten Hausarbeiten nicht gezielt in den Seminaren vorbereitet werden, und größere Fehlerquellen im studentischen Arbeiten daher vor Abgabe der Prüfungsleistung unentdeckt bleiben. Durch die geschickte Verbindung von fachwissenschaftlicher Lehre und Übungen zur Förderung des Schreibvermögens der Studierenden lassen sich sowohl für den Lernerfolg in Bezug zu den wissenschaftlichen Inhalten der Lehrveranstaltung, wie auch im wissenschaftspropädeutischen Bereich hohe Synergieeffekte erzielen.

 

3) Wer sollte dieses Buch lesen?

Das Buch richtet sich an Lehrende, welche neue Ansätze für ihre Lehrveranstaltungen suchen. Dabei binden die vorgestellten Szenarien vor allem Anwendungsbeispiele aus Seminaren ein, in denen Studierende alleine oder in kleineren Gruppen entsprechende Übungen durchführen. Die Anwendung ist dabei sowohl in grundlegenden Kursen der Studieneingangsphase wie in vertiefenden Veranstaltungen auch in Masterstudiengängen möglich. Die verwendeten Beispiele entstammen der Vergleichenden Regierungslehre, sind aber so gestaltet, dass eine Übertragung auf andere Teildisziplinen der Politikwissenschaft ohne Probleme möglich ist.

 

Das Buch ist bestellbar über http://www.wochenschau-verlag.de/wissenschaftliches-schreiben-in-der-politikwissenschaftlichen-hochschullehre.html und alle Buchhändler.

Call for Papers: Vierte Jahrestagung des AK Hochschullehre (Münster, 25.-26.2.2019)

Die Jahrestagung des Arbeitskreises Hochschullehre in der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) findet am 25. und 26. Februar 2019 an der Westfälischem Wilhelms-Universität-Münster statt und wir freuen uns über Einsendungen zu den folgenden Themen (pdf-Version):

 

Vielfalt und Weitblick in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre

Bei den bisherigen Veranstaltungen des Arbeitskreises Hochschullehre wurde immer wieder angesprochen, dass sich die Lehre in der Politikwissenschaft durch zum Teil sehr heterogene Lehr- und Lernbedingungen auszeichnet. Wir möchten diese Diversität aufgreifen und in den Mittelpunkt unserer Jahrestagung 2019 stellen. Dabei wollen wir nicht nur die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen seitens der Studierenden diskutieren, sondern auch die vielfältigen Rahmenbedingungen der Lehraktivität von Dozierenden ansprechen. Auch sollen unterschiedliche Anforderungen an die Lehre in unterschiedlichen, sich mit politikwissenschaftlichen Inhalten beschäftigenden Studiengängen in den Fokus gerückt werden.

Somit wollen wir zum einen Fragen aufgreifen, welche sich aus der Diversität der Studierenden sowie den von diesen absolvierten Studiengängen ergeben. Folgende Themen können dabei im Mittelpunkt stehen:

  • Auch in der öffentlichen Debatte werden regelmäßig Probleme angesprochen, welche an den Hochschulen durch den größer werdenden Anteil an Schulabgängern mit einer Hochschulzugangsberechtigung entstehen. Welche Auswirkungen hat dieser Anstieg des Abiturientenanteils für die Lehre an den Universitäten? Welche Anforderungen stellt dies an die Studieneingangsphase? Und welche Angebote lassen sich für Studierende auf dem zweiten Bildungsweg, geflüchtete Studierende oder Studierende mit Handicap entwickeln? Werden politische Implikationen dieser Entwicklung gerade in unserer Disziplin erforscht?
  • Auf Institutsfluren wird häufig über Unterschiede zwischen Lehramts- und Hauptfachstudierenden diskutiert. Sehr interessiert sind wir daher an Tagungsbeiträgen, die das Verhältnis von Hochschuldidaktik und Politikdidaktik ansprechen. Wie kann die Hochschuldidaktik von der Politikdidaktik lernen? Welche besonderen Anforderungen stellt das Lehramtsstudium an die fachwissenschaftliche Lehre in der Politikwissenschaft?
  • Zudem hat durch die Einführung der BA/MA-Studiengänge und dem Wunsch der Internationalisierung der Hochschullandschaft eine Ausdifferenzierung der Studiengänge stattgefunden, die zum einen zu einer Spezialisierung politikwissenschaftlicher Abschlüsse geführt hat. Zum anderen resultiert hieraus auch eine breitere Einführung rein englischsprachiger Studiengänge. Aus hochschuldidaktischer Sicht ist dabei die Frage interessant, in wie weit sich die Lehre in englischsprachigen Studiengängen von anderen Studiengängen unterscheidet. Hierzu werden genauso Beiträge gesucht wie auch zu der Frage, in wie weit durch diese Ausdifferenzierung der Studiengänge auch spezifische Herausforderungen an die Lehre entstehen.

Zum anderen wollen wir uns Fragen zuwenden, welche sich aus den unterschiedlichen Voraussetzungen der Lehrenden ergeben. Wie können z.B. Doktoranden bei der Vorbereitung erster Lehrveranstaltungen unterstützt werden? Gibt es über kürzere hochschuldidaktische Einführungskurse zum Thema „Neu in Lehre“ hinaus Modelle, welche Dozierende mit nur wenig Lehrerfahrung in dieser Tätigkeit unterstützen? Welche Ideen und Konzepte existieren aus Sicht der Dozierenden für den Umgang mit Diversität in der politikwissenschaftlichen Lehre? Kann diese gerade in unserem Fach auch einen inhaltlichen Mehrwert erzeugen?

Unter dem Stichwort „Weitblick“ möchten wir ergänzend in den Blick nehmen, was wir von politikwissenschaftlicher Lehre in anderen Ländern und Hochschulsystemen, in anderen Fächern oder in nicht-universitären Kontexten (Fachhochschulen, Schulen, außerschulische politische Bildung) lernen können? Was können wir auch von der allgemeinen Hochschuldidaktik sowie der empirischen Bildungsforschung in punkto Theorien und Methoden mitnehmen und wie könnte hier ein Austausch stattfinden? Hierbei interessieren uns sowohl theoretische Überlegungen als auch „Werkstattberichte“ aus vorhandenen Programmen/Kooperationen/Formaten.

Schließlich thematisieren die Jahrestagungen des Arbeitskreises immer auch Präsentationen von Lehrkonzepten und von Erfahrungsberichten aus Lehrveranstaltungen höchst unterschiedlichen Formats. Im Forum „Praxis“ möchten wir wieder die Gelegenheit geben, Lehr-Lernformate aus der Hochschullehre zu präsentieren, aber auch Ideen für solche Formate zur Diskussion zu stellen. Dabei geht es uns nicht nur um Lehrinnovationen, sondern auch um neue Perspektiven auf bewährte Themen und Formate.

 

Einreichung von Beiträgen:

Interessierte senden bis einschließlich 9.12.2018 ein Abstract (max. 600 Wörter inkl. Leerzeichen) an lambach(ÄT)normativeorders.net. Bitte geben Sie an, in welchem Format (Vortrag, Diskussion, Workshop, Roundtable, Poster o.ä.) Sie Ihren Teil im Rahmen der Tagung gestalten möchten und fügen Sie einige biografische Angaben (max. 250 Wörter inkl. Leerzeichen) bei.

Nach Auswahl der Beiträge werden wir Sie bis zum 21.12.2018 über das finale Programm informieren. Der Arbeitskreis ermöglicht die Buchung günstiger Übernachtungsmöglichkeiten im Rahmen von Hotelkontingenten. Diese Kosten sowie Reisekosten oder Honorare können leider nicht durch den Arbeitskreis übernommen werden.

Die Teilnahmegebühr für promovierte Kolleginnen und Kollegen beträgt 20 €, für Doktorandinnen und Doktoranden 10 €. Studierende müssen keinen Beitrag entrichten.

Bericht von der dritten Jahrestagung der Themengruppe Hochschullehre (26.-27. Februar 2018, Hamburg)

Die dritte Jahrestagung der Themengruppe unter dem Titel „Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis“ fand am 26.-27. Februar 2018 an der Universität Hamburg statt. Es wurden normative und theoretische Fragen der politikwissenschaftlichen Hochschullehre behandelt, ebenso wie konkrete Lehrszenarien. Hinzu kamen Workshops zu verschiedenen Aspekten der Lehrpraxis.

 

Theorie

Die Tagung begann mit dem Panel „Fragen an Lehren und Lernen“, welches von Mischa Hansel (Aachen) moderiert wurde. Zunächst stellte Petra Stykow (München) ihr Manuskript zum Prüfen und Bewerten in der politikwissenschaftlichen Hochschullehre vor, das in der Kleinen Reihe Hochschuldidaktik Politik erscheinen wird. Nach dem Modell der „Inverted Conference“ hatte sie das Manuskript den Tagungsteilnehmer*innen vorab zugänglich gemacht und bat nun um Feedback für die Überarbeitung des Textes. Die Diskussion behandelte verschiedene Probleme des Prüfens und Bewertens und ging dabei auch teils über den konkreten Text hinaus. Beispielsweise wurde bei mündlichen Prüfungen das Problem benannt, dass man einerseits die Fähigkeit zur strukturierten Antwort und die generelle Ausdrucksfähigkeit mitbewerte, dabei aber diversitysensibel vorgehen muss, um nicht einen bildungsbürgerlichen Habitus zu bevorzugen.

Danach folgte ein Vortrag von Daniel Lambach (Duisburg-Essen) zur Employability in der Friedens- und Konfliktforschung. Er stellte dabei Ergebnisse einer vergleichenden Absolvent*innenstudie vor, an der 2017 sieben Masterstudiengänge in Deutschland und Österreich teilgenommen hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass Absolvent*innen dieser Studiengänge i.d.R. eine ausbildungsadäquate Tätigkeit aufnehmen und nur selten von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber oft nur auf befristeten Verträgen arbeiten. In der Diskussion wurden verschiedene methodische Aspekte besprochen, z.B. die Gründe für Non-Response, sowie der Abgleich mit Absolvent*innenstudien anderer Institutionen angeregt. Ferner wurde die Frage aufgeworfen, ob die Ausbildung relativ fachunspezifischer Kompetenzen wie z.B. Organisationskompetenz oder Fähigkeiten im Projektmanagement dem Bildungsauftrag einer Hochschule angemessen seien.

 

Praxis Teil I

Im Panel zu „Distance Learning“, moderiert von Daniel Lambach (Duisburg-Essen), wurden zwei Beiträge zu kooperativen E-Learning-Formaten vorgestellt, die aus demselben Projekt hervorgegangen sind. Zunächst präsentierten Patricia Konrad (Hamburg) und Alexander Kobusch (Tübingen) ein standortübergreifendes Ringseminar, das nach dem Modell des „Cross-Site Teaching“ von acht politikwissenschaftlichen Instituten gemeinsam angeboten wurde. Dabei stellten sie vor, wie man Studierende in diesem Format aktivieren und zur standortübergreifenden Kollaboration bewegen kann, und zeigten die kontinuierliche Weiterentwicklung des Formats. Im Anschluss stellten Witold Mucha und Christina Pesch (beide Düsseldorf), die ebenfalls am Ringseminar mitgewirkt hatten, ihre Adaption des Konzepts für eine internationale Kooperation der Universität Düsseldorf mit Partnern in Südafrika und den Niederlanden zur Diskussion. Ihr Ziel ist es, die Inhalte der Veranstaltung sowie die von den Studierenden produzierten Materialien als Open Educational Resources (OER) zu veröffentlichen.

Die Diskussion drehte sich zunächst um ganz praktische Fragen, d.h. um die technischen Voraussetzungen sowie die für das internationale Projekt notwendigen Englischkenntnisse der Studierenden. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Frage, wie man Studierende zur Zusammenarbeit motivieren könne, zumal es an den beteiligten Standorten teils unterschiedliche Leistungserwartungen gab. Außerdem wurde die Besonderheit des Formats herausgestellt, das sich hochaktuellen politischen Fragen widmet, sich eher an fortgeschrittene Studierende richtet und keinen Kernbereich des Curriculums abdeckt. Insofern gab es Fragen, welche Aspekte davon auch für grundständige Lehre adaptiert werden können.

 

Methoden

Im nächsten Panel folgten zwei Beiträge, die sich mit der Vermittlung von Forschungs- und Methodenkompetenz befassten. Zunächst fragte Carola Klöck (Göttingen): „Forschen unterrichten ohne Forschung: (wie) geht das?“. Anhand des Beispiels einer Veranstaltung, in der Studierende die Entwicklung von Forschungsdesigns lernen sollten, berichtete sie von den Herausforderungen, die aus der relativ großen Studierendengruppe und den vielfältigen Zielen des Konzepts entstanden, und suchte nach Ratschlägen zur Überarbeitung des Lehrkonzepts. In der Diskussion wurde der stärkere Einsatz von Peer Feedback angeregt und empfohlen, Studierende einen fertigen Projektantrag kritisieren zu lassen, um ihnen dadurch das Format näherzubringen. Allgemein wurde problematisiert, wie viel Anleitung Studierende beim forschenden Lernen brauchen/wollen.

Danach befassten sich Jasmin Haunschild und Anja Jakobi (beide Braunschweig) mit den Implikationen von Big Data für die Politikwissenschaft im Allgemeinen und die Methodenlehre im Speziellen. Sie hoben hervor, dass sich durch die neue Qualität und Quantität von Datenverfügbarkeit neue Forschungsfelder und –praktiken herausbilden, die unter Namen wie „Data Science“ oder „Computational Social Science“ firmieren. Ersteres wird zumeist als technisches Feld verstanden, in das keine sozialwissenschaftlichen Ausbildungsinhalte einfließen, während letzteres als genuin sozialwissenschaftliches Feld verstanden wird. Einige Institute mit Expertise in quantitativen Methoden haben angefangen, ihre Methodenausbildung um einschlägige Themen zu ergänzen; an der Hochschule für Politik der TU München wurde ein entsprechender Studiengang eingerichtet. Die Diskussion drehte sich einerseits um Fragen, welches Verhältnis Politikwissenschaft zu Daten hat, andererseits um strategische Fragen, wie sich die Disziplin angesichts der Herausbildung neuer Forschungsfelder positionieren sollte. Für die Lehre wurde insbesondere die Kooperation mit technischen ExpertInnen als Möglichkeit hervorgehoben.

 

Workshops Teil I

Im Anschluss ging die Tagung in zwei parallele Kurzworkshops über. Judith Gurr und Caroline Kärger (beide Lüneburg) boten einen Methodenbasar an, in dem sie in 60 Minuten drei Methoden vorstellten, um auch in großen Veranstaltungen die TeilnehmerInnen zu aktivieren: das aktive Plenum, die stille Debatte sowie die Nutzung von Abstimmungssystemen im Rahmen von Peer Instruction.

Lasse Cronqvist (Trier) leitete eine Diskussion darüber, ob das inzwischen weit verbreitete Instrument der standardisierten Lehrevaluation für eine Reflexion zur Verbesserung der Lehrqualität geeignet ist. Dabei wurde die Validität der Evaluationsergebnisse sowie deren Funktion als Steuerungsinstrument im Hochschulsystem kritisch diskutiert, aber auch Möglichkeiten identifiziert, wie – ggf. in Kombination mit anderen qualitativen Feedbackmechanismen – dennoch ein Nutzen aus Evaluationen gezogen werden kann.

 

Normativität

Zum Abschluss des ersten Tages fand das Panel zu Normativität in der Hochschullehre statt. Zum Einstieg wies Dannica Fleuß (HSU Hamburg) darauf hin, dass man hier die Lehre über Normativität von der Normativität in der Lehre unterscheiden müsse, auch wenn dies in der Praxis natürlich zusammenfallen kann. Sie stellte eine Seminarkonzeption vor, wie in der Lehre der politischen Theorie die Reflexion über menschenrechtliche Normen mit praktischen Implikationen anhand von konkreten Beispielen verbunden werden kann. Damit möchte sie die normative Urteilsfähigkeit ihre Studierenden stärken, indem sie sie u.a. zum theoretischen Perspektivwechsel verpflichtet. In ihrem Vortrag stellte sie auch die Spezifika der Studierenden an der HSU heraus, die als Soldaten*innen oft ein stark persönliches Interesse etwa an den Dilemmata ‚humanitärer Interventionen‘ hätten.

Anschließend hielt Julian Eckl (Hamburg) fest, dass Lehre nicht werturteilsfrei sein kann. Bereits die klassischen Lerntheorien Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus beinhalteten bestimmte Menschenbilder sowie normative Setzungen darüber, welche Rollen Lehrende und Lernende einzunehmen hätten. Durch die Entscheidung für eine Lerntheorie nehmen Lehrende also eine normative Position ein – vor jeglicher inhaltlicher Diskussion, in der dies ebenfalls unvermeidlich sei. Weiterhin sah er einen Anlass zur erneuten Beschäftigung mit den normativen Grundlagen von Lehre angesichts verbreiteter Krisendiskurse der Demokratie. Wenn gesellschaftliche Konsenslinien neu verhandelt oder überschritten werden, sei dies auch Anlass zu einer neuen Selbstvergewisserung über ansozialisierte Normen, worüber wie in welchen Kontexten diskutiert werden kann. Die Konfrontation mit Studierenden, die extreme Positionen in Lehrveranstaltungen vertreten, führe zwar zu schwierigen Situationen und Rollenkonflikten, sorge aber auch dafür, dass gesellschaftliche Polarisierungen und Radikalisierungen nicht ignoriert werden könnten.

In der Diskussion wurden theoretische wie praktische Fragen aufgeworfen. Auf theoretischer Ebene wurde darauf hingewiesen, dass die Lerntheorien sehr unterschiedliche Empfehlungen geben, wie mit deviantem Studierendenverhalten umzugehen sei. In praktischer Hinsicht wurde empfohlen, dass Lehrende ihre theoretischen/ontologischen Positionen transparent machen sollten. Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass Studierendengruppen zumeist gut mit unterschiedlichen Meinungen umgehen könnten, man aber auch deren Fähigkeit zum Umgang mit Pluralismus nicht fraglos voraussetzen darf. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage aufgeworfen, wie heterogen –hinsichtlich Bildungshintergrund und politischen Einstellungen – Studierendengruppen tatsächlich sind.

 

Workshops Teil II

Der zweite Konferenztag begann mit einem zweiten Paar Workshops. Im ersten bot Matthias Freise fünf Wege an, wie man mit dem Problem umgehen kann, dass Studierende die Seminartexte nicht gelesen haben, und diskutierte mit den TeilnehmerInnen eigene Erfahrungen und Strategien. Zu den Methoden der Stärkung von Lese-Compliance zählten u.a. Power-Point-Karaoke und Textpuzzles. Der zweite Workshop von Caroline Kärger und Judith Gurr fragte, wie, wann, mit wem und wie oft eigentlich ein Dialog über die Lehre stattfindet. In der Diskussion ergaben sich hier zwei Problemlagen: zum einen dass geklärt werden muss wozu ein Dialog dient und wie man ihn für Stakeholder interessant macht, zum anderen dass inhaltlicher Dialog heute oft von Prozessen des Qualitätsmanagements überlagert wird, die für Lehrende wenig attraktiv sind.

 

Praxis Teil II

Im letzten Panel, erneut moderiert von Mischa Hansel, ging es um Demokratieforschung und Demokratiekompetenz. Der erste Beitrag kam von Volker Best (Bonn), der sein Seminarkonzept eines Planspiels in der Regierungslehre vorstellte. Er hatte in Seminaren vor der Bundestagswahl 2017 sowie während der laufenden Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition Studierende zu ParteivertreterInnen gemacht und sie die Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen simulieren lassen, was sie mit großem Engagement taten. Das Feedback der Studierenden war insgesamt sehr positiv und hob den interaktiven Charakter des Seminars sowie dessen Anwendungsbezug hervor.

Im zweiten Vortrag stellte Christoph Klika, Toralf Stark und Susanne Pickel (Duisburg-Essen) ein noch laufendes Projekt zur Entwicklung eines Planspiels vor, das sich mit dem Effekt autoritärer politischer Kultur auf die Stabilität einer Demokratie befassen wird. In der ersten Phase entwickeln sie das Planspiel und die Spielmaterialien gemeinsam mit Lehramtsstudierenden. Nach dessen Fertigstellung möchten sie es in der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen einsetzen, da diese eine besondere Rolle als MultiplikatorInnen für demokratische Kompetenzen und Einstellungen ihrer SchülerInnen haben.

In der Diskussion ging es vor allem um Fragen des Planspieldesigns. Insbesondere wurde darüber diskutiert, inwieweit die Spielleitung den Ausgang eines Spiels (oder einer Zwischenphase) vorbestimmen kann, um damit bestimmte inhaltliche Punkte zu unterstreichen. Demgegenüber wurde argumentiert, dass dies von TeilnehmerInnen negativ bewertet würde und man auch subtil, z.B. durch Eingriffe von „Externen“ den Verlauf eines Spiels beeinflussen könne. Ferner wurde hervorgehoben, dass es für die Erstellung von Spielmaterialien, konkret zur Formulierung von Rollenprofilen, noch nicht viel handlungsleitenden Rat gebe.

 

Abschluss

In der Abschlussrunde baten Daniel Lambach und Mischa Hansel die TeilnehmerInnen um ihr Fazit zur Tagung sowie um die Identifikation latenter oder künftiger Themen, mit denen sich die Themengruppe beschäftigen sollte. Zu diesen gehörten:

  • Welche Erwartungen können/sollen wir an Studierende haben? Stimmt die verbreitete Klage, dass es immer mehr Studierenden an fundamentalen Kompetenzen fehle, oder muss man eher von einer Änderung von deren Kompetenzprofil sprechen? Was wissen wir überhaupt über unsere Studierenden?
  • Wie können wir die Selbstverantwortung der Studierenden stärken? Kann eine umfangreiche Didaktisierung des Lernprozesses Studierende unselbständig machen? Was bedeutet das für Mentoring, das ja vor allem Studierende aus bildungsfernen Schichten unterstützen soll?
  • Welche Rolle schreiben wir der Politikwissenschaft im öffentlichen Raum zu? Haben wir eine Verantwortung zur Beteiligung an gesellschaftlichen und medialen Diskursen und wenn ja, wie können wir unsere Vermittlungskompetenz dazu einsetzen?
  • Wie motivieren sich Lehrende? Wie kann man andere Lehrende zu guter Lehre motivieren?
  • Gibt es Bedarf und Interesse, Lehrmaterialien und Veranstaltungskonzepte zu teilen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen und über welche Plattformen?
  • Welche speziellen didaktischen Herausforderungen gibt es in den Teilbereichen der Politikwissenschaft?

Während die obigen Fragen generell formuliert sind, müssen wir uns in der Beschäftigung darüber verständigen, inwieweit ihre Beantwortung disziplinspezifisch ausfällt oder ob hier auch ein produktiver Austausch mit anderen Disziplinen und/oder der Hochschuldidaktik gesucht werden sollte.

Die Sprecher wiesen abschließend nochmals auf die ab Herbst erscheinende Kleine Reihe Hochschuldidaktik Politik hin und gaben einen Ausblick auf die Aktivitäten der Themengruppe bei der Tagung der DVPW, die September 2018 in Frankfurt am Main stattfinden wird. Im Anschluss an die Tagung fand ein Vernetzungstreffen der Theorielehrenden statt, um damit einen Workshop zur Lehre in der politischen Theorie, Philosophie und Ideengeschichte vorzubereiten.

Call for Papers für die Jahrestagung 2018 in Hamburg

Am 26. und 27. Februar 2018 veranstaltet die Themengruppe Hochschullehre in der DVPW ihre nunmehr dritte Jahrestagung, dieses Mal an der Universität Hamburg. Die Tagung richtet sich an Mitglieder der Themengruppe, DVPW-Mitglieder, ebenso aber an alle interessierten Lehrenden und Studierenden der Politikwissenschaft und verwandter Disziplinen. Eine Mitgliedschaft in der DVPW ist zur Teilnahme nicht notwendig.

Call for Papers (Download als pdf)

Thema der Tagung ist diesmal:

Politikwissenschaftliche Hochschullehre – Perspektiven und Konzepte aus Theorie und Praxis

 

Perspektiven und Konzepte aus der Theorie

Im Rahmen der bisherigen Veranstaltungen unserer Themengruppe wurde deutlich, dass unsere Hochschullehre in didaktischer Hinsicht häufig mit wenig theoretischer Fundierung auskommt. Damit sind nicht didaktische Methoden oder Fragen von Lern- und Kompetenzerwerb gemeint, sondern vielmehr Fragen nach den Spezifika politikwissenschaftlicher Hochschullehre, zum Beispiel: Welche (fachspezifischen) Theorien legen wir der Konzeption von Lehrformaten zugrunde? Welche normativen Prägungen finden Eingang in die Lehre und welche Auswirkungen hat dies für die spätere Praxis? Was unterscheidet politikwissenschaftliche Hochschullehre von der Lehre in anderen Disziplinen? Wo und in welcher Form findet empirische Forschung zum Thema politikwissenschaftliche Hochschullehre statt? Beschäftigen sich Nachwuchswissenschaftler/innen in Qualifikationsschriften mit politikwissenschaftlicher Hochschullehre? Finden Forschungen zu Lehrenden und Lernenden unseres Faches statt? Im Rahmen des Forums „Theorie“ laden wir herzlich ein, Konzepte und Forschungen zu diesen und weiteren Fragen vorzustellen. Unser Theoriebegriff ist hierbei bewusst weit angelegt und meint das Nachdenken, Reflektieren und Evaluieren über bzw. der eigenen Lehre. Hierbei interessieren uns vor allem Forschungen und Konzepte, die noch vor der praktischen Erprobung stehen, ebenso wie theoriegestützte Metaüberlegungen und empirische Forschungen zur politikwissenschaftlichen Hochschullehre insgesamt. Vorgestellte Konzepte müssen nicht fertiggestellt sein, auch Werkstattberichte laufender Vorhaben oder Ideenskizzen für künftige Forschungen sind äußerst willkommen.

Perspektiven und Konzepte aus der Praxis

Die Jahrestagungen der Themengruppe beinhalten immer auch Präsentationen von Lehrkonzepten, von Erfahrungsberichten aus Lehrveranstaltungen höchst unterschiedlichen Formats. Im Forum „Praxis“ möchten wir erneut die Gelegenheit geben, Lehr-Lernformate aus der Hochschullehre zu präsentieren, Ideen für solche Formate zur Diskussion zu stellen und neue Formate im Kreis von Kolleginnen und Kollegen zu entwickeln. Hierbei laden wir ausdrücklich auch dazu ein, interdisziplinäre und berufsorientierte Lehrformate vorzustellen. Uns geht es nicht nur um Lehrinnovationen, sondern auch um neue Perspektiven auf bewährte Themen und Formate. Denkbar ist überdies, dass Ansätze zum Umgang mit aktuellen Herausforderungen der Lehre (z.B. Heterogenität der Studierenden, Digitalisierung des Studienalltags) präsentiert werden. Gleichermaßen interessieren uns jedoch auch Austausch- und Weiterbildungsformate auf Fach- oder Fakultätsebene, die an Ihren Hochschulen praktiziert werden, so etwa Lehrkolloquien oder Gesprächsrunden zwischen Lehrenden und Studierenden.

 

Einreichung von Beiträgen:

Interessierte senden bis einschl. 30. November 2017 ein Abstract (max. 600 Wörter inkl. Leerzeichen) an die Sprecherin der Themengruppe: Julia Reuschenbach M.A., Universität Bonn (julia.reuschenbach(ÄT)uni-bonn.de). Bitte geben Sie an, in welchem Format (Vortrag, Diskussion, Roundtable o.ä.) Sie Ihren Teil im Rahmen der Tagung gestalten möchten und fügen Sie einige biografische Angaben (max. 250 Wörter inkl. Leerzeichen) bei.

Nach Auswahl der Beiträge werden wir Sie bis zum 20. Dezember 2017 über das finale Programm informieren. Die Themengruppe ermöglicht die Buchung günstiger Übernachtungsmöglichkeiten im Rahmen von Hotelkontingenten. Diese Kosten sowie Reisekosten oder Honorare können leider nicht durch die Themengruppe übernommen werden.

Für Fragen stehen Ihnen die Sprecher/innen der Themengruppe gerne zur Verfügung

Schreiblust oder Schreibfrust? Erfahrungen aus der Schreibwerkstatt im Aachener Masterstudiengang Politikwissenschaft

„Eine Schreibwerkstatt im ersten Mastersemester? Aber wir können doch schon Hausarbeiten schreiben!“ So klingt oft die erste Reaktion beim Start in den Aachener Masterstudiengang. Doch was die Studierenden in der Schreib- und Vortragswerkstatt erwartet, entpuppt sich oft schnell als Herausforderung: Ein Essay soll geschrieben, kommentiert und im Vortragsformat in der Gruppe präsentiert werden. Am 10. März mussten die Essays eingereicht werden. Nach einer ersten Sichtung der Ergebnisse haben sich die Lehrenden des Wintersemesters 2016/17 – Maike Weißpflug, Jürgen Förster und Kai Koddenbrock – zusammengesetzt und über ihre Erfahrungen und Erlebnisse beim Lehren der Schreib- und Vortragskunst unterhalten.

Maike Weißpflug (MW): Wir haben ja in diesem Studienjahr den ziemlich gewagten Versuch unternommen, die Studierenden völlig frei und ohne thematische Vorgaben einen Essay schreiben zu lassen. Mir ist dabei noch einmal aufgefallen, wie sehr sich das Lehren des Schreibens als Fähigkeit von einem inhaltlichen Seminar unterscheidet, wo man sich immer auch am Gegenstand, am Wissen festhalten kann. So eine Schreibwerkstatt ist im Gegensatz dazu oft eine sehr persönliche Veranstaltung, in der sich Studierende und Lehrende nicht hinter Sachfragen und anderen Autoren verstecken können.

Jürgen Förster (JF): Die Studierenden tun sich sehr schwer mit dem Format „Essay“ – sie wissen nicht, was das sein soll. Der Essay ist ja ein Versuch, das eigene Wissen nochmals zu problematisieren. Es gibt da ein gewisses Unwohlsein bei dem Gefühl, sich auf ein Problem wirklich einzulassen, auf den Denkprozess, der vielleicht nicht immer ein festes Resultat hat. Es geht im Essay nicht um das Wissen und die Information, sondern um die Reflexion auf Wissen und Information; es geht nicht um das Erklären, sondern um das Verstehen. Die Studierenden haben das Gefühl, dass wir von Ihnen etwas gleichsam Verbotenes erwarten, wenn wir sie dazu verleiten, die strengen Regeln der Wissenschaft zu verlassen. Das wird auch als Rückschritt empfunden, als Zumutung. Ich hatte in der Übung nicht das Gefühl, dass die Studierenden darüber nachdenken, wie sie schreiben wollen, sondern eher über das Thema nachdenken. Dabei geht es im Essay vor allem darum, Form und Inhalt zu verbinden.

MW: Ja, das Gefühl hatte ich auch. Die Aufgabe, einen Essay zu schreiben und dabei auch sehr stark mit der Sprache zu arbeiten, ist ungewohnt und für viele etwas ganz Neues. Es geht darum, selbständig über eine Frage, ein Problem – im Idealfall eines, das man bereits gut kennt und wissenschaftlich bearbeitet hat – zu reflektieren und sich dabei auch gerne ein wenig von den akademischen Konventionen zu lösen. Trotzdem sollen sie wissenschaftlich schreiben, d.h. klar und präzise in der Gedankenführung und im Ausdruck. Beides hängt ja enorm eng zusammen. Kai, du hast das Buch „Schreibdenken“ von Ulrike Scheuermann in die Übung eingebracht, das ja genau auf dieser Idee, dass Schreiben ein Denkinstrument sein kann, basiert.

Kai Koddenbrock (KK): Ja, wir hatten uns vor dem Semester überlegt, einen Bogen von Essaybeispielen wie dem großartigen kleinen Text von Montaigne zu einem ‚Mangel unserer öffentlichen Verwaltung‘ bis zu einem Text Wolfgang Streecks über den Euro bis zu Reflexionen über den ‚Essay als Form‘ von Theodor Adorno zu spannen. Mit diesem praktischen Büchlein zum ‚Schreibdenken‘, so die Ausgangsüberlegung, hätten wir sehr praktisch am Gegenstand den Anspruch des Essays einlösen können, kreisend, philosophisch reflektiert und auch persönlich verankert auf das gewählte Thema zuzugehen. Grundsätzlich waren die Studierenden recht zufrieden mit den kleinen Übungen. Eine von ihnen bestand daraus, fünf Minuten ohne Punkt und Komma Draufloszuschreiben und in einem zweiten Schritt diesen aufs Papier gebrachten Bewusstseinsstrom zu ordnen und dann zu klären, was das zentrale eigene Interesse zu sein scheint. Aber es wurde deutlich, dass das Schreibdenken eine immerwährende Herausforderung ist, an dem man kontinuierlich arbeiten sollte, wenn man wirklich Fortschritte machen möchte. Die Idee, in einem kurzen Seminar an den Schreibdenkfähigkeiten zu arbeiten, greift also zu kurz und eine zentrale Lektion für mich und meine zukünftige Lehre ist, dass erst eine Integration dieser Übetechniken in alle meine Seminare nachhaltige Erfolge zeitigen könnte. Auch und gerade weil die Studierenden die sehr enge Betreuung ihrer Schreibfortschritte, die wir im Seminar durchgeführt haben, als sehr produktiv empfanden.

MW: Produktiv fand ich vor allem die Arbeitsphase, in der die Studierenden gegenseitig ihre ersten Entwürfe lesen und kommentieren sollten – dabei wurde klar, dass es für einen guten Satz nicht den einen genialen Wurf benötigt, sondern häufiges Redigieren und kritische Leser. Einen fremden Text können wir ja viel leichter und besser beurteilen als unsere eigenen. Das kann man sich zunutze machen, wenn man über den eigenen Schatten springt und seinen Text schon in einem frühen Stadium anderen zu lesen gibt. Bei mir in der Gruppe kam die Frage auf: Brauchen wir das eigentlich? Warum soll ich lernen, Essays zu schreiben? Ich habe versucht, damit zu antworten, dass die Fähigkeit, sich gut und klar auszudrücken, Zugang zur Sprache und damit zum Denken zu haben, etwas Universelles ist. Etwas, das in all den Berufen, die man mit einem Masterabschluss Politikwissenschaft ergreifen kann, nützlich sein wird. Die Kürze und freie Form des Essays zwingt einen einfach, sich dem eigenen Schreiben zu stellen. Man lernt dabei mehr als in jeder Hausarbeit.

JF: Der Essay hat aber auch etwas Unpraktisches, er liefert keine Lösungen, die man anwenden könnte. Der Essay ist per se philosophisch. Das Ziel ist eigentlich die ästhetische Befriedigung, die Lust beim Schreiben und Denken, das Genießen der Kreativität. Das kann man aber nicht erzwingen.

KK: Man könnte sagen, der Essay ist eine zutiefst bürgerliche Textgattung. Zweckfrei im Ästhetischen zu schwelgen, ist auch eine Reminiszenz an die Universität jenseits von beruflichen Sorgen und ständigem Notendruck. In der Innerlichkeit des Essays kommt ein romantischer, individualistischer Zugang zur Bildung zum Vorschein.

MW: Ich finde es ja gut zu zeigen, dass es diese Dimension, diese Sphäre der Bildung und diesen Anspruch noch gibt. Die Universität sollte der Ort sein, an dem man zumindest die Möglichkeit haben sollte, sich auf diese Weise intellektuell zu betätigen – oder zumindest sehen kann, wohin man geistig gehen kann. Ich meine, wir haben zu Beginn des Semesters Montaigne gelesen; wie der schreiben kann, das kam schon gut an.

JF: Aber es ist auch eine Zumutung und Überforderung.

MW: Vielleicht. Eine bewusste Überforderung – oder vielleicht eher eine Herausforderung. Die muss aber auch angenommen werden, sonst bleibt es eine Zumutung. Rückblickend würde ich sagen, das hat bei mir in der Gruppe so halb geklappt. Es sind ein paar schöne Essays und Ideen entstanden, aber es war auch nicht immer einfach.

KK: Das sehe ich ähnlich. Die Themenwahl war mir ein bisschen zu nah an den aktuellen medialen Diskussionen vom Populismus zur EU bis zur deutschen Leitkultur. Andererseits zeichnet das ja Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler auch aus, sich für das politische Geschehen zu interessieren. Sich von der gewohnten Form des Abwägens von Positionen oder des Plädoyers für eine bestimmte politische Maßnahme zu befreien und wirklich philosophisch in die Tiefe zu gehen, war nicht ganz einfach. Auf 3-5 Seiten (in der Prüfungsordnung steht sogar, dass es nicht mehr als 7000 Zeichen sein dürfen, was nicht einmal drei Seiten entspricht) ist das natürlich auch nicht so einfach. Ob das außer Montaigne jemand kann, steht für mich in den Sternen.

JF: Wir erwarten ja eigentlich nur, dass jemand die Bereitschaft zeigt, sich darauf einzulassen. Dazu braucht man Mut. Es fängt ja schon beim ersten Satz an: Der Essay fällt mit der Tür ins Haus, man sollte gleich mittendrin im Thema sein. Ohne einen guten Satz läuft das nicht.

MW: Der Essay ist ja wörtlich zu nehmen, als Versuch, etwas für sich zu klären, etwas in Frage zu stellen, den Kopf zu wenden. Es ist auch ein Abstreifen von Autorität, eben selber nachvollziehen, worin ein bestimmtes Problem besteht.

JF: In diesem Sinne ist der Essay eine Übung im Geiste der Aufklärung. Sapere aude! Habe Mut! Am schwersten fällt es den Studierenden, dieses subjektive Element zu verstehen, das aber nicht ins Beliebige geht. Zwar entwickele ich im Essay einen Gedanken frei, aber es wird dadurch nicht zur bloßen Meinung, sondern versucht den Gegenstand des Denkens zu verstehen und ihm zum Ausdruck zu verhelfen. Darüber hinaus sind für den Essay Begründen und Argumentieren obligatorisch. Das ist das objektive Element.

KK: Das ist wirklich ausgesprochen schwierig. „Subjektiv-objektiv-analytisch-philosophisch zu schreiben“, die eierlegende Wollmilchsau unseres Metiers, ist eine große Herausforderung. Die meisten Essays in der von mir betreuten Gruppe tendierten zum Meinungsartikel. Da wir Streeck gelesen hatten, war das auch legitim. Montaigne hingegen besticht durch Interpretationsbedürftigkeit und wird so eher zum literarischen Text. Welche Form einem selbst am besten liegt, lässt sich nur weiter ausprobieren. Vielleicht ist auch ausreichend, dass man an der Uni nur das wissenschaftliche Schreiben lernt und für alles Weitere einen Kurs im ‚kreativen Schreiben‘ belegt. Da bin ich noch unentschlossen. Das Essay-Seminar war in jedem Fall ein produktives Experiment.

MW: Woher weiß man, was ein guter Satz ist, wie entwickele ich Sprachgefühl? Ich glaube, in einem Semester können wir höchstens einen Anstoß geben, sich mit dem eigenen Schreibstil zu beschäftigen. Einen Geheimtipp haben wir da noch: Lesen, und zwar bergeweise!

Literaturhinweise

Adorno, Theodor W. 1958. Der Essay als Form, in: Noten zur Literatur. Suhrkamp: Frankfurt: 9-49.

Becker, Howard S. 2000. Die Kunst des professionellen Schreibens: Ein Leitfaden für die Geistes- und Sozialwissenschaften, Campus Studium, 2. Auflage. Frankfurt a.M.: Campus.

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